E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Roma und Juliette
Gong Welch grausame Gnade
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95762-317-1
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Retelling von Romeo und Julia vor der Kulisse Shanghais im Jahr 1926
E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Roma und Juliette
ISBN: 978-3-95762-317-1
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chloe Gong ist die Autorin des New-York-Times-Bestsellers These Violent Delights und des Nachfolgers Our Violent Ends. Sie ist Absolventin der University of Pennsylvania, wo sie ein Doppelstudium in Englisch und Internationalen Beziehungen absolvierte. Geboren in Shanghai und aufgewachsen in Auckland, Neuseeland, lebt Chloe jetzt in New York und gibt vor, erwachsen zu sein. Du findest sie auf Twitter, Instagram und TikTok unter @thechloegong oder auf ihrer Website TheChloeGong.com.
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Eins
SEPTEMBER 1926
Das Saisonende nahte, die Tage verflogen schneller als die braunen Blätter an den Bäumen. Die Zeit verging gehetzt und gemächlich zugleich, die Tage waren gezählt und zogen sich viel zu lange hin. Arbeiter eilten umher, manchmal ohne ein Ziel im Sinn. Ständig erklang irgendwo eine Pfeife, schleppten sich Straßenbahnen über abgenutzte Gleise, hing der Gestank von Verbitterung über den Nachbarschaften und grub sich tief in die Wäsche, die wie Banner vor den Fenstern überfüllter Wohnungen hing.
Heute war eine Ausnahme.
Anlässlich des Mondfestes war die Uhr stehen geblieben – dieses Jahr am Zweiundzwanzigsten des Monats nach westlicher Zeitrechnung. Einst war es Brauch gewesen, Laternen anzuzünden und sich Tragödien zuzuflüstern, um zu ehren, was die Ahnen mit Mondlicht in den Händen verehrten. Nun war ein neues Zeitalter angebrochen. Eines, das sich den Ahnen überlegen glaubte. Menschen aller Territorien Shanghais waren seit Sonnenaufgang im Geiste der modernen Feierlichkeiten herumgeeilt, und nun, da die Glocken die neunte Stunde verkündeten, fingen die Festivitäten gerade erst an.
In einem beliebten Varieté im Herzen des Territoriums der Scarlet Gang, betrachtete Juliette Cai die Menge auf der Suche nach ersten Anzeichen von Ärger. Trotz der Unmengen glitzernder Kronleuchter war die Beleuchtung schwach, die Atmosphäre düster und feucht. Juliette wehte ein modriger Geruch in die Nase, doch die schlechten Sanierungsarbeiten schienen die Stimmung an den runden Tischen im Varieté nicht zu beeinträchtigen. Bei der ständigen Betriebsamkeit würden die Leute ein kleines Leck in der Ecke kaum bemerken. Paare wisperten über Tarotkarten, Männer schüttelten einander enthusiastisch die Hände, Frauen steckten die Köpfe zusammen, um im flackernden Gaslicht die neuesten Geschichten und Gerüchte auszutauschen.
»Du siehst traurig aus.«
Juliette drehte sich nicht eilig um, um die Stimme zu identifizieren. Das war nicht nötig. Nur wenige Menschen würden sie auf Englisch ansprechen, ganz abgesehen von einem Englisch mit den leisen Zügen einer chinesischen Muttersprache und dem Akzent einer französischen Erziehung.
»Das bin ich. Ich bin stets von Trauer erfüllt.« Sie drehte den Kopf und sah ihre Cousine mit gekräuselten Lippen und schmalen Augen an. »Müsstest du nicht als Nächstes auf die Bühne?«
Rosalind Lang zuckte die Schultern und verschränkte die Arme, die Jade-Armreifen an ihren schmalen braunen Handgelenken klimperten.
»Die Show kann nicht ohne mich beginnen«, spottete Rosalind. »Ich mache mir also keine Sorgen.«
Juliette betrachtete wieder die Menge, dieses Mal mit einem Ziel im Sinn. Sie fand Kathleen, Rosalinds zweieiigen Zwilling, an einem Tisch weiter hinten. Ihre andere Cousine balancierte geduldig ein Tablett voller Teller und starrte einen britischen Händler an, der mit übertriebenen Gesten einen Drink zu bestellen versuchte. Rosalind stand hier unter Vertrag, um zu tanzen. Kathleen kellnerte, wenn ihr langweilig war, und verdiente sich spaßeshalber ein mageres Gehalt.
Seufzend zog Juliette ein Feuerzeug aus der Tasche, um ihre Hände zu beschäftigen. Sie ließ es im Rhythmus der Musik aufflammen und erlöschen und hielt ihrer Cousine das kleine silberne Rechteck unter die Nase. »Willst du?«
Rosalind antwortete, indem sie eine Zigarette aus den Falten ihrer Kleidung zog.
»Du rauchst nicht einmal«, sagte sie, als ihr Juliette das Feuerzeug hinhielt. »Wozu trägst du das Ding mit dir herum?«
Ohne eine Miene zu verziehen, antwortete Juliette: »Du kennst mich. Ich komme rum. Lebe mein Leben. Begehe Brandstiftung.«
Rosalind nahm den ersten Zug und verdrehte die Augen. »Sicher.«
Ein größeres Mysterium wäre gewesen, wo Juliette das Feuerzeug aufbewahrte. Die meisten Mädchen im Varieté – Tänzerinnen wie Gäste – waren gekleidet wie Rosalind: Im modischen Qipao, das Shanghai im Laufschritt eroberte. Mit dem schockierenden seitlichen Schlitz, der alles vom Knöchel bis zum Oberschenkel enthüllte, und dem hohen Kragen, der wie ein Würgegriff schien, war das Design westliche Extravaganz mit östlichen Wurzeln. Und in einer Stadt geteilter Welten waren Frauen wandelnde Metaphern. Doch Juliette war anders. Sie war durch und durch verwandelt. Die kleinen Perlen ihres taschenlosen Flapper-Kleids raschelten bei jeder Bewegung. Hier stach sie heraus, so viel stand fest. Sie war ein hell leuchtender Stern, eine symbolische Galionsfigur für die Vitalität der Scarlet Gang.
Juliette und Rosalind richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne, wo eine Frau in einer ihnen unbekannten Sprache ein Lied hauchte. Die Stimme der Sängerin war wundervoll, ihr Kleid schimmerte auf ihrer dunklen Haut. Doch das Varieté war für solche Shows bekannt und niemand sonst hörte zu.
»Du hast mir nicht gesagt, dass du heute Abend hier sein würdest«, sagte Rosalind nach einer Weile. Dichter Rauch waberte aus ihrem Mund. In ihrer Stimme lag Enttäuschung, als sei das Vorenthalten von Informationen untypisch. Die Juliette, die vor einer Woche zurückgekehrt war, war nicht dieselbe Juliette, von der sich ihre Cousinen vor vier Jahren verabschiedet hatten. Aber die Veränderungen waren beidseitig. Bei ihrer Rückkehr, bevor sie auch nur einen Fuß ins Haus gesetzt hatte, hatte Juliette von Rosalinds honigsüßer Stimme und müheloser Eleganz gehört. Nach vier Jahren stimmten Juliettes Erinnerungen an die Menschen, die sie zurückgelassen hatte, nicht mehr mit dem überein, was aus ihnen geworden war. Nichts aus ihrer Erinnerung hatte überdauert. Die Stadt hatte eine neue Form angenommen und jeder darin hatte ohne sie weitergelebt, vor allem Rosalind.
»Es war eine Entscheidung in letzter Minute.« Auf der anderen Seite des Varietés versuchte der britische Händler, sich Kathleen pantomimisch verständlich zu machen. Juliette nickte in Richtung der Szene. »Bàba ist eines Händlers namens Walter Dexter überdrüssig, der auf ein Meeting drängt. Also soll ich herausfinden, was er will.«
»Klingt langweilig«, sagte Rosalind betont. Ihre Cousine sprach selbst die trockensten Worte mit Schärfe in der Stimme aus. Ein kleines Lächeln stahl sich auf Juliettes Lippen. Rosalind mochte sich wie eine Fremde anfühlen – wenn auch eine vertraute –, zumindest würde sie immer gleich klingen. Juliette konnte die Augen schließen und sich vorstellen, sie wären wieder Kinder, die sich über die anstößigsten Themen stritten.
Sie schnaubte mit gespielter Empörung. »Wir können nicht alle in Paris ausgebildete Tänzerinnen sein.«
»Warum übernimmst du nicht mein Programm und ich werde die Erbin von Shanghais Untergrundimperium?«
Juliette stieß belustigt ein kurzes lautes Lachen aus. Ihre Cousine hatte sich verändert. Alles war anders. Aber Juliette lernte schnell.
Mit einem leisen Seufzen drückte sie sich von der Wand ab. »Na dann«, sagte sie und richtete ihren Blick auf Kathleen. »Die Pflicht ruft. Ich sehe dich zu Hause.«
Rosalind winkte ihr nach, ließ ihre Zigarette fallen und zerdrückte sie unter ihrem Stöckelschuh. Juliette hätte sie dafür ermahnen müssen, doch der Boden konnte nicht noch dreckiger werden. Seit sie diesen Ort betreten hatte, war sie in wohl fünf verschiedene Sorten Opium getreten. Sie konnte sich nur vorsichtig durch das Varieté bewegen und hoffen, dass die Dienstmädchen ihre Lederschuhe nicht beschädigten, wenn sie sie später putzten.
»Ich übernehme.«
Kathleen riss überrascht den Kopf hoch, sodass der Jadeanhänger an ihrer Kehle aufblitzte. Rosalind behauptete stets, dass jemand einen so wertvollen Stein stehlen würde, wenn sie ihn so offen trug, doch Kathleen gefiel er dort. Wenn die Leute auf ihre Kehle starrten, dann, meinte sie, lieber wegen des Anhängers als wegen des Adamsapfels darunter. Ihre erschrockene Miene verwandelte sich in ein Lächeln, als sie Juliette erkannte, die sich in den Sitz gegenüber des britischen Händlers gleiten ließ.
»Sag Bescheid, wenn ich dir etwas bringen kann«, sprach Kathleen in perfektem Englisch mit französischem Akzent.
Als sie wegging, blieb Walter Dexter der Mund offen stehen. »Sie verstand mich die ganze Zeit?«
»Sie werden lernen, Mr. Dexter«, begann Juliette, schnappte sich die Kerze von der Tischmitte und roch an dem duftenden Wachs. »Wenn Sie davon ausgehen, dass jemand kein Englisch spricht, neigen die Leute dazu, sich über Sie lustig zu machen.«
Walter blinzelte sie an, dann nickte er. Er bemerkte ihr Kleid, ihren amerikanischen Akzent und ihr Wissen um seinen Namen.
»Juliette Cai«,...




