E-Book, Deutsch, Band 6, 320 Seiten
Gurt Graubündner Morgengrauen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70536-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Landjäger Caminada und die blinde Schäferin
E-Book, Deutsch, Band 6, 320 Seiten
Reihe: Ein Fall für Landjäger Caminada
ISBN: 978-3-311-70536-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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1
Chur, Montag, 25. Mai 1953
Um 4:52 Uhr schrillte im Haus von Landjäger Cami-nada der Affenkasten, wie er das schwarze Wandtelefon im schmalen Flur nannte. Er war es seit je gewohnt, zeitig aufzustehen, und das nicht nur, um die Tiere zu versorgen. So war er auch an diesem Morgen bereits auf den Beinen.
Schnell hob er ab, damit seine Liebsten, seine Frau Menga und das fünfjährige Töchterlein Lena, nicht vom nervtötenden Klingeln geweckt wurden.
»Caminada«, sagte er mit gedämpfter Stimme, denn die Tür zum Zimmer seiner Tochter lag nur drei Schritte hinter seinem Rücken. Er wusste sofort, dass dieser Anruf nichts Gutes verheißen konnte, erst recht, da zwei Tage zuvor, in den frühen Morgenstunden des Samstags, der Rote Zoltan, ein geisteskranker Triebtäter, aus der Nervenheilanstalt oberhalb von Chur ausgebrochen war.
Der diensthabende Wachtmeister, Toni Gruber, war in der Leitung: »Walter, ein grausiges Verbrechen soll geschehen sein. Drei Tote! Das wurde mir soeben vermeldet.«
»Wurde der Rote Zoltan mittlerweile gefasst?«, war Caminadas dringlichste Frage. Denn bevor er sich spät am Vorabend ins Näscht gelegt hatte, war er mit zwei anderen Landjägern auf der Suche nach dem Flüchtigen gewesen. Erfolglos. Sie waren 14 Stunden auf den Beinen gewesen, so auch einige weitere Suchtrupps des Landjägerkorps und des städtischen Polizeiamtes. Vergeblich hatten sie nach dem rotbärtigen Ausbrecher gesucht, der groß und kräftig wie drei war und gefährlicher als ein tollwütiger Stier.
»Nein!«, sagte Gruber. »Der scheint weiter wie vom Erdboden verschluckt.«
Caminada hatte es befürchtet.
»Wer sind die Opfer, und wo ist es passiert?« Caminada zog die geringelte Telefonschnur am Hörer noch mehr in die Länge, um weiter weg von der Zimmertür seiner Tochter sprechen zu können.
»Die Blinde Madonna und ihre Schwester.«
»Die beiden jungen Schäferinnen, die ihre Tiere im Gebiet Kalkofen behirten?«, fragte Caminada nach, denn er konnte es kaum glauben.
»Ja, Mara und Anna Süss. Die eine ist ja blind, wie du weißt, und die andere hinkt etwas.«
Caminada konnte sich gut an die beiden besonderen Fräuleins erinnern. Fast jeder in Chur kannte die beiden Schwestern mittlerweile, und das aus verschiedenen Gründen, obwohl sie erst vor vier Jahren, im Frühling 1949 aus Basel zugezogen waren. Er kannte sie, weil die beiden Schwestern kurz nach ihrer Ankunft von drei Betrunkenen auf dem Wochenmarkt am Kornplatz bös angegangen worden waren, sodass die Landjägerei alarmiert werden musste. Hauptmann Fässler, der heutige Major und Kommandant, und er waren gemeinsam ausgerückt und hatten die drei Angriffslustigen aus dem Sarganserland bodigen müssen. Eine rechte Keilerei war deswegen ausgebrochen, doch sie hatten denen schon gezeigt, wo der Bartli den Most holt. Die würden das Bündnerland gewiss nicht so schnell wieder vergessen. Wie sich danach herausstellte, hatten die drei Ungehobelten die jungen Frauen als Missgeburten beschimpft und auch noch versucht, sie zu begrabschen, bis Mara dem einen die Nase blutig geschlagen hatte.
»Und das dritte Opfer?« Caminada blickte hinter sich, die Zimmertür seiner Tochter war noch immer geschlossen. Er wollte auf keinen Fall, dass sie solches jemals zu hören bekam.
»Es ist ein Mann. Mehr Angaben zu seiner Person habe ich nicht erhalten. Der Anrufer, der das Ganze gemeldet hat, wollte seinen Namen nicht nennen. Vielleicht bloß ein Schabernack, denn er hat offensichtlich seine Stimme verstellt. Das komplette Städtli ist ja wegen des roten Teufels in Aufruhr, vielleicht wollte jemand die Sache nur noch mehr anheizen.«
»Das glaube ich weniger. Denn uns wird ja so mancher Vorfall anonym gemeldet, selbst wenn nur ein Huhn gestohlen wurde, weil gewiss niemand freiwillig mit uns was zu tun haben will. Außerdem ist es Montagmorgen und nicht mehr Wochenende, wenn die einen betrunken und vor lauter Übermut und Bier im Grind nicht mehr wissen, wie blöd sie tun sollen.«
»Der Zoltan also, ha?!« Toni Gruber schien seine Meinung gemacht zu haben.
»Dann gute Nacht am Seksi«, brummte Caminada. »Der wird gewiss nicht freiwillig aufhören. Der hat ja mehr Stimmen im Grind als der Kirchenchor im Vatikan zu Ostern. Aber verzell, habt ihr Leutnant Marugg bereits informiert?« Caminada wusste, sein Freund war morgens vor 8 Uhr kaum wach zu kriegen, dafür arbeitete er oft bis tief in alle Nacht hinein; brütete über den lästigen, geradezu grausig hohen Aktenbergen, und das auch noch speditiv.
»Ich habe nicht einen einzigen Mann mehr hier. Die, che wie du gestern auf der Suche waren, liegen alle noch im Näscht, um dann um 7 Uhr diejenigen abzulösen, die jetzt unterwegs sind. Anfunken kann ich ja keinen. Wie auch, ohne Funkgerät? Den Leutnant anrufen geht ebenfalls nicht, denn auf unserer Telefonliste ist er noch nicht verzeichnet. Ich nehme an, der arme Kaib muss wohl noch lange auf die Telefonleitung der PTT warten.«
»Kein Wunder«, sagte Caminada und dachte, dass die Post-, Telefon- und Telegrafengesellschaft etwa so emsig war wie das faulste Murmeltier im Winterschlaf.
»Ich übernehme das, Toni. Ich setz mich gleich auf mein Velotöffli, hole Peter aus dem Bett und fahre mit ihm direkt vor Ort. Wir rapportieren dann, sobald wir zurück sind, weil wir ja Gopferdeckel, wie du eben sagtest, noch immer keine Funkgeräte haben. Richte das dem Fässler aus, falls wir um 7 Uhr noch nicht im Landjägerkommando sind, ja? Sofern das stimmt, was der Anrufer gemeldet hat, schaffen wir es mit Bestimmtheit erst später zurück ins Kommando.«
Menga hatte ihren Mann telefonieren gehört. Sie schnürte ihren Morgenmantel zu, während sie aus dem Schlafzimmer trat und auf ihn zuging. »Musst du schon wieder in den Dienst?« Sie wirkte noch etwas verschlafen.
»Leider, leider, meine Liebe. Mord. Die jungen Schäferinnen, die beiden Schwestern, meine ich, die vor der Stadt draußen leben … Sie liegen tot in der Weide und mit ihnen ein toter Mann. So zumindest hat es eben ein unbekannter Anrufer unserem Wachtposten gemeldet.«
»Ach du meine Güte! Meinst du, es war der Rote Zoltan?« Die 45-jährige Menga strich sich ihr langes pechschwarzes Haar nach hinten, das von einzelnen grauen Strähnen durchzogen war und ihr damit in Caminadas Augen eine schöne Reife verlieh.
»Ich befürchte es.« Caminada nickte. »Trurigi Sach, ganz traurige Sache.« Er griff über dem Affenkasten in das schmale Oberschränkchen, wo sein Waffenhalfter mit dem Revolver bereitlag. Er band sich die Waffe mit eingeübten Handbewegungen übers hellbraune Hemd und zog dann den Tschoopa drüber.
»Du hast ja bestimmt noch nichts zum Zmorga gegessen?«, sagte Menga mit Blick in die kleine Stube, wo die Pendeluhr hing, deren Ticken leise zu hören war, und zupfte ihm kurz am Revers.
»Noch nicht.«
»Nimm doch wenigstens schnell einen Schnifel Käse und eine Scheibe Brot mit einer Tasse Milch dazu. Das könnte heute ein langer Einsatz werden«, schlug Menga fürsorglich und aus Erfahrung vor. »Um dir einen Kaffee zu kochen, reicht’s wohl nicht, oder?«
Caminada trank in der kleinen Küche, in der nur ein Tisch für zwei Personen Platz gefunden hatte, im Stehen ein großes Glas Milch und steckte sich einen rechten Bissen Brot mit etwas Käse in den Mund.
»Konnte die Tiere noch nicht versorgen«, sagte er kauend und in Gedanken schon beim bevorstehenden Einsatz, wie Menga an seinem Gesichtsausdruck erkannte.
»Macht nichts. Ich erledige das später mit Lena, bevor sie in den Kindergarten geht. Sie hilft ja immer so gerne und fleißig mit. Außerdem muss ich ja erst morgen wieder arbeiten.«
Menga war Ärztin und hatte es tatsächlich geschafft, auch dank besten Verbindungen zu Professor Dr. Weidmann im Kreuzspital, dass für sie eine Teilzeitstelle geschaffen wurde. Sie arbeitete jeweils an drei Vormittagen in der Woche und war die einzige Mutter in der gesamten Ärzteschaft. Sie musste aber im Gegenzug die Dienste übernehmen, die kein männlicher Kollege machen wollte: die Sprechstunde in der Nervenheilanstalt, deren Gebäude abgelegen am Stadtrand oberhalb von Chur lagen, und auch die Sprechstunde für randständige Frauen im Frauenspital Fontana, das ebenfalls im Hang zwischen Rebbergen und Gärten eingebettet lag. Menga machten diese Dienste nichts aus, denn sie machte keinen Unterschied zwischen den Patienten. Sie hatte schon vor ihrer Hochzeit in der Nervenheilanstalt gearbeitet und nur deshalb überhaupt ihren Walter kennengelernt.
Schnell wickelte sie ihm etwas Brot mit ein wenig Speck darin in eine Doppelseite der gestrigen Ausgabe der und steckte das Päcklein in eine der Seitentaschen seines Tschoopa.
»Pass auf dich auf, mein Lieber. Der Rote Zoltan …, du weißt«, sagte sie auf der Türschwelle und gab Caminada einen zärtlichen Kuss, nachdem sie zuvor gemeinsam einen Blick ins Zimmer von Lena geworfen hatten.
Das Verrückte an der ganzen Sache war, dass sie sich ausgerechnet wegen dieses geistesgestörten Triebtäters überhaupt kennengelernt hatten. Der Rote Zoltan hatte Caminada damals 1947, als dieser im Rahmen eines Einsatzes in der Nervenheilanstalt war, hinterrücks heftig in die Schulter gebissen. Daraufhin versorgte Menga als diensthabende Ärztin seine Wunde noch in der Anstalt. Er würde im Leben nie den Moment vergessen, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Als wäre der Frühlingswind in ein kaltes dunkles Tal geweht, während zeitgleich die...




