Gross | Der letzte Geschichtenerzähler | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Gross Der letzte Geschichtenerzähler


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-4635-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7412-4635-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Reise durch Irland, um den letzten Geschichtenerzähler zu finden. Eine Reise aus Not, weil da eine Geschichte in Roberts Leben ist, für die er eine neue Sprache braucht, um sie zu erzählen: damals in Kilkee. Unterwegs trifft er Sara, jung und unbeschwert, sie nennt ihn Onkel Brian und er sie Deirdre. Als Onkel und Nichte fahren sie über die Insel, auf den Spuren der Vergangenheit, als wäre weiter nichts zwischen ihnen. In Donegal im Norden werden sie von Eamon eingeladen, der auf Gälisch schreibt und Windhunde züchtet. Gerade dort spuken die Geschichten der Vergangenheit, der IRA, der Verräter und Opfer. Robert versteht das Land und seine Menschen immer tiefer, begreift, dass es mit einer neuen Sprache nicht getan ist. Und er fürchtet, dass er für Deirdre nicht nur der Onkel sein will.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Er lebt mit seiner Frau als freier Schriftsteller seit 2014 in Reutlingen. Bisher veröffentlicht: Grafeneck (Pendragon 2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (Pendragon 2008); Kettenacker (Pendragon 2011); Kelterblut (Europa 2012). Bei BoD u.a. erschienen: Die Welt meiner Schwestern (2014); Das Glücksversprechen (2014); Yomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Drei Tage Wicklow (2015); Haut (2015); Halleluja (2015); My sweet Lord (2016); Holiday (2016).
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a dó: zwei


Ist er jetzt im Krankenhaus, der alte Seamus.

Die Tochter, füllige Irin mit schwarzem Haar und wulstigen Unterlippe, bittet dich herein auf einen Kaffee. Wollte sie dich noch anrufen, aber nicht erreicht. Warst du schon unterwegs.

Ja ja, sagt sie. Der olle Daddy. Jetzt liegt er in Killarney. Seit einer Woche. Geht ihm schlecht, sagt sie und spielt mit dem Löffel, Hirnschlag, leicht zwar, aber er hält wohl nicht mehr lang durch.

Ich hätte ihn sehr gerne kennengelernt, sagst du.

Ja ja, das glaub ich.

Sie verstehst du gut, sie redet verständliches Englisch. Einmal hast du den alten Seamus am Telefon gehabt, und hat dich seine Stimme sofort in den Bann geschlagen. War wie Gesang. Walgesang, genau. Und die Sprache drang ihm aus allen Poren, das gewohnte Selbstgespräch des Irischen mit sich selbst, mit der Insel und den abertausend Jahren Geschichte, mit dem Meer und den Winden der Zeit. Eine Stimme, die es gewohnt ist zu erzählen. Für die jedes Wort eine Note ist und jeder Satz ein Lied. Eine Gänsehaut hast du: Was für Geschichten kann diese Stimme erzählen? Was für fantastische Reiche tauchen in ihr an die Oberfläche? Was für dunkle Geheimnisse birgt ihr Klang?

Da musst du zuhören, hast du gedacht. Diese Geschichten musst du herauf holen, sie müssen ans Licht, sie müssen gehört werden. Hast du das als deine Aufgabe gesehen. Eine Berufung. Ist dadurch der Gedanke an die Suche entstanden, die dich hierher gebracht hat. Und ist der alte Seamus jetzt im Krankenhaus in Killarney.

Denken Sie, wir können ihn einmal besuchen?, fragst du behutsam.

Besuchen ist grad schlecht, sagt sie und knabbert an einem der Kekse, die sie auf einem Teller mit Rosenmuster dazu gestellt hat. Im Moment. Ich ruf jeden Tag an und frag, aber sie haben was dagegen. Obwohl es ihm jetzt gut täte, wenn er vertraute Gesichter um sich hätte. Aber vielleicht ist er eh nicht bei sich.

Du lässt dir noch einmal erklären, was er gemacht hat mit seiner Stimme. Den Enkeln Gutenachtgeschichten erzählt, die sind auf Opa ganz scharf, sagt sie. Mitgesungen bei den zwei Musikern, die in der Umgegend in Pubs singen. Einmal im Jahr zur Folkwoche nach Killarney. Saß er im Hintergrund mit der Ziehharmonika und hat den Chor gemacht. Und die Ansagen. Klein, zusammengesunken mit seiner Mütze auf dem Kopf in der hitzigsten Wirtshausluft, einem schmalen Mund, der immer ironisch lächelte, und zu den Liedtiteln eine Anekdote erzählt oder einen Witz über das Publikum gemacht. Für ihn gab es kein Publikum. Waren das einfach Leute, Leute, die er kannte oder auch nicht. Fremde sind ja nur Freunde, die man noch nicht kennt, zitiert sie ihn.

Geschrieben hat er nie. Nur Briefe, früher viele, an Maureen, seine Frau, die Oma. Die ist schon vor zwanzig Jahren gestorben. Schreib doch mal deine Memoiren, habe ich ihm gesagt, erzählt die Tochter, aber vom Schreiben hat er nicht viel gehalten. In den Wind gesprochen, vom Wind zerstoben, war so ein Spruch von ihm. So soll’s sein. Was ist das, wenn Worte dauern über das Leben des Sprechers hinweg, in anderen Generationen, in eine andere Zeit hinein, die nichts mehr weiß und wissen will? Sagt Seamus.

Und jetzt ich, sagst du, der aus Deutschland kommt und seine Stimme mitnehmen will, auf Band, hinüber tragen in ein anderes Leben, eine ganz andere Sprache.

Schaut sie dich fragend an.

Walgesänge, sagst du und grinst.

Ich schenke Ihnen noch Kaffee ein, sagt sie. Ihre Tasse ist leer.

Du hast beschlossen zu warten. Auf die Gelegenheit, ihn doch noch zu sehen. Zwei Tage, drei Tage in Kenmare. Hast du beschlossen, jeden Tag Pansy anzurufen, seine Tochter. Sympathische Frau. Hast du sie geneckt mit ihrem Namen, weil du ihn für einen Spitznamen gehalten hast. Stiefmütterchen. Still und fröhlich blüht sie vor sich hin, mit den Kindern, mit dem Mann, der in Killarney arbeitet bei einer IT-Firma. Pansy. Auf ihren Anruf wartest du, dass sie sagt: Kommen Sie mit, ich fahre ins Krankenhaus.

Deine Ausrüstung wirst du nicht brauchen: Mikrophon, Recorder, Laptop, um seine Stimme aufzuzeichnen. Nicht im Krankenhaus. Aber ihm begegnen willst du, dem alten Seamus, ihn einmal gesprochen, ihn gesehen haben. Vielleicht einen der alten Geschichtenerzähler.

Im B&B ist dir kalt. Die Heizung aufdrehen nützt nichts. Im Bad stehst du barfuß und zögerst. Dann ziehst du dich aus und lässt Wasser ein, viel vom linken Hahn, wenig vom rechten. Das Wasser rauscht und dampft und ist leicht goldbraun.

Setzt du dich in die flache Wanne und drückst etwas von deinem Duschgel aus der Flasche. Es schäumt und duftet. Legst du dich zurück mit dem Rücken auf das kalte Porzellan, schließt die Augen, spürst die Hitze nadeln in den Beinen und Armen.

Ruhe.

Draußen der Regen, gischtender Verkehr.

Eine Stimme im Haus, die Wirtin. Spricht mit ihrem Mann am Telefon, lernst du ihn vielleicht kennen später in der Küche, am Abend, hast du Lust, Leute kennenzulernen, deshalb bist du hier.

Zehn Jahre.

Auf der Suche nach dem Feenland der Mutter, damals. Wunder, Märchen, Zauberkreis. Wandern über die Grashügel, unten das Meer, Schafe weit entfernt und weichen sie dir aus, wenn du näher kommst. In Pubs sitzen und die alten Männer Märchen erzählen hören, so hast du dir das vorgestellt. Gefunden hast du anderes.

Nach dem Bad ist dir warm. Rubbelst du dir die Haare mit dem Handtuch, vor dem beschlagenen Spiegel mit Föhn und Kamm. Frische Kleider.

Dann einen Tee. Hast du dir auf der Fähre einen Blechkanister mit Beuteln gekauft, Pyramidenbeuteln, wenn du öffnest und die Nase hineinhängst: ein dunkler, malziger Duft nach Wohlbehagen.

Füllst du das kochende Wasser in die Blechkanne, fluppen die Beutel luftprall unterm Wasserguss nach oben. Der Deckel klappert. Nimmst du die Kanne mit hinaus vor die Tür. Einen Lieblingsplatz hast du entdeckt, auf der Bank vor dem Haus, mit der Teekanne auf dem Fenstersims und der Tasse in der Hand. Kommt herangetrottet ein Hund aus der Nachbarschaft, Sam heißt er, ein Bassett mit traurigen Augen. Setzt er sich neben dich, kraulst du ihm die Ohren, und schaut ihr beide in den Abend hinein und den Leuten zu, die vorbei kommen, den Autos, die unterwegs sind.

Einmal hält ein Wagen und steigt der Fahrer aus. Trifft er einen auf der Straße und hält ein Schwätzchen mit ihm. Sam steht auf und trottet hinüber, sie kennen und streicheln ihn. Dann kommt er zurück. Der Fahrer schaut ihm nach, sieht dich und hebt grüßend die Hand.

Enjoy yourself.

Nachts, im Bett, die Matratze zu weich und die Decke zu dünn, leuchtet von draußen Straßenlicht herein.

Erste Nacht auf der Insel.

Dünne Gedanken, flatterhaft.

Das Große an deinem Hiersein kannst du nicht fassen.

Drehst du dich im Bett wie die Tür in der Angel.

Dann, zwischen wunderlichen Bildern von der See und Klippen und wartenden Booten, kommt Schlaf.

Schüttet es. Die Straße schwimmt. Unterm Schirm flüchtest du ins nächste Geschäft. Regenjacken, Holzfällerhemden, T-Shirts mit Shamrockaufnähern. Gedämpfte Stille, gehst du durch die Reihen der Regale, fühlst du den Stoff: Wolle. Schurwolle. Schafwolle, unbehandelt, mit den öligen, drahtigen Fasern. Daher die Stille: von all den Pullovern.

Dir haben solche Pullover immer gefallen, und hast du vor zehn Jahren einen mitgebracht. Den hast du jetzt nicht dabei. Kühler auf der Insel als erwartet. Schaust du dich um. Wenige Leute im Laden wegen des Wetters. Tagestouristen, lächelnde Verkäuferin.

Riecht es streng, feucht nach Tieren und Stall. Die Pullover kommen von den Aran-Inseln. Fischerpullover, warm und dicht gegen Wind und Wetter. Jede Familie hat ihr eigenes Muster, wird dir erklärt, eingewoben Segen für Gesundheit, Gewinn oder Glück. Oder um die Leichen zu identifizieren nach Wochen im Salzwasser. Hoffst du, nicht auch im Salzwasser zu enden, wenn du einen Sweater kaufst. Schaust du dir einige an. Muster gefallen dir wenige. Gibt es dichte und loser gestrickte.

Welche Größe?, fragt das irische Mädchen und hält dir einen hin. Dürfte passen, sagt sie.

Ich mag sie fälliger, sagst du, aber die Vokabel fehlt dir. Sagst du: größer

In Natur? Oder in Weiß?

Natur.

Ziehst du einen über, nachdem du die Jacke abgelegt hast. Begehrtes Prädikat, siehst du am Etikett: handknit. Handgestrickt. Nur vierzig Euro, Angebot, Touristen aus Übersee zahlen zollfrei. Auf den Etiketten liest du die kleinen Geschichten irischer Heimarbeit: This garment has been handknitted by me in my own house, und darunter, in weiblichen Handschriften: Sheila O’Shea, Mary Broderick, Eileen O’Sullivan.

Aus der Hand einer Hausfrau, denkst du. Was hat sie dabei gedacht, beim Stricken? Was für ein Heim war das? Fischerheim auf den Aran-Inseln, trübe Beleuchtung, dunkle Tage? Was für Frauen, was für Familien, welche Lebensgeschichten? Sollte man schon deshalb die Pullover kaufen?

Sie sehen damit aus wie ein Ire, sagt es deutsch neben dir.

Drehst du dich um und entdeckst ein schmales Mädchen, schwarzhaarige Mähne, die dich sonderbar mustert.

Woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin?, entgegnest...



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