Haderer Ohnmachtspiele
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7099-7441-4
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Schäfer-Krimi
ISBN: 978-3-7099-7441-4
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Haderer, geboren 1973 in Kitzbühel/Tirol, lebt in Wien. Nach einem abgebrochenen Studium und einer vollendeten Schuhmacherlehre arbeitete er als Journalist, Barmann, Landschaftsgärtner, Skilehrer und Werbetexter. Bei Haymon: Schäfers Qualen (2009), sein Debüt und zugleich erster Teil der Reihe rund um Polizeimajor Schäfer, sowie der zweite und der dritte Teil Ohnmachtspiele (2010) und Der bessere Mensch (2011). Im Herbst 2012 folgt der vierte Schäfer-Krimi Engel und Dämonen.
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Als der Aufzug mit einem schweren stählernen Seufzer im vierten Stock zum Stehen kam, entschied sich Schäfer anders und nahm die Treppen. Vor dem Haus blieb er ein paar Minuten unter dem Vordach stehen. Er nahm sein Telefon heraus, deaktivierte die Lautlosfunktion und sah, dass sein Assistent Bergmann angerufen und eine Nachricht hinterlassen hatte. Kurz überlegte er zurückzurufen, dann steckte er das Handy wieder in die Mantelinnentasche. Er drehte sich zur Auslage des Spielwarengeschäfts hinter ihm um und sah sich die Stofftiere, die Holzeisenbahn, das Prinzessinnenset und die Titel der kleinformatigen Bücher an. Kindergärtner, hatte er vor etwa einer halben Stunde dem Therapeuten geantwortet, als der wissen wollte, ob sich Schäfer einen anderen Beruf als den des Polizisten vorstellen könnte. Er war selbst überrascht gewesen, mit welcher Selbstverständlichkeit ihm diese Antwort ausgekommen war. Kindergärtner. Wann hatte er denn zuletzt an diese Alternative zu seiner jetzigen Existenz gedacht? Sie bewusst in Betracht gezogen, nicht nur diesen Instinkt gespürt, wenn ihm irgendwo ein paar Kinder unterkamen, eine lärmende Ausflugsgruppe in der U-Bahn, eine Ansammlung auf der Straße, in Zweierreihe über einen Zebrastreifen, unter den geschäftigen Zurufen der Aufsichtspersonen. Auf der einen Seite die reine Unschuld, auf der anderen die deutlichste Form der Schuld, das Verbrechen, hatte der Therapeut angemerkt, und bei diesem Satz hatte er zum ersten Mal ein wenig Vertrauen zu diesem Mann gefasst, den zu besuchen er sich lange geweigert hatte. Wieso wehren Sie sich so dagegen, hatte Bergmann ihm zugeredet, wenn Sie angeschossen werden, greifen Sie ja auch nicht zu Küchenmesser und Beißzange und holen die Kugel selbst heraus. Eine Kugel, das war doch etwas anderes, die mochte ihm auch ein Loch in die Brust reißen, aber dieser diffuse Schmerz, den er nicht genau lokalisieren konnte, diese Hoffnungslosigkeit, diese Leere, wie sollte ihm die jemand nehmen können.
Er wusste ja nicht einmal, wann genau sie von ihm Besitz ergriffen hatte. Dieser Dämon hatte sich unmerklich eingenistet, wie ein Parasit, der nun an ihm nagte und ihm seine Kraft entzog. Können Sie sich einen Ort vorstellen, an dem Sie glücklich wären, hatte ihn der Therapeut gefragt. Und es war ihm keine Antwort eingefallen. Eine Sehnsucht spürte er, eine Art Heimweh, die sich jedoch auf keinen konkreten Ort bezog. Höchstens auf einen Nichtort, wo ihm dieser ganze Mist erspart bliebe. Vielleicht lag er deshalb seit fast einem Monat die meiste Zeit auf seiner Couch. Vier Wochen Krankenstand, was seine Kollegen wohl von ihm dachten. Dass ihm nun endgültig die Sicherungen durchgebrannt waren? Wenn es wenigstens warm wäre und er den Kopf in die Sonne halten könnte. Er drehte sich um und sah den Passanten zu, die ihre Mantelkrägen über das Kinn schlugen, den Gehsteig entlanghasteten, als Fluchtweg ins Warme und Trockene. Wer jetzt kein Zuhause hat, ist ein armes Schwein.
Er nahm sein Handy heraus und hörte Bergmanns Nachricht ab. Nach einer kurzen Einleitung, in der sich sein Assistent dafür entschuldigte, dass er ihn während des Krankenstands anrief, kam er auf den eigentlichen Grund seines Anrufs: Sie hatten eine Wasserleiche beim Alberner Hafen. Und wenn Schäfer sich vielleicht schon besser fühlte – oder möglicherweise sogar langweilte –, wäre er willkommen, sie beim Lokalaugenschein zu unterstützen. Schäfer legte auf und seufzte. Vor ein paar Monaten hätte ihm eine Nachricht wie diese wahrscheinlich geschmeichelt. Er, der Major, auf den Bergmann in fachlicher als auch emotionaler Hinsicht nicht verzichten wollte. Doch zurzeit waren andere Beweggründe wahrscheinlicher: Abgesehen davon, dass eine schlimme Grippewelle auch die Polizei nicht verschonte, hatte ihnen der Innenminister mit seiner hirnrissigen Reform in allen Ressorts Leute weggenommen. Und dort, wo eigentlich Führungskräfte mit langer kriminalistischer Erfahrung hingehörten, saßen zunehmend Politpolizisten – Karrieristen und Günstlinge, die kaum etwas von Polizeiarbeit verstanden. Darunter litt nicht nur die Aufklärungsquote, auch die Stimmung in den Dienststellen war am Boden, wie Schäfer in den letzten Monaten wiederholt hatte feststellen müssen. Dass sich der Innenminister und sein ebenso unfähiger Vollstreckungsgehilfe, der Polizeipräsident, in den Medien als die Retter der Polizei darstellten und sich gleichzeitig so gut wie nie in die Kommissariate trauten, sprach für sich. Dort erwartete sie ein Haufen frustrierter, überarbeiteter und bewaffneter Menschen … verdammte Arschlöcher, dachte Schäfer, wenn die beiden einer abstechen sollte, würde er sich bestimmt nicht überanstrengen, den Täter zu fassen. So ähnlich hatte er sich übrigens auch einmal in der Kantine laut geäußert, worauf er nur knapp einer Disziplinaranzeige entgangen war. Sollten sie ihn doch feuern, sollten sie ihm doch die Entscheidung abnehmen.
Er überlegte, wie er am schnellsten zum Alberner Hafen gelangen konnte. Als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Streifenwagen erblickte, der an einer roten Ampel hielt, lief er hinüber, klopfte an die Scheibe des Beifahrers und zog seinen Ausweis heraus. Der Uniformierte ließ die Scheibe herunter.
„Servus, Kollegen, Schäfer, Kriminaldirektion“, stellte er sich vor, „seid ihr im Einsatz oder könnt ihr mich schnell wo hinfahren?“
„Jederzeit, Herr Major … steigen Sie ein.“
Schäfer setzte sich auf die Rückbank und teilte der Fahrerin mit, wohin er wollte.
„Die tote Frau?“ Die Beamtin sah ihn im Rückspiegel an und fuhr los.
„Ja … eine tote Frau.“
Als sie den Parkplatz am Ende des Hafengeländes erreichten, standen dort ein Einsatzwagen, ein Kleinbus und ein weiteres Zivilfahrzeug – ein schwarzer Mercedes, den Schäfer am Nummernschild als den Dienstwagen von Oberst Kamp erkannte. Was wollte der bei einem derart unspektakulären Fall? Schäfer öffnete die Wagentür, bedankte sich bei den Beamten und stieg aus. Das Gelände war großräumig abgesichert worden, wie er an dem Absperrband sah, das sich von einem Metallständer am Parkplatz zum Friedhof und bis in das kleine Waldstück dahinter zog. Korrekt wie immer, der Bergmann. Schäfer ging auf den Polizisten zu, der rauchend neben dem Kleinbus stand. Auf dessen Rücksitz saß ein Mann um die vierzig, blass, mit einem abwesenden Gesichtsausdruck.
„Wer ist das?“, fragte Schäfer den Beamten, nachdem er ihm seinen Ausweis gezeigt hatte.
„Der hat die Frau gefunden.“
Schäfer schob die Wagentür auf, stellte sich vor und setzte sich neben den Mann.
„Nicht sehr schön … so was zu sehen“, begann er das Gespräch.
„Nein … aber schon seltsam … jetzt geht es mir … besser.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Dass …“, der Mann zögerte, sah Schäfer an und musste plötzlich lachen. „Ach so, nein, das wird jetzt kein Geständnis … ich wollte sagen: Als ich losgegangen bin, ist es mir nicht so gut gegangen … ich bin … na ja, ich habe zurzeit ein paar Probleme … und jetzt, jetzt ist es mir richtig leicht ums Herz. Seltsam, oder?“
„Der Tod erinnert einen auch an das Leben“, meinte Schäfer, wusste nichts mehr zu sagen und wollte auch nicht aus dem warmen Wagen in die Kälte hinaus.
„Sie werden bald wissen, wer diese Frau ist, oder?“, fragte der Mann, und als Schäfer nichts erwiderte, redete er einfach weiter, als ob er dem Polizisten eine Gutenachtgeschichte erzählen wollte. Gut zehn Minuten verlor sich Schäfer in der Erzählung des Mannes über die Donau, den Alberner Hafen und seine Toten, bis er sich bewusst wurde, warum er eigentlich hier war.
„Haben Sie noch was vor oder …?“, fragte Schäfer und schob die Tür auf.
„Nein, ich warte hier … lassen Sie sich ruhig Zeit.“
Schäfer drückte die Tür zu und machte sich auf den Weg. Die Halogenscheinwerfer zeigten ihm den Fundort schon von weitem an. Mittlerweile war es finster geworden, aus dem tiefen Nebel nieselte es leicht, Schäfer steckte seine Hände in die Manteltaschen und zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Als er nahe genug war, um seine Kollegen zu sehen, zwei Beamte der Spurensicherung in ihren weißen Schutzanzügen, Bergmann und Kamp, die sich miteinander unterhielten, den Arschkriecher Strasser, der etwas abseits die Wiese absuchte, einen jungen, ihm unbekannten Mann, der in ein Notizbuch schrieb, als Schäfer den mit einer schwarzen Plastikfolie abgedeckten Leichnam sah, überkam ihn das Gefühl, mit dem er seit dem Vierfachmord in Kitzbühel bei fast jedem Einsatz zu kämpfen hatte: Angst, Schwäche, Verzweiflung, eine Verlorenheit, als ob er ohne Möglichkeit einer Einflussnahme in einem Albtraum stünde, diese Ohnmacht, ein Zittern und der Wunsch,...




