E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Guelfenbein Der Rest ist Schweigen
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400704-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-10-400704-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carla Guelfenbein, geboren 1959 in Santiago de Chile, gehört zu den erfolgreichsten Autorinnen ihres Landes. Als Reaktion auf das Regime Pinochets verließ sie als junge Frau Chile und studierte in England Biologie und Design. Heute lebt sie als Schriftstellerin und Drehbuchautorin wieder in ihrer Heimat. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt; auf Deutsch sind bereits erschienen »Die Frau unseres Lebens«, »Der Rest ist Schweigen« und» Nackt schwimmen«. Für ihren letzten Roman, »Stumme Herzen«, erhielt Carla Guelfenbein den renommierten Premio Alfaguara.
Weitere Infos & Material
Erster Teil Weißes Schweigen,
schwarzes Schweigen
1.
Wörter sind manchmal wie Pfeile. Fliegen hin und her, verletzen und töten, genau wie im Krieg. Deshalb nehme ich die Gespräche von Erwachsenen gern auf. Besonders wenn jeder von sich redet und plötzlich wie durch einen Zaubertrick alle auf einmal loslachen.
Beine, die hin und her gehen, gibt es hier unten reichlich. Fast von jeder Tierart sind welche dabei: Kamelbeine, Kaninchenbeine, Flamingobeine, Affenbeine und Beine von Tieren, die ich noch nicht kenne. An meinen Tisch haben sich drei Frauen gesetzt mit Knöcheln, so dick wie Elefantenfüße, ein Mann mit Golferschuhen und eine Giraffe, die sofort ihre goldenen Sandalen abstreift. Alle reden durcheinander, und ich kann nachher wahrscheinlich wenig damit anfangen, schalte meinen Mp3-Player aber trotzdem ein und nehme auf:
Im Park stellt sich das Brautpaar für den Fotografen vor Großvaters Voliere. Mein Cousin Miguel grinst, als hätte er ein Essstäbchen quer im Mund. Zwischen den bunten Kleidern sehe ich Alma. Sie bewegt die Hände und malt beim Sprechen Figuren in die Luft. Ihr Haar ist rot, und sie heißt wie das größte Radioteleskop der Erde. Die wichtigste Aufgabe von ALMA ist die Erforschung der Sternenentstehung. Kájef, mein bester Freund, und ich haben herausgefunden, dass man damit organische Teilchen analysieren kann, zum Beispiel Kohlenstoff, und das könnte die Große Frage beantworten, wie das Leben entstanden ist. Unglaublich, was ALMA alles sieht. Dagegen ist die Alma, die Papa geheiratet hat, manchmal nicht richtig bei der Sache. Was mir aber nichts ausmacht. Sie stört es ja auch nicht, dass ich ein bisschen langsam bin und ungeschickt. Hin und wieder tun wir Dinge, die Papa nicht gefallen. Zum Beispiel hat sie ihn heute überredet, dass ich nicht wie sonst bei wichtigen Anlässen diesen Totengräberanzug tragen muss. Meine Cousins würden sonst über mich lachen. Dabei wissen wir beide, dass es egal ist, was ich anhabe. Nicht dass meine Cousins nicht nett wären, aber sie tun ständig so, als müssten sie ganz schnell einen fernen Schatz finden, und ich bin zu der Suche nie eingeladen.
Die Stimme der Frau ist heiser wie die einer Kröte. Ich halte meinen Player ein bisschen höher.
Von allen Vögeln in Großvaters Käfig gefallen mir die Goldfasane am besten.
Der Wind vom Meer hebt die Tischdecke an. Ein Paar Männerschuhe bleiben vor dem Tisch stehen, unter dem ich hocke.
Das ist Papa mit seiner Doktorstimme, die er nie zu Hause lässt. Wenn er mich hier erwischt, wie ich die Erwachsenen aufnehme, gibt es ein Donnerwetter. Er sagt, ich »verletze die Privatsphäre der Leute«. Aber so richtig verstehe ich nicht, was »die Privatsphäre« ist. Ich dachte, privat ist das, was man tut und fühlt, wenn man allein ist. Diese Gespräche kommen mir nicht privat vor.
Eine der Frauen bewegt einen Fuß hin und her, so als hätte sie einen Stein im Schuh.
, sagt Papa.
Ich halte den Atem an, umklammere den Player.
, sagt die Frau.
Papa redet bedächtig und gleichzeitig heiter, genau in dem Tonfall, den er benutzt, wenn ihn jemand um Rat fragt.
, erklärt die Frau und lacht auf.
, antwortet Papa.
, sagt hastig eine andere. Sie klingt, als hätte sie jemand mit einer Nadel gepikst.
Kurz darauf gehen Papas Schuhe weg. Ein Glück, dass er mich nicht entdeckt hat. Papa und Alma bleiben heute Nacht hier, und ich muss mit einem von meinen Onkeln nach Santiago zurückfahren. »Wir brauchen ein bisschen Erholung von euch«, hat Alma ganz sanft und mit einem strahlenden Lächeln gesagt. Aber ich fand es trotzdem ungerecht.
, sagen die Golfschuhe.
Den Erwachsenen kleben Zettel auf der Stirn, da stehen Sachen drauf wie: »Du bist der langweiligste Mensch, den ich kenne« oder: »Du riechst schlecht« oder: »Ich würde dich sehr gern küssen.« Aber natürlich kann ich die hier unter dem Tisch nicht sehen. Ich bin es leid, weiter zusammengekauert dazuhocken, aber mittlerweile wäre es reichlich sonderbar, wenn ich rausspazierte, als wäre nichts gewesen.
, reden sie wieder.
, bemerkt die Giraffe und dehnt dabei die Wörter, als würde sie auf etwas sehr Zähem herumkauen.
, sagt die Elefantenfrau.
Weil ich unter dem Tisch sitze, kann ich den Zettel der Elefantin nicht sehen, aber ich könnte wetten, sie möchte weiterreden.
Die Elefantin bleibt einen Augenblick stumm, und dann sagt sie:
Ich spüre einen Schmerz in der Brust. Der Player fällt mir aus der Hand und landet mit einem harten Klack auf dem Boden. Mama ist krank geworden, als ich drei war. Sie ist plötzlich krank geworden, haben sie mir gesagt. Und von uns gegangen.
Erst habe ich ständig an Mama gedacht. Aber eines Tages habe ich gemerkt, dass ich mich anstrengen kann, wie ich will, aber trotzdem weiter wachse. Und vergesse. Beides passiert zusammen und ist gar nicht zu trennen.
Meine Erinnerungen an sie sind so ähnlich wie Filme. Es gibt eine Szene, die kommt immer wieder. Wir liegen auf dem Boden in einem leeren Zimmer, Mama und ich. Sie hält mich im Arm. In der Zimmerdecke ist ein Fenster, durch das wir den Himmel betrachten. Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir vor, ich bin dort. Am Ende wünsche ich mir immer, es wäre wirklich so.
Wenn Mama sich das Leben genommen hat, heißt das, sie hat mich nicht lieb gehabt. Ich halte den Atem an und zähle: zehn, neun, acht, sieben, ich bin sicher, dass ich zurückgehen kann, zurück dahin, bevor ich mich unter dem Tisch versteckt habe, sechs, fünf, die Elefantenkuh bringt es fertig und erzählt irgendwas, bloß um ihre Freundinnen zu beeindrucken, vier, drei, zwei … In meinem Kopf dreht sich alles, und ich spüre tausend Stiche im Magen, als hätte ich einen Propeller im Bauch. Ich kann nicht mehr. Ich stolpere aus meinem Versteck. Ich rutsche und falle. Ich schürfe mir die Knie und die Hände auf.
Ich bin bis ans Ende des Gartens gerannt, wo es steil zum Meer runtergeht. Das Licht am Himmel ist weiß. Meine Cousins spielen weiter oben im Park Ball. Ich setze mich ins Gras. Ich schlinge meine Arme um die Knie und stecke meinen Kopf dazwischen. Ich stinke erbärmlich. Keine Ahnung, in welchem Moment das in die Hose ging. Jetzt bin ich wirklich erledigt.
Manchmal weiß ich,...




