E-Book, Deutsch, 146 Seiten
Grimm Der Tag der toten Katze
Neuauflage 2016
ISBN: 978-3-945230-15-2
Verlag: Leseratten Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 146 Seiten
ISBN: 978-3-945230-15-2
Verlag: Leseratten Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die aus Salzgitter stammende Autorin Geli Grimm ist ein Kind der 1970er. Nach ihrer Laufbahn einer klassischen »Tippse« (blonde Abschreibhilfe in adretter Kleidung, die den weltbesten Kaffee kocht und Karriere macht) wechselte sie von beruflichem Erfolg zum Familienmanagement und ist inzwischen Mutter von drei charmanten Jungs, Angetraute eines nachsichtigen Vertreters der Gattung Ehemann, von Herzen verbundene Schwester sowie zeit ihres Lebens liebende Tochter der elterlichen Wurzeln. Dem Schreiben, schon seit Schulzeiten eine Leidenschaft von ihr, ist sie allen Widrigkeiten zum Trotz zumindest als freie Journalistin treu geblieben. Doch nun sieht sie die Zeit für gekommen, über die mediale Berichterstattung hinaus mit ihren Ideen an die Öffentlichkeit zu treten.
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Treue bis in den Tod
Ich hasse es, wenn der Tag damit beginnt, dass ich eine überfahrene Katze begraben muss, dachte Rebecca schaudernd. In dem vergeblichen Versuch, ihre klammen Finger zu wärmen, legte sie ihre Hände um die dampfende Teetasse und versuchte, sich auf das aufsteigende Aroma zu konzentrieren. Grundgütiger! Was für ein Scheißtag.
Dabei hatte alles ganz normal angefangen. So wie immer. Und jetzt glich ihr Leben einem Albtraum. Sie wagte nicht, in den Garten hinauszublicken. Am hinteren Ende huben kleine Bagger noch immer schaufelweise Erde aus. Mitarbeiter der Spurensicherung stiegen in Plastikanzügen über die Erdhaufen und sammelten vereinzelte Proben ein.
»Stop!«, schrie der Baggerführer. »Da unten ist wieder was.«
Lieber Gott, nicht wieder eine, betete Rebecca stumm. Wann kommt Stefan nur? Ich will hier nicht alleine bleiben mit all diesen Leichen vor der Haustür.
Sie würde den heutigen Tag nie vergessen, so viel war sicher. Er würde als einer der schlimmsten Tage in ihre eigene persönliche Chronik eingehen, gleich nach dem Tag des Handtaschenraubs und dem, als ihre Mutter starb. Vielleicht würde er auch die Liste der Schreckenstage anführen. Sie vermutete Letzteres. Sie musste etwas tun, sonst würde sie verrückt.
Um sich abzulenken beschloss sie, die Habseligkeiten des verstorbenen Erbonkels durchzugehen, die sie bei ihrem Einzug in das Haus in den Keller verfrachtet hatte. Vielleicht fand sie dort eine Erklärung für das Massengrab in ihrem Garten. Falls für so etwas überhaupt eine Erklärung existierte.
Als sie steifbeinig die steilen Kellerstufen hinunter stakste, musste sie wieder an den armseligen kleinen Katzenkadaver denken. Kelly hatten sie die kleine, rot getigerte Findelkatze getauft, die vor einiger Zeit plötzlich auf dem Grundstück aufgetaucht war. Ein abgemagertes, erbarmungswürdiges Fellhäufchen, das die Herzen der ganzen Familie im Sturm erobert hatte. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass sie mehr als unzugänglich war und sofort das Weite suchte, sobald sich eine Person näherte.
Obwohl sie gerne das angebotene Futter annahm und zusehends kräftiger wurde, weigerte sie sich vehement, das Haus zu betreten und schlief lieber im Geräteschuppen. Die ersten warmen Tage des Frühlings verbrachte sie versteckt hinter der dichten Ligusterhecke, von wo sie das Haus mit ihren bernsteinfarbenen Augen stundenlang beobachtete.
Eine sonnige Ecke im hintersten Teil des großen Gartens hatte es ihr besonders angetan. Sie verbrachte ganze Nachmittage beim Sonnenbaden auf einem weniger stark bewachsenen Fleckchen Erde, dessen sandiger Boden leicht eingesunken war und eine kaum wahrnehmbare Mulde bildete. Rebecca und ihr Mann ließen diesen Teil des Grundstücks absichtlich verwildert, so wie sie es beim Antreten der Erbschaft vorgefunden hatten. Eine naturbelassene Oase der Ruhe am Ende der ansonsten kurz getrimmten giftgrünen Rasenfläche und architektonisch geschickt arrangierten Blumenbeete.
Um die wilde Blumenwiese vom Rest des durchorganisierten Gartens abzugrenzen, hatte sich Rebecca einen lange gehegten Traum erfüllt und davor einen Gemüsegarten angelegt. Der Boden dort erwies sich als sehr fruchtbar, das Gemüse wuchs und gedieh von Tag zu Tag prächtiger.
Vom Schlafzimmer im ersten Stock hatte man einen herrlichen Blick über die gesamte parkähnliche Anlage. Oft stand Rebecca am Fenster und ließ ihren Blick stolz über ihren Besitz schweifen. Wenn man bedachte, dass sie vor einigen Monaten noch in diesem winzigen Loch in der Berliner Innenstadt gehaust hatten …
Im Geiste durchlebte sie wieder jene albtraumhaften Momente der vergangenen Zeit. Es begann damit, dass sie auf offener Straße von einem Handtaschenräuber niedergeschlagen wurde. In der Schule ihrer Jungs gehörten Krawalle zur Tagesordnung. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wurde ihr Auto auch noch von irgendwelchen Individuen für einen Raubüberfall zweckentfremdet. Doch dann, eines Tages, flatterte ihnen das Schreiben eines Münchner Rechtsanwalts ins Haus. Noch immer konnte sie ihr Glück kaum fassen. Wer hätte gedacht, dass der verstorbene Großonkel ihres Mannes, der sich laut Familienchronik vor über dreißig Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion ins Ausland abgesetzt hatte, ihnen nun in seinem Testament seinen gesamten weltlichen Besitz vor den Toren Münchens vermachte?
Der Umzug in diese bayerische Idylle war ein Wendepunkt in ihrem bisherigen Leben. Alles verlief wunderbar. Rebecca und ihr Mann fanden schnell eine neue Anstellung, und den Kindern gefiel es in der neuen Schule ausgesprochen gut.
Anfangs hatte sie häufig eine namenlose Angst überkommen, dass diese Fügung des Schicksals irgendwann wie eine Seifenblase zerplatzen würde und ihr Traum vom Glück sich in einem Nebel aus Seelensplittern in alle Himmelsrichtungen verflüchtigen würde. Doch mit jedem Tag wurden diese quälenden Gedanken weniger, bis sie schließlich aufgaben, Rebeccas Seele zu terrorisieren. Endlich begann sie vorbehaltlos, sich auf die Zukunft zu freuen.
Und jetzt das, dachte sie bitter.
Sie öffnete widerstrebend den ersten der beiden großen Kartons, in denen sie die Tagebücher und andere persönliche Dinge des Erbonkels aufbewahrten. Mit spitzen Fingern ging sie die Habseligkeiten auf der Suche nach Antworten durch, während ihre Gedanken noch einmal den heutigen Vormittag durchspielten. War es wirklich erst ein paar Stunden her, als sie frohgemut die Bettdecke zurückgeschlagen hatte und in ihre Pantoffeln geschlüpft war?
Der wolkenlose Himmel versprach einen herrlichen Frühsommertag. Die Kinder waren schon in der Schule, Stefan hatte sie auf dem Weg zur Arbeit mitgenommen. Rebecca hatte sich heute freigenommen, da sie später einen lange aufgeschobenen Arzttermin wahrnehmen wollte und nachmittags auch noch zum Elternsprechtag in Gregors Schule musste.
Vor meinem Zehn-Uhr-Termin bei Doktor Hartmann bleibt mir noch genügend Zeit, um das Haus aufzuräumen, hatte sie gedacht und die Bettdecken zum Auslüften aus dem Fenster gehängt. Wie von selbst wanderte ihr Blick zur Wildwiese, die um diese Uhrzeit noch im kühlen Halbschatten lag. Die Morgensonne ließ die Tautropfen an den Grashalmen aufglitzern. Und dort, in ihrer Mulde, lag bereits die kleine rote Katze.
Seltsam, normalerweise sah man sie erst am Nachmittag. Rebecca dachte sich jedoch nichts weiter dabei und fuhr mit der Hausarbeit fort. Eine halbe Stunde später trug sie den Futternapf mit frischem Dosenfutter zum Schuppen. Danach schlug sie den Weg zum Gemüsegarten ein, um Schnittlauch für ein Butterbrot abzuschneiden. Automatisch suchten ihre Augen die kleine Katze. Und wirklich, da lag sie und rührte sich nicht, trotz Rebeccas Anwesenheit.
Vielleicht gewöhnt sie sich endlich an mich, dachte sie froh und näherte sich langsam dem reglosen Tier. Dann sah sie die Blutspur und den zermalmten Hinterkörper, und ihr Lächeln erstarb.
»Oh nein!«, stieß sie hervor. Eine Mischung aus Ekel und Mitleid rumorte in ihrem Magen. Sie brauchte gar nicht weiter nach Lebenszeichen zu fahnden. Die Katze war unübersehbar tot.
Rebeccas Blick folgte der Blutspur, die zur Straße führte. Sie konnte es kaum glauben. Irgendwie hatte sich das schwer verletzte Tier vom Unfallort zu seiner Lieblingsstelle im Garten geschleppt, um dort zu sterben.
Hier werde ich die kleine Leiche begraben, beschloss Rebecca spontan. Und zwar, bevor die Kinder von der Schule heimkommen.
Ein geeigneter Schuhkarton war schnell gefunden, und der Spaten ließ sich ohne große Anstrengung in das Erdreich stoßen.
Wie tief sollte ein Tierkadaver vergraben werden?, versuchte sie sich zu erinnern. Dreißig Zentimeter? Fünfzig? Oder mehr?
Sie arbeitete sich weiter vorwärts und stieß nach einem halben Meter plötzlich auf einen seltsamen Widerstand.
Ein Stein, dachte sie und versetzte das Werkzeug ein wenig, bevor sie den Fuß erneut gegen die Trittfläche des Spatenblattes rammte.
Kurz darauf entströmte der dicken Plastikfolie, die sie unabsichtlich mit dem Spaten perforiert hatte, ein solch überwältigender Gestank, dass sie keuchend zurücktaumelte und sich explosionsartig auf ihre Schuhe erbrach.
Zum Teufel, was war das? Rebecca sah sich selbst in Gedanken wieder an den Rand des Erdlochs treten und fassungslos in das offene Tor zur Hölle starren. Ein verwester menschlicher Kiefer grinste zu ihr hoch. Sie erinnerte sich vage daran, aufgeschrien zu haben. Sie schrie und schrie wie eine Verrückte, als sie hilflos ins Haus stolperte, und schluchzend die Polizei anrief.
Drei Leichen. Das war zumindest der letzte Stand vor einer halben Stunde gewesen. Man konnte noch nicht viel mehr dazu sagen. Die menschlichen Überreste waren in den dicken Plastikfolien »suppig« geworden, wie es ein Mitarbeiter der »SpuSi« etwas salopp ausdrückte. Eine Identifizierung würde sich als ziemlich schwierig erweisen. Rebecca vermutete, dass es sich bei den Leichen um die ominösen polnischen Haushälterinnen des verstorbenen Erbonkels handeln musste. Wie oft hatte sie die Nachbarn über den Verschleiß des Alten an jungen, attraktiven Hausgehilfinnen herziehen hören? Wahre Orgien hatte die neugierige Nachbarschaft hinter den hohen Mauern des Grundstücks vermutet.
Orgien wahrscheinlich nicht, dachte Rebecca nun. Wohl eher Morde. Sie stutzte und schlug das Tagebuch, in dem sie eben geblättert hatte, eine Seite zurück. Hatte sie das richtig gelesen?
»Katalin hat tatsächlich eine Katze angeschleppt. Verdammt, sie weiß doch von meiner Allergie! Ich werde das Vieh nicht im Haus dulden. Wenn sie es...




