E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Die Krieger-Serie
Grimbert Der Verrat der Königin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12806-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Krieger 2 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Die Krieger-Serie
ISBN: 978-3-641-12806-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Suche der Magier ist beendet und das Geheimnis von Ji gelüftet – so scheint es zumindest. Doch Jahre später bricht plötzlich das Böse über die Kinder der Gefährten herein. Erneut droht Gefahr! Für die jungen Krieger beginnt eine abenteuerliche Reise, auf der sie das geheimnisvolle Erbe ihrer Vorfahren antreten müssen. Die Fortsetzung der mitreißenden „Magier“-Serie von Pierre Grimbert!
Fantastisch, voller Abenteuer und spannend wie ein Krimi.
Pierre Grimbert, 1970 in Lille geboren, arbeitete einige Zeit als Bibliothekar, bevor er in Bordeaux Buchwissenschaften und Publizistik studierte. Die "Magier"-Saga wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem "Prix Ozone" als bester französischer Fantasy-Roman. Der Autor lebt im Norden Frankreichs.
Weitere Infos & Material
Ich bin Königin Che’b’ree Lu Wallos, Tochter von Tol’b’ree Lu Wallos und sechsundzwanzigste Herrscherin in der Ahnenlinie der B’ree, deren Territorium vom Gull-Gebirge im Norden bis zu den Ufern der Miroise im Osten und den Hügeln des Sandmeers im Süden reicht.
Noch vor zwanzig Jahren war mein Königreich doppelt so groß, und alle wallattischen Länder zusammen nahmen das Zehnfache ihrer heutigen Fläche ein. Doch dann kam Saat, verflucht sei sein Name, und wir folgten dem Hexer in einen Krieg, der mit einem blutigen Massaker endete. Einem Massaker an meinen Kriegern. Für Saats Machtgier zahlte mein Volk einen hohen Preis.
Solener und Thalitten überquerten unsere Grenzen, rückten immer weiter vor und drängten uns an den Fuß der Berge zurück. Unsere einstigen Sklaven sind nun unsere Kerkermeister, und wir müssen unablässig kämpfen, um nicht ausgelöscht zu werden. Ich verteidige uns mit der ganzen Kraft, die ich habe, und ich muss es allein tun. Ich bin die einzige wallattische Herrscherin, die noch am Leben ist.
Nach der Schlacht versammelten sich die letzten Angehörigen der wallattischen Klans unter meinem Banner, hauptsächlich Frauen und Kinder, aber auch gut fünfzig Männer, die Saat die Treue verweigert hatten. Die wenigen Krieger, die das Massaker in der Heiligen Stadt überlebt hatten, schlossen sich mir ebenfalls an. Die ersten Jahre meiner Herrschaft waren schwer, doch mittlerweile sind unsere Kinder herangewachsen, und wir sind wieder ein stolzes, unabhängiges Volk. Auf unseren Feldern wächst Getreide, in unseren Kellern lagert Fleisch, und an unseren Lowas klebt das Blut unserer Feinde.
Dennoch schweben wir in ständiger Gefahr. Die Thalitten müssten sich nur mit den Solenen verbünden, um uns von der Landkarte zu tilgen und aus der Erinnerung der bekannten Welt zu verbannen. Würden sich die Anführer dieser Barbarenhorden nicht inbrünstig hassen, wären wir innerhalb einer Dekade vernichtet. Auch wenn sie alle nach den wenigen Ländereien gieren, die noch in unserem Besitz sind, belauern sie sich gegenseitig voller Argwohn. Meine Spitzel informieren mich regelmäßig über ihre Verhandlungen. Doch sollten sie irgendwann beschließen, gemeinsam anzugreifen, wäre ich machtlos. Ich kann nur hoffen, dass es nie dazu kommt.
Seit zwei Jahrzehnten ist jeder Tag, an dem Wallatt verschont bleibt, ein gnädiger Aufschub. Die Bedrohung schnürt mir die Kehle zu und raubt mir den Schlaf – gleichwohl weigere ich mich, darin ein Zeichen zu sehen, dass ich vor der Zeit gealtert bin. Mit zweiundfünfzig Jahren führe ich das Schwert oder die Lowa immer noch ebenso geschickt wie jeder Krieger, und so nehme ich keinen Mann in meine Leibwache auf, wenn er mich nicht zuvor im Zweikampf besiegt hat. Die meisten unterliegen mir.
Hass stärkt meine Entschlossenheit und schürt meinen Zorn. Ich habe Saat unzählige Male verflucht, und ich werde es bis an mein Lebensende tun. Die Erinnerung an seine kalte, runzelige Haut, sein schauerliches Gerippe und diesen Geruch nach Moder und Tod lässt mich nicht los. Ich teilte das Lager mit einem Unmenschen, um ein Königreich zu gewinnen, und muss nun darum kämpfen, nicht auch noch die Ländereien meiner Vorfahren zu verlieren.
Der Hexer nahm mir alles: meine Ehre, mein Glück und mein Begehren. Seit ich wieder und wieder meinen Ekel überwand, um ihm zu Willen zu sein, kann ich mich keinem Mann mehr hingeben. Manche sehen das als Zeichen der Treue, denn alle wissen, dass ich die Geliebte des hohen Dyarchen war. Sie halten mich für eine ergebene Witwe. Nur meine Vertrauten kennen die Wahrheit: Körperliche Liebe stößt mich ab. Die Vorstellung, jemand könnte mich besitzen, ertrage ich nicht mehr. Ich gehöre niemandem.
Der Letzte, der meine Beweggründe falsch einschätzte, war ein Hauptmann, den ich für eine strategische Besprechung zu mir gerufen hatte und der versuchte, mich zu küssen. Er sollte seine Dreistigkeit bitter bereuen. Wir Wallatten sind nicht gerade für unser weiches Herz bekannt. Ich ließ den Lustmolch auf das Dornenrad spannen, auf dem er drei Tage lang dahinsiechte, und warf seine Überreste meinen Hunden vor. Seither schlagen fast alle Krieger die Augen nieder, wenn sie mir begegnen, und wagen kaum noch, das Wort an mich zu richten. Doch das ist mir nur recht. Gespräche fesseln mich ohnehin nur selten. Meine Gedanken kreisen um das Wesentliche.
Um die Zukunft meines Königreichs.
Um das Amulett, das ich niemals ablege, und die Alpträume, die damit verbunden sind.
Und um meinen Sohn, Keb. Er ist der einzige Lichtblick in meinem Leben. Ich würde vermutlich nicht so verbissen für Wallatt kämpfen, wenn ich nicht eines Tages ihm das Reich übergeben wollte. Keb ist der einzige Mensch, der mich liebt, aufrichtig liebt. Der Einzige, dem ich voll und ganz vertraue.
Zu meinem Unglück ist er auch Saats Sohn.
Seit fünfzehn langen Jahren war Gilas nun schon Leuchtturmwärter. Diese Arbeit tat er keinesfalls aus Leidenschaft. Als Junge war er bei einem Fassbinder in die Lehre gegangen, aber nachdem die Werkstatt seines Meisters niedergebrannt war, hatte er sich einen anderen Broterwerb suchen müssen. Als ihm der Posten an der Felsküste vor Lorelia angeboten worden war, hatte Gilas keinen Augenblick gezögert, denn er war froh gewesen, nicht wie so viele als Bettler in der Hauptstadt zu enden.
Die Arbeit war nicht besonders anstrengend, und die meiste Zeit rührte er kaum einen Finger. Seine Amtsbrüder, die elf anderen Wärter der Leuchttürme von Zelanos, die entlang der lorelischen Küste verteilt waren, verachteten ihn deswegen. Doch das war Gilas egal, denn er traf sie ohnehin nur selten. Das war der größte Nachteil seines Berufs: Man langweilte sich zu Tode. Die anderen verbrachten ihre Zeit damit, zu lesen, zu malen oder sich um ihre Familien zu kümmern. Er hingegen hatte noch nie länger mit einer Frau zusammengelebt und konnte sich für keine Tätigkeit begeistern. Auch der Fassbinderei war er bald überdrüssig geworden, obwohl er sie sich selbst zum Beruf erwählt hatte.
So stützte sich Gilas tagein, tagaus auf das Geländer seines Ausgucks gut hundert Schritte über dem Wasser und starrte aufs Mittenmeer hinaus. Kein Schiff, das vorbeisegelte, entging ihm, und an diesem Küstenabschnitt kamen viele Schiffe vorbei. Der Leuchtturm war einer von dreien in der Nähe von Lorelia, und jedes Schiff, das in Richtung Ith, Yérim oder Mythr auslief, passierte zwangsläufig den Felsen, auf dem er stand.
Von seinem ersten Lohn hatte er sich ein teures Fernrohr gekauft, das er kaum noch aus der Hand legte. So war es sein einziger Zeitvertreib, den Besatzungen der Schiffe hinterherzuspionieren, und sein einziger Traum, eines Tages selbst in See zu stechen. Doch dazu war er viel zu träge. Nur wenn es nicht anders ging, stieg er in sein Boot und ruderte zum Festland hinüber, um neue Lebensmittelvorräte zu kaufen oder dem Hafenmeister einen Schiffbruch zu melden. Am liebsten wäre er immerzu in seinem von Wellen und Gischt umtosten Turm geblieben und hätte mit dem Schicksal gehadert, das ihn hierher geführt hatte.
Aber heute war alles anders. Heute beobachtete er etwas Außergewöhnliches, etwas, das in den letzten fünfzehn Jahren nicht vorgekommen war und ihm das Gefühl gab, das Glück habe sich gewendet. Er stand lange da und verfolgte die Gabiere durch das Fernglas, bevor er die vierhundert Stufen seines Leuchtturms hinuntereilte und mit kräftigen Ruderschlägen nach Lorelia übersetzte.
Innerhalb eines Dekants war er zurück, und einen weiteren Dekant später wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte: Die Sache war von größter Bedeutung.
Eine Schaluppe steuerte von der Stadt her auf seine winzige Felseninsel zu. Seit fast vier Jahren hatte er keinen Besuch mehr gehabt!
Ebenso neugierig wie ungeduldig starrte Gilas durch das Fernrohr auf den Mann, der von zwei Ruderern begleitet wurde. Er trug teure, aufwendig bestickte Kleidung und sah aus wie ein Vertrauter des Königs. Zumindest schien er ein reicher Mann zu sein. Der Leuchtturmwärter beschloss, aus dem ungewohnten Interesse an seiner Person Kapital zu schlagen, sank in seinen Lieblingssessel und wartete darauf, dass der Unbekannte die Stufen zu seinem Ausguck erklomm.
Der Leibesfülle und seinem fortgeschrittenen Alter zum Trotz brachte der Mann den mühseligen Aufstieg in bemerkenswert kurzer Zeit hinter sich. Als er vor Gilas stand, kam der Wärter sich plötzlich wieder klein und unbedeutend vor. Er hatte sich ausgemalt, sein Wissen nur stückweise und gegen eine angemessene Belohnung preiszugeben, doch unter dem missmutigen Blick seines Gegenübers wurde ihm mulmig zumute. Selbst als einfacher Leuchtturmwärter, der fernab der Welt lebte, sah er auf Anhieb, dass der Fremde widerspruchslosen Gehorsam gewohnt war. Die Hände mit den schweren Diamantringen hatten vermutlich Macht genug, unliebsame Zeitgenossen mit einem kleinen Wink an den Galgen zu bringen, und der Mann schien durchaus in der Stimmung, von seinem Privileg Gebrauch zu machen.
»Du bist also derjenige, der die Gabiere beobachtet hat?«, vergewisserte sich der Besucher, den der Aufstieg kaum aus der Puste gebracht hatte.
Gilas nickte hastig und bereute plötzlich, sich in die Sache eingemischt zu haben.
»Du hast dem Hafenmeister Bericht erstattet. Deine Geschichte kam mir zu Ohren. Erzähl mir genau, was du gesehen hast.«
Der Wärter leckte sich über die Lippen und schluckte. Er hatte das ungute Gefühl, dass er bei einer falschen Antwort viel mehr als nur seinen Posten verlieren...




