E-Book, Deutsch, 263 Seiten
Groß Plasmatropfen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7518-0982-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 263 Seiten
ISBN: 978-3-7518-0982-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helen ist Malerin. Und sie hat übernatürliche Kräfte. Zwei Tage vor der Eröffnung ihrer Ausstellung werden alle ihre Bilder gestohlen. Anstatt sich um die Aufklärung des Falls zu kümmern, fliegt sie zurück in ihre griechische Heimatstadt Egio. Während sich Helen wieder ihrer künstlerischen Arbeit widmet, untersucht ihr Partner Lenell die tektonische Grenze, auf der Egio liegt. Das Privatleben des Paares ist bewegt, sie können sich ihren eigenen Verletzungen und den Versehrungen der Welt immer weniger entziehen. Und die Frage, die sich einmal gestellt hat, bleibt: Ist es möglich, angesichts der Bruchstellen, die uns umgeben, nur nach persönlicher Erfüllung zu streben? Und wofür soll man die eigenen Kräfte einsetzen – zumal wenn sie, wie in Helens Fall, sogar telekinetisch sind?
Plasmatropfen erzählt von inneren und äußeren Verwerfungszonen, von Plattentektonik und Sehnsucht, Permafrost und Kunst. Joshua Groß protokolliert nicht, was war, sondern imaginiert, was passieren könnte, in einer Welt, die sich immer mehr dem Surrealen und Märchenhaften annähert.
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TEIL 1
Normalnull
1
Helen stand nachts an der Tankstelle, neben dem Taxi. Außerhalb von Lelystad, im Norden der Niederlande. Es stürmte, aber Helen brauchte Snacks. Sie kam von ihren Aufbauarbeiten im Raumfahrtmuseum und war unterwegs in die Stadt, zu ihrem Apartment. Die Straßenlampen an den Überspannleitungen bebten, deshalb wankte das Licht andauernd. Staub wurde aufgewirbelt, spiralförmig. Die Wolkenschicht pulsierte cremig. Unweit schimmerten die Logos eines Fast-Food-Restaurants. Helens glatte, schwarze Haare reichten knapp über ihre Ohren; an den Ohrläppchen hingen jeweils goldene Ringe. Auf unmerkliche Weise hatte sie eine lange Nase und große, zu den Seiten geschwungene Augen; ausgreifende Brauen. Ihre Lippen waren schmal. Sie hatte eine schwarze Bluse und eine weiße Stoffhose an.
Kurz hielt sie inne und betrachtete das Einkaufszentrum gegenüber, das besetzte Palazzo. Das Gelände war gesäumt von einer zweifach gesicherten Befestigungszone, verbarrikadiert hinter blinkenden, holografischen Sperrmarkierungen und Backsteinmauern. Angeblich waren überall Sprengsätze angebracht, um Räumkommandos fernzuhalten. Es gab nur eine Zufahrtsmöglichkeit: ein schweres Eisentor, schwarz lackiert; eine matte, abschreckende Fläche, vor der drei Menschen in blauen Overalls und Skimasken standen, schwer bewaffnet, das Sicherheitsteam des Palazzos.
Helen lief zum Shop der Tankstelle. Die Schiebetüren öffneten sich automatisch. Die Verkaufsräume waren rosafarben erleuchtet. Sie ging ratlos durch die Gänge, nahm sich eine Flasche Cola und einen Packen Kakao aus dem Kühlregal. Die grauen Fliesen waren gerade gewischt worden. An manchen Stellen waren sie feucht, und Helen hinterließ absichtlich die Abdrücke ihrer Turnschuhe darin. Auf einer Ablage blinkte die vollautomatische Kaffeemaschine grell auf, weil Wasser nachgefüllt werden musste.
Helen stellte die Cola und den Kakao auf den Tresen und verlangte vier Rubbellose. Kaugummikauend kam die junge Frau mit ihren blau gefärbten Haaren Helens Wünschen nach. Helen zog eine EC-Karte aus der Tasche und bezahlte. Sie bedankte sich. Die junge Frau nickte ihr zu und fragte, ob sie noch mehr brauche. »Ich verstehe nicht«, sagte Helen, »mehr von was?« »Einfach mehr von allem«, sagte die junge Frau. Helen überlegte. Schließlich sagte sie: »Ich nehme zwei Käsebrötchen und noch mal vier Rubbellose.« Wieder zahlte sie mit ihrer EC-Karte. »Noch mehr?«, fragte die junge Frau. Helen schaute unschlüssig rum. Sie war besorgt, ob der Taxifahrer warten würde. Sie zuckte mit den Schultern und wendete sich ab. Als sie wieder rauskam, stockte sie. Der Wind war stärker geworden. An einem der Stahlträger, die das Wellblechdach der Tankstelle stützten, war ein Spender für Einweghandschuhe angebracht; aus dem Gehäuse wand sich ein Band aneinander haftender, fast durchsichtiger Schutzhüllen, das im Sturm heftig hin und her geworfen wurde. Sobald es für einen Moment ruhiger war, trank Helen verwirrt Cola. Dann sah sie zu, wie das Plastikband von Neuem zu tanzen schien. Der Spender gab unentwegt weitere Schutzhüllen aus. Offenbar war der Bewegungssensor vom Wind ausgetrickst worden. Helen starrte auf das sich schlängelnde, rauschende Plastikband, das von selbst immer länger wurde. Unmenschlich schön, dachte sie. Während sie zum Taxi lief, näherte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein weißer Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben. Auf Höhe der Tankstelle verlangsamte der Lieferwagen sein Tempo und rollte eine Weile dahin, fast geräuschlos, bevor er plötzlich quietschend beschleunigte und an der nächsten Kreuzung abbog. Helen hatte nicht erkennen können, wer sich darin befand. Sie streckte ihre Wirbelsäule und blickte in die Richtung, in die der Lieferwagen verschwunden war. Eine Sturmböe blähte ihr Shirt weg vom Körper. Fast wäre ihr die Papiertasche mit den Käsebrötchen aus der Hand geweht worden. Sie stieg ins Taxi und legte ihre Einkäufe ab.
»Bitte noch nicht losfahren«, sagte Helen.
Sie kramte ihre Augentropfen hervor und ließ etwas Flüssigkeit auf ihre Pupillen laufen.
»Okay«, sagte sie. »Ich bin bereit.«
Nachdem Helens Pupillen erfrischt waren, betrachtete sie aufmerksam die Alleen, durch die sie chauffiert wurde. Orange Straßenlampen. Schwankende Sommerbäume. Bürogebäude, deren Fensterfronten aufblendeten. Kreisverkehre. Helen war müde. Dass sie gerade unter Normalnull war, fand sie schlimm, wirklich schlimm. Schon bald wurde sie vor dem Apartmentkomplex abgesetzt und bezahlte den Fahrer. Sie stemmte sich gegen den Sturm und lief, einer Panikattacke nahe, zur Tür. Sperrte auf. Schritt den Flur entlang. Noch immer piepte der Feuermelder in der leeren Erdgeschosswohnung. Seit ihrer Ankunft in Lelystad piepte der Feuermelder permanent. Helen ließ den Aufzug kommen. Der Marmorimitatboden schimmerte. Helens Puls passte sich dem Feuermelder an. Wahrscheinlich war nur die Batterie schwach. Sie war seit fünf Tagen in Lelystad. Die Anfrage, ihre Tuschemalereien im Raumfahrtmuseum auszustellen, war für sie die Möglichkeit, außerhalb der üblichen Kontexte (Museen, Galerien, Kunstvereine etc.) aufzutreten. Mittlerweile war sie renommiert und berühmt genug. Deshalb hatte sie zugesagt – obwohl Lelystad unter Normalnull lag und Helen sich unbehaglich fühlte, wenn sie unter Normalnull war. Immer schon hatte sie sich unter Normalnull unbehaglich gefühlt. Existenziell falsch. Ihre Kräfte kamen durcheinander. Aber sie wollte die Ausstellung unbedingt machen. In drei Tagen würde die Eröffnung stattfinden. Anschließend würde Helen zurück nach Griechenland fliegen, wo sie hauptsächlich lebte. Mit Lenell, dem Seismologen. Dort würde sie wieder in ihrem Atelier arbeiten, das von Agaven und Palmen umgeben war. Im Aufzug ließ ihr Unbehagen nach. Das Apartment war im vierten Stock. Nichts piepte. Sie ließ Wasser in die Badewanne laufen. Helen steckte den Papphalm in den kleinen Folienkreis der Kakaopackung und trank, während sie sich entkleidete. Sie musste den Kragen ihres Shirts weit dehnen, um ihn über die klobige Kakaopackung zu bekommen. Aber sie hatte Kakaobedarf und Entkleidungsbedarf gleichzeitig. Mit der freien Hand stellte sie den Plastikmülleimer neben die Badewanne, legte sich zwei Rubbellose aufs Fensterbrett und begab sich ins warme, dampfende Wasser. Als sie rausschaute, sah sie am Himmel den Sturm. Ja, es stimmte, der Sturm war sichtbar, ein paar Momente lang. Zwei Möwen wurden jäh verweht, fast als würden sie gebeamt werden, ruckartig waren sie im Himmel um fünfzig Meter verschoben worden, und ihr weiß schimmerndes Gefieder hatte währenddessen streifenhaft nachgewirkt.
2
Die Rubbellose hatten Space-Thematik. Es waren quadratische Kartons. Auf der linken Hälfte war in malerischer Überhöhung ein Deep-Sky-Objekt abgebildet, ein Knoten aus Galaxien und interstellaren Gasen, sehr verheißungsvoll inszeniert, lila und silber, in schwarzer Schrift stand Nachtelijke Hemel darauf. Rechts befanden sich zwölf silbern überzogene Punkte (sechs untereinander angeordnete Reihen mit jeweils zwei Feldern), wiederum umgeben von Farben, in denen Helen die Tiefe des Alls spüren sollte. Außerdem waren ein paar QR-Codes aufgedruckt, das Symbol der niederländischen Lotterie, eine Seriennummer sowie kleingedruckt die Erklärung für das Gewinnspiel. Um zu gewinnen, brauchte man nebeneinanderstehend eine Kombination aus einer Zahl und einem Symbol. Der Hauptgewinn lag bei 77000 Euro. Dafür war das Freirubbeln eines Mondes sowie der Zahl 77 vonnöten. Helen verdiente genug Geld mit dem Verkauf ihrer Bilder. Lenell verdiente genug Geld mit seiner Forschungsstelle an der Universität. 77000 Euro kam Helen nicht endlos viel vor. Vielleicht setzte bei ihr auch eine innere Inflation ein. Inflation des Erfolgs. Die Lose hatte Helen aus Verdruss gekauft, weil sie vom Gefühl, nach unten gesogen zu werden, heimgesucht wurde. In den Boden einbrechen, in Schlünde stürzen, pausenlos. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals Rubbellose gekauft zu haben. Egal, dachte sie. Es wird schon Spaß machen. Sie blieb lange in der Wanne; wenn sie fröstelte, ließ sie heißes Wasser nachlaufen. Sie hatte sich einen Badezusatz gekauft, der nach Kiefernnadeln roch, und sie hatte den Eindruck, die Kiefern in ihren Muskeln zu spüren. Manchmal schaffte sie es beim Baden nicht, ruhig zu werden, sondern wurde im Gegenteil stetig nervöser durch das Nichtstun in der Wanne. Aber heute war sie so müde, dass die Nervosität nicht ausbrechen konnte oder sie nicht überfiel, oder sie konnte nicht in die Nervosität fallen. Sie war endlich wieder über Normalnull. Ihre Wohnung war ein Panikraum. Manchmal meinte Helen, wenn sie aus dem Fenster über Lelystad schaute, sie könne schimmernd eine Fläche wahrnehmen, vielleicht rosa oder weißlich, eine Fläche, die Normalnull markierte. Und wie eine Meerestopografie lagen darunter die meisten Areale der Stadt, eigentlich versunken, überschwemmt, überkommen. Helen befiel eine Trauer dabei, oder teilweise auch Angst. Sie betrachtete dann die Lichter, minimal gefärbt von der schimmernden Fläche, und fragte sich, ob das die Zukunft sei. »Welche Zukunft?«, sagte sie leise. Einfach die Zukunft als solche, antwortete sie sich. Aber jetzt, inmitten des Badezusatzes, dachte Helen nicht an die Zukunft, sie dachte nicht an die Meereshöhe, sie empfand nicht mal ihren Körper als versunken, obwohl das nahelag. Sie dachte nicht an ihre Ausstellung, die fast fertig war. Sie dachte nicht an Lenell. Wenn sie die Augen öffnete, konnte sie durch die allmählich...




