E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Gombrowicz Pornographie
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70333-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-311-70333-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines Landadeligen in Ma?oszyce in Polen geboren. 1915 übersiedelte die Familie nach Warschau, wo Gombrowicz nach Abschluss der Schule Jura studierte. Von 1928 bis 1934 arbeitete er an einem Warschauer Gericht, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Literatur. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband Memoiren aus der Epoche des Reifens. 1938 erschien Ferdydurke und löste eine heftige literarische Debatte aus. Im Sommer 1939 wurde Gombrowicz auf einer Reise in Buenos Aires vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er blieb 24 Jahre lang in Argentinien, das für ihn zur zweiten Heimat wurde. In dieser Zeit entstanden fast alle seine Werke, die ab 1950 auf Polnisch in Paris und später auch in Warschau veröffentlicht wurden. 1963 kehrte Gombrowicz nach Europa zurück. 1964 ließ er sich, mit Unterbrechung durch einen einjährigen Aufenthalt in Berlin, im französischen Vence nieder, wo er 1969 starb.
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Zweiter Teil
VIII
Fryderyk erhob sich von den Knien und trat in die Mitte des Zimmers: »Erweist ihr die Ehre!«, rief er, »huldigt ihr!« Aus einer Vase nahm er Rosen und warf sie vor das Sofa, danach streckte er Waclaw die Hand hin. »Eine Seele, der Engelschöre würdig! Wir können nur die Stirne senken!« Diese Worte wären auf den Lippen eines jeden von uns Theater gewesen, von den Gesten ganz zu schweigen, doch er durchbohrte uns mit ihnen gebieterisch wie ein König, dem das Pathos erlaubt ist – der eine andere Natürlichkeit einführt, eine höhere als die durchschnittliche. Ein Herrscher-König und ein Meister des Zeremoniells! Waclaw, von der Souveränität dieses Pathos hingerissen, erhob sich von den Knien und drückte ihm heiß die Hand. Es schien, als ziele diese Intervention Fryderyks darauf, alle jene sonderbaren Ungehörigkeiten zu verwischen, die dieses Ableben verdunkelten, und ihm seinen vollen Glanz wiederzugeben. Er tat einige Schritte nach links, dann nach rechts – und es war dies irgendein Sich-hin-und-her-Werfen – und trat zu dem daliegenden (Jungen).
»Auf die Knie!«, befahl er, »auf die Knie!«
Dieser Befehl war einerseits eine natürliche Fortsetzung des vorhergehenden Befehls; aber andrerseits war er eine Ungeschicklichkeit, denn er galt einem Verwundeten, der sich nicht bewegen konnte; und die Ungeschicklichkeit wuchs, als Waclaw, Hipolit und Karol, durch seine Autorität terrorisiert, hinzustürzten, um (den Jungen) in die verlangte Stellung zu bringen. Ja, das war schon übertrieben! Als aber Karols Hände (den Jungen) unter die Arme fassten, krümmte sich Fryderyk, verstummte und verlöschte.
Ich war betäubt, erschöpft … so viele Eindrücke … aber ich kannte ihn ja … und ich wusste, dass er wieder irgendein Spiel mit uns und sich begonnen hatte … in der durch die Leiche geschaffenen Spannung entwickelte sich irgendeine Aktion, die zu einem in seiner Phantasie enthaltenen Ziel strebte. Alles das war beabsichtigt, obwohl die Absicht vielleicht auch ihm unfassbar war, vielleicht müsste man sagen, dass ihm nur die Einleitung zu einer Absicht bekannt war – aber ich hätte mich gewundert, wenn es hier um eine Amelia dargebrachte Huldigung gegangen wäre, nein, hier ging es darum, diesen Daliegenden unter uns einzuführen in seinem ganzen drastischen und kompromittierenden Sinne, ihn »hervorzuholen«, ihn herauszustellen und ihn mit Henia und Karol zu »verbinden«. Welche Verbindung aber konnte zwischen ihnen entstehen? Sicherlich, diese goldene Wildheit eignete sich für unser Paar schon allein deshalb, weil sie ebenfalls sechzehnjährig war, doch ansonsten sah ich keine Verbindung, und ich denke, dass auch Fryderyk keine sah – aber er handelte blindlings, indem er sich von dem gleichen undeutlichen Gefühl leiten ließ wie ich, dass er, dieser Daliegende, die beiden potenziere – dämonisiere … Und daher bahnte Fryderyk dem Daliegenden den Weg zu ihnen.
Erst am folgenden Tage (der von den Vorbereitungen zum Begräbnis ausgefüllt war) erfuhr ich Näheres über den Verlauf des fatalen Vorfalls, der in höchstem Maße verwickelt, sonderbar und unheimlich war. Die Rekonstruktion dieser Tatsachen war nicht leicht, es gab viele verzweifelte Lücken darin – umso mehr, als die einzigen Zeugen, eben dieser Józek, Józiek Skuziak, sowie die alte Magd Waleria, sich im Chaos ihrer missratenen und ungebildeten Köpfe verloren. Alles wies darauf hin, dass Amelia, nachdem sie in die Anrichte gegangen war, Geräusche auf der Treppe vernommen hatte, die zur Küche führte, und auf diesen Józek gestoßen war, der sich ins Haus geschlichen hatte, um etwas zu stibitzen. Als er ihre Schritte hörte, stürzte er durch die erste beste Tür und geriet in das Dienstbotenzimmer, wo Waleria aus tiefem Schlaf erwachte und ein Streichholz anzündete. Der weitere Verlauf der Vorgänge war vor allem aus deren hervorgestotterten Berichten bekannt: »Als ich das Streichholz angezündet und gesehen hab, dass jemand dasteht, war ich so starr vor Schreck, dass ich mich nicht mehr rühren konnte, und das Streichholz ist mir in den Fingern ausgegangen, den ganzen Finger hab ich mir verbrannt! Und die Gnädige steht ihm gegenüber an der Türe, und auch sie rührt sich nicht. Mir ging das Streichholz aus. Nichts war zu sehen, das Fenster war verhängt, ich lieg und guck, ich seh nichts, es ist dunkel, wenn wenigstens der Fußboden geknarrt hätt, aber nichts, nichts, als wenn sie nicht da gewesen wären, ich lieg da, schon empfehl ich mich dem lieben Herrgott, nichts, es ist still – da guck ich auf den Fußboden, denn dort hat der Rest vom Streichholz geglüht, aber man hat nichts gesehen, er ging aus – nichts, wenn nur wenigstens jemand geatmet hätte – nichts. Auf einmal … (ihre Rede stockte, als sei sie auf ihr in den Weg geworfene Klötze gestoßen) … auf einmal … so irgendwie … stürzt die Gnädige! Auf ihn drauf! … So irgendwie ihm vor die Füße … sie hat sich wohl auf ihn geworfen … Da sind sie umgefallen! … Ich weiß nicht, was – Gott behüt, wenn wenigstens einer geflucht hätt – aber nichts, nichts, sie rangen nur miteinander auf dem Fußboden, ich wollt helfen, aber woher, mir war ganz schlecht, da hör ich, wie ein Messer ins Fleisch dringt, einmal, ein zweites Mal, wieder hör ich ein Messer ins Fleisch – und dann sind beide zur Tür hinaus, und das war alles! Da bin ich vollends unmächtig geworden! Unmächtig!«
»Das ist unmöglich!«, kommentierte Waclaw heftig ihre Erzählung. »So kann es nicht gewesen sein! Ich kann nicht glauben, dass meine Mutter … sich so benommen hat! Dies Weib hat etwas verdreht und verwurstelt in seiner Dummheit, ach, da ist mir das Gegacker einer Henne lieber«, schrie er, »das Gegacker einer Henne!«
Er rieb sich die Stirn.
Aber die Aussagen Skuziaks stimmten mit dem überein, was Waleria gesagt hatte: Die Gnädige hätte sich als Erste auf ihn gestürzt und ihn »umgeworfen«, denn sie hätte sich ihm »vor die Füße« geworfen. Mit einem Messer. Und er zeigte nicht nur die zerschundene Seite und den Schenkel, sondern auch deutliche Bissspuren am Nacken und an den Armen. »Sie hat gebissen«, sagte er. »Das Messer habe ich ihr aus der Hand gerissen, da hat sie sich aufgespießt, und da bin ich zur Seite gesprungen und ausgerissen, aber der Kämmerer hat nach mir geschossen, da ist mir das Bein weich geworden, und ich hab mich hingesetzt … Da haben sie mich erwischt.«
Nun, dass Amelia »sich aufgespießt« hatte, das glaubte niemand. »Eine Lüge«, sagte Fryderyk. »Und was die Bisse anbetrifft – mein Gott, im Kampf ums Leben, in dem krampfhaften Ringen mit einem bewaffneten Banditen (denn er hatte das Messer, nicht sie) … na, das waren die Nerven … Man braucht sich da nicht wundern. Der Instinkt, wissen Sie, der Instinkt der Selbsterhaltung …« So sprach er. Trotzdem war all das zumindest sonderbar … und anstößig … Amelia, sich herumbeißend mit … Und was das Messer anbelangt, so war die Sache nicht klar, denn, wie es sich herausstellte, war es das Messer Walerias, ein langes und scharfes Küchenmesser, das sie zum Brotschneiden benützte. Dieses Messer aber hatte auf dem Tischchen neben dem Bett gelegen, dort eben, wo Amelia gestanden hatte. Woraus hervorginge, dass sie das Messer im Dunkeln ertastet hatte, und dann stürzte sie sich mit ihm auf …
Der Mörder Amelias war barfüßig und hatte dunkle Füße, und in ihm schillerten zwei etwas vulgäre Farben – das Gold der Locken, die in die schwarzen Augen fielen, in denen eine Düsterkeit wie in Waldtümpeln war. Diese Farben aber steigerten sich durch den edlen, reinen Glanz der Zähne von einem Weiß, das ihn verband mit …
Also was? Also wie? Also ginge daraus hervor, dass Amelia, als sie sich in dem dunklen Zimmer mit diesem (Jungen) in der Zange sich immer mehr anspannender Erwartung befand, es nicht ausgehalten hatte und … und … das Messer ertastet hatte. Und als sie es ertastet hatte, war sie wild geworden. Sie war vorgestürzt, um ihn zu töten, und als sie zusammen hingefallen waren, biss sie wie eine Wahnsinnige, wohin es gerade kam. Sie? Mit ihrer Heiligkeit? In ihrem Alter? Sie, die Vorbildliche, mit ihrem moralischen Gesetz? War dies nicht eher eine in den dunklen Köpfen der Köchin und des Bauernburschen geborene Phantasie, eine wilde Legende nach ihrem Maße, entstanden durch eine Verdrehung dessen, was sich im Dunkeln abgespielt hatte und eigentlich unfassbar war? Die Dunkelheit des Zimmers war verdoppelt worden durch die Dunkelheit ihrer Einbildungskraft – und Waclaw, von diesen Dunkelheiten umzingelt, die ihm den Boden unter den Füßen nahmen, wusste nicht, was anfangen, dies tötete die Mutter mehr als dieses Messer, vergiftete und verunstaltete sie für ihn – er wusste nicht, wie er sie für sich retten sollte, aus dieser Raserei, die sich auf dem sechzehnjährigen Körper mit ihren Zähnen eingezeichnet hatte, mit diesem Messer, mit dem sie ihn gestochen hatte. Solch ein Tod zerriss ihr Leben für ihn in Fetzen. Fryderyk bemühte sich, so gut er konnte, ihm zuzureden: »Man kann sich nicht auf ihre Aussagen verlassen«, sagte er. »Vor allem haben sie nichts gesehen, denn es war dunkel. Zweitens sieht das ja Ihrer Mutter überhaupt nicht ähnlich, das passt nicht zu ihr – und wir können nur eines sagen, dies aber mit absoluter Gewissheit, dass es...




