E-Book, Deutsch, 164 Seiten
Gross Der leere Himmel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-7836-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 164 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7836-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagund-nachtgleiche (2025).
Autoren/Hrsg.
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Fünf
Am nächsten Morgen hat er Kopfschmerzen.
Ein feiner Schmerzring um die Stirn, eine Flauheit im Magen. Er zieht überall die Rollläden hoch und sieht im Wohnzimmer als Erstes den leeren Himmel.
Graue Wolken wälzen sich, es ist gerade trocken. Dahinter die Leere. Das Thermometer draußen zeigt zwei Grad über Null.
Er macht sich im Schlafanzug einen löslichen Kaffee. Jetzt hilft kein Tee, denkt er.
Er steht mit dem Becher in der Hand an der Terrassentür und schaut hinaus. Er schlürft den Kaffee, bis ihm einfällt, dass er heute einkaufen muss.
Also gut, denkt er. Bring’s hinter dich, dann kannst du dich wieder einigeln. Er macht Katzenwäsche, zieht die Sachen von gestern an und tritt vor die Tür.
Ein grauer Inselmorgen. Ja, er ist auf einer Insel. Die Wohnstraße, wo sie in Osnabrück ihr Reihenhaus haben, kann es nicht sein. Schon der Himmel ist anders. Und die Dünen. Die geteerte Straße.
Er geht zum Carport, steigt in seinen Wagen und startet den Motor.
Hinterm Steuer fühlt er sich gleich besser. Etwas tun, denkt er. Es mir gut gehen lassen.
Er fährt den Sandweg zur Straße und biegt nach links Richtung Westerland ab.
Es sind keine zwanzig Kilometer zu dem Supermarkt, in dem sie im Sommer immer einkaufen. Der Laden liegt trist und öde unterm bleiernen Himmel, die Lichter fahl, alles wirkt trotz der bunten Waren freudlos.
Er kauft Sandwichbrot, Sandwichkrem, Radieschen, Kopfsalat, Tomaten und an der Wursttheke gekochten Schinken.
Während des Einkaufs fallen ihm noch einige Dinge ein, die er während der vier Wochen vielleicht brauchen könnte.
Er denkt an Kaffee und die entsprechenden Filter. Er denkt sogar an neue Batterien für die Taschenlampe.
An der Kasse sitzt eine Angestellte, die er nicht kennt. Sie kassiert wortlos ab und wünscht ihm einen guten Tag. Er räumt die Lebensmittel in die mitgebrachte Stofftasche,
Draußen hat es zu nieseln begonnen. Er verfrachtet die Tasche mit dem Einkauf in den Kofferraum des SUV und fährt wieder los.
Er fährt hinaus an den Stadtrand zu Spirituosen-Heilmann.
Die Whiskyflasche hat nach dem gestrigen Besäufnis rapide abgenommen. Er braucht Nachschub.
Westerland ist im Winter schmucklos. Dass sich trotzdem die Schickeria hier vergnügt, merkt man nicht. Ab und zu eine Nobelkarosse im Straßenverkehr, einen Pelzmantel an einer Dame, ein Schoßhündchen an der Leine. Dieses Establishment nimmt sich lächerlich aus unter dem Winterhimmel.
Draußen bei Heilmann fährt er auf den Parkplatz vor dem Backsteingebäude.
Drinnen überprüft Sievers irgendwelche Listen, der Einkäufer geht die Regale durch, und der Hund kommt phlegmatisch angetatzelt und beschnuppert Raphael. Unsere Security, scherzen die Jungs aus dem Lager immer.
Sievers schaut auf und erkennt ihn.
»Ja sowas, Herr Wermuth! Sind Sie jetzt auch im Winter mal hier? Herzlich willkommen!«
»Eine kleine Verschnaufpause«, erwidert Raphael. »Musste mal raus von zuhause. Mein Single Malt geht zur Neige.«
Sievers nickt und legte das Klemmbrett mit der Liste beiseite.
»Den gleichen wie immer?«
Er geht an Raphael vorbei und greift in eines der Regale.
Schöne alte Holzregale, die bernsteingold gefüllten Glasflaschen mit den gediegenen Etiketten in Reih und Glied.
»Wissen Sie was?«, sagte Raphael. »Ich nehme gleich zwei. Vorrat kann man immer brauchen.«
Sievers nickt und nimmt eine zweite Flasche. Sie stecken in dunkelblauen hohen Kartons, die Lettern silbern geprägt.
Er geht zurück hinter die Theke und stellt die Kartons ab.
»Darf ich Ihnen einen neuen Single Malt zum Probieren geben? Wir haben ihn neu herein bekommen.
Eine kleine Destillerie in Schottland. Ein Familienunternehmen. Zeichnet sich durch Zungenmilde und eine überraschend fruchtige Note aus.«
Raphael hat auf einmal Lust zu plauschen. Er bittet um die Kostprobe.
Sievers holt zwei Probiergläser und eine angebrochene Flasche, zeigt Raphael das Etikett und schenkt ein.
Raphael hängt die Nase darüber. Ein frisches, klares, leicht fruchtiges Aroma, mit der typischen Malzsüße im Abgang.
»Zum Wohl!«
Sie stoßen an und nehmen jeder einen Schluck.
Sievers atmet tief durch und lächelt.
Raphael nimmt einen zweiten Schluck und trinkt das Glas leer.
Sie kommen überein, dass dies ein außergewöhnlicher Tropfen sei, zwölf Jahre im Eichenfass gereift, aber nicht Raphaels Geschmack. Er ist ihm zu klar, zu leicht. Er bevorzugt schwere Malts mit rauchigem Torfaroma.
Aus der Tür zum Lager kommt der Senior, sieht die beiden und begrüßt Raphael.
Der Senior hat vor ein paar Jahren die Geschäftsleitung an seinen Schwiegersohn abgegeben. Er hat das Geschäft gegründet und den Laden aufgebaut. Inzwischen betreiben sie auch einen Onlineshop.
Sie plaudern zu dritt darüber, wie das Leben auf der Insel im Winter ist. Dass die Einwohner nun die Insel fast für sich haben. Dass viele Geschäfte zumachen, bis wieder Saison ist. Dass sich der Verkehr spürbar verringert hat.
»Und Sie sind allein hier? Ohne Ihre Frau?«
»Meine Frau ist zuhause geblieben. Ich musste einfach mal raus, ein bisschen alleine sein.«
»So so.«
Der Senior kommt wieder auf sein Lieblingsthema, die Geschichte des Geschäfts. Heilmann übernahm Anfang der Fünfziger das Feinkostgeschäft in der Friedrichstrasse. So beginnt die Geschichte.
Raphael kennt sie. Er hat sie schon dutzendmal gehört. Sonst hört er geduldig zu und macht gute Miene. Diesmal aber unterbricht er den Alten.
»Seien Sie mir nicht bös, Herr Heilmann, aber die Geschichte kenne ich schon. Die erzählen Sie jedesmal, wenn wir uns sehen.«
Er gibt sich betont leutselig, um seinen Ärger nicht zu zeigen.
»Ich muss jetzt auch weiter«, sagt er, nimmt die Tüte mit den beiden Whiskys, bezahlt hundertachtzig Euro mit Karte und verabschiedet sich.
Draußen geht er die paar Schritte zum Auto, verstaut die Tasche auf dem Rücksitz und setzt sich ans Steuer.
Er ist überrascht von sich selbst. Und beunruhigt.
Die Gereiztheit, die er bei der Erzählung des alten Heilmanns spürte, kennt er nicht von sich. Er ist sonst immer höflich und zuvorkommend.
Aber er hat sich gefangen gefühlt durch diese ewig gleiche Geschichte. Er hat keine Lust auf sinnloses Geschwätz. Er will frei gehen können, wann und wohin er will.
Er hat sich über die Bedürfnisse anderer hinweg gesetzt, ungeduldig und rücksichtslos.
Daran merkt er, dass der Aufenthalt im Winter etwas ganz anderes ist als der Sommerurlaub.
Er ist biestig heute Morgen.
Er will bei seinem Vorhaben nicht behindert oder gestört werden. Er will alle Hindernisse aus dem Weg räumen.
Der Alte hat seine rüde Unterbrechung mit Nonchalance aufgenommen. Aber er ist verstimmt, denkt sich vermutlich seinen Teil.
Sievers hat irritiert die Augenbrauen gehoben. Sie haben ihn sicher als unfreundlich empfunden, nicht die feine Sylter Art.
Es ist ihm egal.
Er startet und fährt zurück nach Hörnum.
Im Ferienhaus verstaut er die Vorräte.
Gegen zwölf bekommt er Hunger und macht sich ein Sandwich mit dem Schinken, einem Salatblatt, einer Scheibe Tomate, Radieschen. Die Sandwichkrem streicht er auf die Unterseite der Deckscheibe.
Er setzt sich an den Küchentisch und isst das Brot. Trinkt Wasser dazu. Er ist noch eine fast volle Kiste da.
Er denkt daran, sich eine Tasse Tee zu machen. Er spürt noch immer den feinen Kopfschmerz, massiert sich die Schläfen. Währenddessen schaut er aus dem Fenster.
Kurz fragt er sich, was er in den vier Wochen machen soll. Außer faul herum sitzen, Whisky trinken und fernsehen.
Er kann spazieren gehen. Auf der Insel herum fahren. In Westerland bummeln gehen. Im Hörnumer Hafen sitzen und den Krabbenkuttern zuschauen. Seine Gedanken treiben lassen.
Seine Gedanken werden, das glaubt er, ganz von selbst Früchte tragen, und vielleicht sich der leere Himmel von selbst auflösen.
Vielleicht wird alles in Ordnung kommen. Wenn er nur konsequent seinem inneren Kompass folgt.
An der Spüle in der Küche beschließt er, sich eine ganze Kanne Tee zu machen. Nicht nur einen Becher.
Es ist gerade mal halb eins, eine gute Zeit zum Teetrinken. Er geht ins Wohnzimmer, wo sie das Service in der Anrichte stehen haben.
Dabei fällt sein Blick auf das Nachbarhaus, dreihundert Meter entfernt in den Dünen. Ein Auto parkt davor.
Sind die Hennings auch hier? Die kommen doch nur im Sommer.
Aber der Wagen davor gehört nicht Hennings. Es ist ein Kleinwagen mit Hamburger Kennzeichen.
Er erkennt den gelben Opel wieder, der im Zug vor ihm gestanden hat, mit der Frau, die ihre Haare hochband.
Seltsam.
Er versucht, es zu ignorieren, während er sich Tee machte.
Er macht sich eine Kanne voll und deckt das Service mit dem Zwiebelmuster, Tea for One. Aber...




