Grimbert Das Erbe der Magier
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12805-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Krieger 1 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Die Krieger-Serie
ISBN: 978-3-641-12805-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seine „Magier“ haben in Deutschland Tausende von Lesern verzaubert – jetzt kehrt Pierre Grimbert mit den Kindern der beliebten Helden zurück! Der preisgekrönte Fantasy-Autor verknüpft meisterhaft alle Elemente, die seine deutschen Fans an seinen Geschichten lieben: die Faszination einer magischen Welt – und ein kriegerisches Abenteuer …
Pierre Grimbert, 1970 in Lille geboren, arbeitete einige Zeit als Bibliothekar, bevor er in Bordeaux Buchwissenschaften und Publizistik studierte. Die "Magier"-Saga wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem "Prix Ozone" als bester französischer Fantasy-Roman. Der Autor lebt im Norden Frankreichs.
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Mein Name lautet Corenn. Die Zeit lastet noch nicht so schwer auf meinen Schultern, dass ich mich als alte Frau bezeichnen würde, doch die Wahrheitsliebe gebietet mir, meine zweiundsechzig Lenze einzugestehen.
Seit fast zwei Jahrzehnten bin ich im Ständigen Rat des Matriarchats von Kaul mit der Außenpolitik betraut. Mein Amt stellt mich häufig vor schwierige Entscheidungen. Obwohl die bekannte Welt einigermaßen in Frieden lebt, verfolgt jedes Königreich andere Interessen. Die Kunst der Diplomatie ist der einzige Weg, die guten Beziehungen zwischen den Ländern aufrechtzuerhalten. Doch wer nehmen will, der muss auch geben, und so ist Kaul manchmal zu Opfern gezwungen, um seine Unabhängigkeit zu wahren.
Diese Opfer können auch Menschenleben sein. Immer wieder sterben Agentinnen, die jenseits unserer Grenzen tätig sind – zumeist als Botschafterinnen, bisweilen aber auch als Spioninnen. Obwohl sie wissen, welche Gefahren sie auf sich nehmen, ist der Tod dieser Freiwilligen stets eine Tragödie, für die allein ich verantwortlich bin. Meine Entscheidungen führten dazu, dass unsere Diplomatinnen von jezebischen Stammesanführern enthauptet oder von jerusnischen Rebellen an einen Baum geknüpft wurden. Auf meine Bitte hin versuchte eine Gesandtschaft, beim neuen König der Thalitten vorzusprechen, und kehrte von dieser Mission nie wieder zurück. Solcherart sind die Beschlüsse, die ich Dekade um Dekade treffen muss.
Doch diese Bürde ist nichts im Vergleich zu dem grausamen Streich, den das Schicksal einer Handvoll Männern und Frauen gespielt hat. Einer Gemeinschaft, zu der auch ich gehöre.
Alles begann vor einhunderteinundvierzig Jahren, als ein Fremder namens Nol einige Gesandte aus verschiedenen Ländern der bekannten Welt auf einem Fleckchen Land nahe der lorelischen Küste versammelte: der Insel Ji. Zu den Weisen, die dort zusammenkamen, zählten auch meine Vorfahren. Sie alle verschwanden auf rätselhafte Weise und kehrten erst zwei Monde später zurück, schwer gezeichnet von einem Abenteuer, dessen Geheimnis sie mit ins Grab nehmen würden. Nol wurde nie wieder gesehen, und die Geschichte geriet bald in Vergessenheit.
Vier Generationen später begannen die fanatischen Priester Zuïas, die Nachkommen der Gesandten zu ermorden. Nur acht von uns entkamen der tödlichen Hetzjagd der Züu: ich selbst, meine Nichte Léti, Bowbaq vom Vogelklan und seine beiden Kinder, Reyan von Kercyan, Maz Lana und nicht zu vergessen der Mann, mit dem ich später den Bund schloss, der tapfere Grigán aus Griteh. Auch ein Außenstehender stieß zu uns: Yan, ein treuer Freund Létis, der ihr bis ans Ende der Welt folgte.
Nachdem bald nicht nur die Mörder im roten Gewand hinter uns her waren, sondern auch die Banditen der Großen Gilde, flohen wir von Land zu Land, um dem Tod zu entrinnen und dem Geheimnis unserer Vorfahren auf die Spur zu kommen. Wie sich herausstellte, war das die schwierigste Aufgabe, die ich je zu meistern hatte. Doch wir fanden die Antworten, die wir suchten, mag es nun Glück, eine Laune des Schicksals oder höherer Wille gewesen sein.
Nol ist ein Unsterblicher: Hüter des Jal’dara, eines wundersamen Tals, in dem die künftigen Götter der Menschheit heranwachsen. An diesen Ort hatte er unsere Ahnen geführt, indem er ihnen die verborgene magische Pforte von Ji öffnete – so wie er es immer dann tut, wenn zehn Menschengenerationen verstrichen sind.
Das Jal’dara ist die Kinderstube der Götter. Der Glaube der Menschen lässt die Unsterblichen dort langsam heranreifen, bis sie genug gelernt haben und den Gärten des Jal für immer den Rücken kehren. Dann lassen sie sich in ihrem neuen Reich nieder, um dort für alle Ewigkeit zu herrschen.
Die Gesandten der Sterblichen müssen nach jeder Reise entscheiden, wie sie mit dem Geheimnis umgehen, in das sie Nol eingeweiht hat. Sollen sie die Menschen warnen? Sich in Schweigen hüllen? Die Folgen einer solchen Offenbarung sind unabsehbar. Bislang entschieden alle Weisen, dass die Welt noch nicht bereit für dieses Wissen war. Aber ihr Leben war von Grund auf verändert. Manche wandten sich der Religion zu, andere zogen sich in die Einsamkeit zurück – und einige wenige verloren den Verstand.
Dazu gehörte auch Saat, ein Mann, der vor zwei Jahrhunderten geboren wurde und sich als größter Widersacher der Erben und ärgster Feind der Menschen erweisen sollte.
Usul erbebt in seiner Höhle. Nie zuvor hat er solche Verwirrung empfunden. Es ist wie ein Fieber. Trotz seines unergründlich tiefen Geistes vermag der Gott kaum noch zu erkennen, was die Zukunft birgt, und zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass ihm der Lauf der Welt entgleitet. Doch ihm bleibt nichts anderes übrig, als alle denkbaren Entwicklungen zu beobachten. Das ist seine einzige Fähigkeit, seine einzige Zerstreuung. Er ist der Wissende.
Kraft des menschlichen Willens ist er Usul, der Gott, der die Gestalt von Wassertieren annimmt. Seit Jahrtausenden fristet er sein Dasein als Gefangener einer unterirdischen Höhle auf einer kleinen Insel. Nur äußerst selten verirrt sich jemand dorthin. Den meisten Besuchern ist nichts Bedeutendes vorherbestimmt. Usul verachtet sie und setzt ihrem unwürdigen Dasein ein Ende. Einige hingegen haben einen gewissen Einfluss auf den Lauf der Welt. Ihnen gewährt der Unsterbliche einen Einblick in sein Wissen. Sein übermenschliches Wissen.
Seit Urzeiten weiß er, was Dingen und Menschen vorherbestimmt ist. Er kann nur über das nachsinnen, was ohnehin geschehen wird. Deshalb langweilt sich der Gott. Zumindest langweilte er sich bis zu dem Augenblick, in dem ein Sterblicher namens Yan zu ihm kam – vor dreiundzwanzig Jahren.
Diese Begegnung hat die Zukunft entscheidend verändert. Indem er einem Jungen einige künftige Ereignisse offenbarte, hat der Gott alles ausgelöscht, was für die kommenden Jahrhunderte geschrieben stand. Denn die Zukunft kann nur verändert werden, wenn sie jemandem enthüllt wird, der darin eine Rolle spielt. Usul platzt fast vor Stolz, dass er die Welt derart beeinflusst hat. Er hat es seinen Brüdern und Schwestern, die viel mächtiger sind als er, endlich einmal so richtig zeigen können.
Und doch fürchtet sich der Gott vor dem, was er selbst herbeigeführt hat. Der Weg, den die Geschichte einschlagen wird, mag noch unendlich viele Windungen nehmen, aber letzten Endes gibt es nur zwei Möglichkeiten, wie alles ausgehen wird.
Eine davon schließt seinen eigenen Tod mit ein.
Also lauscht der Gott den Menschen, grübelt über die Welt nach und versucht, die Zukunft zu enträtseln. Jeden Augenblick geschieht etwas Unerwartetes, das seine Überlegungen zunichtemacht. Und seit jenem grauenvollen Tag, an dem die Karten völlig neu gemischt wurden, überstürzen sich die Ereignisse.
Das Schicksal der Welt wird nicht in vierzig oder sechzig Jahren besiegelt werden, wie er ursprünglich gedacht hat. Schon in wenigen Monden entscheidet sich alles.
Und Usul wird dabei noch einmal die Hände im Spiel haben.
Saat gehörte zu der Gesandtschaft, zu der auch meine Ahnen zählten, lange vor unserer Geburt. Er war der Begleiter des goronischen Prinzen Vanamel, der die Reise nicht überleben sollte. Außerdem war er Magier, und durch die übernatürlichen Kräfte, die im Jal’dara wirken, stieg ihm seine Macht zu Kopf.
Obwohl ihn Nol und die anderen Gesandten warnten, manipulierte der Hexer die Gedanken eines der Götterkinder, das unbekümmert durch das Tal streifte. Die Gärten des Jal selbst sind unveränderlich, aber die Persönlichkeit des Gottes war für immer verdorben. Durch diesen ungeheuerlichen Eingriff, den er mehrmals wiederholte, lockte Saat das Kind in die Welt der Dämonen.
Das Jal’dara ist nicht der einzige Ort, an dem die Unsterblichen heranwachsen. Finster und modrig ist das andere Reich, ein wucherndes, sich ständig veränderndes Labyrinth unmittelbar unter den blühenden, friedlichen Gärten des Jal: Karu, die Unterwelt.
Durch einen dummen Fehler Vanamels sahen sich unsere Vorfahren gezwungen, in die dunklen Höhlen hinabzusteigen. Saat und der kleine Junge, dessen Wesen sich bereits zu verändern begann, sollten nie wieder in das Tal zurückkehren. Ihren schwarzen Seelen war der Zugang zur Welt des Dara für immer verschlossen.
Dem Hexer gelang es, seinem jungen Dämon Lebenskraft zu entziehen und dadurch mehr als ein Jahrhundert in dem gespenstischen Labyrinth zu überleben. Während dieser Zeit formte er den Unsterblichen nach seinem Ebenbild und gab ihm schließlich auch einen Namen: Sombre. Der Bezwinger.
Ich weiß nicht, wie Saat es schaffte, aus dem Jal’karu zu fliehen. Jedenfalls kannte er, nachdem er in die Welt der Menschen zurückgekehrt war, nur noch ein Ziel: die Oberen Königreiche zu erobern. Mit seinen magischen Fähigkeiten, seiner göttlichen Lebensquelle und dem grausamsten aller Dämonen an seiner Seite schien seinem Ehrgeiz nichts mehr im Wege zu stehen. Er hatte sich einen Verbündeten herangezogen, ihm Mordlust und Blutgier eingeflößt und einen Unsterblichen in der Gestalt eines jungen Mannes erschaffen, der mit dem arglosen Kind aus dem Jal’dara nichts mehr gemein hatte.
Mit seiner Hilfe konnte Saat in den Ländern des Ostens mühelos Anhänger um sich scharen und ein gewaltiges, vierzigtausend Mann starkes Heer aufstellen. Während er sich auf seinen Eroberungsfeldzug vorbereitete, setzte er die grausamen Züu-Mörder auf die Nachkommen seiner einstigen Reisegefährten an. Damit zwang er...




