Greig Frühstück mit Lucian Freud
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-312-00626-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-00626-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Um das Leben des Malers Lucian Freud ranken sich viele Gerüchte – nicht zuletzt, weil er Privates rigoros vor der Öffentlichkeit abschirmte. Geordie Greig gehörte zu Freuds engsten Vertrauten, mit ihm teilte er Geschichten aus seinem Leben, das voller Arbeitswut, grausamer Rücksichtslosigkeit und einer fatalen Hang zum Glücksspiel war. Greig enthüllt in seiner Biographie eine faszinierende Persönlichkeit, für die jeder aus der High Society liebend gern Modell sitzen wollte, obwohl es monatelange Tortur bedeutete. Illustriert mit vielen unbekannten Fotos und Bildern, ist diese Biographie eines der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts zugleich ein lebendiges Stück Kunstgeschichte.
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Kontaktversuche
Mit siebzehn habe ich zum ersten Mal ein Gemälde von Lucian Freud gesehen, und zwar während eines Tagesausflugs nach London, den wir Etonianer mit unserem Englischlehrer Michael Meredith unternahmen. Die siebzehn Bilder in der Kunstgalerie Anthony d’Offay weckten mein Interesse an dem Künstler und seinem Werk.
Das Gemälde, das mich an jenem Tag besonders faszinierte, war Naked Man with Rat, das Aktbild eines langhaarigen jungen Mannes auf einem Sofa, die Schenkel weit geöffnet, direkt neben seiner Lende hielt er eine Ratte, deren Schwanz über seinem Oberschenkel lag. Dieses verstörend drastische Werk hing direkt neben einem Porträt der Mutter des Künstlers.
Nach dem Besuch der Kunstgalerie gingen wir ins Theater, um uns eine Aufführung von Peter Shaffers Equus anzusehen, das Stück über einen Jungen, der sich seelisch und körperlich entblößt, um seine sexuellen und psychischen Dämonen zu vertreiben. Die Figur des Jungen, der sechs Pferde blendet, hat sich mir ebenso eingeprägt wie das Aktporträt des Mannes mit Ratte.
Das größte der ausgestellten Gemälde maß nur 90 x 90 cm, das kleinste, ein Kopfbild von Lucians Mutter, lediglich 32 x 23 cm. Aber sie waren besonders eindrucksvoll. Wer war der langhaarige Mann?? Warum war er nackt?? Weshalb um alles in der Welt hielt er die Ratte so nah an seinem Geschlechtsteil?? Fragen über Fragen. War Freuds Mutter krank?? Auffällig war ihre ruhige, gelassene Haltung. Diese beiden ungewöhnlichen Altersstudien ließen keinerlei Gefühlsregungen erkennen. Hier fand eine merkwürdige Alchemie statt. Die Figuren schienen aufgeladen, psychologisch verwirrend, wie durchleuchtet, mit mehr als einer Andeutung von Risiko und Gefahr. Ich begriff, dass die Wahrheit schmerzhaft sein konnte.
Der Ausstellungskatalog enthielt ein Foto von Lucian Freud, aufgenommen von seiner Tochter Rose Boyt, auf dem er aggressiv in die Kamera blickt. Die nur halb zugeschnürten Bauarbeiterstiefel, das zerknitterte weiße Hemd und der Schal geben ihm etwas rockermäßig Hartes und zugleich Dandyhaftes. Mit seiner karierten Hose sieht er aus wie eine Kreuzung aus Bäcker und Boxer, die Augen aufgerissen, ein Bild roher Kraft.
Martin Dysart, der freundliche Psychiater in Equus, versteht und analysiert das Verhalten des Jungen, der Pferden die Augen aussticht. Er ist entsetzt über die Aggressivität, aber auch neidisch, weil sich der Junge über die repressive bürgerliche Moral, über alle Konventionen hinwegsetzt, wenngleich auf so abscheuliche Weise. Während sich der Junge wilden dionysischen Ritualen hingibt, verbringt der Psychiater mit seiner gelangweilten und langweiligen Frau öde, sexlose Pauschalferien in Griechenland. Ich ahnte, welcher Zusammenhang Michael Meredith vorschwebte. Freuds Gemälde waren meilenweit von bürgerlicher Etabliertheit entfernt und vermittelten mit ihren ungeschönten Wahrheiten eine elektrisierende Energie, die keine Konventionen kannte. Freud wollte die Situation im Atelier genau wiedergeben, wie irritierend dies für Modell und Betrachter auch sein mochte.
Die Galerie in der Dering Street, einer kleinen Seitenstraße von der Oxford Street in Mayfair, hatte eine sehr private Atmosphäre. Gezeigt wurden sechzehn Porträts und eine Landschaft. Noch heute erinnere ich mich an jedes Detail, auch an den schönen Katalog mit grauer Schlaufe und Aufkleber. Das Ganze war voller Widersprüche und Dramatik.
Tagelang diskutierten Michael Meredith und ich über die Ausstellung, über die Komposition und Hängung der Bilder und entwickelten unsere eigenen Theorien. Lucian hat sich nie zu seinen Werken geäußert. Harold Pinter (der ihm später Modell saß) bezeichnete seine Bühnenstücke einmal als «Wiesel unter der Hausbar», um seine Interpreten auf den Arm zu nehmen. Er versteckte sich hinter Nichtgesagtem, erklärte nichts, überließ das Interpretieren anderen. Auch er blieb am liebsten im Hintergrund, sprach nie in der Öffentlichkeit, nicht einmal auf dem Höhepunkt seines Ruhms in den 1970ern und 1980ern, denn er wusste, wie Ted Hughes mir berichtete, dass «Flüstern lauter ist als Schreien».
Wenn Pinter allenfalls flüsterte, so wahrte Lucian völliges Schweigen. Von 1940 bis in sein letztes Lebensjahrzehnt gab er keine Interviews. Gegenüber Fotografen konnte er handgreiflich werden, und wer ihm zu nahe kam, musste mit Unflätigkeiten rechnen. Es gab nur wenige Fotos von ihm. Er heuerte Ganoven an, um sich gewisse Leute vom Hals zu halten. Nur Insider erhielten Zugang zu ihm, und selbst dann behielt er alles in der Hand. Deshalb stammte die Fotografie für den Ausstellungskatalog im Januar 1978 von seiner Tochter, die er, wie alle seine Kinder, nur von Zeit zu Zeit sah. Er wollte nicht mit seinen Kindern leben, das traditionelle Familienleben verachtete er.
Dreißig Jahre später erzählte Lucian mir ein wenig über die Personen, die er auf jenen Porträts gemalt hatte, und welche Rolle sie in seinem Leben spielten. Er sprach davon, wie sehr ihn die Depressionen seiner Mutter und ihr Selbstmordversuch frustriert hatten. Er war wütend auf sie, weil sie sich in sein Leben einmischte, immer Bescheid wissen wollte. Erst als sie nach dem Tod ihres Mannes 1970 in eine tiefe Depression gefallen war, besuchte er sie häufiger. 1973 entstand dann ein besonders ergreifendes Porträt seiner Mutter, Large Interior W9, sie in einem Sessel sitzend, hinter ihr auf einem Bett seine damalige Freundin Jacquetta Eliot mit entblößter Brust.
Ich erfuhr, dass es sich bei dem Mann mit der Ratte um Raymond Jones handelte, einen künstlerisch ambitionierten Innenarchitekten, 1944 in Radcliffe bei Manchester geboren. Er war sein erstes männliches Aktmodell. Die Ratte war meistens besoffen. Jeden Tag bekam sie einen Fressnapf mit Veuve Cliquot und einer halben Schlaftablette vorgesetzt. In dieser Verfassung lag sie stundenlang neben Raymonds Oberschenkel, ohne sich zu rühren.
Raymond war charmant, talentiert und, für Lucian besonders wichtig, extrem flexibel. Er war so begeistert von seinem Porträtisten, dass er seine eigenen Bilder ähnlich anlegte. Wie bei jedem, der in Lucians inneren Kreis gelassen wurde, war Verschwiegenheit obligatorisch. Ich versuchte, Raymond aufzuspüren, doch er hatte sich monatelang nach Indien abgesetzt und war, wie ich von Freunden hörte, nicht erreichbar. Die Kontaktaufnahme gelang mir erst, als die Staffelei, die Lucian für das Rattenporträt verwendet und die er ihm geschenkt hatte, im Oktober 2012 bei Christie’s für dreitausend Pfund an Evgeny Lebedev verkauft wurde. Erst nach Lucians Tod (und mehr als drei Jahrzehnte nach dem Porträt) glaubte Raymond, über seine Zeit mit Lucian reden zu können.
Die Verbindung zwischen Lucian und Raymond ging auf George Dyer zurück, der 1963 in Francis Bacons Atelier eingebrochen, dort von dem Maler verführt und Bacons wichtigster Freund geworden war, bis er zwanzig Jahre später in Paris Selbstmord verübte. Dyer wurde mehrmals von Bacon, aber auch von Lucian porträtiert.
Raymond kaufte Lucians Porträt von Dyer für tausend Pfund, obwohl er anfänglich gar nicht wusste, wer der Dargestellte war. Er freute sich, ein Werk von Freud zu besitzen, denn er bewunderte ihn, seit er elf Jahre alt war. Lucian lernte ihn dann kennen, fand ihn schrullig, amüsant und eigenwillig und fragte, ob er ihn malen könne – ganz konventionell, von Ratten war nicht die Rede.
Er stellte Raymond seinen Malerfreunden Frank Auerbach und Michael Andrews und auch seiner Freundin Jane Willoughby vor. Sie kamen sich näher, als Lucian einmal wegen Spielschulden Geld von ihm leihen wollte. Raymond war erstaunt, aber auch geschmeichelt. «Ich habe nicht verstanden, warum er nicht Jane oder den Herzog von Devonshire angesprochen hat oder einen anderen Bekannten, die ja alle viel mehr Geld hatten als ich. Jedenfalls hatte ich etwas gespart und beschloss, es Lucian zu geben. Er sagte dann: ‹Ich werde es dir nicht zurückgeben.› Ich dachte: ‹Na toll›, bis er dann erklärte: ‹Ich möchte ein Porträt von dir malen, das wird dann dir gehören, und auf diese Weise werde ich meine Schulden zurückzahlen.›»
Lucian lieh sich rund zweitausend Pfund. Raymond porträtierte er erst ein Jahr später. «Lucian holte mich in seinem dunkelblauen Rolls ab. Ich wär fast in Ohnmacht gefallen, als er in seinen schwarz-weißen Metzgersachen ausstieg, unter den Blicken meiner Nachbarn, die sich fragten, wer dieser Penner sein mochte, der da in einem Rolls angefahren kam.»
Lucian bat ihn, seine neue Wohnung zu einem vernünftigen Atelier umzubauen. «Er sagte: ‹Ich besorge Plastiksäcke, und dann reißen wir die Wand dort ein.› Ich sagte: ‹Das geht nicht. Das ist womöglich eine tragende Wand.› Er antwortete nur: ‹Scheiße, die Wand muss weg.›» Zwei Nächte lang rissen sie Wände ein. «Als sich der Staub in der Wohnung gelegt hatte, begann er, mich zu malen.»
Als erstes entstand ein kleines Porträt, gerade einmal 9 x 12 cm, das Raymond sehr gefiel. Er vermutete, dass Lucian heimlich an zwei Porträts von ihm gleichzeitig arbeitete. Es dauerte ein Jahr, manchmal wurde an drei, vier Abenden pro Woche gearbeitet. Als Raymond schon glaubte, das Bild sei fertig, sollte alles noch einmal von vorn beginnen. Frank Auerbach, auf dessen Urteil Lucian am meisten gab, fand das Bild nicht gut genug. «Lucian sagte: ‹Raymond, sei mir nicht bös, aber du weißt, ich verlasse mich auf Franks Urteil, das Bild gefällt ihm nicht.› Ich antwortete, es sei doch alles wunderbar und dass ich es gern haben würde. Lucian sagte: ‹Nein, das geht nicht. Ich werde es vernichten, Raymond, und deswegen musst du mir ein zweites Mal Modell sitzen.›»
Raymond glaubt, Lucian...




