E-Book, Deutsch, Band 1854, 160 Seiten
Reihe: Julia
Grey Sag niemals nie!
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-86295-137-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1854, 160 Seiten
Reihe: Julia
ISBN: 978-3-86295-137-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Angelo Emiliani überläuft es heiß - jedesmal, wenn er Rose Delafield begegnet. Zwischen ihm und der englischen Lady knistert die Luft vor Spannung. Ist es nur, weil ihr Eigensinn ihn reizt? Wild entschlossen hat sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie ihm ihr prächtiges Familienschloss in Südfrankreich niemals verkaufen wird. Oder hat sie ihm so ganz nebenbei den Kopf verdreht? Kurzerhand beschließt er, sie auf seine Luxusjacht vor der Côte d'Azur einzuladen und sie dort zunächst einmal mit italienischem Charme und samtheißen Küssen verführerisch umzustimmen ...
India Grey liebte schon als kleines Mädchen romantische Liebesgeschichten. Mit 13 Jahren schrieb sie deshalb das erste Mal an den englischen Verlag Mills & Boon, um die Writer's Guidelines anzufordern. Wie einen Schatz hütete sie diese in den nächsten zehn Jahren, begann zu studieren ... und nahm sich jedes Jahr aufs Neue vor, eine Romance zu schreiben. Doch zuerst einmal trat ihr eigener Held in ihr Leben, sie beendete die Universität, und bekam kurz hintereinander drei Töchter. Und wieder gab es Ausreden, den langen Vorsatz nicht umzusetzen. Doch irgendwann war es soweit. India schickte ihre erste Romance an Mills & Boon - und war erfolgreich. Aber nicht nur ihre Leserinnen lieben sie: Ihre Romance "Süße Sehnsuchtsmelodie" (JULIA 1885) wurde 2009 von der Romantic Novelists' Association zu dem Liebesroman des Jahres gekürt.
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1. KAPITEL
„C’est tout, Mademoiselle?“
Anna warf einen letzten Blick auf die Zeugnisse ihrer Kindheit, die wahllos in den Lieferwagen des Antiquitätenhändlers gestapelt waren. Sie atmete tief ein.
„Ja, das ist alles.“
Der Mann schlug die Ladeklappe zu und staubte sich die kräftigen Hände ab. „Bien, Mademoiselle. Nur noch die Kisten auf dem Speicher sind übrig. Nichts, was sich an ein Pariser Antiquitätengeschäft verkaufen ließe, fürchte ich. Vielleicht versuchen Sie es mal bei einer Firma vor Ort?“
Geistesabwesend nickte Anna und kickte mit der Spitze eines ihrer grünen Ballerinas in den staubigen Kies. Unvermittelt hielt sie inne. Sie hatte schon viel Zeit mit den Kämpfern von GreenPlanet verbracht. Währenddessen hatte sie ständig billige Baumwollschuhe getragen. Fast hatte sie vergessen, dass man sich normal gekleidet anders benahm.
Sie richtete sich auf und lächelte dem Auktionator entschuldigend zu.
Sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Da er nun schon seit Jahren für das führende Pariser Auktionshaus arbeitete, konnte ihn eigentlich nichts mehr überraschen. Adlige waren sonderbare Leute, und die Engländer unter ihnen waren oft besonders schräg. Aber jemand wie Lady Roseanna Delafield war ihm noch nicht untergekommen.
Ihr schwarzes, seidiges Haar war von hellroten Strähnen durchzogen. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig und elegant wie die einer Ballerina. Sie kam ihm wie ein davongelaufenes, verwildertes Rassekätzchen vor. Heute trug sie ihr Haar als eleganten Nackenknoten. Ihr schlichtes schwarzes Leinenkleid ließ ihre Haut wie sonnengereifte Aprikosen schimmern. Auf den ersten Blick sah sie einfach nur aus wie eine dieser Töchter aus gutem Haus. Aber nichts konnte über den verletzlichen Ausdruck in ihren großen dunklen Augen hinwegtäuschen.
„Bonne chance, ma petite – viel Glück, junge Dame“, verabschiedete er sich freundlich und kletterte auf den Fahrersitz des Lieferwagens. „Es ist traurig, einen Ort verlassen zu müssen, an dem man glücklich war, stimmt’s?“
Anna zuckte mit den Schultern. „Ja. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja kein Abschied für immer.“
Der Mann beugte sich aus dem Wagenfenster und lachte. „Es soll ja noch Wunder geben. Ich wünsche Ihnen eins.“ Er schaltete den Motor ein und zwinkerte ihr zu. „Sie hätten es verdient. Au revoir.“
Anna blickte dem Lieferwagen nach, bis er um die Biegung der Auffahrt und gleich darauf hinter Pinien verschwand. Dann drehte sie sich um und kehrte langsam ins Schloss zurück. Schwüle Spätsommerluft erfüllte die Räume, und es roch nach Verfall. Niedergeschlagen blickte Anna sich in der einstmals prächtigen Eingangshalle um. Die graublauen Seidentapeten waren schimmlig und zerrissen. Wo die Arbeiter Gemälde abgenommen hatten, waren viereckige helle Flecken zurückgeblieben. Dunklere Stellen bezeugten die Folgen der Feuchtigkeit.
Das Geräusch ihrer Schritte hallte vom laubübersäten Fußboden wider, als Anna langsam die Treppe hinaufstieg. Es war ein Wunder, dass die Buntglaskuppel noch heil war. Ein Strahl der Nachmittagssonne warf schimmernde Lichtflecken auf die Stufen, und Anna lächelte wehmütig. Wie oft hatte sie als Kind versucht, die tanzenden Regenbogenmuster zu fangen! Als farbenfrohe Streifen waren sie auch auf das weiße Brautkleid gefallen, das sie in jenem Sommer bekommen hatte, als sie Hochzeit spielte.
Dem letzten Sommer vor dem Tod ihrer Mutter.
Anna fuhr zusammen, weil ihr Handy klingelte. Widerstrebend holte sie es aus der Handtasche.
Es war Felicity. Anna lauschte kurz und erwiderte dann: „Bin schon unterwegs, Fliss. Der Antiquitätenhändler und seine Leute sind fort, ich muss nur noch abschließen, dann fahre ich los.“
„Okay. Ich bestelle dir schon mal einen extra starken Martini.“ Die Stimme ihrer Freundin klang mitfühlend. „Nimmst du den Bus?“
„Nein. Einer der Jungs im Zeltlager von GreenPlanet hat ein Fahrrad, das er mir leiht. Es sind ja nur wenige Kilometer.“
Am anderen Ende der Leitung lachte Fliss spöttisch. „Soll das ein Witz sein, Anna? Niemand fährt am Hotel Paradis mit dem Fahrrad vor. Willst du dem Parkwärter das Rad übergeben, damit er es wegfährt?“
Anna stieg die schmale Treppe zum Dachboden hinauf und runzelte die Stirn. „Ach was! Warum sollte ich die Luft mit Abgasen verpesten? Doch nicht etwa nur, um den Parkwärtern des Paradis die Trinkgelder zu sichern!“
„Okay, okay, erspar mir die Umweltpredigt.“ Fliss’ Ton wurde ernst. „Da wir schon dabei sind, gefällt dir das Leben im Zeltlager von GreenPlanet noch? Oder hast du es schon aufgegeben, die Welt zu retten?“
Anna ging zu den gestapelten Kisten und alten Truhen hinüber, welche die Männer mitten auf dem staubigen Speicher zurückgelassen hatten. „Wir bleiben am Ball.“ Sie öffnete eine mit Metallbeschlägen verstärkte Truhe zu ihren Füßen und blickte in ein Wirrwarr von alten Kleidungsstücken. „Aber das Château Belle-Eden vor diesem … fiesen Grundstücksmensch zu retten, wäre ein guter Anfang.“
„Na ja, wenn meine Firma richtig informiert ist, handelt es sich bei dem ‚fiesen Grundstücksmenschen‘ um Angelo Emiliani. Und gegen den hast du nicht die geringste Chance.“ Als Anna leise seufzte, fragte Fliss beunruhigt: „Anna? Was ist los?“
„Nichts. Ich hab hier nur gerade die Truhe mit meinen alten Kostümen entdeckt. Alle meine Ballettsachen sind darin.“ Behutsam wandte sie die Bänder um ihre durchgetanzten Ballettschuhe. Dann zog sie behutsam ein zerknittertes cremefarbenes Satingebilde aus den Tiefen der Truhe. „Das Brautkleid!“
Anna hielt es hoch und betrachtete es verwundert. Damals war ihr das Kleid so perfekt erschienen. Jetzt erst bemerkte sie, wie zusammengestückelt es aussah. Im Lauf der Jahre war es vergilbt und hatte Stockflecken bekommen. Sie klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr, hielt sich das Kleid an und drehte sich langsam um sich selbst.
„Wenn ich bedenke, dass ich mir darin tatsächlich wie eine Braut vorkam, wie eine Märchenprinzessin …“, nachdenklich schwieg sie einen Moment. „Wie naiv ich damals war.“
Unvermittelt ließ Anna das Kleid sinken und warf es in die Truhe zurück. „Aber wie gesagt, Fliss“, fuhr sie sachlich fort, „hier gibt es für mich nichts mehr zu tun. Ich fahre los.“
„Fein. Ich bin auf der Terrasse, das heißt, falls ich dort einen Tisch für uns bekomme. Saskia Middleton feiert heute ihren einundzwanzigsten Geburtstag. Zieh also etwas Passendes an“, erinnerte sie Anna leicht besorgt. „Ich habe mich immer noch nicht ganz von deinem Auftritt im Ballonrock und Wanderstiefeln zu Lucindas Weihnachtsparty erholt. Ihre arme Mutter wusste nicht, was sie sagen sollte.“
Anna blickte an ihrem schlichten schwarzen Kleid herab. „Keine Panik, ich sehe anständig aus“, tröstete sie ihre Freundin. „Nur dir zuliebe. Ich habe nämlich eigentlich keine Lust, zu Saskia Middletons Party zu gehen. Nun gut: Sichere uns einen Tisch auf der Terrasse und bestell schon mal die Martinis. In einer Viertelstunde bin ich da.“
Ehe Fliss etwas erwidern konnte, schaltete Anna das Handy aus. Sie wandte sich wieder dem Brautkleid zu. Versonnen strich sie über den glatten Satin.
Wie viel hatte sich seit jenem Sommer geändert, als sie das Leben noch für einfach gehalten hatte!
Nichts war einfach. Nichts war so, wie sie geglaubt hatte.
Sie selbst am allerwenigsten.
Das Château war so ungefähr alles, was ihr von ihrem früheren Leben geblieben war. Deshalb dachte sie auch nicht daran, es kampflos aufzugeben. Entschlossen stand Anna auf und ging zur Treppe. Ihre Träume waren zerstoben, ihre Mutter war tot, ihr Glaube an sich selbst bis in die Grundfesten erschüttert …
Unten wurde eine Tür zugeschlagen.
Wie versteinert stand Anna da. Ein Lufthauch schien durch das Schloss zu ziehen. Dann war alles wieder still. Doch die Atmosphäre hatte sich geändert, sie war elektrisch geladen wie vor einem Sturm. Anna wurde bewusst, dass sie nicht mehr allein im Haus war.
Einen Moment lang blieb sie reglos stehen, dann bewegte sie sich auf Zehenspitzen lautlos auf die Treppe zu.
Unten war alles still.
Dann erklangen Schritte in der Eingangshalle. Panik stieg in Anna auf. Instinktiv wusste sie, dass unten ein Mann war. Sie musste an den Axtmörder aus einem Horrorfilm im Fernsehen denken.
Die Schritte verstummten.
Vorsichtig beugte Anna sich vor und spähte über die Geländer, dann fuhr sie zurück und wagte kaum noch zu atmen.
Sie hatte recht.
Da war ein Mann. Ein sehr männlicher Mann! Und sehr blond. Vielleicht lag es daran, dass sie auf ihn herabschaute. Auf jeden Fall schien dieser Mann die breitesten Schultern zu haben, die sie je gesehen hatte.
„Hallo?“
Er hatte eine tolle, dunkle Stimme. Wie ein Mörder hörte er sich nicht an. Anna kämpfte mit sich. Die Stimme versagte ihr. Doch ihr Herz schlug so laut, dass sie Angst hatte, es könnte sie verraten.
„Wer ist da?“
Sie öffnete den Mund, brachte jedoch nur einen heiseren Laut hervor.
Unten folgte eine leise Verwünschung. „Na gut, dann komme ich rauf.“
Liebe Güte! Sie verhielt sich kindisch! Wer immer er war – jetzt würde der Mann heraufkommen. Er würde sie wie ein verschrecktes Tier auf dem Treppenabsatz kauernd vorfinden.
Entschlossen richtete Anna sich zu...




