E-Book, Deutsch, 420 Seiten
Golden Something she lost
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95981-972-5
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-95981-972-5
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael und Jillian Dansky haben alles, was man sich wünschen könnte – eine glückliche Ehe, erfolgreiche Karrieren, eine strahlende Zukunft. Doch ein kleiner Fehler in einer düsteren Oktobernacht ändert alles. Nach einer Halloweenparty döst Michael am Steuer kurz ein – und als er wieder aufwacht, ist nichts mehr, wie es war.
Michael kann gerade noch rechtzeitig bremsen, als er das kleine Mädchen auf der Straße sieht. Aus Sorge um das Kind bringt er sie nach Hause – aber das Gebäude, in dem sie zu leben behauptet, steht leer, und das Mädchen verschwindet mit den Worten: "Komm und finde mich!" Doch jemand – oder etwas – will verhindern, dass Michael das Mädchen wiederfindet. Plötzlich wird Michael verfolgt. Und seine Frau Jillian scheint wie ausgewechselt, eine grausame und rachsüchtige Person, die Michael kaum noch wiedererkennt …
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1
Der Abend des Maskenballs war eine Art wahnwitziger, riskanter Walzer, die Stimmen lauter und das Gelächter alberner, als irgendjemand erwartet hätte. Das lag nun einmal in der Natur von Masken.
Michael Dansky lehnte mit einem Guinness in der Hand an der Wand und beobachtete das Kommen und Gehen der bunten Kostüme und die Körpersprache ihrer Träger. Ein Maskenball hatte etwas an sich, das die Menschen veränderte. Die Hemmschwelle sank, und das nicht nur aufgrund des Alkohols. Die Frage war, dachte Michael, ob eine Maske dem Träger erlaubte, sich in der Illusion zu verlieren, jemand anderes zu sein, oder ob es das Verbergen des Gesichts war, das ihm den Mut verlieh, mehr von dem zu zeigen, der er tief im Inneren wirklich war.
Das Wayside Inn war ein charmantes Fleckchen Erde, an dem man sich vorstellen konnte, dass das neunzehnte Jahrhundert niemals geendet hatte. Michael beobachtete, wie sich seine Frau Jillian in ihrer elisabethanischen Robe durch den Ballsaal bewegte. Unter ihrer eleganten Halbmaske lächelte sie. Für Michael war sie immer sexy gewesen, doch heute war sie mehr als das. Es lag eine unbestreitbare Laszivität in der Art, wie sie sich über die Tanzfläche bewegte, und in ihren Augen hinter dieser Maske schimmerte eine Sinnlichkeit, die ihm den Atem raubte. Während sie durch den Raum ging, berührte eine andere Frau sie am Arm und die beiden begannen eine Unterhaltung, die sich in Lächeln und Lippenbewegungen ausdrückte. Die Worte selbst verloren sich im Stimmengewirr des Maskenballs. Jillians Haare waren von einem tiefen Kastanienbraun und ihre braunen Augen funkelten schelmisch. Die Frau, mit der sie sprach, war eine dünne Blondine, die als Flaschengeist verkleidet war.
Michael stieß sich von der Wand ab und ging durch den Ballsaal auf sie zu. Er war sich vage bewusst, dass die Flasche Guinness in seiner Hand die Wirkung seines eigenen Kostüms ein wenig untergrub: Umhang, Stiefel, Hut und Degen des schneidigen Musketiers D’Artagnan. Dennoch lag eine gewisse Selbstsicherheit in seinem Gang, die entweder das Kostüm, der Alkohol oder noch wahrscheinlicher eine Mischung aus beidem hervorrief.
Der Ballsaal wurde von zwei großen Treppen eingerahmt, die sich zu beiden Seiten des Raums zu einem Balkon im ersten Stockwerk hinaufwanden, der auf das Erdgeschoss hinabsah. Es gab Kronleuchter, aber sie waren nicht so kitschig wie die, die er bei Hochzeitsfeiern in den Bankettsälen diverser Hotels gesehen hatte. Der Maskenball war ein jährliches Ereignis zugunsten des Merrimack Valley Children’s Hospital und in den drei Jahren ihrer Ehe hatten Jillian und er ihn sich niemals entgehen lassen. Es war Samstagabend, drei Tage vor Halloween, und auch wenn der Feiertag inzwischen von moderneren Kostümen geprägt war, bestanden die Veranstalter des Balls darauf, dass niemand eine Verkleidung tragen durfte, die von etwas aus der Zeit nach dem neunzehnten Jahrhundert inspiriert worden war. Die Musik unterlag der gleichen Beschränkung. Einigen Leuten, mit denen Michael gesprochen hatte, fehlte zwar die vertraute Tanzmusik, aber andere machten das Beste daraus, versuchten sich an Menuetten und Walzern oder sogar an einer Quadrille, die Miri Gallaway und Victoria Peristere den Teilnehmern jedes Jahr beibrachten.
Michael liebte das alles. Die Musik und die altmodischen Kostüme erinnerten an eine einfachere Zeit, eine Ära, in der die Menschen noch an das Geheimnisvolle geglaubt hatten. Er arbeitete als Artdirector bei Krakow & Bester, einer Werbefirma aus Andover, und auch wenn er durch seine Arbeit die Geschichte von Stilen und Bildern erforschen konnte, brachte sie ihn auch mit viel zu vielen Leuten in Kontakt, die vollkommen fantasielos waren.
Das hier war die reinste Freude.
Auf dem Weg zu seiner Frau verbeugte er sich galant vor einer wunderschönen Piratin und einer von Draculas Bräuten. Inmitten ihrer Unterhaltung mit dem blonden Flaschengeist entdeckte ihn Jillian aus dem Augenwinkel und ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen. Sie winkte ihm zu.
Plötzlich wurde sein Blick auf Jillian von mehreren Paaren versperrt, die zu einer fröhlichen Melodie tanzten. Er versuchte sich einen anderen Weg zu ihr zu bahnen und stieß fast mit einem stämmigen Heinrich dem Achten und einer blutverschmierten Anne Boleyn zusammen. Michael lachte so laut auf, dass er fast sein Guinness verschüttet hätte.
»Was ist denn so verdammt witzig, Bauer?«, verlangte König Heinrich zu wissen.
»Zum Beispiel dieser Bart«, erwiderte Michael.
Der König schnaubte beleidigt, berührte aber besorgt seinen angeklebten Bart. Sein richtiger Name war Teddy Polito und seine liebreizende tote Braut war seine Ehefrau Colleen. Teddy war Texter bei Krakow & Bester, ein halber Neurotiker, dessen Gesicht zu einer ewigen Grimasse verzerrt zu sein schien. Doch trotz seiner diversen Ticks und Schrullen hatte der beleibte Mittvierziger ein großes Herz.
»Hab fast eine Stunde gebraucht, um dieses verdammte Ding richtig hinzubekommen«, murmelte Teddy.
Michael gelang es nicht, sein Grinsen zu unterdrücken. »Das ist … ziemlich erstaunlich.«
Colleen warf ihrem Mann einen Blick mit erhobener Augenbraue zu. »In der Tat. Man sollte doch meinen, dass nach so viel Aufwand etwas weniger Klebstoff zu sehen wäre.«
Teddy legte sich eine Hand aufs Herz. »Das tat weh.«
Seine Frau stieß ihn mit ihrer ausladenden Hüfte an. »Du Riesenbaby.« Ihre braunen Haare hatten einen rötlichen Schimmer und ohne ihre großen grünen Augen hätte sie ziemlich durchschnittlich ausgesehen.
»Das stimmt, Colleen. Keine Ahnung, warum wir es überhaupt mit ihm aushalten.«
»Ich bin ein Enigma«, sagte Teddy fröhlich.
»Das ist Teil deines Charmes«, bestätigte Michael. Er sah sich um. »Und wo ist jetzt meine bezaubernde Frau hin?«
Jillian stand noch immer bei ihrer blonden Flaschengeistfreundin auf halber Höhe der rechten Treppe, einen Drink in der Hand. Als Michael sie wiederentdeckte, begann Jillian zu lachen. Ihre Wangen wurden rot, sie hob den Handrücken vor ihren Mund – ein Überbleibsel ihrer Zeit mit Zahnspange – und trat einen Schritt von dem Flaschengeist zurück.
Sein Herz schien stehen zu bleiben, als ihr Fuß die Stufe verpasste. Von der Tanzfläche des Ballsaals aus, inmitten der Tanzenden und mit dem Klang von Lauten, Fiedeln und Blechflöten in den Ohren, musste er mit ansehen, wie sie fiel. Jillian ließ ihr Getränk los und das Glas purzelte über den Rand des Treppengeländers und zerschellte auf dem Boden. Sie fing sich mit der leeren Hand ab, die andere verdeckte weiter ihren Mund. Ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen. Dann erhellte eine Art peinlich berührter Belustigung ihr Gesicht, sie drehte den Leuten unter sich den Rücken zu und tat so, als sei der Vorfall nie passiert. Die Hand hatte sie immer noch vor dem Mund und Michael wusste, dass sie ein Lächeln verbarg. Der Flaschengeist lachte vor Erleichterung. Sie nahm Jillian am Arm und führte sie weiter die Stufen hinauf.
Erst da atmete Michael wieder aus.
»Ich glaube, da hat jemand etwas zu viel Spaß«, kommentierte Colleen, aber es lag kein Vorwurf in ihren Worten. Jillian trank nicht viel und wurde schnell beschwipst, wenn sie mehr als ein Glas Wein hatte. Die Politos wussten das.
»Ich sehe mal nach, ob sie in Ordnung ist«, beschloss Michael.
»Tu das«, sagte Teddy. »Wir können ja mitkommen und ihr Hallo sagen.«
»Keine Sorge«, erwiderte Michael, den Blick weiter auf Jillian gerichtet, die sich inzwischen mit Ned Bergh, einem örtlichen Immobilienmakler, und seiner Frau Sue unterhielt.
Jillian gestikulierte wild mit ihren Händen und ihr Gesichtsausdruck war sehr lebhaft, während sie eine Geschichte erzählte – vielleicht sogar die, wie sie kurz zuvor ihr Glas hatte fallen lassen. »Wir werden uns schon nicht plötzlich in Kürbisse verwandeln.«
Michael drehte sich mit wehendem Umhang um und die drei gingen Richtung Treppe. Er gab sich dabei ganz seiner Rolle des D’Artagnan hin, eine Hand auf dem Griff seines Degens trug er die Arroganz eines Musketiers zur Schau.
D’Artagnan führte König Heinrich und die auferstandene Anne Boleyn die Stufen hinauf. Einige Leute riefen Teddys Namen und er winkte. Einmal blieb er stehen, lehnte sich vor und murmelte etwas in das Ohr eines Mannes, den Michael vage als Lokalpolitiker wiedererkannte. Der Mann reagierte mit einem wissenden Lachen voll versteckter Andeutungen. Teddy hatte eine Vorliebe für versaute Witze. Colleen hatte nicht gehört, was ihr Mann gesagt hatte, aber sie gab ihm aus Prinzip einen Klaps auf die Schulter.
Michael sah ebenfalls Menschen, die er kannte, auch wenn es durch die Kostüme und Masken manchmal ein bisschen schwierig war, direkt zu erkennen, um wen es sich handelte. Gary Bester, Sohn eines der Gründer seiner Agentur, winkte ihm von der anderen Treppe...




