E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Hadot Die innere Burg
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98609-582-6
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anleitung zu einer Lektüre Mark Aurels. Den Stoizismus-Klassiker verstehen – für mehr Resilienz, Achtsamkeit, Glück, Gelassenheit, Zufriedenheit
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-98609-582-6
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pierre Hadot (1922-2010) war ein französischer Philosoph und Historiker und einer der bedeutendsten Erforscher der griechischen und römischen Philosophie. Er lehrte bis 1991 als Professor am berühmten Collège de France in Paris. Eines seiner Hauptanliegen war es, dem modernen Menschen ein wichtiges Ziel der antiken Philosophie wieder ins Bewusstsein zu bringen: nicht nur ein System zu bieten, sondern eine Lebensform mithilfe geistiger Übungen zu vermitteln. Seine einschlägigen Bücher sind bis heute in 17 Sprachen übersetzt worden.
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Vorrede
»Nah ist die Zeit, dass du alle vergisst,
nah die Zeit, dass alle dich vergessen.«
(Selbstbetrachtungen, VII,21)
In diesem Punkt hat sich Mark Aurel getäuscht. Achtzehn Jahrhunderte (fast zweitausend Jahre!) sind vergangen, und seine Selbstbetrachtungen sind noch immer gegenwärtig. Jene Seiten blieben nicht nur einigen Geistesaristokraten wie Shaftesbury, Friedrich II. oder Goethe vorbehalten, sondern haben jahrhundertelang zahllosen Unbekannten, die sie in den vielen, rund um den Erdball entstandenen Übersetzungen lesen konnten, einen Lebenssinn gegeben und tun dies bis heute.
Unerschöpfliche Quelle der Weisheit, »ewiges Evangelium«, wird Renan sie nennen. Anscheinend bereiten die Selbstbetrachtungen des Mark Aurel ihrem Leser keine besonderen Schwierigkeiten. Scheinbar beziehungslos folgen Aphorismen oder kurze Abhandlungen aufeinander, und beim Blättern wird der Leser mit Sicherheit auf die eine oder andere eindrucksvolle oder bewegende Formel stoßen, die für sich selbst zu sprechen und keinerlei Exegese zu bedürfen scheint. Es ist zudem ein Buch, welches man nicht in einem Zuge lesen kann. Man muss oft zu ihm zurückkehren, um, je nach Tagesstimmung, darin etwas zu entdecken, das den augenblicklichen Seelenzustand nähren kann. Auch heute noch können die Leser diesen oder jenen Aphorismus Mark Aurels – so wie zum Beispiel den eingangs als Epigraf zitierten – vollkommen verstehen. Und genau das wird uns an den Selbstbetrachtungen stets anziehen: jene Sentenzen, deren Klarheit alterslos ist.
Eine gleichwohl trügerische Klarheit! Denn daneben stehen andere, weit weniger klare Formeln, die von den Historikern in sehr unterschiedlicher Weise verstanden worden sind. Der eigentliche Sinn des Buches, sein Zweck, manche seiner Aussagen sind für uns schwer zu erfassen. Dies liegt nicht an Mark Aurel selbst. Unser Verständnis der antiken Werke hat sich aus den verschiedensten Gründen, wobei die zeitliche Entfernung nicht der wichtigste ist, immer mehr getrübt. Um erneut Zugang zu ihnen zu finden, müssen wir eine Art geistiger Übung, eine intellektuelle Askese betreiben, um uns von einer Anzahl vorgefasster Meinungen zu befreien und etwas zu entdecken, was für uns fast eine andere Art des Denkens ist. Dies soll in dem vorliegenden Werk durchgängig versucht werden. Doch bevor wir uns auf diese Reise begeben, mag es vielleicht nützlich sein, uns der Vorurteile und Illusionen bewusst zu werden, die den modernen Leser in die Irre zu führen drohen, wenn er ein Werk der Antike in Angriff nimmt.
Zunächst wird er vielleicht glauben, jener Text sei seit der fernen Zeit, in der er erschienen ist, stets derselbe geblieben, so wie unsere heutigen gedruckten Werke. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die antiken Texte nicht gedruckt vorlagen: Jahrhundertelang wurden sie handschriftlich kopiert und beim Abschreiben ständig Fehler eingefügt. Dem Schreiber wird man dies allerdings kaum übelnehmen können, wenn man bedenkt, dass unsere heutigen Bücher, obgleich gedruckt, nicht selten von Druckfehlern wimmeln, die zuweilen die Gedanken des Autors sinnentstellen oder unverständlich machen. Doch das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei, eines jedenfalls wird man nicht oft genug sagen können: Den Anstrengungen der Gelehrten, die die uns überlieferten Handschriften der antiken Werke sammeln und klassifizieren und mittels einer kritischen Methode zur Fehleraufschlüsselung versuchen, den Urzustand des Textes wiederherzustellen, ist es zu verdanken, dass wir heute die Werke der Antike in einem Zustand lesen können, der beinahe zufriedenstellend ist und der im Übrigen auch nie absolut vollkommen sein kann. Ich erlaube mir, diesen Punkt zu betonen, der zuweilen von gewissen Instanzen der Wissenschaft beziehungsweise Philosophiehistorikern ignoriert wird, die glauben, man könne die Theorien eines antiken Autors erörtern, ohne zu wissen, was er tatsächlich geschrieben hat. Im Falle Mark Aurels herrscht jedenfalls größte Ungewissheit über einige Wörter seines Textes, worauf noch zurückzukommen sein wird. Auch wenn dies nicht für das gesamte Werk gilt, stellen uns doch einige Passagen auch weiterhin vor fast unlösbare Schwierigkeiten, und es ist nicht verwunderlich, dass wir diese Probleme auch in den Übersetzungen wiederfinden.
Denn der moderne Leser könnte glauben, es gäbe nur eine mögliche Übersetzung des griechischen Textes, und er wird überrascht sein, welch beträchtliche Divergenzen häufig festzustellen sind. Diese Tatsache sollte ihm jedoch bewusst machen, wie weit wir von der Antike entfernt sind. Tatsächlich setzt die Übersetzung zuerst die Wahl der Lesarten des griechischen Textes voraus, in den Fällen nämlich, wo dieser, wie wir gesehen haben, nicht verlässlich ist. Das Zögern des Übersetzers hat jedoch auch mit den Schwierigkeiten des Textverständnisses und den vorliegenden, zuweilen radikal verschiedenen Interpretationen zu tun. Im Falle Mark Aurels beispielsweise wussten viele die dem stoischen System eigenen Termini technici, denen man auf jeder Seite der Selbstbetrachtungen begegnet, nicht genau wiederzugeben. Überdies ist bei Mark Aurel die Einteilung der Kapitel stets sehr unsicher, und oft kann man die Grenzen der einzelnen Selbstbetrachtungen nicht mit absoluter Sicherheit ziehen. Die Unterteilung des Textes kann daher sehr unterschiedlich sein.
Und schließlich mag der moderne Leser sich vorstellen (und niemand ist gefeit gegen diesen Irrtum), der antike Autor lebe in derselben intellektuellen Welt wie er. Er wird seine Behauptungen behandeln, als wären sie die eines heutigen Autors. Er glaubt, unmittelbar verstehen zu können, was jener sagen wollte, versteht ihn jedoch in anachronistischer Weise und läuft häufig Gefahr, groben Widersinn hineinzudeuten. Gewiss gehört es heutzutage zum guten Ton zu behaupten, dass wir ohnehin nicht wissen können, was ein Autor sagen wollte, und dass dies im Übrigen auch gar nicht wichtig sei, dürfen wir doch den Werken den Sinn geben, der uns gefällt. Für meinen Teil würde ich, ohne auf diese Polemik einzugehen, sagen, dass es mir möglich und notwendig scheint, vor dem »ungewollten« zunächst den »gewollten« Sinn des Autors zu entdecken. Es ist absolut unabdingbar, die Wiederherstellung eines ursprünglichen Sinnes anzustreben, auf den man sich anschließend berufen kann, um, wenn man will, die Sinngehalte aufzudecken, derer sich der Autor vielleicht nicht bewusst war. Aber diese Wiederherstellung fällt uns ohne Frage schwer, projizieren wir doch Haltungen und Absichten in die Vergangenheit hinein, die unserer Zeit zu eigen sind. Um die antiken Werke zu verstehen, ist es erforderlich, sie in ihren Kontext – im weitesten Sinne des Wortes – zurückzustellen, das heißt in die materielle, soziale und politische Situation ebenso wie in die rhetorische und philosophische Gedankenwelt. Vor allem muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass sich die Mechanismen der literarischen Komposition grundlegend geändert haben. In der Antike waren die Regeln der Rede streng kodifiziert: Um zu sagen, was er sagen wollte, musste der Autor es auf eine bestimmte Art und Weise, entsprechend den traditionellen Modellen und gemäß den von Rhetorik und Philosophie vorgeschriebenen Regeln sagen. Die Selbstbetrachtungen des Mark Aurel beispielsweise sind kein spontaner Erguss einer Seele, die ihre Gefühle unmittelbar ausdrücken möchte, sondern eine nach bestimmten Regeln ausgeführte Übung; sie setzen, wie sich noch zeigen wird, Grundmodelle voraus, an die sich der Kaiser-Philosoph zu halten hat. Oft sagt er gewisse Dinge, weil er sie kraft der ihm auferlegten Modelle und Vorschriften sagen muss. Man wird die Bedeutung dieses Werkes also nur verstehen können, wenn man die vorgefertigten Schemata kennt, die ihm vorgeschrieben sind.
Unser Vorhaben, dem modernen Leser eine Einführung in die Lektüre der Selbstbetrachtungen vorzulegen, wird also vielleicht nicht nutzlos sein. Wir wollen herausfinden, was Mark Aurel bezweckte, indem er sie schrieb, ferner die Literaturgattung bestimmen, der sie angehören, vor allem ihr Verhältnis zu dem philosophischen System definieren, das sie inspiriert hat, und schließlich, ohne eine Biografie des Kaisers zu schreiben, enthüllen, was von seiner Persönlichkeit in seinem Werk in Erscheinung tritt.
Ich habe Wert darauf gelegt, umfangreich aus den Selbstbetrachtungen zu zitieren, denn ich habe etwas gegen Monografien, die mit dem Anspruch daherkommen, den Text zu entschlüsseln und das Nicht-Gesagte zu offenbaren, ohne dem Leser auch nur die leiseste Idee zu vermitteln, was der Philosoph wirklich »gesagt« hat, und sich dabei in verworrene Hirngespinste verwickeln, statt dem Autor das Wort zu erteilen und nah am Text zu bleiben. Eine solche Methode erlaubt bedauerlicherweise jede beliebige Sinnentstellung, jede Deformation. Unsere Zeit ist aus vielerlei Gründen fesselnd, allzu oft jedoch könnte man sie, unter dem philosophischen und literarischen Gesichtspunkt, als Zeitalter des Widersinns, wenn nicht gar...




