Greene Der stille Amerikaner
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-552-05662-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-552-05662-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Graham Greene, 1904 in Berkhamsted / England geboren, 1991 in Vevey / Schweiz gestorben. Sein Werk umfasst alle Gattungen der Literatur, viele seiner Romane wurden mit großem Erfolg verfilmt. Bei Zsolnay sind zuletzt Der stille Amerikaner und Eine Art Leben in neuer Übersetzung erschienen. Eine Neuübersetzung von Der dritte Mann wurde 2016 publiziert.
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Kapitel 2
1
An dem Vormittag, an dem Pyle auf dem Platz vor dem Continental auftauchte, hatte ich genug vom Anblick meiner amerikanischen Kollegen von der Presse, großen, dicken, lauten, kindischen Menschen mittleren Alters, ständig mit abgestandenen Witzen über die Franzosen zur Hand, die diesen Krieg schließlich und endlich ausfochten. In regelmäßigen Abständen wurden sie, wenn ein Gefecht ordentlich zum Abschluss gebracht worden war und man die Gefallenen vom Schauplatz entfernt hatte, nach Hanoi, fast vier Flugstunden entfernt, gerufen, dort vom Oberkommandierenden empfangen, für eine Nacht in einem Pressecamp untergebracht, dessen Barkeeper, wie sie prahlten, der beste in ganz Indochina sei, in einer Höhe von tausend Metern (also außerhalb der Reichweite eines schweren Maschinengewehrs) über das neueste Schlachtfeld geflogen und dann wohlbehalten und geräuschvoll, wie nach einem Schulausflug, wieder vor dem Continental in Saigon abgesetzt.
Pyle war still, er wirkte bescheiden, manchmal musste ich mich an jenem ersten Tag vorbeugen, um überhaupt zu verstehen, was er sagte. Und er war sehr, sehr ernsthaft. Mehrmals schien er förmlich in sich zusammenzuschrumpfen angesichts des Lärms, den die amerikanischen Presseleute auf der Terrasse über uns veranstalteten – der Terrasse, die nach allgemeiner Vorstellung mehr Sicherheit vor Handgranaten bot. Aber er kritisierte niemanden.
»Haben Sie York Harding gelesen?«, fragte er.
»Nein. Nein, ich glaube nicht. Was hat er denn geschrieben?«
Er schaute zu einer Milchbar auf der anderen Straßenseite hinüber und sagte träumerisch: »Das sieht aus wie eine Soda Fountain.« Ich fragte mich, welch tiefes Heimweh der merkwürdigen Auswahl zugrunde lag, die er bei der Betrachtung einer so unvertrauten Szenerie traf. Aber hatte ich bei meinem ersten Gang durch die Rue Catinat nicht auch als Erstes das Geschäft mit dem Parfüm von Guerlain bemerkt und mich mit dem Gedanken getröstet, dass Europa schließlich nur dreißig Stunden entfernt lag? Widerstrebend wandte er den Blick von der Milchbar ab und sagte: »York hat ein Buch mit dem Titel Der Vormarsch Rotchinas geschrieben. Ein sehr tiefgründiges Buch.«
»Das habe ich nicht gelesen. Kennen Sie den Verfasser persönlich?«
Er nickte feierlich und verfiel in Schweigen. Doch er unterbrach es gleich wieder, um den Eindruck zu korrigieren, den er vermittelt hatte. »Ich kenne ihn nicht sehr gut«, sagte er. »Ich bin ihm nur zweimal begegnet.« Das machte ihn mir sympathisch – dass er es für Prahlerei hielt, sich auf die Bekanntschaft mit – wie hieß er doch gleich? – York Harding zu berufen. Später sollte ich erfahren, dass er eine ungeheure Hochachtung vor, wie er das nannte, ernsthaften Autoren empfand. Der Begriff schloss Romanciers, Dichter und Dramatiker aus, sofern sie nicht ein, wie er das nannte, zeitgenössisches Thema behandelten, und selbst dann war es besser, ein Sachbuch zu lesen, wie man es von York bekam.
Ich sagte: »Wissen Sie, wenn man lange an einem Ort lebt, hört man auf, Bücher darüber zu lesen.«
»Ich möchte natürlich auch immer gern wissen, was der Mann vor Ort zu sagen hat«, antwortete er zurückhaltend.
»Um es dann bei York zu überprüfen?«
»Ja.« Vielleicht hatte er die Ironie bemerkt, denn er fügte mit der für ihn typischen Höflichkeit hinzu: »Ich würde es als besondere Ehre betrachten, wenn Sie sich die Zeit nehmen könnten, mich über die wesentlichen Dinge zu informieren. Dass York hier war, ist nämlich schon über zwei Jahre her.«
Seine Loyalität gegenüber Harding – wer auch immer das war – gefiel mir. Sie hob sich wohltuend von den abwertenden Äußerungen der Presseleute und ihrem unreifen Zynismus ab. Ich sagte: »Trinken Sie noch ein Bier, und ich werde versuchen, Ihnen eine Vorstellung von dem Ganzen zu vermitteln.«
Während er mich aufmerksam ansah wie ein Musterschüler den Lehrer, begann ich damit, dass ich die Lage im Norden erläuterte, in Tonkin, wo die Franzosen seinerzeit gerade verbissen das Delta des Roten Flusses verteidigten, an dem Hanoi und der einzige Hafen im Norden, Haiphong, lagen. Hier wurde der meiste Reis angebaut, und jedes Mal wenn er erntereif war, begann die alljährliche Schlacht um ihn.
»So viel zum Norden«, sagte ich. »Vielleicht halten sich die Franzosen, die armen Teufel, falls die Chinesen den Vietminh nicht zu Hilfe kommen. Ein Dschungel-, Berg- und Sumpfkrieg, auf Reisfeldern, wo man schultertief im Wasser watet und der Feind schlicht und einfach verschwindet, seine Waffen vergräbt und Bauernkleidung anzieht. Aber in der Feuchtigkeit von Hanoi kann man gemütlich vergammeln. Dort werfen sie keine Bomben. Gott weiß, warum. Man könnte es als regulären Krieg bezeichnen.«
»Und hier im Süden?«
»Bis sieben Uhr abends kontrollieren die Franzosen die Hauptstraßen: Danach kontrollieren sie die Wachtürme und die Städte – jedenfalls zum Teil. Das heißt aber nicht, dass man hier sicher ist, sonst gäbe es keine Eisengitter vor den Restaurants.«
Wie oft ich das alles schon erklärt hatte. Ich war eine Schallplatte, die immer wieder für Neuankömmlinge aufgelegt wurde – für den Parlamentsabgeordneten, der zu Besuch kam, den neuen britischen Gesandten. Manchmal wachte ich nachts auf und sagte: »Nehmen wir zum Beispiel die Caodaisten.« Oder die Hoa-Haos oder die Binh Xuyen, all die Privatarmeen, die für Geld oder aus Rache ihre Dienste verkauften. Fremde fanden sie malerisch, doch Verrat und Misstrauen haben nichts Malerisches.
»Und jetzt«, sagte ich, »gibt es auch noch General Thé. Er war Stabschef bei den Caodaisten, aber er hat sich in die Berge zurückgezogen und bekämpft beide Seiten, die Franzosen und die Kommunisten ...«
»York«, sagte Pyle, »schreibt, dass Asien eine dritte Kraft braucht.« Vielleicht hätte ich den fanatischen Schimmer in seinen Augen erkennen müssen, die rasche Reaktion auf eine Phrase, den magischen Klang von Zahlen: fünfte Kolonne, dritte Kraft, siebter Tag. Vielleicht hätte ich uns allen, sogar Pyle, eine Menge Ärger erspart, wenn mir klargeworden wäre, in welche Richtung dieser rastlose junge Verstand dachte. Aber ich lieferte ihm lediglich das dürre Skelett eines Hintergrundes und machte dann meinen täglichen Spaziergang durch die Rue Catinat. Den eigentlichen Hintergrund, der einen gefangennahm, wie es ein bestimmter Geruch tut, würde er sich selbst aneignen müssen: das Gold der Reisfelder unter der tief stehenden Abendsonne; die fragilen Gestelle der Fischer, die wie Moskitos über den Feldern schwebten; die Tassen Tee auf dem Podest eines alten Abts mit seinem Bett, seinen Werbekalendern, seinen Eimern, zerbrochenen Tassen und dem wie an seinem Stuhl angeschwemmten Plunder eines ganzen Lebens; die molluskenartigen Hüte der jungen Frauen, die die Straße instand setzten, wo eine Mine explodiert war; das Gold, das junge Grün und die farbenfrohen Kleider des Südens, und im Norden die tiefen Brauntöne, die schwarzen Gewänder, das Rund der vom Feind besetzten Berge und das Dröhnen der Flugzeuge. Als ich hierhergekommen war, hatte ich die Tage gezählt, die mein Auftrag mich noch hier festhalten würde, wie ein Schüler die Tage bis zum Ende des Schuljahrs abhakt; ich hatte geglaubt, ich käme nie los von den Ruinen eines Bloomsbury Square, von der am Portikus der Euston Station vorbeiführenden Buslinie 73, dem Frühling in der Kneipe am Torrington Place. Inzwischen waren im Square Garden bestimmt schon die Tulpen herausgekommen, und es war mir völlig egal. Ich wollte einen Tag, untermalt von den jähen Knallgeräuschen, bei denen es sich um einen Auspuff oder eine Granate handeln mochte, ich wollte den Anblick der Gestalten in Seidenhosen nicht missen, die sich anmutig durch die feuchte Mittagshitze bewegten, ich wollte Phuong, und meine Heimat hatte sich um zwölftausend Kilometer verschoben.
Beim Haus des Hochkommissars, wo die Fremdenlegionäre in ihren weißen Käppis und ihren scharlachroten Epauletten Wache standen, kehrte ich um, überquerte bei der Kathedrale die Straße und ging entlang der düsteren Mauer der vietnamesischen Sureté zurück, die nach Urin und Ungerechtigkeit zu riechen schien. Aber auch sie war jetzt Teil der Heimat, wie die düsteren Flure in oberen Stockwerken, die man in der Kindheit mied. An den Ständen in der Nähe des Kais lagen die neuen schmutzigen Zeitschriften – Tabu und Illusion – aus, und auf dem Bürgersteig tranken die Seeleute Bier, ein leichtes Ziel für eine selbstgebastelte Bombe. Ich dachte an Phuong, die wohl gerade in der dritten Querstraße links um den Fischpreis feilschte, bevor sie zum zweiten Frühstück in die Milchbar ging (damals wusste ich stets, wo sie war), und Pyle entschwand ganz leicht und selbstverständlich meinem Gedächtnis. Phuong gegenüber erwähnte ich ihn gar nicht, als wir uns in unserem Zimmer über der Rue Catinat zum Mittagessen hinsetzten und sie ihr bestes geblümtes Seidengewand trug, weil es auf den Tag genau zwei Jahre her war, dass wir uns im Grand Monde in Cholon kennengelernt hatten.
2
Keiner von uns erwähnte ihn, als wir am Morgen nach seinem Tod aufwachten. Phuong war schon aufgestanden, ehe ich richtig wach war, und hatte unseren Tee fertig. Auf die Toten ist man nicht eifersüchtig, und an jenem Morgen erschien es mir einfach, unser früheres Zusammenleben wiederaufzunehmen.
»Bleibst du heute Nacht?«, fragte ich Phuong so beiläufig wie möglich, während wir die Croissants aßen.
»Ich muss meine Kiste holen.«
»Vielleicht ist die Polizei dort«, sagte ich. »Ich komme besser mit.« Näher kamen wir einem Gespräch...




