Gresh | Israel-Palästina | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Gresh Israel-Palästina

Hintergründe eines Konflikts
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03973-063-6
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Hintergründe eines Konflikts

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-03973-063-6
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Warum prägt Gewalt den Nahen Osten seit über hundert Jahren? Warum sind die Hoffnungen auf Frieden, die beim historischen Handschlag zwischen Jassir Arafat und Itzhak Rabin 1993 entstanden sind, zerbrochen? Welche Beziehungen bestehen zwischen Juden, Zionismus, der Shoah und der Gründung Israels? Was ist der Ursprung des palästinensischen Flüchtlingsdramas? Die Geschichte der langjährigen Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina wird seit dem 7. Oktober 2023 Tag für Tag um neue, dramatische Kapitel fortgeschrieben. Dieses Buch widmet sich sowohl den Wurzeln des Konflikts als auch den allerjüngsten Entwicklungen. Über die faktenreiche und übersichtliche Darstellung hinaus stellt Alain Gresh heikle und immer wieder tabuisierte Fragen - und scheut sich nicht, Stellung zu beziehen.

Alain Gresh, 1948 geboren, wuchs bei seiner aus Russland stammenden jüdischen Mutter und seinem koptischen Stiefvater in Kairo auf. Seine Schul- und Ausbildungszeit bis zur Promotion verbrachte er dann in Frankreich. Viele Jahre war er Chefredakteur, später Herausgeber von Le Monde diplomatique, heute leitet er die Redaktion des Onlinemagazins Orient XXI. Er publizierte mehrere Bücher und zahlreiche Artikel zum Thema Naher Osten. Gresh lebt in Paris.
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1. Selbstverteidigung?


Geschah es während des Libanonkriegs im Sommer 2006? Oder nach dem Sieg der Hamas bei den Legislativratswahlen im Januar desselben Jahres? Oder infolge der Evakuierung des Gazastreifens durch die israelische Armee im Sommer 2005? Es ist schwierig, ein genaues Datum anzugeben, doch hat sich die Sicht der französischen Amtsinhaber, der Intellektuellen und der Medien auf den Israel-Palästina-Konflikt im Lauf der letzten Jahre subtil und kaum merklich verändert. In den neunziger Jahren und während des Oslo-Friedensprozesses lag auf der Hand, dass Frieden nur auf dem Weg umfassender Verhandlungen zu erreichen war, die den Rückzug der israelischen Truppen aus den 1967 besetzen Gebieten einschließlich Ostjerusalems und der syrischen Golanhöhen, das Ziehen von Grenzen zwischen dem palästinensischen Staat und Israel sowie eine gerechte und akzeptable Lösung für die palästinensischen Flüchtlinge beinhalten würden. Es war ebenso offensichtlich, dass Israel, sosehr es ein Recht auf Sicherheit hatte, eine Macht blieb, die seit vierzig Jahren arabische Gebiete illegal besetzte. Als im Herbst 2000 die Zweite Intifada ausbrach, übertrugen die Medien aus aller Welt Bilder von jungen Palästinensern, die von Soldaten mit schweren Waffen, Panzern und Flugzeugen getötet worden waren. Selbst die tief sitzende Abscheu vor den Selbstmordattentaten tat der Sympathie für die Schwächsten keinen Abbruch. Man konnte nicht gleichermaßen Unterdrücker und Unterdrückte kritisieren.

Diese Sicht auf die Dinge sorgte damals in Frankreich für eine seltsame Polemik. Im November 2000 prangerte Richard Liscia in einem Artikel über – oder vielmehr gegen – die Monatszeitschrift L’Arche einen der Mechanismen der Medien und der Öffentlichkeit an, nämlich die Solidarität mit den »Aufständischen«: »Die Bewunderung der Öffentlichkeit für die Streikenden der SNCF und der RATP oder für die Fernfahrer – obwohl diese ihr das Leben vergällen – steht vielleicht in Zusammenhang mit der frenetischen Verteidigung der palästinensischen Sache. Man stellt sich nunmehr beinahe systematisch auf die Seite der Aufständischen.« Musste man sich wirklich darüber empören, dass die öffentliche Meinung unmittelbar aufseiten der Opfer stand?

Im Figaro erklärte der Psychoanalytiker Daniel Sibony, die westliche Öffentlichkeit möge nur die Opfer. »Sie mag die Juden, die den Lagern zum Opfer fielen (und mag sie vor allem seit den Lagern) und mag die Palästinenser, die Opfer der Juden sind.« Eine ambivalente Äußerung über die Lager. Aber nochmals: Ist es so unnormal, sich mit Opfern solidarisch zu fühlen? Nein, sofern man eine Lektion aus der Geschichte lernt: Die Opfer von gestern können sich in die Henker von heute verwandeln. Die Beispiele sind zahllos, wie etwa in Ruanda, das uns noch stark in Gedächtnis ist. Die Tutsi waren Opfer eines Genozids durch die Hutu, aber eine ihrer Organisationen hat daraufhin die Macht ergriffen und ihrerseits schreckliche Massaker begangen.

Der 2006 verstorbene Historiker Pierre Vidal-Naquet, vehementer Kritiker der Folter während des Algerienkriegs und unnachgiebiger Kämpfer für die Gerechtigkeit, zitierte den folgenden rabbinischen Kommentar zur Bibel, den man allen Menschen widmen kann, ob sie gläubig sind oder nicht: »Gott ist immer aufseiten der Verfolgten. Es kann Fälle geben, in denen ein Gerechter einen Gerechten verfolgt, und Gott ist aufseiten des Verfolgten; wenn ein Schlechter einen Gerechten verfolgt, ist Gott aufseiten des Verfolgten; wenn ein Schlechter einen Schlechten verfolgt, ist Gott aufseiten des Verfolgten, und selbst wenn ein Gerechter einen Schlechten verfolgt, ist Gott aufseiten dessen, der verfolgt wird.«

Diese Sicht scheint nunmehr überkommen. Gott ist aufseiten der Verfolger oder vielmehr sind es die Medien und die politisch Verantwortlichen – im Namen des »Rechts auf Selbstverteidigung«. Auf dem G8-Gipfel in Sankt Petersburg im Juli 2006 verabschiedeten die Großen dieser Welt eine Erklärung über den Libanon: »Die aktuelle Krise beruht auf Versuchen der extremistischen Kräfte, die Region zu destabilisieren und die Hoffnungen des palästinensischen, israelischen und libanesischen Volkes auf Demokratie und Frieden zu zerstören. In Gaza haben Kräfte der Hamas Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen und einen israelischen Soldaten entführt. Im Libanon hat die Hisbollah in Missachtung der blauen Linie [der Grenzlinie] von libanesischem Territorium aus israelisches Gebiet beschossen und israelische Soldaten gefangen genommen. [...] Diesen extremistischen Kräften und denen, die sie unterstützen, darf nicht erlaubt werden, den Nahen Osten ins Chaos zu stürzen und eine Ausbreitung des Konflikts zu provozieren. Die Extremisten müssen umgehend ihre Angriffe einstellen.« Die Unterzeichner verlangen auch in respektvollem Ton, dass die israelische Regierung, »während sie von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch macht, zugleich die strategischen und humanitären Konsequenzen ihrer Operationen in Betracht zieht«. Konkret bedeutete das Recht auf Selbstverteidigung die Zerstörung des Flughafens von Beirut, ziviler Infrastruktur und Zehntausender Wohnhäuser im Land der Zeder, die Flucht Hunderttausender Zivilisten und Hunderte Tote. Frankreich schließt sich dieser Position an.

Es gab dagegen eine Zeit, als Frankreich mit anderer Stimme sprach. Gegen Ende des Jahres 1968, als der Nahe Osten an den Folgen des Junikriegs 1967 litt, organisierte sich der palästinensische Widerstand. Am 26. Dezember 1968 griff die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), eine radikale Gruppe, eine El-Al-Maschine auf dem Athener Flughafen an und tötete einen israelischen Offizier im Ruhestand. Eines der Mitglieder des Kommandos war libanesischer Herkunft, und man bekannte sich vom Libanon aus zu der Operation. Zwei Tage später zerstörte eine israelische Einheit dreizehn Linienflugzeuge auf dem internationalen Flughafen von Beirut. Der Sicherheitsrat verurteilte diese Aktion einstimmig und verlangte von Israel, für die Schäden aufzukommen, was Israel niemals tat. Paris erklärte das Prinzip der »Repressalien« für inakzeptabel – nicht für unverhältnismäßig; Charles de Gaulle dekretierte ein Embargo auf Waffenlieferungen an Israel und lehnte es ab, fünfzig Mirages zu liefern, die bereits bezahlt worden waren.

Die Stellungnahme des französischen Ministerrats vom 8. Januar 1969 hielt fest: »Man hat einen Vergleich angestellt zwischen dem Attentat von Athen gegen ein israelisches Flugzeug und der Operation gegen den Beiruter Flughafen: Doch waren die beiden Operationen nicht vergleichbar. In Athen handelte es sich um einen von Mitgliedern einer Geheimorganisation ausgeführten Handstreich. Die Operation in Beirut wurde von einem Staat mit seinem militärischen Material, insbesondere Super Frelon- und Alouette-Helikoptern aus französischer Produktion, gegen zivile Einrichtungen eines anderen Staates durchgeführt.« Die Regierung zögerte nicht, die »israelischen Einflüsse, die sich in den engeren Kreisen der Informationsdienste bemerkbar machen«, infrage zu stellen. Damals nahm der Gaullismus kein Blatt vor den Mund, und das »Recht auf Selbstverteidigung« diente nicht dazu, israelische Aggressionen zu kaschieren.

Gleich nach dem Ende des Kriegs vom Sommer 1967 warnte Präsident de Gaulle, dass Israel »auf den eroberten Gebieten eine Besatzung organisiert, die sich nicht ohne Unterdrückung, Repression und Vertreibung vollziehen kann; dort formiert sich ein Widerstand, den Israel wiederum als Terrorismus bezeichnet«. Die Vereinigten Staaten und Israel haben fünfundzwanzig Jahre gebraucht, um diesen Umstand wenigstens in seinen Grundzügen anzuerkennen und zu akzeptieren, mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zu sprechen, wobei Frankreich eine Pionierrolle übernahm, indem es 1975 eine Vertretung der Organisation in Paris eröffnete.

Doch nach den Wahlen des Palästinensischen Legislativrats im Januar 2006 und dem Wahlsieg der Bewegung des Islamischen Widerstands (Hamas) entschied Paris mit seinen europäischen Partnern, die Hilfen für die Palästinensische Autonomiebehörde auszusetzen. Der Grund: Die Hamas sei eine »terroristische Organisation«. Die Wahl hatte auf europäisches und amerikanisches Betreiben mit dem Ziel stattgefunden, die Legitimität der palästinensischen Institutionen zu untermauern. Die Wahl vollzog sich unter transparenten Bedingungen, die in der arabischen Welt seit fünfzig Jahren ihresgleichen suchten. Der Boykott der gewählten Palästinensischen Autonomiebehörde sendete demnach ein unzweideutiges Signal an die gesamte Region: Ja, ihr könnt wählen, aber nur Kandidaten, die für uns akzeptabel sind! Eine politisch stumpfsinnige Entscheidung, die in der muslimischen Welt den westlichen Demokratiediskurs diskreditierte. Zudem ist sie moralisch zu verurteilen; sie hungert ein Volk aus, das »schuldig« ist, falsch gewählt zu haben.

Als Benjamin Netanjahu, der gegen das Oslo-Abkommen war, 1996, sechs Monate nach der Ermordung Jitzchak Rabins, zum Ministerpräsidenten gewählt wurde und sein Programm vorstellte, das »die Verstärkung, Ausweitung und Entwicklung« der jüdischen Besiedlung auf »den Golanhöhen, im Jordantal, in Judäa, Samarien und Gaza« vorsah, haben weder Frankreich noch Europa den Kontakt zu ihm eingestellt. Ebenso wenig haben sie Sanktionen verhängt.

Wenige Monate nach dem Wahlsieg der Hamas »kehrt« die israelische Armee in den Gazastreifen »zurück«, den sie im Sommer 2005 einseitig »evakuiert« hatte (zu den Gründen dieser Entscheidung siehe Kapitel 7). Am 25. Juni 2006...



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