Gross | Der Globetrotter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 540 Seiten

Gross Der Globetrotter

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1390-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 540 Seiten

ISBN: 978-3-7534-1390-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Globetrotter Peter Stuyvesant erzählt von seinen Reisen um die Welt - das ist natürlich ein gefundenes Fressen für den Lektor Hans Maibaum und seinen Verlag! Hans fliegt nach Rangiroa in der Südsee, um die Geschichten aufzunehmen, die Peter nur mündlich erzählen kann. Doch die Geschichten irritieren Hans zusehends und wecken seinen Argwohn. Irgendetwas stimmt mit den Geschichten nicht! Immer mehr verlässt Hans seine Rolle als neutraler Zuhörer, während Peter sich nicht in die Karten schauen lassen will. Ein Psychoduell beginnt, bei dem einer der beiden sogar in Lebensgefahr gerät.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Die Welt meiner Schwestern (2014); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); Die sechzigste Ansicht des Berges Fuji (2017); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Lebkuchenstadt (2020); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020).

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Autoren/Hrsg.


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»Abgedreht am Alsterfleet
Meine erste Reise unternahm ich mit zehn. Ich durfte meinen Onkel in Hamburg besuchen, nach vielem Bitten, weil er in der Familie nicht gut angesehen war und meine Mutter Zweifel hatte, ob er, Onkel Fritjof, ein guter Umgang für einen Zehnjährigen sei. Es war ein Onkel ohne Tante, ein Junggesellenonkel, der das heimische Wanne-Eickel mit sechzehn verlassen hatte und in den Norden gezogen war, ans Meer sozusagen. Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich zum ersten Mal aus dem Dunstkreis des Ruhrgebiets herauskam, allein, ohne elterliche Beaufsichtigung. Ich wurde in den Zug gesetzt, der Schaffner gebeten, auf mich aufzupassen, und ein paar Stunden später stand ich in der riesigen eisernen Halle des Hamburger Bahnhofs und staunte. Onkel Fritjof verspätete sich, sodass ich die Zeit nutzen konnte, mich umzusehen. Von der Decke hingen Werbeplakate von einer Größe, wie ich sie noch nie gesehen hatte, und Züge und SBahnen fuhren ein und aus. Ich sah Menschen schwarzer und gelber Hautfarbe, Vietnamesen, Afrikaner, Inder mit Turbanen, es gab chinesisches Essen und arabische Imbisse, und aus der ganzen Vielfalt der Menschen und Kulturen tauchte mein Onkel Fritjof auf wie ein Wüstenwanderer, hager, mit rotem Bart und langen Haaren, in Fischerhemd und Prinz-Heinrich-Mütze. Er begrüßte mich wortkarg, ich legte meine Hand in seine und ließ mich führen. Wir fuhren eine Station mit der U-Bahn, und ich hatte noch nie so viele Gleise und Tunnelebenen unter der Erde gesehen. Dann gingen wir den Neuen Wall entlang bis zu einem prachtvollen, aber etwas heruntergekommenen Haus mit klassizistischer Fassade, wo er eine kleine Wohnung im hinteren Teil hatte. Die Fenster gingen auf das Alsterfleet hinaus; ich hängte mich gleich auf die Fensterbank und schaute nach Schiffen, aber außer einer blauweißen Barkasse, die Hafenrundfahrten machte, war nichts zu sehen. Wenn du Schiffe sehen willst, sagte Onkel Fritjof grinsend, dann musst du in den Hafen. Au ja! Wir schauen uns zuerst die Landungsbrücken an, und dann nehm ich dich mit in den Frachthafen. Au ja! Onkel Fritjof arbeitete in einem Musikladen und verkaufte Platten. Er hatte eine akustische und eine elektrische Gitarre zuhause stehen, spielte in einer Band und rauchte tütenförmige Zigaretten, die merkwürdig rochen. Was rauchst du da? Ich rauche ein Harz aus dem Orient, sagte er. Das macht lustig und beruhigt die Gedanken. Das brauch ich, um nicht abzudrehen. Ich wusste nicht, weshalb Onkel Fritjof abdrehen sollte, aber das mit dem Harz aus dem Orient interessierte mich. Er zeigte es mir, ich schnupperte an dem schwarzbraunen Krümel und stellte mir Karawanen mit Beduinen und Kamelen vor, die Säcke davon durch die Wüste schleppten. An den Landungsbrücken gefiel es mir. Es wehte ein Wind und wühlte das Wasser auf, als wäre man am Meer. Das allerdings, erklärte Onkel Fritjof, liege hundert Kilometer flussabwärts. Was ich hier sähe, sei nur die Elbe. Dafür aber sah ich Schiffe. Ich konnte es kaum fassen. Da schwammen die Riesenpötte direkt vor mir vorbei, groß wie Häuser, die Stahlwände hoben sich in den Himmel, sodass ich kaum den Kopf weit genug in den Nacken legen konnte. Passagierschiffe lagen an den Kais, ein Segelschiff gab es zu besichtigen, ich nannte sie insgeheim Bark, weil ich das irgendwo aufgeschnappt hatte, und ein Frachter lag auch da, wie ich ihn aus meinem Erdkundebuch kannte, mit spitzem Bug und breiter Brücke und dem Ladegeschirr auf dem Deck. Onkel Fritjof ging mit mir in den Hafen, wohin nur wenige kommen, durch den Fußgängertunnel unter der Elbe hindurch. Ich sah die Ladekräne aus der Nähe, sah das Trockendock von Blom&Voss, schaute in Lagerhallen mit Türmen von Säcken, ließ mir erklären, wie man Stichproben aus den Kaffeesäcken nahm und wie in den Speicherhäusern der Speicherstadt der Tee in Kisten gelagert wurde. Onkel Fritjof ging mit mir ins Gewürzmuseum, und schon der Aufstieg über die schmalen Treppen, zwischen nackten Wänden von Boden zu Boden, die Flaschenzüge in den Luken, weckte in mir Bilder von Hafenarbeit und seltenen Gütern. Im Museum war ich besonders fasziniert von den Gewürzen. Diese Vielfalt, die köstlichen Düfte, die klangvollen Namen ergriffen mich wie nichts sonst: Pfeffer, Kreuzkümmel, Kurkuma, Koriander, Anis, Nelken, Zimt, Vanille, Muskat, Piment! Onkel Fritjof meinte, ich sei reif für das Harz aus dem Orient, lachte und ließ mich an seiner Zigarette ziehen. Ich atmete den Rauch tief ein, wie er es gesagt hatte, und musste jämmerlich husten. Ich probierte es nochmal und nochmal, und dann spürte ich den harzigen Geschmack in der Lunge. Ich wurde lustig, weil Onkel Fritjof sich kaputtlachte, und meine Gedanken beruhigten sich, weil ich an die große weite Welt dachte, in die ich einmal reisen würde, mit dem Schiff natürlich, aber sonst passierte nichts. Ich durfte zwei Wochen bleiben. Onkel Fritjof nahm mich mit in den Musikkeller seiner Band, dazu musste wir eine Stunde mit der UBahn fahren, ich lernte eine Menge bärtiger Leute in Jeans und T-Shirts kennen, durfte auf dem Schlagzeug herumtrommeln und wurde von einer Frau mit Stoppelhaaren und einem Ring durch die Nase geknuddelt und geschmust. Mir gefiel es sehr bei Onkel Fritjof. Aber dann ging das Harz aus dem Orient zur Neige, und es passierte, was er befürchtet hatte: Onkel Fritjof drehte ab. Er tigerte unruhig durch die Wohnung, stellte den Verstärker seiner E-Gitarre auf volle Lautstärke, saß manchmal reglos da und starrte gegen die Wände, dann schnappte er mich und wollte einkaufen gehen, irrte aber stundenlang auf den U- und S-Bahnnetzen hin und her, stopfte sich an einem Imbiss eine Currywurst nach der anderen rein, hielt es abends nicht mehr aus und ging zu Freunden auf Partys, wo ich in einer Ecke hockte und Alkohol verabreicht kriegte und zusah, welche komischen Verrenkungen die Männer und Frauen auf dem Boden machten. Eines Morgens lag er im Bett und fing an zu schreien, einfach so, brüllte Revolutíon! und Macht kaputt, was euch kaputtmacht!, rannte zum Fenster und stellte sich nackt hinein, mit weit offenen Fensterflügeln, sein Schniedelwutz stand ab wie ein Lauchstängel. Da das Fenster zum Fleet hinausging, hatte das keine größeren Folgen, aber ich begann doch langsam, an Onkel Fritjofs Verstand zu zweifeln. Blöderweise hatte ich meiner Mutter versprochen, einen Brief aus Hamburg zu schreiben, und blöderweise erwähnte ich Onkel Fritjofs „Krankheit“, wenn auch nur nebenbei. Denn dass meine Eltern Onkel Fritjofs Lebensweise, würden sie sie so genau kennen wie ich, nicht gutheißen würden, war mir schon klar. Es kam, wie es kommen musste. Mutter rief eines Abends an, fragte Onkel Fritjof aus, der sagte, es gehe ihm gerade nicht so gut, und Mutter beschloss, mich augenblicklich nach Hause zu holen. Da ich das Rückreiseticket noch nicht gebucht hatte, begleitete mich Onkel Fritjof am nächsten Tag zum Bahnhof, kaufte das Ticket und setzte mich mit Sack und Pack in den Zug. Tut mir leid, Junge, sagte er. Aber bald kommt das Harz aus dem Orient, dann geht es mir wieder besser. Komm mal wieder her, dann zeig ich dir Planten un Bloomen und den Fernsehturm. Ich war traurig und drückte Onkel Fritjof, auch wenn er ein bisschen streng roch, weil er sich seit Tagen nicht gewaschen hatte. Zu einem Wiedersehen kam es leider nicht mehr, weil Mutter irgendwie mehr über Onkel Fritjofs „Krankheit“ herausbekommen hatte und mir kategorisch verbot, überhaupt noch an Hamburg zu denken.« »So bist du also zu deinem Globetrotterdasein gekommen«, sage ich. »Das ist eine Geschichte. Es gibt noch einige andere.« »Aber du hast den Traum von der großen weiten Welt schon als Kind gehabt, oder?« »Ja, schon. Ich wusste sehr früh, dass es mehr gab als den Dunstkreis meines elterlichen Zuhauses in Wanne-Eickel. Aber das Meiste blieb lange Zeit ein Kindertraum. Man hat als Kind ja keine Ahnung, wie man die Brücke von einem Traum der weiten Welt zu einem tatsächlichen Globetrotterdaseins schlagen soll. Was damit verbunden ist. Es ist halt so ein buntes, wehes Bild im Herzen, das einen nicht loslässt. Das sich im Alltag immer wieder meldet. Im Geografieunterricht, bei Tiersendungen im Fernsehen, bei einem Tierfängerspiel, das ich mir zum Geburtstag wünschte – all diese Sachen ... « Er scheint nun wirklich nachdenklich geworden zu sein, steht von seinem Sessel auf, dass es kracht, und tritt an die Verandabrüstung. »Ich hätte Lust auf eine Abkühlung«, sagt er und schaut zu mir herüber, wehenden Haars. Er scheint noch gut in Form zu sein, seine sechzig Jahre sieht man ihm nicht an. »Kommst du mit, eine Runde schwimmen?« »Gern«, sage ich, spiele aber den Schriftsteller-Coach, wie ich es oft getan habe. Die Hebammenkunst der Ermöglichung literarischer Texte. »Aber vielleicht sollten wir vorher klarstellen, in welche Richtung es weitergehen soll. Wir haben das Thema Fernweh und Kindheit, und wir haben das...



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