Goldmann | Alle kleinen Tiere | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Goldmann Alle kleinen Tiere


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95988-194-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-95988-194-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Rita fürchtet sich vor Hunden. Ela fürchtet ihre Alpträume. Marisa fürchtet alles Mögliche, aber am meisten ein Leben ohne Liebe. Und Tom fürchtet sich davor, erneut am Pranger zu landen. Vier Menschen, die nicht ganz ins Räderwerk passen, getrieben von Sehnsucht, ertasten sich ihren Weg - bis sie die Bugwelle skrupelloser Akteure erfasst. In Anne Goldmanns neuem Thriller ist die Kälte unserer Welt zu spüren, doch ihre Figuren glühen vor Leben. »Goldmann verdichtet Gedanken und Gefühle zu einem spannenden Plot, einem Gewebe wie Spinnenseide, zart, aber stark.« BücherMagazin

Anne Goldmann, geboren 1961, wuchs in einer Kärntner Großfamilie auf. Sie jobbte als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen, um sich die Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu finanzieren. Einige Zeit arbeitete sie in einer Justizanstalt, dann betreute sie viele Jahre lang Straffällige nach der Haft. Sie begann schon früh zu schreiben, gewann zwei Literaturwettbewerbe, veröffentlichte ein paar Texte, verwarf dann alles für längere Zeit und entdeckte erst viel später das Schreiben wieder neu. Für ihre literarischen Thriller 'Das Leben ist schmutzig', 'Triangel', 'Lichtschacht' und 'Das größere Verbrechen' erhielt Anne Goldmann hymnische Kritiken, 'Alle kleinen Tiere' ist ihr fünfter Roman. Sie lebt in Wien.

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    Der Hund lag mitten auf dem Gehsteig. Er war weiß-gelb gefleckt, nicht allzu groß, aber kompakt. Es schien, als äugte er zu ihr herüber. Sie sah seine spitzen Zähne und sah ihn grinsen. Hunde waren so. Erst taten sie harmlos, dann schnappten sie zu. Die Luft sirrte, ihre Wangen brannten. Der Flieder duftete wie verrückt. Sie blieb stehen – gespannt, bereit loszurennen, sobald er den Kopf hob, aber nichts dergleichen geschah. Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und sah sich um. Die Straße lag ruhig da. Rechterhand duckten sich kleine verwitterte Häuser mit selbstgebauten Veranden zwischen kraftlose Sträucher. Wenn er sie anfiel … Ihr Blick lief die verwilderte Buchsbaumhecke entlang, sprang über den schmalen, von Autos zugeparkten Weg und tastete die gegenüberliegende Seite ab: schlichte, ein Stück von der Straße zurückgesetzte Ein­familienhäuser, blendendes Weiß, Kunststofffenster, die Rollläden geschlossen. Die Fassaden waren, anders als herüben, kühl und zurückhaltend. In den winzigen Gärten verdorrte der ordentlich rasierte Rasen. Einzig das Grün ein Haus weiter hatte die Hitze der letzten Tage überlebt. Das Gartentor war angelehnt, Kinderspielzeug lag herum. Unter dem Giebel gähnte ein offenes Fenster. Sie atmete aus. Der Hund rührte sich nicht. Er glich einem großen Stofftier, das jemand – ein Kind, dachte sie – verloren hat. Oder über den Zaun gepfeffert im Streit. Schlaff lag er da. Abgefeimt. – Aber nicht mit mir! Sie schob sich näher an die Hecke heran. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, bückte sie sich nach einer abgebrochenen Schneestange, die zwischen allerlei angewehtem Unrat lag, begutachtete sie und schwang sie probeweise durch die Luft. Das eine – orangefarbene – Ende war dunkel vor Schmutz. Abgefeimt. Sie mochte solche Wörter. Tom kannte eine Menge davon. Er erklärte ihr ganz genau, was sie bedeuteten, und wenn er sich nicht sicher war, sahen sie im Internet oder in einem seiner Bücher nach. Nicht mit mir, Hund! Entschlossen packte sie den Stock fester und zwängte sich zwischen zwei parkenden Autos durch auf die Straße. Sie hörte sich selber atmen und spürte den Schweiß die Wirbelsäule entlang und zwischen ihren Brüsten rieseln. Jetzt war sie mit ihm auf einer Höhe. Aber da kam kein Knurren, kein Fiepen, kein Gebell. Sie linste zwischen zwei Autos durch: Er lag unverändert da. Hier stimmte etwas nicht! In sicherem Abstand trat sie wieder auf den Gehsteig. Jetzt sah sie ihn von vorn. Unter seinem Kopf hatte sich eine dunkle Pfütze ausgebreitet. Vielleicht war ihm schlecht? Kreislaufprobleme! Es war brütend heiß. Oder ein Auto hatte ihn angefahren … Auch wenn sie Hunde aus gutem Grund nicht mochte – man konnte ihn unmöglich hier in der prallen Sonne liegen lassen. Sie nagte an ihrer Unterlippe und nahm allen Mut zusammen. Er war matt, geschwächt. Das Risiko hielt sich in Grenzen. »Hund!« Nichts. Fliegen summten. Langsam ging sie auf ihn zu. Sie blieb stehen und zog die Unterlippe zwischen die Zähne, hob schließlich die Stange und stupste ihn vorsichtig an. »Hund?« Aus der Nähe betrachtet war er dreifarbig. Er hatte Locken wie sie. Weiße Pfoten, als trüge er kurze, schief sitzende Söckchen. Zögernd, wie in Zeitlupe, schob sie den rechten Fuß vor. Die Schuhspitze berührte sein Fell. Das Bild brannte sich ihr ein: Ein kleines Gesicht mit verspanntem Kiefer, struppige weiße und hellgraue Haare auf dem schlaffen Bauch, darunter das babyblaue Lackleder ihrer Ballerinas, darunter der Asphalt. Unvermittelt kam Wind auf. Er fuhr ihr unter den Rock, bauschte ihn und schlug ihn ihr gegen die Brust. Energisch strich sie den Stoff nach unten. Marilyn, hatte Tom gesagt, aber sie hieß Rita und sah auch ganz anders aus. Die gellenden Schreie, der Stoß, die Schläge und Tritte, das Folgetonhorn, Türenschlagen und weiteres Gebrüll – all das geschah innerhalb von Sekunden. Hart schlug sie auf dem Boden auf. Sie riss die Arme vors Gesicht und ­krümmte sich zusammen. Ein Tritt traf ihre Hüfte. Wimmernd ver­suchte sie sich wegzudrehen. Dann Staub, Getrampel, blaues flackern­des Licht, schmutzige Schuhe, Uniformhosen – und die trüben, toten Augen des Hundes ganz nah. Die Fliegen summten. Alles tat ihr weh. Der Hund roch aus dem Mund und der Mann über ihr, von zwei Uniformierten nur mit Mühe zurückgehalten, schrie und schrie: »Du Schwein! Du Schwein! Ich bring dich um!« *** Es war nicht das erste Mal, aber diesmal war alles anders. Die Bestatter hatten rote Gesichter, der Mund der Grabrednerin bewegte sich unablässig, die Sonne brannte herab. Es waren nur wenige, durchwegs ältere Leute gekommen. Sie standen mit gleichmütigen Mienen nebeneinander und wischten sich von Zeit zu Zeit mit ihren Stofftaschentüchern über die Stirn. Ein gelbgesichtiger Mann in einem viel zu weiten dunkelgrauen Sommeranzug lehnte an seinem Rollator. Die Frau hinter ihm, deutlich jünger als er, aber auch schon weit in den Sechzigern, blondiert, mit stumpfen Haarspitzen, schaute verstohlen auf ihre Armbanduhr. Schweißtropfen rollten ihr ins faltige Dekolleté. Ela kannte keinen von ihnen. Der Mann, dessentwegen sie hier zusammengekommen waren, hatte nie jemanden eingeladen und war zuletzt nur noch selten ausgegangen. Auch sein Sohn, der ganz vorne am Grab stand und alle anderen überragte, war in all der Zeit, die sie bei ihm in der Wohnung gelebt hatte, nur zweimal aufgetaucht. Es hatte beide Male mit Streit geendet. Als hätte er ihren Blick gespürt, wischte er sich jetzt über den Nacken. Wie man Spinnweben wegwischt, dachte sie. Oder ein lästiges Insekt. Er beugte sich zur Seite und flüsterte dem neben ihm Stehenden etwas ins Ohr. Sie sah ihn im Profil: ein attraktiver Mann, gut gekleidet und, wie sich gezeigt hatte, genauso stur wie sein Vater. Er war buchstäblich in letzter Minute in die Aufbahrungshalle gekommen, hatte sich in der ersten Reihe ganz links neben ein älteres Paar gesetzt, sich zweimal nach ihr umgedreht und dann die meiste Zeit auf die Kerzen geschaut, die zu beiden Seiten des Sarges brannten. Die Angehörigen sitzen während der Verabschiedung immer auf der Herzseite des Toten, hatte ihr einmal eine Bestatterin erzählt. Verstohlen zupfte sie ihr Kleid zurecht und wechselte die Blumen, einen kleinen Strauß gekräuselter lilafarbener Nelken, in die andere Hand. Sie roch ihren eigenen Schweiß und presste die Arme eng an den Körper. Der süßliche Geruch der weißen Lilien, der müden gelben Rosen, die an den Rändern bereits bräunten, kam in Wellen. Sie spürte Übelkeit aufsteigen, schluckte mehrmals und befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen. Ich sollte nicht hier sein, dachte sie. Es war ein Fehler! Aber wenn sie heute fehlte, würde man sich bestimmt fragen … Das Herz klopfte ihr im Hals. Seit Tagen, seit er tot war, hörte sie ihn jede Nacht durchs Haus gehen, näher kommen, sich wieder entfernen. Hörte ihn atmen. Das war das Schlimmste. Sie schrak auf. Die Rednerin hatte geendet und war zur Seite getreten. Jetzt kam Bewegung in die kleine Gruppe. Die Trauergäste wichen zurück, die Bestatter schoben den Sarg langsam auf das offene Grab zu. Ela starrte auf die Bretter, die es begrenzten, auf die Rücken der Männer in den grauen Talaren, ihre behandschuhten Hände. Von irgendwoher kam Musik. Sie fühlte sich wie betäubt. Wieder hatte sie den grau-weiß gefliesten Küchenboden vor sich, seine weit aufgerissenen Augen und seine Hand, die … Sie fuhr sich an die Kehle, keuchte und rang nach Luft. Die Fliesen – übersät von dicken Flocken. Wie Schnee … Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Ich sollte nach vorne gehen. Aber sie verharrte reglos, sah den Sarg auf einem Gestell über dem Grab stehen, einen der Bestatter sich nach vorne beugen und an einer Kurbel drehen, sah, wie die schwere Eichentruhe sich langsam senkte und schließlich verschwand. Sie biss sich auf die Knöchel und wimmerte. Schlurfende Schritte pflügten durchs trockene Gras. Gesichter wandten sich ihr zu, verschwammen. Jemand hustete. Wieder und wieder prasselte Erde auf den Sargdeckel hinab. Der Liliengeruch hob ihr den Magen. Sie wankte. Sah seine Augen, weit aufgerissen, starr, die rotblauen Lippen, hörte die Fliegen, das Ticken der Küchenuhr, ein Gurgeln – und schrie. *** Der kürzeste Weg vom Studio nach Hause führte über den Friedhof. Marisa nickte ihrer Instruktorin, einer sehnigen Mittdreißigerin, zu und warf sich die Sporttasche über die Schulter. Geschafft! Seit sie hierher gewechselt hatte, ­klappte es wieder mit dem Training. Sie mochte die puristische Ausstattung der Räume, den Verzicht auf jeglichen Schnickschnack wie Sauna, Shop und Saftbar, das konzentrierte Arbeiten an den Maschinen, genau nach Plan. Man kam zwei-, dreimal die Woche, um etwas für seine Fitness zu tun, duschte, grüßte und ging seiner Wege. Als sie vor die Tür trat, glühte der Asphalt. Sie kniff die Augen zusammen und angelte nach ihrer Sonnenbrille. Überquerte den Parkplatz, eilte die Friedhofsmauer entlang und öffnete das schmiedeeiserne Tor. Der Straßenlärm blieb zurück. Sperlinge tschilpten. Zwischen den Gräbern bewegten sich träge ein paar ältere Frauen. Ein greises Paar saß auf einer der Bänke unter der Linde. Beide waren sorgfältig, aber viel zu warm gekleidet und hielten einander an den Händen. Als Marisa näher kam, blickten sie auf. Die Frau grüßte, der Mann neigte sein Haupt ein wenig zur Seite, als prüfe er das Geräusch ihrer Schritte...



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