E-Book, Deutsch, Band 56, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
Grahl Ende einer Hochzeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-69049-186-0
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Norden 56 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 56, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
ISBN: 978-3-69049-186-0
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolin Grahl ist eine erfahrene Serienschriftstellerin, die schon in verschiedenen Romangenres tätig gewesen ist. Serien wie Der Sendlinger und Gut Waldeck tragen die unverwechselbare Handschrift der am Bodensee ansässigen Autorin. Mit der seit kurzem von uns veröffentlichten Originalserie Der junge Norden hat sie ihre schriftstellerische Meisterschaft einmal mehr unter Beweis gestellt. Der spanische Wurzeln tragende Alexander Norden, ein Neffe des berühmten Dr. Daniel Norden, wird in München Medizinstudent, von seinem Onkel aufmerksam beobachtet. Das aufregende Studentenleben des sehr und vielseitig begabten Alexander wird von Carolin Grahl auf einzigartige, spannende Weise geschildert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
»Wir sind da, Silvia. Wir haben es endlich geschafft. Gleich wird dir geholfen.« Der junge Mann im schwarzen Hochzeitsanzug parkte den mit roten Rosen und weißen Lilien geschmückten hellbeigen Oldtimer-Mercedes neben der Notaufnahme der Behnisch-Klinik. »Geht es dir schon wieder besser, oder hast du immer noch so starke Schmerzen?«
»Danke, Ron, es geht schon wieder. Die Schmerzen sind zwar nicht weg, haben aber wenigstens ein bisschen nachgelassen. Und ich bekomme auch wieder leichter Luft. Aber was mit mir plötzlich los war, verstehe ich immer noch nicht.«
»Das brauchst du auch nicht zu verstehen. Die Ärzte hier in der Behnisch-Klinik werden es herausfinden und dir ein geeignetes Medikament verschreiben. Dann wird so etwas nie wieder vorkommen, und du bist bis morgen oder spätestens in ein paar Tagen wieder fit.« Ronald Dorn lächelte Silvia zu und drückte ihr liebevoll die Hand.
Dann stieg er aus, umrundete die Kühlerhaube des Oldtimers und öffnete Silvia galant die Beifahrertür. Geduldig wartete er, bis sie ihr knöchellanges Kleid geordnet und ihre Füße, die in hochhackigen Pumps steckten, auf den Asphalt gesetzt hatte.
»Mir ist immer noch ein bisschen flau im Magen«, klagte Silvia und griff haltsuchend nach Ronalds Arm. »Und meine Knie fühlen sich an, als wären sie aus Pudding.«
»Lehn dich einfach an mich«, sagte Ronald sanft und stützte Silvia, indem er seinen linken Arm um ihre Schultern legte und seinen rechten Arm unter ihren Arm schob. »Und nur keine Hektik. Immer langsam und Schritt für Schritt.« Liebevoll besorgt führte Ronald Silvia ins Wartezimmer der Notaufnahme.
Dort ließ Silvia sich schwer atmend neben einer älteren Dame auf einen Stuhl sinken. Kurz darauf fühlte sie, wie sich auf ihrer Haut ein Schweißfilm bildete, der sie frösteln ließ. Als Ronald ihr Schaudern bemerkte, zog er die Jacke seines Hochzeitsanzugs aus und hängte sie Silvia fürsorglich über die Schultern.
»Ausgerechnet am Hochzeitstag«, meinte die ältere Dame mit einem mitleidigen Blick auf die beiden. »So ein Pech aber auch! Sie dürfen im Übrigen gerne vor mir in den Schockraum.«
»Wir lassen Ihnen selbstverständlich ebenfalls den Vortritt«, meinte eine Mutter, auf deren Schoß ein Kind mit einem übel aufgeschlagenen Knie und tränenverschmiertem Gesichtchen saß. »Damit Sie hoffentlich bald wieder zu Ihren Gästen zurückkehren können, um mit ihnen weiterzufeiern.«
»Danke, das ist wirklich sehr lieb von Ihnen«, erwiderte Ronald, und Silvia nickte zustimmend.
Als Schwester Inga wenig später ins Wartezimmer kam, um den nächsten Patienten zu Dr. Ganschow zu bitten, wiesen sowohl die ältere Dame als auch die Mutter sofort auf Ronald und Silvia, die sich mit einem dankbaren Lächeln erhoben und Schwester Inga folgten.
Dr. Ganschow und Alex, der an diesem Tag in der Notaufnahme eingeteilt war, tauschten beim Erscheinen des festlich gekleideten Paars überraschte Blicke.
»Wir kommen direkt von der Hochzeit«, erklärte Ronald, dem der Blickwechsel nicht entgangen war. Er führte Silvia zur Untersuchungsliege und half ihr, sich hinzulegen. »Silvia ist, während wir uns das Jawort gegeben und uns gegenseitig die Ringe an den Finger gesteckt haben, plötzlich mit starken Schmerzen in der Herzgegend und mit akuter Atemnot zusammengebrochen. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als ich mich wegen des entsetzten Aufschreis in der Hochzeitsgesellschaft umgedreht habe und sehen musste, dass …« Ronald brach mitten im Satz ab, da er den ausgestandenen Schrecken immer noch nicht völlig überwunden hatte. »Ich bin übrigens Ronald Dorn«, fügte er, als er sich wieder ein wenig gefasst hatte, hinzu. »Und das ist Silvia. Wir sind von der Kirche sofort hierher in die Behnisch-Klinik gefahren.«
»Da haben Sie auf jeden Fall das Richtige getan«, meinte Dr. Ganschow. Mit einem freundlichen Lächeln näherte er sich Silvia. »Und wie fühlen Sie sich jetzt?«
»Ehrlich gesagt, ziemlich schwach«, räumte Silvia ein. »Es war alles so, wie Ron es geschildert hat. Ich bekam während der Trauungszeremonie plötzlich schreckliche Schmerzen in der Herzgegend. Und mir ist entsetzlich übel geworden. Und ich konnte kaum noch atmen. Ich glaubte wirklich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen.« Mit großen, ängstlichen Augen schaute sie Dr. Ganschow an. »Fühlt sich so ein Herzinfarkt an? Hatte ich … einen Herzinfarkt?«
»Das ist gut möglich«, antwortete Dr. Ganschow. »Noch vor ein paar Jahren war ein Herzinfarkt in Ihrem Alter kaum ein Thema, aber in letzter Zeit häufen sich Herzinfarkte und Herzmuskelentzündungen gerade bei noch sehr jungen Menschen in bedenklichem Maße.«
»Dann könnte es also wirklich sein, dass ich … dass ich, vielleicht aufgrund der Aufregung durch die Hochzeit …«
»Wir werden es herausfinden«, nickte Dr. Ganschow. Er griff zu dem Stethoskop, das er um den Hals hängen hatte. »Ich höre jetzt erst einmal Ihre Herztöne ab. Und dann Ihre Lunge. Wenn Sie bitte den Oberkörper frei machen …«
Alex wollte der Patientin behilflich sein, aber noch ehe er sich Silvia nähern konnte, trat Ronald Dorn neben die Untersuchungsliege. Er half Silvia, sich aufzurichten und öffnete dann den Reißverschluss ihres hell roséfarbenen Seidenkleides.
»Ich … ich war nie eine Zimperliese«, verteidigte sich Silvia. »In meinem ganzen bisherigen Leben bin ich noch nie vor Aufregung ohnmächtig geworden. Wirklich kein einziges Mal. Ich verstehe das alles nicht.«
»Sie waren ohnmächtig?«, hakte Dr. Ganschow nach, während er den Kopf des Stethoskops einen Moment lang zwischen seinen Händen wärmte, ehe er ihn auf Silvias Haut setzte.
»Ja, Silvia war ohnmächtig. Aber zum Glück nicht sehr lange. Höchstens ein paar Minuten, dann ist sie von alleine wieder zu sich gekommen«, antwortete Ronald Dorn an Silvias Stelle. »Und im Übrigen hat sie vollkommen Recht. Sie ist normalerweise eine starke Frau, die so schnell nichts aus der Bahn wirft. Nicht wahr, Silvia?«
Silvia griff dankbar nach Ronalds Hand.
»Aber eine Hochzeit ist natürlich auch etwas ganz Besonderes«, lächelte Dr. Ganschow. »Ein absoluter Ausnahmezustand sozusagen.«
»Ja, wahrscheinlich«, stimmte Silvia zaghaft zu.
»Könnte es sein, dass Sie … dass Sie schwanger sind, Frau Dorn?«, meldete sich plötzlich Alex zu Wort.
Einen Moment lang war es in dem Schockraum so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Schwester Inga wurde rot, und Silvia und Ronald starrten sich ein paar Sekunden lang völlig entgeistert an.
»Nein, ich bin definitiv nicht schwanger«, erwiderte Silvia schließlich, diesmal mit deutlich festerer Stimme. »Das kann nicht sein. Das ist … praktisch ausgeschlossen.«
»Ja, eine Schwangerschaft ist absolut ausgeschlossen«, stimmte, als die erste Schrecksekunde überstanden war, auch Ronald zu. »Silvia ist mit Sicherheit nicht in anderen Umständen.«
Dr. Ganschow bedachte Alex mit einem vernichtenden Blick, der nun auch Alex die Röte in die Wangen trieb.
»Und … und was fehlt Silvia nun wirklich?«, fragte Ronald, als Dr. Ganschow sich das Stethoskop wieder umhängte.
»Fürs Erste sehe ich keinen Anhaltspunkt für einen Herzinfarkt«, antwortete Dr. Ganschow. »Das Ganze macht mir im Moment eher den Eindruck einer sehr heftigen Panikattacke. Aber um eine endgültige Diagnose zu stellen, reicht die Untersuchung mit dem Stethoskop natürlich nicht aus.«
»Verstehe«, nickte Ronald Dorn mit besorgter Miene.
Auch Silvias Stirn legte sich fast augenblicklich in Falten. »Heißt das, dass noch weitere Untersuchungen nötig sind?«, fragte sie.
»Ich fürchte, ja«, erwiderte Dr. Ganschow.
»Jetzt gleich?«, erkundigte sich Silvia wenig begeistert. Sie schaute hilfesuchend auf Ronald, ehe sie sich wieder Dr. Ganschow zuwandte. »Offen gestanden - ich habe gehofft, dass Sie mir vielleicht eine Spritze geben oder etwas in der Art. Und dass ich dann auf die Hochzeit zurück kann. Die Hochzeitsgesellschaft wollte mit der Fortsetzung der Feier auf meine Rückkehr warten, und deshalb möchte ich natürlich alles tun, damit die anderen Gäste trotz meiner Unpässlichkeit auf ihre Kosten kommen.«
Dr. Ganschow stieß geräuschvoll die Luft aus. »Das begreife ich durchaus«, meinte er. »Was ist schon eine Hochzeit, bei der die Braut fehlt. Aber wie Sie sicher einsehen, kann ich es nicht verantworten, Sie medikamentös zu behandeln, solange ich keine gesicherte Diagnose …«
Weiter kam Dr. Ganschow nicht, denn in diesem Moment flog die Tür des Schockraums auf, und eine junge Frau, die ein aufwendiges, mit üppigen Spitzen verziertes weißes Brautkleid und einen Schleier trug, stürzte herein.
Sofort wandten sich die Blicke sämtlicher Anwesenden ihr zu, doch die junge Frau achtete nicht darauf. Sie hatte nur Augen für Silvia. Sich den Schleier unter den Arm klemmend, hastete sie mit Riesenschritten, die sie ein paar Mal fast über den Saum ihres Brautkleids stolpern ließen, auf die Untersuchungsliege zu. »Silvia, Liebes, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Und es ist mir völlig egal, was meine Hochzeitsgäste sagen. Ich musste einfach zu dir. Ich muss doch wissen, wie es dir geht und warum du zusammengebrochen bist. Immerhin bist du meine allerallerbeste Freundin. Ich kann dich doch nicht einfach deinem Schicksal überlassen.« Sie schloss Silvia, die immer noch - bis auf einen im selben Rosaton wie ihr Kleid gehaltenen BH - mit entblößtem Oberkörper dasaß, in ihre Arme und drückte sie an sich.
Schwester Inga, Dr. Ganschow und Alex blickten sich völlig konsterniert an.
»Das ist Monika, meine … meine...




