E-Book, Deutsch, 494 Seiten
Hackländer Namenlose Geschichten
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2680-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 494 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2680-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In den 'Namenlosen Geschichten' zeigt Hackländer anhand der kleinen Maria das Schicksal der Frauen auf, die sich um das Öl für die Beleuchtung der Stadt kümmern müssen. Bereits in Armut lebend treibt sie die Umstellung auf die moderne Gasbeleuchtung immer weiter in ein Leben am Rande des Existenzminimums.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Viertes Kapitel. Unter dem Stadtgraben.
Das Haus, in welchem die Frau Welscher wohnte, das ehemalige Kapuzinerkloster, war von außen durch die dasselbe umgebenden Häusermassen der benachbarten engen Straßen und des Stadtgrabens kaum sichtbar; es hatte sich, des Unschönen seines Aeußern bewußt, bereitwillig versteckt und war zufrieden, daß blos sein einziger allenfalls schöner Theil, – es war ein riesenhafter, treppenförmiger Hausgiebel, – über die andern Dächer hinwegblickte und daß eine alte rostige Wetterfahne mit stattlichem Kreuze heute noch, wie schon vor ein paar hundert Jahren, von den umliegenden Höfen deutlich gesehen wurde. Auch im Innern war das Kloster zur Zeit seines Bestehens in der damaligen Umgebung wenig interessant gewesen; heute aber, wenn man durch die Straße kam, wo all' die neuen Häuser standen, mit viereckigen Fenstern und eben solchen Thüren, geraden Treppen und hellen Gängen, konnte man sich eines gewissen Eindrucks nicht erwehren, wenn man in das ehemalige Kloster trat.
Der Eingang war in dem erwähnten kleinen Hofe, und an der massiven Thüre sah man deutlich das verstümmelte Wappen des gräflichen Geschlechts, unter dessen Protectorate das Kloster erbaut ward; hinter dieser Thür, die Tag und Nacht offen stand, gähnte ein langer finsterer Gang dem Eintretenden entgegen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe in die Finsterniß einiges Licht kam, und zwar, wenn es draußen nicht gar zu dunkel war, durch eine kleine viereckige Oeffnung, die ins Freie gieng; dann bemerkte man, wenn sich das Auge etwas an die Dunkelheit gewöhnte, im Hintergrunde des Ganges von oben herab eine dürftige Helle, welche bei längerem Hinstarren die Formen einer alten Wendeltreppe erkennen ließ. Diese Helle kam aus dem ersten Stock, wo sich eine kleine Weinwirthschaft befand, welche recht sinnig das Refectorium des Klosters zu ihrem Gastzimmer gemacht.
Von den untern Räumen des Hauses war nichts bewohnbar, und in diesem feuchten, dunklen Gewölbe wurden Fässer aufbewahrt und allerlei Geräth, das den Miethsleuten des Klosters im Wege stand.
Die Wendeltreppe war von Stein und die einzige bequeme Einrichtung im Hause; gehörig breit und solid, wie sie war, konnten die Leute des Hauses die schwersten Lasten bequem auf ihr transportiren. Für die Kinder dieser Hausbewohner war sie nebenbei eine Quelle beständigen Vergnügens und ein Gegenstand stillen aber angenehmen Grauens; auf ihrem breiten Geländer rutschten die Knaben von oben hinunter, und auf den ungeheuren Ruheplätzen trieben die Mädchen ihre harmlosen Spiele. Vom zartesten Lebensalter an bis zu der Zeit, wo man die Schule verläßt, tummelten sich die Kinder, die in dem Kloster wohnten, auf der Treppe herum, und auf dem alten Steinwerk jauchzte und lachte es den ganzen Tag, rumorten und krabbelten eine Menge kleiner Geschöpfe beständig auf und nieder. Diese Treppe war ihre Gouvernante, ihre Amme, ihre Kleinkinderbewahr-Anstalt, und das dauerte den ganzen Tag, bis der Schatten des Abends begann zuerst den Fuß der Treppe und den untern Gang in tiefe Dunkelheit zu hüllen, und nun das erste Stockwerk, wo schon größere Fenster waren, und alsdann das zweite und zuletzt das dritte, wo ein großer Bogen im Dache die Treppe so lange erleuchtete, als überhaupt das Licht in der Natur noch nicht vollständig verschwunden war. Die, Kinder folgten allabendlich dem verschwindenden Licht, und dann hörten die lärmenden Spiele der Buben auf, sie kauerten zu den Mädchen hin auf den großen Ruheplätzen, zuerst auf dem ersten Stocke und dann auf dem zweiten, und wenn ihnen die unerbittliche, finstere Nacht überall geheimnißvoll und düster folgte, so saßen sie zuletzt noch an dem großen Dachbodenfenster und schauten in die goldene Abendluft und ließen ihre Gesichtchen bestrahlen von der letzten Gluth der untergehenden Sonne. In solchen Momenten stockte die lustige Unterhaltung der Kleinen, und aus dem dunkeln Treppenhause schienen schwarze Schatten emporzusteigen und mischten sich in die kindlich-frohen Gespräche; alsdann fröstelte es sogar den kecksten unter den Buben, die Kinder jedes Stockwerks drängten sich eng zusammen und suchten hastig, den Beherztesten an der Spitze, ihre Stuben auf, und bald war die Treppe leer und lag einsam und ausgestorben da.
Es ging nämlich die Sage, es sei in dem alten Kloster zur Nachtzeit nicht geheuer, und die verstorbenen Kapuziner wandelten oft gespensterartig darin herum; namentlich wäre, so hieß es, der Bruder Pförtner ein unruhiger Gesell und erscheine allabendlich auf der Erde, um sich schmerzlich zu überzeugen, daß die Thür, die er so sorgfältig verschlossen, allnächtlich offen stehen bliebe. Der Bruder Pförtner, dessen Ebenbild aus Holz geschnitzt mit einem großen Schlüsselbund am Gürtel unten an der Treppe stand, war übrigens ein harmloses Gespenst und hatte nie Jemanden etwas zu Leide gethan; viele Bewohner des Hauses erzählten gern und bereitwillig, daß ein Bruder, ein Onkel, eine Tante, ein Vetter den Kapuziner deutlich wandeln gesehen. Einer sogar behauptete, er habe ihn selbst husten gehört, und ein Schuster im dritten Stock, der von seinen stillen Wirthshausfreuden schon zu jeder Stunde der Nacht nach Hause gekommen war, sagte aus: Den Kapuziner habe er eigentlich nicht gesehen, wohl aber sei er im Stande, tausend Eide zu schwören, daß in einer Nacht die Statue an der Treppe verschwunden gewesen sei; er habe mit den Händen auf den leeren Fleck gefühlt, und am andern Morgen sei sie wieder unten gestanden, wie immer.
Tiefe Stille lag heute Abend in den untern Räumen des alten Hauses, sogar in der Schenkstube befanden sich des schlechten Wetters wegen nur zwei Gäste, welche vor dem helllodernden Feuer saßen, dessen Schein es war, welcher durch eine Oeffnung in der Thür die Treppe etwas Weniges beleuchtete; von hier aber ging sie finster in den zweiten Stock und lag da schmutzig und unreinlich mit Gemüse-Abfällen und Strohhalmen bedeckt; die Kalkwand, an der man sich hinauffühlen mußte, war glänzend und unangenehm schlüpfrig; im zweiten Stock waren die Bewohner alle in ihren Zimmern, darum hier Alles finster, und es kostete einige Mühe, in den dritten Stock hinauf zu tappen, wo die Frau Welscher wohnte.
Man muß nicht glauben, daß diese würdige Frau so hoch hinaufgezogen wäre, um wohlfeiler in der Miethe zu sitzen, sie hatte vielmehr die großen Räume und Bodenkammern, die zum Trocknen ihrer Wäsche unerläßlich waren, ins Auge gefaßt, sowie eine feuerfeste, gewölbte Küche, die ihr sehr zu Statten kam. Aus dieser Küche nun brach, so oft sich die Thür öffnete und so oft die hin- und herlaufenden Dienstmädchen die großen Ofenthüren aufstießen, ein gewaltiger Feuerschein auf den Gang hinaus und beleuchtete die schwarzen Wände und das Geländer der Treppe blutroth.
Die Wäsche der Frau Welscher war an dem heutigen Tage in jenes Stadium getreten, wo sie durch Bügeln einen sanften Glanz erhält und die letzte Hand an sie gelegt wird. Dieses Geschäft wurde im großen Wohnzimmer rechter Hand versehen, und alle Augenblicke öffnete sich die Thür und liefen die Mädchen zur Küche, um neue glühende Bolzen zu holen; die Ofenthür wurde mit einer eisernen Stange aufgestoßen, und dann sah es aus wie in einem kleinen Hochofen: eine unendliche Gluth strahlte heraus, und die Bügelstähle lagen darin roth und weiß glühend; hie und da fiel eines dieser glühenden Eisen auf den Steinboden, dann zischte die Feuchtigkeit desselben hoch auf, die Mädchen schrieen und suchten mit roth angestrahlten Gesichtern den Deserteur zu fangen und sperrten ihn lachend in das schwarze Bügeleisen.
In dem Wohnzimmer der Frau Welscher sah es nun recht behaglich und freundlich aus; dieses Wohnzimmer war zugleich das Schlafgemach der Frau selber, und das große Ehebett stand in der Ecke hinter dem Ofen. Leider war dieses Bett seit dem Tode des seligen Herrn Welscher viel zu groß für die einsame Frau, da sie sich nie entschließen konnte, ihrem ersten Manne einen Nachfolger zu geben.
Zwei große gothische Fenster gingen auf den ehemaligen Stadtgraben und zeigten bei Tage ein gutes Theil Dächer und Schornsteine der neueren Stadttheile. Das Wohnzimmer war ordentlich und reinlich möblirt. Doch sah man jedem einzelnen Stücke an, daß es schon lange Zeit gedient; auch war in der Farbe der Stühle von Eichenholz, sowie in dem Getäfel, welches durch das Zimmer lief, eine Harmonie eingetreten, die deutlich anzeigte, daß beide schon lange Jahre zusammen gewohnt hätten und älter geworden seien. Und so war es auch. Diese Wohnung hatte die Mutter der Frau Welscher schon lange Jahre vor ihrem Tode inne gehabt und hier dasselbe Geschäft getrieben, von dem die Tochter jetzt ihren Lebensunterhalt zog.
In der linken Ecke des Zimmers stand ein großes Sopha, seine gepolsterten Arme mütterlich weit geöffnet und in seiner auffallenden. Größe im Stande, eine ganze Familie allliebend zu umschlingen. Hier befand sich die nachwachsende Familie Welscher, bestehend aus zwei Mädchen und einem Buben, erstere im Alter von acht und sieben Jahren, der männliche Sprößling dagegen ungefähr sechs, alle drei gesunde und wohlgebildete Kinder.
Die beiden Fräulein Welscher saßen auf dem Sopha und buchstabirten in einem Bilderbuche; sie lasen einförmig und im strengsten Takte, wie es Kinder zu machen pflegen und was von Weitem klingt, wie der gedämpfte Ton einer melancholischen Straßenorgel. Der Sprößling aber stand hinter den Schwestern mit seinen beiden Füßen auf dem Sopha, hielt in der einen Hand...




