E-Book, Deutsch, Band 45, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
Grahl Verzicht aus Liebe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98986-644-7
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Norden 45 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 45, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
ISBN: 978-3-98986-644-7
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolin Grahl ist eine erfahrene Serienschriftstellerin, die schon in verschiedenen Romangenres tätig gewesen ist. Serien wie Der Sendlinger und Gut Waldeck tragen die unverwechselbare Handschrift der am Bodensee ansässigen Autorin. Mit der seit kurzem von uns veröffentlichten Originalserie Der junge Norden hat sie ihre schriftstellerische Meisterschaft einmal mehr unter Beweis gestellt. Der spanische Wurzeln tragende Alexander Norden, ein Neffe des berühmten Dr. Daniel Norden, wird in München Medizinstudent, von seinem Onkel aufmerksam beobachtet. Das aufregende Studentenleben des sehr und vielseitig begabten Alexander wird von Carolin Grahl auf einzigartige, spannende Weise geschildert.
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»Ich begreife zwar nicht, warum, aber irgendwie hast du mir gefehlt. Schön, dass du wieder zurück im Dienst bist, Chris.« Alex hob grinsend die Hand, um sich mit dem jungen Pfleger Chris abzuklatschen.
»Du wirst es nicht glauben, aber ich habe dich ebenfalls vermisst«, grinste Chris zurück. »Obwohl auch ich nicht die geringste Ahnung habe, wieso.« Er zuckte die Schultern. »Aber eigentlich hat mir alles gefehlt: die Kollegen, die Patienten, der Klinikgeruch, die Hektik, der Kaffee aus dem Automaten, das Cafeteria-Essen … Ich dachte immer, dass es toll sein müsste, krankgeschrieben zu sein und fürs Nichtstun bezahlt zu werden, aber das war wohl eine Täuschung.«
Alex musste lachen. »War dir am Ende gar langweilig? Hattest du denn keine Computerspiele?«
Chris verdrehte nur stumm die Augen.
»Und Naima? Hat sie dich nicht besucht, um dir die Langeweile zu vertreiben?«, hakte Alex nach.
Chris‘ Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Weißt du eigentlich, dass dir dieses spöttisch-boshafte Glitzern in den Augen ganz und gar nicht steht?«, konterte er.
»Ich habe dir eine sachliche und absolut normale Frage gestellt«, rechtfertigte sich Alex. »Von Spott und Bosheit keine Spur.«
»Natürlich nicht. Nie und nimmer«, gab Chris zurück. »Und was Naima anbelangt – nein, sie hat mich nicht besucht. Sie hat mich auch nicht angerufen. Und ich sie ebenfalls nicht.«
»Ende Gelände?«, erkundigte sich Alex mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Darauf wird es letztendlich wohl hinauslaufen«, antwortete Chris seufzend. »Obwohl ich vor vier Wochen noch felsenfest davon überzeugt war, dass Naima die Frau meines Lebens ist. Aber jetzt lass uns endlich in die Cafeteria gehen. Ich sterbe vor Hunger.«
Chris stapfte entschlossen voraus in Richtung Cafeteria, wandte sich aber nach wenigen Schritten um, weil er merkte, dass Alex ihm nicht folgte. »Alex, wo bleibst du denn? Du …«
»Ich komme gleich«, erwiderte Alex, noch ehe Chris seinen Satz vollenden konnte. »Such uns schon mal einen Tisch aus. Und hol mir einen großen Becher schwarzen Kaffee.«
»Meinetwegen, aber ...« Kopfschüttelnd sah Chris Alex nach, wie er mit Riesenschritten auf einen grauhaarigen Mann um die Sechzig zueilte, der schwer atmend und ein wenig ratlos mitten in der Eingangshalle der Behnisch-Klinik stand. »Immer dieses verdammte Helfer-Syndrom«, murrte Chris. »Das ist keine Tugend, sondern eine psychische Krankheit. Und zwar eine, die ernst genommen und behandelt werden sollte. Ein echter Fall für den Seelenklempner.«
Alex hörte Chris‘ Worte nicht, denn seine Aufmerksamkeit war auf den grauhaarigen Mann gerichtet. »Guten Tag. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, erkundigte er sich.
»Danke, das ist sehr lieb von Ihnen, dass Sie sich meiner annehmen«, antwortete der Mann. »Ich … ich bin gerade am Einchecken. Ich muss auf die Kardiologie. Aber vorher muss ich mich wohl noch am Infoschalter anmelden und erfahren, welches Zimmer man mir zugeteilt hat.«
»Soll ich mit Ihnen kommen?«, fragte Alex. »Und Ihre Reisetasche tragen?«
Der Mann schaute Alex verblüfft an. »Meine Reisetasche? Oh ja, das wäre wunderbar. Sie ist nämlich ziemlich schwer. Zumindest für meine bescheidenen Kräfte. Ich …« Er presste seine Hand auf die linke Seite seines Brustkorbs. »Mein Herz. Es will leider immer weniger so wie ich will. Aber jetzt bekomme ich ja ein neues.«
»Sie … Sie kommen wegen einer Herztransplantation hier in die Behnisch-Klinik?«, erkundigte Alex sich.
»So ist es, junger Mann. Meine Pumpe wird ausgetauscht. Ich soll sozusagen von Grund auf erneuert werden.«
Alex prallte beinahe erschrocken zurück, dann griff er ein wenig beklommen nach der Reisetasche des Mannes.
»Ich bin übrigens Jürgen Enzler, 63 Jahre alt«, stellte sich der Mann vor. »Und Sie sind …« Er beugte sich ein wenig nach vorn, um das Namensschild an Alex‘ Pflegerkittel lesen zu können.
»Ich bin Alex Norden«, beeilte sich Alex, ihm zuvorzukommen. »Aber Sie können gerne Alex zu mir sagen.«
»Alex. Ein schöner Name«, stellte Jürgen Enzler fest. »Ich hatte in meiner Schulzeit einmal einen Mitschüler, der ebenfalls Alex geheißen hat. Also eigentlich Alexander. Alexander Wahrig. Wir haben ihn aber immer nur Alex genannt. Er war unheimlich intelligent - und trotzdem ein richtig guter Kumpel. Und kein bisschen arrogant. Leider habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Irgendwie schade, dass man sich im Leben oft völlig aus den Augen verliert. Aber ich … ich langweile Sie mit meinen Erinnerungen.«
»Nein, Sie langweilen mich nicht«, versicherte Alex und steuerte, gefolgt von Jürgen Enzler, auf den Infoschalter zu.
Isabella Kleinlein, die für den Infoschalter zuständig war, nahm Jürgen Enzlers Patientendaten auf. »Ich rufe jetzt eine Krankenschwester, die Sie auf Ihr Zimmer bringt, Herr Enzler«, sagte sie, als sie alles gewissenhaft in ihren Computer eingegeben hatte.
»Kann das nicht auch Alex, also Herr Norden machen?«, fragte Jürgen Enzler.
Frau Kleinlein zuckte die Schultern. »Wenn Herr Norden Zeit hat – ich für meinen Teil habe nichts dagegen.«
»Ich habe noch bis zwei Uhr nachmittags Mittagspause«, erwiderte Alex. »Ich kann Herrn Enzler somit gerne noch ein wenig behilflich sein.«
»In der Mittagspause?«, wiederholte Isabella Kleinlein mit leisem Zweifel, wandte sich dann aber mit einem weiteren Schulterzucken wieder ihrem Computer zu, während Alex und Jürgen Enzler sich auf den Weg zu Jürgens Krankenzimmer machten.
»Das zweite Bett ist leer?«, wunderte sich Jürgen, als Alex die Tür öffnete und ihn mit einem aufmunternden Kopfnicken zum Eintreten aufforderte.
»Sie sind Privatpatient und haben somit Anspruch auf ein Einzelzimmer«, erklärte Alex. »Leider sind im Moment aber alle unsere Einzelzimmer belegt, weshalb sie in einem Zimmer liegen, das eigentlich ein Zweibettzimmer ist. Aber wenn Sie möchten, kann ich gerne eine Schwester oder einen Pfleger bitten, das zweite Bett zu entfernen.«
»Nicht nötig«, sagte Jürgen. »Es geht nicht um das Bett. Ich dachte viel eher … Aber vielleicht ist es wirklich besser, wenn ich allein in einem Zimmer liege. Wahrscheinlich würde ich jedem Mitpatienten mit meinem Gerede auf die Nerven fallen, weil ich doch immer wieder nur dieselben alten Geschichten erzähle, die mich nicht loslassen.«
Alex trat ans Fenster und machte sich mit dem Vorhang zu schaffen, weil er nicht so recht wusste, was er Jürgen Enzler erwidern sollte, doch Jürgen schien nicht auf eine Antwort zu warten.
Stattdessen öffnete er seine Reisetasche, die Alex auf dem leeren zweiten Bett abgestellt hatte.
Als Erstes holte er ein Foto heraus, das in einem altmodischen, kunstvoll verschnörkelten Rahmen steckte. »Schauen Sie, Alex«, sagte er, »das war Lisa, meine Frau.«
Alex wandte sich um und betrachtete das Bild.
Es zeigte eine Frau in ihren Vierzigern mit blonden, schulterlangen Locken, auffallend großen blauen Augen, einer feinen, geraden Nase und schön geschwungenen Lippen, auf denen ein sanftes Lächeln lag. Die Frau wirkte mütterlich, warmherzig und liebevoll.
Und sie war von einer Schönheit, die sich mit zunehmendem Alter nicht verliert, sondern nur verwandelt.
»Das … war Ihre Frau?«, fragte Alex nach einer Weile unsicher.
»Lisa ist seit zwei Jahren tot«, antwortete Jürgen mit belegter Stimme. Sanft und fast zärtlich streichelte er mit dem Zeigefinger über ihr Bild. »Vielleicht findet ein junger Mensch wie Sie das, was ich jetzt sage, lächerlich, Alex, aber Lisa … war die Liebe meines Lebens. Die ganz große Liebe gibt es nämlich. Und zwar nicht nur im Kino und in irgendwelchen Romanen. Es gibt sie wirklich. Auch wenn viele von euch jungen Leuten nicht mehr daran glauben.«
Jürgen setzte sich auf die Kante seines Krankenbetts, in die Betrachtung von Lisas Foto versunken.
»Seit fünf Jahren warte ich auf ein Spenderherz«, fing er nach einer Weile wieder an zu reden. »Drei Jahre davon haben Lisa und ich gemeinsam gewartet und dem großen Tag entgegengefiebert. Lisa hat mich immer wieder aufgebaut, wenn ich der Verzweiflung nahe war. Sie war es, die die Hoffnung nie aufgegeben und mir immer wieder Mut gemacht hat. Und jetzt, da es endlich soweit ist, erlebt sie meine Genesung nicht mehr.«
Jürgen Enzlers Augen glänzten feucht.
Er bedeutete Alex, sich neben ihn zu setzen. »Nach Lisas Tod wollte ich zunächst von der Liste für ein Spenderherz gestrichen werden, weil ich keinen Sinn mehr hinter der Transplantation gesehen habe. Aber Dr. Norden, der Chef der Klinik hier, hat mich überredet …« Jürgen unterbrach sich und warf einen weiteren raschen Blick auf Alex‘ Namensschild. »Sind Sie mit Dr. Daniel Norden verwandt? Sind Sie am Ende gar sein … sein Sohn?«
Alex schüttelte den Kopf. »Ich bin zwar tatsächlich mit Dr. Norden verwandt, aber sein Sohn bin ich nicht«, erwiderte er. »Ich bin sein Neffe, genau genommen sein Großneffe.«
»Immerhin«, stellte Jürgen Enzler klar. »Sind Sie hier in der Behnisch-Klinik als Pfleger angestellt?«
»Nein«, erwiderte Alex. »Ich absolviere ein Praktikum. Für mein Medizinstudium.«
»Sie wollen also später einmal in die Fußstapfen Ihres Onkels treten«, brachte Jürgen Alex‘ Worte auf den Punkt. »Große Fußstapfen. Ein großes Vorbild. Aber ich glaube, Sie haben das Zeug dazu, Ihrem Onkel nachzueifern, Alex. Vor allem haben Sie, genau wie Ihr Onkel, die menschliche Kompetenz, die manchen Ärzten heutzutage leider fehlt.«
Alex freute sich über das Kompliment, fühlte sich aber...




