Gross | Seminaristenblues | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 438 Seiten

Gross Seminaristenblues

Eine Lebensgeschichte Band 4
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-7476-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Lebensgeschichte Band 4

E-Book, Deutsch, 438 Seiten

ISBN: 978-3-7693-7476-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Suchender. Ein Träumer, ein Dichter, ein Philosoph. Ein Springinsfeld und Taugenichts. Ein Novize und Scholar. Motorradfahrer, Teetrinker und Pfeifenraucher. Eine Hochsensible Person. Ein Rebell mit verstecktem Philisterwunsch. Japan-Fan und Zen-Buddhist. Atheist und Theologe. Fabrikarbeiter, VHS-Dozent, Teeverkäufer. Selbstmordkandidat. Bach-Liebhaber- dies alles ist oder war Joachim Klein. Der vorliegende Roman berichtet aus seinem Leben, vor allem aus den Jahren am Theologischen Seminar 1995 bis 2000. Warum? Weil ich denke, dass seine Person und seine Geschichte eine ausführliche Darstellung verdient haben.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen am Fuß der Schwäbischen Alb, studierte Philosophie, Literatur und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er erhielt 2008 den Friedrich-Glauser-Debütpreis. Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024).
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2 Auf dem Heiligen Berg


Der Begrüßungsabend war am Sonntag.

Joachim hatte sich umgezogen in Jeans und T-Shirt und Jacke, ging zu Fuß, die steile Steige hinab ins Tal, wo der Bach floss, und den Berg hinauf, wo das Seminar lag.

Durch die dunklen Felder ging er auf das erhellte Gebäude zu, er sah es von Weitem, und es überlief ihn ein Schauer der Geborgenheit.

Er trat ein in Licht und Lärm, stand erst einmal da, schaute sich das Getriebe an. Da kam auch schon einer auf ihn zu und begrüßte ihn.

Er sah die Lehrer wieder, die er vom Bewerbungsgespräch her kannte. Er lernte die WG-Bewohner, Siegfried und Thomas und Johannes kennen, und er sah in eine Menge fremder Gesichter.

Der Studienleiter Herr Pfeiffer begrüßte ihn und fragte, wie seine Unterkunft sei und ob alles geklappt habe.

Dass der Schreibtisch, den er sich auf dem Dachboden hatte reservieren lassen, nicht mehr da gewesen war und er einen anderen, unansehnlichen hatte nehmen müssen, sagte Joachim nicht.

Dann ging es hinein in den Andachtssaal.

Der Saal war mittels Schiebewänden unterteilbar in drei Klassenräume. Sonst war er der Andachts- und Veranstaltungssaal und hatte vorn eine Empore mit einer Kanzel.

Die vierte Klasse, die jetzt abging, richtete den Abend für die Neulinge aus.

Das war immer so, erfuhr Joachim. Jede Klasse hatte im Jahr eine Veranstaltung auszurichten. Sie als Eingangsklasse sollten die Weihnachtsfeier gestalten.

Auf dem Programm stand das Zeugnis eines Mitschülers.

Es blieb Joachim im Gedächtnis.

Kraftfahrer aus Wladiwostok, fromm aufgewachsen in frommem Dorf, hatte ihm immer etwas gefehlt. Er hatte gewusst, dass es in seinem Herz kalt war.

Bin ich gegangen schaffen zweihundertvierzig Stunden die Monat, erzählte er, aber Seele immer geweint.

Er rang tatsächlich mit den Tränen, ging unruhig hin und her, kämpfte mit der fremden Sprache, die er nicht gekonnt hatte, als er hier angefangen hatte.

So war das in meine Leben, erzählte er, immer zuerst tun und dann denken. Zuhause hatte er gebüffelt, während seine Kinder ihm zusahen und dann gespannt auf das Ergebnis der Tests warteten.

Schließlich kamen ihm doch die Tränen. Er erzähle hier keine Scherze, sondern sein Leben. Gott habe ihm geholfen, sprechen und schreiben zu lernen.

Er sei jetzt sehr aufgeregt hier vorn, aber in seinem Herz sei Frieden.

Es fand sich rasch jemand, der für ihn betete.

Ein kleines Theaterstück, das die Lehrer mit ihren Eigenarten vorstellte. Lieder wurden gesungen. Ein Musikstück mit Trompete. Kuchen und Tee in der Pause.

Draußen standen dann wieder alle zusammen, in Grüppchen, plauderten, Joachim stand allein und schaute sich das alles an.

Ein paar seiner Klassenkameraden hatte er kennen gelernt. Er würde ihnen morgen, am ersten Unterrichtstag, einen Deutschtest vorlegen, um zu sehen, wie hoch das Niveau war, auf das er sich einstellen musste.

Da kam einer der Lehrer auf ihn zu, Peter Busse, der auch Philosophie gab.

»Joachim, hast du nicht Philosophie studiert?«, fragte er.

»Ja.« Joachim war ein wenig geschmeichelt davon, dass der Lehrer von ihm gehört hatte und ihn ansprach.

»Ich möchte deine Meinung als Fachmann hören«, sagte Busse. »MacArthur, den Kirchengeschichtslehrer, habe ich schon gefragt. Nun will ich dich fragen: Denkst du, dass die Dinge in Wirklichkeit die Gedanken Gottes sind?«

Joachim war verdutzt, fasste sich aber schnell. Er hatte nicht damit gerechnet, gleich am ersten Tag in einen Disput dieser Größenordnung einzusteigen.

»Nein«, sagte Joachim nach einigem Überlegen. »Dann müsste man Gottes Wirklichkeit als eine Überwelt annehmen und hätte wieder das Problem der zwei Welten. Zudem hätte alles in dieser Welt ein abkünftiges Sein, und dann wäre man nahe an der Gnosis und dem Neuplatonismus.«

Busse hörte ihm aufmerksam zu, sagte aber nichts.

Joachim meinte, ein süffisantes Lächeln in seinen Mundwinkeln spielen zu sehen, und wusste nicht, ob die Frage ernst gemeint war oder nur dazu diente, ihn zu prüfen.

Sie fachsimpelten ein bisschen, und Joachim sagte leutselig: »Ich freue mich auf ein Fach bei dir.«

Im Verlauf der nächsten Woche lernte Joachim seine übrigen Klassenkameraden kennen, dreißig Leute waren sie, das war viel.

Die Ausbildung zum Missionar oder Gemeindepastor dauerte vier Jahre. Manche machten nur ein Jahr, als Auffrischung oder zur persönlichen Erbauung. Die meisten zwei Jahre.

Am Ende waren es nur sechs, die die ganze Ausbildung absolvierten und in den vollzeitlichen Dienst gehen wollten.

Die Fachschule war überkonfessionell, das heißt für alle christlichen Richtungen offen.

Da gibt es einen afrikanischen Häuptling, der unter Tarnnamen in Deutschland war, weil er verfolgt wurde.

Da waren mehrere Spätaussiedler, ein Ehepaar aus Brasilien, ein Amerikaner mit herrlichem Akzent, der Joachim später immer mit Stay at ease! begrüßte, einen Singhalesen, einen Musikprofessor aus Albanien, einen Ausbilder von der Bundeswehr, einen Elektriker, einen jungen Hausmeister, der herrlich Trompete spielte, eine Verwaltungsfachfrau, einen Speditionskaufmann, der Matthias hieß und den Joachim immer Matthew nannte, eine alleinerziehende Mutter, einen gestandenen Familienvater über vierzig, einen studierten Rechtsanwalt, Thomas aus Joachims WG.

Es gab Charismatiker und Pfingstler, einen Mennoniten, einen Katholiken, Brüdergemeindler und Landeskirchler.

Eine bunte Vielfalt an Schicksalen und Persönlichkeiten, an Lebensgeschichten und Glaubensrichtungen.

Das war es, was Joachim an diesem Seminar so gefiel, und das war es auch, wovon er sich eine echte Horizonterweiterung versprach.

Einmal setzten sich Joachim und Siegfried im Wohnzimmer der WG zusammen. Joachim machte sich eine Tasse Tee, Siegfried trank Kaffee, und er erzählte Joachim seine Lebensgeschichte.

Manchmal stotterte er ein bisschen und nuschelte. In Südwestafrika geboren, als seine Mutter gerade mit seinem Vater, einem Buren, dort war.

Kurz darauf reisten seine Eltern zurück nach Deutschland, dann der Vater wieder zurück nach Afrika, um sie nachzuholen, später, wenn er etwas aufgebaut hätte dort.

Ihre Briefe seien abgefangen worden, erzählte Siegfried, sodass keiner vom Anderen wusste, was er dachte.

Die entstandenen Missverständnisse führten schließlich zur Scheidung. Erst einige Jahre später, als seine Mutter wieder geheiratet hatte, fand sie die Wahrheit heraus.

In Waisenhäusern aufgewachsen, wo man sich mit Stühlen prügelte, hatte Siegfried es von Anfang an schwer.

Er kam zu keiner ordentlichen Schulbildung, arbeitete in verschiedenen Berufen, machte sich früh als Fuhrunternehmer selbständig, musste das aber aufgeben, weil seine Bandscheibe kaputtging von der Ruckelei auf den Sitzen.

Vor acht Jahren bekam er von Gott ein neues Leben, erzählte er, als stehe jede seiner Entscheidungen unter der Frage, was er nun mit diesem neuen Leben von Gott anfange.

Er ließ durchblicken, dass sein altes Leben vorbei war. In Hamburg gehörte er zu einer Gemeinde, die Joachim bei einem Besuch bei Schorsch sich angeschaut hatte, die Gemeinde am Holstenwall.

Jetzt durfte auch Siegfried sich ausbilden lassen, von Spenden finanziert, zum Evangelisten. Damit er sein neues Leben von Gott noch mehr nutzen konnte, um den Verlorenen die Frohe Botschaft zu predigen, sagte er

Weil er sich nichts hatte kaufen können vor dem Einzug, wollte er zum Essen nach Leutkirch fahren, zum Mäc-Dohnald, wie er immer sagte.

Joachim nötigte ihn zu einer Dose Erbsentopf und Brot, er nahm gerne an.

Manchmal wurden sie vom Geschäftsführer Herr Manz, der so eine Art Mädchen für alles spielte, wie pubertierende Schüler behandelt.

Etwa wenn es darum ging, wie die Schulräume geputzt werden sollten, wer sich beim Aufstellen der Stühle für den Chorauftritt drücken wollte oder dass man die Thermostaten der Heizung im Winter nur auf drei stellen sollte.

Das brachte Probleme mit sich, wenn er Manu – den vierzigjährigen Singhalesen, der aus seinem Heimatland geflohen war wegen der Verfolgung durch die Sikhs – mal eben anwies, er solle zwei Stühle nehmen statt einem und ihn zurückschickte wie einen Küchenjungen.

Vielleicht hatten die Schüler es manchmal verdient, so behandelt zu werden, vielleicht aber auch reagierten sie damit nur auf die Bevormundung.

Herr Manz war ein Mann der Praxis, keine Frage. Er war sicherlich kein geeigneter Menschenführer und hatte keinen Sinn für theoretische Überlegungen.

So musste sich Joachim, als er ein einziges Mal bei einer Lehrerbesprechung dabei sein durfte, anhören, er habe die »Gabe der Verkomplizierung«, nur weil er bei dem Deutschtest, den er für die Schule entwickeln sollte, auf linguistische Grundsatzprobleme stieß.

Das nahm Joachim ihm übel.

Wieder einmal musste er feststellen, dass er als Deutschlehrer nicht ernst genommen wurde.

Er konnte den Konflikt...



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