E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Gregory Das ewige Flüstern: Western-Saga
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7389-8569-6
Verlag: Uksak E-Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
ISBN: 978-3-7389-8569-6
Verlag: Uksak E-Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Es war Frühling in der kalifornischen Sierra. Nie war der Himmel blauer, nie tauchte die goldene Sonnenflut die endlosen Wälder in eine reichere, lebensspendende Pracht. Kamm um Kamm zogen sich die Berge hin und fielen auf einer Seite ab, bis sie in der unbestimmten Ferne auf die eintönige Ebene des Sacramento-Tals sanken; dort unten war es bereits Sommer, und die Felder waren heiß und braun. Auf der anderen Seite erstreckte sich ein Bergrücken nach dem anderen, der sich stetig erhob und immer erhabener, mächtiger und felsiger wurde; auf ihren Kämmen über den blauen Schluchten war der Schnee blendend weiß und der Winter hielt sich hartnäckig in Höhen von siebentausend Fuß. So existierten der Winter, der Frühling und der reife, fruchtbare Sommer nebeneinander und berührten sich auf den siebzig Meilen, die zwischen dem eisigen Gipfel der Sierra und dem brennenden Tiefland liegen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
KAPITEL I
Es war Frühling in der kalifornischen Sierra. Nie war der Himmel blauer, nie tauchte die goldene Sonnenflut die endlosen Wälder in eine reichere, lebensspendende Pracht. Kamm um Kamm zogen sich die Berge hin und fielen auf einer Seite ab, bis sie in der unbestimmten Ferne auf die eintönige Ebene des Sacramento-Tals sanken; dort unten war es bereits Sommer, und die Felder waren heiß und braun. Auf der anderen Seite erstreckte sich ein Bergrücken nach dem anderen, der sich stetig erhob und immer erhabener, mächtiger und felsiger wurde; auf ihren Kämmen über den blauen Schluchten war der Schnee blendend weiß und der Winter hielt sich hartnäckig in Höhen von siebentausend Fuß. So existierten der Winter, der Frühling und der reife, fruchtbare Sommer nebeneinander und berührten sich auf den siebzig Meilen, die zwischen dem eisigen Gipfel der Sierra und dem brennenden Tiefland liegen.
Hier, in einer Region, die eine Meile in die seltene Atmosphäre hineinragt, befand sich ein Bergrücken mit nackten Felsen und Spitzen entlang des Kammes, dessen Seiten mit Kiefern und Weihrauchzedern bewachsen waren. Die Nachmittagssonne durchflutete die großen bronzenen Baumstämme, warf helle, fröhliche Lichtflecken und warf kühle, schwarze Schatten auf die offenen Flächen, wo die braunen, abgestorbenen Nadeln in dicken Teppichen lagen. Es war Anfang Juni, und bis jetzt war der Frühling nur auf seinem frühlingshaften Weg durch die bewaldeten Einöden vorangekommen. Einige wenige kleine Schneeflecken hielten sich noch an sonnengeschützten Stellen, aber jetzt versickerten sie in dünnen Rinnsalen. Unten in einer Mulde am Fuße des sonnigen Hangs lag ein runder Alpensee, nicht größer als ein Teich in einem Stadtpark. Er war von demselben tiefen, perfekten Blau wie der Himmel, dessen Farbe er nicht zu reflektieren, sondern zu absorbieren schien.
Ein winziges Fragment desselben himmlischen Azurs schwebte zwischen den Bäumen herab wie ein Stück Himmel, das herunterfällt. Ein zweites Stückchen Blau, das über den See geglitten war und erst jetzt sichtbar wurde, als es sich erhob und über die kontrastreiche farbige Wiese am Rande des Sees flog, war wie ein Stückchen des Sees selbst. Zwei blaue Vögel. Sie wichen vor der Begegnung aus, ihre Flügel flatterten, sie leuchteten auf Ästen desselben Baumes und beäugten sich schüchtern. Brauchte ein Mensch die stille Botschaft des ganzen Waldes auf den Punkt gebracht zu bekommen, so war es diese: Der Frühling ist da.
Der Mann selbst wirkte, wie die Vögel vor ihm, als würde er sich spontan aus einer destillierten Essenz seiner Umgebung materialisieren. Eben noch waren die Lücken zwischen den weit ausladenden Zedernbäumen leer. Doch er war schon lange dort gewesen. Nur weil er sich bewegt hatte, erregte er die Aufmerksamkeit selbst der scharfsichtigen Waldbewohner, die in Baum und Dickicht zurückkehrten. Wie die Vögel, die in den Hintergrund ihrer eigenen Farbe verschmolzen waren, so war auch er, als er mit dem Rücken an einer braunen Zeder saß, in die Einheit der Wildnis hineingezogen worden, zu der er offensichtlich gehörte. Hier verschmolz er, harmonisierte, verschwand, wenn er unbeweglich blieb. Die abgetragenen, hohen Schnürstiefel waren aus braunem Leder, stark abgenutzt, einfarbig mit der Erde, die sie bestäubte. Die khakifarbenen Hosen, die in die Stiefelspitzen gesteckt wurden, und das weiche Flanellhemd waren braun wie die Baumstämme; die Haut der Hände, des Gesichts und des muskulösen Halses war bronzefarben wie die reifen Tannenzapfen und die polierten Tannennadeln. Und in einer von Licht und Schatten durchzogenen Landschaft hätte der schwarze Haarschopf als ein Stückchen des pechschwarzen Schattens durchgehen können, den ein Büschel dichten Laubes auf den lichtdurchfluteten Boden wirft.
Über diese äußere Harmonie hinaus gab es etwas, das nicht greifbar und doch vitaler und positiver war und den Mann zu einem Teil der ihn umgebenden natürlichen Welt machte. Vielleicht lag es daran, dass er so viele Monate in so vielen Jahren in der freien Natur gelebt hatte, dass er zu einem wahren Bruder der Wildnis geworden war; dass er eine Schicht nach der anderen der künstlichen Verblendung abgestreift hatte, während er die Schichten der Bräune annahm; dass er dabei viele der künstlichen Dinge des zwanzigsten Jahrhunderts aus seinem Geist abschüttelte und sich an alte Instinkte erinnerte. Seine tiefe Brust kannte die Tricks der richtigen Atmung; er kam auf dem Gipfel eines steilen Anstiegs mit ungebremstem Atem an. Er war groß und stämmig, voller Kraft in der Ruhe wie die geraden, tapferen Zedern. Seine Augen waren schwarz und stechend, so scharf wie die des Falken, der, in der Tiefe des Himmels kreisend, ihn gesehen hatte, als er sich bewegte; auch er hatte den Falken gesehen. Überall um ihn herum war eine lustvoll männliche Phase der Welt, riesige Bäume, die riesige Hänge beherrschten, schroffe Felsen, die der Zeit trotzten und mit den Jahren kämpften; er, wie sie, war männlich, sein Geschlecht kleidete ihn prächtig. Er hatte sich seit drei Tagen nicht mehr rasiert, und doch sah er nicht unordentlich aus, sondern war in eine größere Vitalität gekleidet. Während seine Augen schnell hin und her huschten, mal mit großen Gruppen, mal mit kleinen Details beschäftigt waren, war sein Gesicht teilnahmslos. Im Einklang mit seinem eigenen prächtigen Körperbau und der rauen Note des Waldes war es das Gesicht eines Mannes, der getrotzt und gekämpft hatte.
Jenseits des Sees ragte ein Gipfel mit seiner felsigen Front in den Himmel. Er ragte stirnrunzelnd über die Bergrücken, verdunkelt von den Schatten, die seine eigenen Unregelmäßigkeiten auf seine massiven Züge warfen. Aber die Sonne, die sich langsam bewegte, suchte diese Schatten; sie bewegten sich, krochen in andere Verstecke, und das goldene Licht zauberte eine gedämpfte, weiche Sanftheit über die massiven Felsbrocken. Auch das sah der Mann.
Er stand da und blickte über die Bergkämme hinweg auf das letzte Bollwerk am noch vom letzten Dezember weißen Himmel. Er suchte nach Orientierungspunkten und maß die Entfernung, nicht in Meilen, sondern in Stunden. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Sonne. Doch bevor er sich wieder auf den Weg machte, wandte er sich von der entfernteren Landschaft ab und erinnerte sich an die unmittelbare Umgebung, so wie er sie zuletzt gesehen hatte, als er im Altweibersommer des letzten Oktobers eingeschlafen war, und er bemerkte überall das Werk des jungen Juni. Die Augen, die zuvor scharf und wachsam gewesen waren, füllten sich plötzlich mit einem strahlenden Glanz.
Die frühlingshafte, ewig jugendliche Kokette war mit einem großen Anflug von Schüchternheit und Scheu in das strenge, feierliche Waldland der hohen Sierra gekommen. Mehr als anderswo war sie hier bis ins kleinste Detail und bis in die feinste Nuance hinein sanft, hübsch, zierlich, weiblich, und ihr leichtes Herz war müßig, diese Region aus Granit und Lava, aus schroffen Abgründen und erhabenen alten Bäumen aus ihrer ruhigen und abstrakten Abgeschiedenheit zu locken. Sie füllte die Luft mit Düften, leicht geschüttelt; sie streute helle, zerbrechliche Blumen aus, um die Erde zu erhellen, und klare Vogelstimmen, um durch die Luft zu funkeln. Immer zögernd im Schein, kam sie mit ihrem schüchternen Schritt an die Füße der düsteren Abgründe; unter den Gipfeln, an denen der Schnee klebte, spielte sie mit der Gleichgültigkeit, verweilte mit einer neuen Blume, wissend, dass das Tauwetter nach und nach ihre verschleierten Bemühungen erwidern würde, dass am Ende der Monarch aller brütenden Berggipfel den weißen Mantel der Unnahbarkeit ablegen und sich ihrer Umarmung hingeben würde; Sie wusste auch, dass sie bei jeder weiteren sicheren Eroberung nur mit ihrer singenden Stimme lachen, sich abwenden und weitergehen würde. Weiter und weiter, über Kämme und Gebirgsketten, und so um die Welt.
Der Wald lag im Sonnenschein, eingehüllt in die typische Stille. Es gab keinen Wind, der das Haar des Mannes zerzauste, kein Geräusch eines fallenden Zapfens oder von totem Laub, das unter den Füßen eines Eichhörnchens knisterte. Und doch wirkte der Mann jetzt wie ein Lauschender, der der Stille selbst lauscht. Denn die Stille unter den Kiefern ist nicht die tote Leere der Wüste, sondern ein großes Schweigen, wie das Tasten der Finger im Zimmer eines Schläfers oder die stille Botschaft einer an das Ohr gehaltenen Muschel. Die zahllosen Millionen von Zedern- und Kiefernnadeln schienen so unbeweglich wie die Berge selbst, und doch waren sie es, die den sanft hörbaren Befehl in den lauen Nachmittag legten und das große Schweigen flüsterten. Dieses Flüstern hörte der Mann, so schien es ihm, weniger mit seinen Ohren als mit seiner Seele.
Er ging zu dem Baum zurück, an dem er sich ausgeruht hatte, und nahm seinen Hut und eine kleine Segeltuchrolle mit. Und wieder stand er mit dem Hut in der Hand regungslos da, den Blick auf die Felsen über dem kleinen See gerichtet, in der Haltung eines Mannes, der einer Einladung lauscht, die er gerne annehmen würde, die er aber letztlich ablehnen muss. Er hatte den Weg, den er gehen wollte, bereits abgesteckt, und noch immer riefen die näheren Gipfel im Sonnenschein nach ihm. Man hätte vermuten können, dass sie ihm von wiederholten Besuchen vertraut...




