Guillou | Der Sohn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6, 432 Seiten

Reihe: Brückenbauer-Serie

Guillou Der Sohn


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-17314-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 6, 432 Seiten

Reihe: Brückenbauer-Serie

ISBN: 978-3-641-17314-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Einer der besten und unterhaltsamsten Romane, die Jan Guillou je geschrieben hat.« Dagens Nyheter

Schweden in den 1950er-Jahren: Eric, der Enkel von Oscar Lauritzen, lebt mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Axel im vornehmen Stockholmer Vorort Saltsjöbaden. Er führt das behütete Leben der Oberschicht, fernab von aller Armut und Not. Als Erics Vater sich als ungeeignet erweist, das riesige Familienimperium Lauritzen zu übernehmen, fällt die Wahl auf den jungen Eric. In den Augen seines Großvaters besitzt er den nötigen Ehrgeiz, den eine solche Position verlangt. Eric setzt fortan alles daran, den Ansprüchen zu genügen, doch ein tragisches Ereignis zerstört alle Pläne. Plötzlich mittellos geworden, muss Eric seinen Weg finden. Doch er wäre kein echter Lauritzen, wenn ihm das nicht bravourös gelänge.

Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Autoren seines Landes. Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Heute lebt Jan Guillou in Stockholm.
Guillou Der Sohn jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


DER NAGELNEUE CADILLAC

Als ich erfuhr, dass Stalin gestorben war, rannte ich in Tränen aufgelöst zu Mama nach Hause.

Johan und ich waren nach der Schule in den Wald hinter Igelboda gegangen, weil er mir auf einem sonnigen Hang, auf dem der Schnee fast geschmolzen war, einen Ameisenhaufen zeigen wollte, in dem die Ameisen bereits aus ihrem Winterschlaf erwacht waren. Was wir mit den Ameisen gemacht haben, ist mir entfallen, vermutlich etwas, woran man sich lieber nicht erinnerte.

Wie gewohnt vertrödelten wir die Zeit und beschlossen daher, mit der Vorortbahn schwarz nach Hause zu fahren, Johan zwei Haltestellen, ich drei.

Am Bahnhof Igelboda verkündete eine Schlagzeile auf der Titelseite des Aftonbladet die erschütternde Neuigkeit. Zwei Worte, in großen schwarzen Lettern:

STALIN TOT

Zutiefst erschüttert schlichen wir in den ersten Waggon. Wir sprachen kaum, aber was hätten zwei Neunjährige auch groß dazu sagen können? Mit gesenkten Köpfen saßen wir da und dachten an den großen Mann mit dem markanten Blick und buschigem Schnurrbart. Solange Johan neben mir auf der schmalen, halb verborgenen Holzbank gleich hinter der Lokführerkabine saß, konnte ich mich beherrschen. Aber als er am Ringvägen ausstieg, konnte ich die Tränen nicht mehr aufhalten, was mir unsäglich peinlich war. In meiner Familie wurde nicht geweint, schon gar nicht als Junge.

Als Mama mich beim Eintreten besorgt fragte, wo ich gewesen sei, schlang ich meine Arme um sie, drückte mein Gesicht an ihre Brust und erzählte ihr schluchzend die fürchterliche Neuigkeit.

Sie schien meine Trauer nicht nachvollziehen zu können und sagte zu meiner Erschütterung, das sei auch höchste Zeit gewesen. Und dass kein Junge aus gutem Hause deswegen Tränen vergießen müsse. Wie käme ich denn nur darauf, mir darüber meinen süßen kleinen Kopf zu zerbrechen?

Als ich ihr zu erklären versuchte, dass ich ihn so unglaublich komisch gefunden hätte, wenn er von einer Polizistenhorde mit erhobenen Schlagstöcken gejagt wurde, reagierte Mama für mich noch unbegreiflicher als vorher. Sie lachte glucksend und dann für eine Mutter geradezu ungehörig schallend, ehe sie mich umarmte und mir über die Wangen strich, meine Tränen wegküsste und erneut lachte.

»Mein geliebter Junge«, sagte sie fröhlich, nachdem sie sich etwas gefasst hatte. »Du denkst an Chaplin, und der ist quicklebendig. Von Stalins Tod habe ich im Radio gehört, als du in der Schule warst, und seinetwegen musst du wirklich keine Träne vergießen.«

Meine Verwirrung und Erleichterung waren enorm. Trotzdem erstaunte es mich, dass man sich über einen Todesfall so amüsieren konnte.

Aber wer war dann eigentlich gestorben, wenn nicht Chaplin?

Ich erinnere mich nur diffus an Mamas Antwort. Politik gehörte für mich zu den drei Dingen, über die nicht einmal die Erwachsenen beim Sonntagsessen in der großen Villa sprachen. Die beiden anderen Themen waren Geld und Krankheiten.

Jetzt, fünfzehn Jahre später, verschmilzt die höchst unzuverlässige Erinnerung an die Antwort meiner Mutter mit reinen Mutmaßungen zu einer Rekonstruktion dessen, was sie in Anbetracht ihrer persönlichen Einstellung geantwortet haben könnte.

So könnte sie gesagt haben, Stalin sei der Führer aller Kommunisten der Welt gewesen, die noch schlimmer waren als die Sozis.

Dass die Sozis etwas ganz Schreckliches waren, wusste ich. Sie wollten uns unseren gesamten Besitz wegnehmen, alles was Großvater Oscar und seine Brüder aufgebaut hatten, und außerdem noch unsere Autos und Boote. In dieser Hinsicht waren die Sozis sogar noch schlimmer als die Engländer. Aber wer diese Sozis genau waren, war mir nicht ganz klar. Bei uns in Saltsjöbaden gab es jedenfalls keine. Wahrscheinlich tummelten sie sich in Stockholm. Oder in Norrköping.

Dass Stalin schlimmer als die Sozis und die Engländer zusammen sein sollte, überstieg mein Vorstellungsvermögen. Über Kommunisten wusste ich, dass man sich vor ihnen in Acht nehmen musste. Sie waren Spione, schlimmer ging’s nicht, obwohl ich keine Ahnung hatte, womit sich ein Spion exakt beschäftigte. Offenbar bestand da ein Zusammenhang zwischen Spionen und den Leuten, die unsere Flugzeuge abschossen. Harry kam oft auf dieses Thema zu sprechen. Immerhin waren eine DC 3, unsere »zivile Maschine zur Wetterbeobachtung« und das Seerettungsflugzeug Catalina von den Russen abgeschossen worden.

Heute, fünfzehn Jahre später, wissen wir, dass die DC 3 Spionageflugzeuge in Diensten der USA waren. Die allgemeine Ahnungslosigkeit jener Zeit lässt sich kaum nachvollziehen, bei einem Neunjährigen wie mir war sie eventuell noch verzeihlich.

Nach dem Abendessen verpasste Harry mir eine heftigere Tracht Prügel als üblich, schließlich gab es diesmal einen triftigen Grund: Ich war unentschuldigt zu spät nach Hause gekommen.

Es ist psychologisch interessant, dass dieser Mann für mich immer nur »Harry« war, nie »Papa«, obwohl ich damals noch gar nicht wusste, dass er nur mein Stiefvater war. Ich schämte mich für ihn, weil er nicht wie andere Väter war. Meine Klassenkameraden wurden nie von ihren Vätern geschlagen, ich hingegen bezog jeden Tag nach dem Essen Prügel, und dafür schämte ich mich ebenfalls.

Die Prügel nach dem Essen erfolgten so regelmäßig, dass ich sie als selbstverständlich und gegeben hinnahm. Und dass sie an diesem Abend ausgiebiger ausfielen, fand ich nicht weiter erwähnenswert, schließlich war ich zu spät gekommen.

Wären wir zu Johan nach Hause gegangen, um Monopoly oder das Brio-Labyrinthspiel zu spielen, hätte ich zu Hause anrufen und Bescheid geben können, aber beim Ameisenhaufen hatte es kein Telefon gegeben.

Trotzdem ging ich an jenem Abend mit einer gewissen Erleichterung zu Bett, obgleich ich auf dem Bauch liegen musste, weil Rücken und Hintern brannten, und freute mich, dass Chaplin lebte!

Die Schmerzen waren nicht der Grund, dass ich dennoch nicht schlafen konnte. Mir graute vor dem nächsten Tag – der Autos wegen.

Autos haben Gesichter. Ein Volvo PV 444 sieht freundlich und gemütlich aus mit seinem breiten lächelnden Kühlergrill aus Chrom. Der amerikanische Wagen hingegen sah aus wie ein Schwertwal mit weit auseinanderstehenden Raubtieraugen und einem schreckenerregenden Rachen mit zwei Reihen blitzender Zähne. Von vorne betrachtet wirkte das schwarze Monster lebendig, bereit, sich jeden Augenblick mit aufgerissenem Maul nach vorne zu stürzen und alles, was in seine Bahn geriet, zu verschlingen.

Anders und Johan hatten mir ewig in den Ohren gelegen, bis ich mich breitschlagen ließ, ihnen die Autos in unserer Garage zu zeigen. Anders interessierte sich brennend für Autos, er sprach über fast nichts anderes und schien alles darüber zu wissen.

Ich hatte irgendwie eine Ahnung, dass die Autos einem verbotenen Bereich angehörten, ohne genau benennen zu können, worin das Verbot bestand. Darüber wurde nicht gesprochen. Die meisten Familien in Saltsjöbaden besaßen damals bereits ein Auto, manche Väter fuhren morgens damit in die Stadt, obwohl die Bahn viel schneller war.

Da waren auf der einen Seite das unausgesprochene Verbot und auf der anderen Seite meine übereifrigen Klassenkameraden, die mir das Gefühl vermittelten, die Garage berge ein großes Geheimnis.

Der Schultag verging rasch, den wir in meiner Erinnerung komplett mit Eishockeyspielen verbrachten. Der Eishockeyplatz und die Schlittschuhbahn lagen direkt neben dem Schulgebäude. Obwohl das Eis bereits Risse hatte, behielten wir die Schlittschuhe mit Holzschienen unter den Kufen während des Unterrichts an. Sobald es zur Pause klingelte, zogen wir die Schnürsenkel fester und eilten aufs Eis. Die Jungs mit Eishockeyschlittschuhen, die Mädchen mit weißen Kunstlaufschlittschuhen.

Erst vor wenigen Tagen hatten wir unsere Fahrräder aus den Kellern geholt. Auf den unbefestigten Straßen lag noch stellenweise Eis, aber lieber nahmen wir in Kauf hinzufallen, als den langen Weg nach Hause zu laufen. So konnten wir nach einer Viertelstunde unsere Räder vor der Garage parken.

Mit einem mulmigen Gefühl öffneten wir die schweren Torflügel und zogen sie schnell wieder hinter uns zu. Die Fenster waren staubbedeckt, in der Garage herrschte Dunkelheit, und es dauerte eine Weile, bis sich unsere Augen darauf einstellten. In der Mitte, direkt vor uns stand der Schwertwal mit seinem bedrohlich funkelnden Rachen.

Anders stieß einen Zweifingerpfiff aus.

»Donnerwetter!«, rief er, trat auf das Auto zu und kickte fachmännisch gegen einen der Weißwandreifen. »Ein 1953er mit V8-Motor, mindestens 160 PS. Darf ich mir mal den Motor anschauen?«

Ich bin mir nicht sicher, was ich darauf geantwortet habe, wusste ich doch knapp, wie man auf die Rückbank gelangte. Aber Anders kannte sich aus und hatte im Handumdrehen die Motorhaube aufgeklappt und auf die Stützstange gelegt. Dann erklärte er mir die Konstruktion eines V8-Motors, zeigte mir die Zylinder, Zylinderköpfe und Ventile und erläuterte, warum der Ölfilter amerikanischer Autos so viel größer war als der schwedischer.

Wir testeten die weiche, blaulederne Vorderbank, Anders hinter dem großen, elfenbeinfarbenen Lenkrad. Nach einer Weile wechselten wir auf die Rückbank. Mit ausgeklappten Notsitzen ließ sich hier eine halbe Fußballmannschaft unterbringen. Zwischen den beiden Notsitzen befand sich eine Mahagonischatulle mit zwei Kristallkaraffen und vier Gläsern. Der braunen Farbe nach zu urteilen, enthielt die...


Guillou, Jan
Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Autoren seines Landes. Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Heute lebt Jan Guillou in Stockholm.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.