E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Gist Liebe wider Willen
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-96122-063-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-96122-063-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Immer wieder schafft es Deeanne Gist, mit ihren Büchern die Bestsellerlisten zu erklimmen. Ihr Erfolgsrezept: gründlich recherchierte historische Romane in Verbindung mit viel Humor und Liebe. Bislang wurde sie für vier RITA-Awards nominiert - eine renommierte Auszeichnung für Liebesromane - und gewann zwei Christy-Awards. Sie hat vier mittlerweile erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in Houston, Texas.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Biltmore Estate
In der Nähe von Asheville, North Carolina
August 1898
Wie ein Schmetterling, der sich aus dem Kokon befreit, der ihn gefangen hält, ließ Tillie Reese den kahlen, in Brauntönen gehaltenen Dienstbotenbereich hinter sich und tauchte in den Luxus von Biltmores Erdgeschoss ein. Diese Stunden vor Tagesanbruch liebte sie am meisten. Alles war noch dunkel, niemand rührte sich, und sie hatte das gesamte Stockwerk – das gut und gern zweitausend Quadratmeter einnahm – ganz für sich allein.
Sie war diesen Weg schon unzählige Male gegangen und fand sich auch ohne Kerze oder Lampe gut zurecht. Einen Moment lang stellte sie sich vor, sie wäre die Herrin dieses Schlosses. Elegant gekleidet glitt sie über das Parkett und sann darüber nach, ob der Küchenchef an diesem Tag Petites Bouchées oder Puits d’amour zubereiten sollte. Ob sie an diesem Morgen Yeats, Browning oder Dickens lesen sollte. Ob sie die Kutsche kommen lassen und eine Spazierfahrt unternehmen oder auf einem der Vollblutpferde, die im Stall standen, einen Ausritt machen sollte.
Die junge Frau verstärkte ihren Griff um die Dienstbotenkiste und atmete tief ein. Der Duft der Politur, die sie aus Leinöl, Essig, Terpentin und Wein zubereitet hatte, kitzelte in ihrer Nase. Sie gestattete sich einen Nieser. Das wäre streng verboten gewesen, wenn jemand in der Nähe gewesen wäre.
Das Klappern ihrer Absätze hallte in dem großen, weitflächigen Raum wider, als sie das Atrium durchquerte, das mit Palmen, exotischen Pflanzen, blühenden Sträuchern und einer großen Fontäne, die erst noch eingeschaltet werden musste, ausgestattet war. Schließlich erreichte sie die Gobelin-Galerie und blieb stehen. Sie lauschte der Stille und genoss die Anonymität der Dunkelheit.
Es werde Licht.
Sie betätigte den weißen Schalter. Elektrische Lichter strahlten auf und beleuchteten einen Raum, der so lang war, dass zwei bescheidene Häuser darin Platz gefunden hätten. Mehrere Gruppen von salbeifarbenen Brokatsofas und -sesseln füllten den Raum. Riesige Wandteppiche säumten eine Wand. Ihnen gegenüber befanden sich große Fenster und Türen, die auf die Terrasse hinausführten.
Das leise Summen der Edison-Glühbirnen wünschte ihr einen guten Morgen. Die Aufregung und das Staunen über die elektrischen Lichter erfüllte sie jedes Mal wieder aufs Neue. Aber an diesem Morgen rang noch etwas anderes um ihre Aufmerksamkeit, und plötzlich fühlte sie sich in dem hellen Licht bloßgestellt, verwundbar und nackt.
Die junge Frau drückte auf den schwarzen Knopf. Sogleich umhüllte die Dunkelheit sie wieder, so als hätte sie den Deckel einer Truhe zugeschlagen. Alles war still. Nicht das leiseste Flüstern war zu hören.
Sie hielt den Atem an und spürte, wie ihr Herz in ihrer Brust hämmerte. Und sie gab den Gedanken, die sie seit dem Vorabend verdrängt hatte, Raum.
Bénédicte ging weg. Sie kehrte nach Frankreich zurück und ließ die neue Mrs Vanderbilt ohne Zofe zurück.
Zofe. Nach der Hausdame die höchstmögliche Stellung für eine Frau. Die Zofe war die Bedienstete, die sich vom ersten Hausmädchen den Morgentee bringen ließ, während das zweite Hausmädchen ein Feuer in ihrem Zimmer anmachte.
Die Zofe war die Bedienstete, die ein Bad nehmen konnte, sooft sie wollte. Die Mrs Vanderbilt auf ihren Reisen begleitete. Die Mrs Vanderbilt Bücher – Bücher! – vorlas. Von der erwartet wurde, dass sie sich genauso modern kleidete wie Mrs Vanderbilt. Doch der größte Vorteil war der, dass eine Zofe wesentlich mehr Geld verdiente und dadurch ihrer Familie und notleidenden Menschen helfen konnte.
Tillie würde als erstes Dienstmädchen für diese Stelle sicher in Betracht gezogen werden. Die Hausdame hatte sie vor dem Frühstück zu einem privaten Gespräch zu sich bestellt. So Gott wollte, würde es bei diesem Gespräch um die Stelle gehen.
Nachdem sie diesem Gedanken noch ein letztes Mal nachgehangen hatte, verbannte sie ihn sorgfältig wieder aus ihrem Kopf. In Fantasien zu schwelgen, während sie die Galerie in Ordnung bringen sollte, war bestimmt nicht der richtige Weg, um zur Zofe befördert zu werden.
Sie betätigte erneut den weißen Knopf, und schon durchflutete helles Licht wieder den Raum. Wenn das ganze Erdgeschoss bereit sein sollte, bevor der Herr des Hauses und seine frisch angetraute Gattin den Tag begannen, musste sie sich an die Arbeit machen.
* * *
Fröhliches Geplapper, Lachen und das Klappern von Geschirr erfüllte den Speisesaal der Dienstboten, aber Tillie war schweigsam. Sie mied den Augenkontakt mit der langen Reihe livrierter Männer, die ihr gegenübersaßen, und mit der genauso großen Zahl an Frauen, die in ihrer Dienstkleidung auf ihrer Seite des Tisches saßen. Besonders achtete sie darauf, nicht zu ihrem Bruder zu schauen. Ein Blick auf Allan genügte und er wüsste, dass etwas geschehen war.
Das sechzehnjährige Mädchen, das die Dienstboten im Speisesaal bediente, füllte zum zweiten Mal Tillies Milchglas. „Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Miss Tillie? Sie haben Ihre Leber und Ihren Speck kaum angerührt.“
„Es schmeckt gut, Nell. Wirklich köstlich.“
Nell warf einen Blick auf die Uhr, sagte aber nichts, während der Minutenzeiger einen Schritt weiter auf die Halbstundenmarke zurückte.
Tillie nahm einen großen Bissen Kartoffeln. Sie würde schnell essen müssen, wenn sie vor halb neun fertig sein wollte. Aber nach ihrem Gespräch mit der Hausdame weigerte sich ihr Magen, das Essen aufzunehmen.
„Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“ Mrs Winter, die an der Stirnseite des Tisches saß, sprach ihre Aufforderung nur ein einziges Mal aus. Schlagartig wurde es still im Raum. Als Hausdame unterstand sie direkt den Vanderbilts und hatte damit sogar eine höhere Stellung inne als der Butler.
Sie wechselte einen kurzen Blick mit diesem, der am anderen Ende des Tisches saß, dann ließ sie ihren Blick über die langen Reihen von Männern und Frauen schweifen, die zwischen ihnen saßen. „Wie Sie wissen, hat Bénédicte beschlossen, nach Frankreich zurückzukehren, sobald Ersatz für sie gefunden wurde.“
Aller Augen richteten sich auf Mrs Vanderbilts Zofe, die direkt rechts von Mrs Winter saß und damit gegenüber von den Laufburschen, den Hilfsbutlern und den Lakaien. Der dunkelgrüne Stoff ihres Kleides, der mit rosa und gelben Blumen durchsetzt war, ließ ihre olivfarbene Haut leuchten.
Tillie hatte gehört, dass Bénédicte sich aufgrund der Sprachbarriere und der Isolation auf Biltmore nicht ganz wohlfühlte. Sie wollte wieder nach Hause.
Neben Bénédicte saß Tillie. Rechts von Tillie das erste Zimmermädchen, dann das erste Hausmädchen und so weiter bis zum Ende des Tisches, wo die Wäscherinnen und die Spülmädchen saßen.
„Statt jemanden aus Frankreich oder England oder auch nur aus Newport zu holen“, fuhr Mrs Winter fort, „hat Mrs Vanderbilt beschlossen, eine unserer jetzigen Bediensteten mit Bénédictes Aufgaben zu betrauen.“
Die Aufmerksamkeit richtete sich schlagartig auf Tillie und die drei Mädchen rechts neben ihr, die höchsten weiblichen Dienstboten.
„Nach reiflicher Überlegung hat sie die Wahl auf Tillie oder Lucy eingegrenzt.“
Dixie Brown beugte sich über ihren Teller und lenkte Tillies Aufmerksamkeit auf sich. Es war unübersehbar, dass ihre Freundin aufgeregt war und sich für sie freute.
Tillie bedachte sie mit einem leichten Lächeln und warf dann einen Blick auf ihren Bruder. Allan hatte die Brauen zusammengezogen. Sie konnte an seiner Miene nicht ablesen, was er dachte.
Mrs Winter trank einen Schluck Kaffee. „Bis Mrs Vanderbilt sich auf eine der beiden festlegt, werden Tillie und Lucy einige von Bénédictes Aufgaben übernehmen. Dies führt dazu, dass einige von Ihnen die Arbeiten, die die beiden nicht erledigen können, übernehmen werden.“
Gleich rechts von Tillie saß Lucy Lewers hoch aufgerichtet und selbstsicher auf ihrem Stuhl. Ihre karamellfarbenen Haare hatte sie sauber unter einer schneeweißen Haube hochgesteckt, die nicht mehr als ein Stück Rüschenstoff war. Lange Wimpern in der gleichen Karamellfarbe wie ihre Haare umrahmten ihre Augen. Ihre Haut war makellos, ihr Profil perfekt. Mit leicht erhobenem Kinn schaute sie alle anderen am Tisch an, als stünde ihre Beförderung unmittelbar bevor.
„Beeilen Sie sich mit dem Essen“, tadelte Mrs Winter die Anwesenden. „Die Arbeit ruft.“
* * *
Allan hielt Tillie auf dem Weg zur Morgenandacht auf.
„Warum hast du mir nichts verraten?“ Er ergriff sie am Arm, schob sie in die Speisekammer und schloss die Tür hinter sich. Er war fünfzehn Zentimeter größer als sie und hatte breite Schultern und genauso dichte, schwarze Haare wie sie.
„Ich habe es selbst erst vor dem Frühstück erfahren.“ Sie rieb sich die Stelle, an der er sie etwas zu fest gehalten hatte.
„Was willst du jetzt machen?“
Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Was ich mache? Ich werde mir meine Hände wund arbeiten, wenn es sein muss, und Gott um Gnade bitten. Was glaubst du denn, was ich tun werde?“
Er rieb sich den Nasenrücken. „Das verändert alles. Dann bist du eine von ihnen.“
Sie wusste, dass die Hausdame, der Butler, der Chefkoch, die Zofe und der Kammerdiener eine Sonderstellung unter den Dienstboten einnahmen. „Aber ich will eine von ihnen sein....




