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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 198 Seiten

Reihe: Schriftsteller-Zyklus

Gross Gezeitenwechsel

Roman. Neuausgabe
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4627-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman. Neuausgabe

E-Book, Deutsch, Band 2, 198 Seiten

Reihe: Schriftsteller-Zyklus

ISBN: 978-3-6951-4627-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Traum von der großen weiten Welt - deshalb ist er nach Hamburg gekommen. Er träumt ihn immer noch, seit seiner Kindheit. Er will in der Millionenstadt als Schriftsteller leben, sich eine literarische Existenz aufbauen, sich inspirieren lassen von der Hansemetropole und ihrem urbanen Leben. Doch die Fremde nimmt ihn nicht auf, die Erfüllung bleibt aus, und als er in eine Krise gerät, offenbart sich ihm die ganze Zwiespältigkeit seiner Existenz. Der zweite Band des Schriftsteller-Zyklus von Rai-ner Gross.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtausendwende (2025).
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Während er von den Jungferninseln schreibt, kurvt vor dem Fenster eine Möwe. Sie segelt bussardhaft unterm Birkengezweig, trägt aber das zeichenhafte Weiß von Meer und Küste. Als sie über den grießigen Wiesen verschwindet, hinterlässt sie eine merkwürdig unpassende Erhabenheit.

Wenn seine Frau nach Hause kommt, stellt sie die Tasche ab, zieht die Jacke aus und setzt sich zu ihm aufs Sofa. Rasch beginnt sie zu erzählen. Das ist wie ein Ritual. Lächelnd hört er ihr zu. Nach einer halben Stunde sei es ihr gelungen, die Klientin zu beruhigen, erzählt sie. Sie habe Zeit verloren. Sie machte eine Telefonnotiz für die Akte, tippte das Protokoll der letzten Teamsitzung ab und stellte es ins Intranet. Dann nahm sie sich den Entwicklungsbericht vor. Sie las ihre Notizen vom Vortag, wurde müde, hatte keine Lust mehr. Die Tür halte sie immer geschlossen, weil die Kollegen so laut telefonieren. Niemand klopfe an. Sie sei aufgestanden und ans Fenster gegangen. Der Hibiskus auf dem Fensterbrett hatte wieder Blätter bekommen. Sie goss ihn und schaute hinaus. Häuser, Straßen, die Stadt. Gegenüber die Polizeiwache. Morgen müsse sie den Dienstwagen zum Fuhrpark bringen. Um halb fünf wollte sie heute pünktlich Schluss machen, aber sie hat es wieder nicht geschafft. Fünfunddreißig Fälle pro Mitarbeiter. Manchmal geht sie nach Feierabend noch am Elbufer spazieren oder setze sich freitags zum Wochenabschluss ins Café im Alsterpavillon. Das habe sie sich angewöhnt. Auch ein Ritual.

Irgendwie hat er sich das Leben in der Großstadt anders vorgestellt. Abends noch einmal hinein in die Stadt, zwischen Lichtern flanieren, unten an den Landungsbrücken der Glanz auf dem schwarzen Wasser, in einer Kneipe ein Bier trinken oder an einem Schnellimbiss einen Burger essen. Sowas halt. Aber wenn es jetzt dunkel wird, kriegt ihn niemand mehr aus dem Haus. Das macht sicher auch das Wohnen an der Peripherie. Ein spontaner Entschluss scheitert oft an der Stunde, die sie bräuchten, um im Zentrum zu sein. Hier im Stadtteil gibt es auch Möglichkeiten auszugehen, aber die Walddörfer haben sich einen ländlichen Charakter bewahrt. Er empfindet das Leben hier draußen nicht als Großstadtleben. Er erinnert sich, wie ihn ein Bekannter in Hamburg einmal mitnahm nachts um elf zu einem Trip an den Hafen. Das war vor zwölf Jahren, noch bevor er gläubig wurde. Der Bekannte wohnte damals an der Landwehr, in weniger als einer Viertelstunde waren sie mit der S-bahn an den Landungsbrücken. Das fehlt ihm.

Januarblau. Der Wind wühlt in den Fichtenkronen. Die Wege sind schwarz vor Nässe, an den Birkenschnüren hängen Perlenketten. Der Rasen ist wieder eine grüne Fläche, und am Küchenfenster stehend erkennt er plötzlich: Hier bist du nun also. In einer Küche in Hamburg, so abenteuerlich wie seinerzeit die Küche des Bekannten. Eben ezer – bis hierher hat Gott dich gebracht!

Nach zwanzig Jahren ein neues Leben? Seine Freunde aus Jugendzeiten sind andere Wege gegangen. Er hat im Netz recherchiert. Der Eine ist Vorsitzender der Stadtkapelle, der Andere wohnt mit seiner Frau in einem Vorort und arbeitet als Erzieher. In der Liste der Gruppenführer auf der Netzseite des Pfadfindervereins sind sie bewahrt, die Zeiten von damals. Dirk Viersen, sein Romanheld, schippert in der Karibik und meint, schaffen zu können, was er vielleicht nicht geschafft haben wird: sein Leben neu zu machen. Paradiese gibt es nicht, und überall kann der Horizont so merkwürdig blau sein, so Schwimmbeckenblau, so Januarblau, getränkt von Licht und der Helle aus der Höhe, dass er trunken wird von Trauer und Traum und lacht, lacht mit Tränen in den Augen.

Draußen stürmt melancholisch der Südwest. Hinterm verhangenen Horizont liegt die Hafenstadt, wie ihm auf einmal wieder klar wird. Der süße Duft des Lübecker Tabaks erfüllt den Raum. Ihre Durchlaucht, die Prinzessin von Schaumburg-Lippe, fährt im Hof des Schlosses Rollerblades und schneidert exklusive Mode, die sich in den Dörfern ringsum niemand leisten kann. Bei Kurs vor dem Wind muss die Großschot gefiert und das Vorsegel ausgebaumt werden, damit Dirk Viersen endlich zwischen den Jungferninseln segeln kann.

Es geht die Zeit eines Obersten in Venedig zuende, die er mit seiner Contessa beim Hummeressen und mit Entenjagd verbrachte. Es ist immer still, wenn die Goldfische sterben, hat er von Hemingway gelernt. Und er weiß nun, wie man in die Marina von Road Town, Tortola einlaufen muss, er kennt die Tiefe an den Farbschattierungen des Wassers. Und er war dabei, als ein Junge mit einem Blue Marlin kämpfte. Welten. Wirklichkeiten. Er mit seinem Alltag irgendwo dazwischen.

Um diese Zeit vor einundvierzig Jahren war das Problem, dass er nicht schrie und den rechten Arm hängen ließ. Er hatte beim Durchgang durch den Geburtskanal den rechten Arm gebrochen. Die Welt empfing ihn mit grellem Licht und Schmerz. Perinatales Trauma. Vorbei war’s mit dem Urvertrauen. Er will keine einundvierzig gezählten Jahre. Er will eine Geschichte der Ereignisse und Aufbrüche, der Entdeckungen und Ängste, der Träume und Wunder. Oder er will gar keine Geschichte. Er fürchtet sich vor dem Gewicht der Geschichte, das immer größer wird, je mehr er altert. Er steht noch immer fassungslos vor jeder Geschichte und begreift nicht, dass es so etwas gibt, dass Menschen mit so etwas herum laufen. Wie ein monströses Unding oder eine Krankheit. Dass sie sich unaufhaltsam auf ihnen sammelt wie Staub oder Rost oder Rentiermoos. Dass es eine Schuld ist, die man erst im Tod los wird, eine Schuld und ein Versagen. Geschichtslos hätte man bleiben sollen, sich heraus halten aus der Kafka’schen Totschlägerreihe, nicht mitmachen, sich nicht der Zeit ergeben und der Sackgasse eines Lebenssinns! Wir müssen erzählen und erzählen, denkt er, und lösen das Rätsel doch nicht, treffen nicht den Punkt, der darin besteht, dass wir immer schon leben und es im Grunde gar nicht können.

Furcht vor dem Alleinsein. Aufwachen, wenn es draußen noch dunkel ist. Traurig. Warten, bis ihr Wecker klingelt. Dann allein sein. Nicht allein sein wollen. Übermüdet, nicht schlafen können. Nicht zur Arbeit müssen und den ganzen Tag im Bett bleiben und Comics lesen, sagt der Junge zu seinem Plüschtiger in dem Comic, das er liest. Eine Beruhigungstablette, die ihn schlafen lässt bis fünf, als ihr Schlüssel in der Tür ihn weckt. Wieder dunkel draußen. Duft aus dem Backofen. Der Geschmack des Vanille-Apfelkuchens, abends zum Tee aus Assam. Nachts. Nicht schlafen können. Nicht allein sein wollen. Nicht leben können.

Er hält es nicht mehr aus. Streit, Vorwürfe, ohnmächtiger Zorn. Angst und Verzweiflung. Er fühlt sich allein gelassen mit dem Ganzen. Sie liest nicht, wie versprochen, seine Manuskripte. Sie interessiert sich nicht dafür, was in ihm vorgeht. Sie sei von der Arbeit zugeschüttet, sagt sie ruhig. Sie sehe keinen Horizont mehr. Es gebe nur das triste Tagfür-Tag. Dann weint sie.

Er lässt ab von seiner Kränkung und erkennt ihre Not. Er will nicht, dass sie leidet. Er muss erkennen, dass er sich ein Bild von ihr gemacht hat. Das Bild einer bürgerlichen, kleinkarierten Seele, einer Bürokraft vom Amt, einer Frau, die mit der Welt gemeinsame Sache macht. So macht er sich manchmal ein Bild von Menschen, die er liebt. Sie werden zu Feinden. Das erkennt er jetzt.

Sie ist immer noch seine Gefährtin, gemeinsam auf demselben Weg, dem nach Hause. Anfangs, sagt sie, habe sie die Arbeit nur als Brückenkopf gesehen, damit sie nach Hamburg ziehen konnten. Es sei noch nicht das gewesen, was sie sich vorgestellt habe. Irgendwann sei es dann darum gegangen, sich im Übergang einzurichten, gefallen zu wollen, Anerkennung zu finden, dazugehören zu wollen. Die Arbeit sei Selbstzweck geworden. Es habe sie zugeschüttet, ja. Das anfangs klare Bewusstsein, in Hamburg anzukommen und Berufserfahrung zu sammeln, sei verschwunden gewesen. Es sei nicht die Art von Arbeit, die sie ausfülle und die sie ein Leben lang machen wolle.

Er schweigt. Sie hat sich ihm offenbart. Ein Problem tritt zutage, damit hat er nicht gerechnet, aber es ist lösbar. Gemeinsam. Wenn wir nur wieder beieinander sind, denkt er. Wenn nur das Trennende zwischen uns weggeräumt ist. Wenn wir nur ehrlich miteinander sind!

Beim Einkauf im Supermarkt bleibt er im Auto sitzen. Er muss nachdenken. Er beobachtet die Leute. Das hat er schon länger nicht mehr getan, weil es ihm verleidet war, weil es immer nur die Ausweglosigkeit des Alltags enthüllte. Aber jetzt beobachtet er ein Ehepaar, das aus einem Opel steigt, automatische Verriegelung, Wollmantel, Doppelkinn, er sieht sich den Mann genau an, Schal, gemessener Schritt, hohe Bezüge, Samstageinkauf fürs Wochenende. Frau und Tochter. Plötzlich steigen ihm Tränen in die Augen. Eine Erleuchtung, die er gar nicht gleich erkennt. Er weiß auf einmal mit absoluter Klarheit und Erleichterung: Da gehörst du gar nicht dazu.

Du gehörst nicht dazu!

Du bist keiner von ihnen und musst es auch nicht sein. Ihre Klaustrophobien und Sackgassen, ihre Verzweiflungen und Lebenslügen brauchen dich nichts anzugehen.

Du gehst einen...



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