E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten
Reihe: Mario Guderian
Haefs Andalusischer Abgang
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-445-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten
Reihe: Mario Guderian
ISBN: 978-3-95530-445-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gisbert Haefs, geb. 1950 in Wachtendonk am Niederrhein. Als Übersetzer und Herausgeber ist er unter anderem für die neuen Werkausgaben von Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges und zuletzt Bob Dylan zuständig. Zu schriftstellerischem Ruhm gelangte er nicht nur durch seine Kriminalromane, sondern auch durch seine farbenprächtigen historischen Werke Hannibal, Alexander und Troja. Heute lebt und schreibt er in Bonn.
Autoren/Hrsg.
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2. Kapitel
Mario Guderian war Jahrgang 1959, hatte ein unauffälliges Abitur gebaut und mit den halblinken Eltern gebrochen, indem er sich freiwillig zu den Waffen des Vaterlands meldete: Grenzschutz. Nach Sandkastenspielen mit der GSG 9 und Turnübungen (teils im damals noch feindlichen östlichen Ausland) mit dem BND war er aus Langeweile ausgeschieden und zu einem privaten Personen- und Objektschutz gegangen, der ihn Ende der 80er unter anderem als Bodyguard für edelblasierte Stern- und Spiegel-Reporter einsetzte, die in El Salvador und Nicaragua vorgefaßte Meinungen durch sogenannte Recherchen unterfüttern wollten. Nach Heimreise der Journaille sah er sich noch ein wenig um, beschaute vor allem die garstige Arbeit seiner amerikanischen Kollegen; eine junge Dame von der CIA ergänzte im Verlauf einer stürmischen Sechs-Wochen-Romanze (San Salvador – Managua – México D.F. – Guadalajara – Pátzcuaro – El Paso) seine undeutlichen Einzelheiten durch deutliche Anspielungen.
Wieder heim ins größere Deutschland, zuerst zurück zur alten Firma, danach nicht ganz drei Jahre Arbeit als »Sicherheitsberater« und de facto Babysitter für deutsche Millionäre, die einen Club nahe bei Estepona in Andalusien unterhielten und ihn zur Erledigung dubioser Geschäfte nach Paraguay schickten. Ein paar wilde Monate – »Rumtitschen« nannte er es – in Patagonien und Umgebung; es endete mit dem riskanten Versuch, bestimmte Leute aus der kerndeutschen Colonia Dignidad in Chile herauszuholen. Und schließlich, die letzten Jahre, die Arbeit als Privatdetektiv nicht nur, aber vor allem für Versicherungen im Großraum Frankfurt.
Er hatte längst aufgehört, über den Unterschied zwischen Job und Lebensinhalt nachzudenken. Er wußte, daß er nicht ganz schlecht war in dem, was er tat, daß er es aber nie zur Arbeits- oder Lebenseinstellung eines korrekten Bildhauers oder artistischen Rechtsanwalts bringen würde.
Einer Freundin, die nach seiner Lebensplanung fragte, hatte er schnippisch geantwortet, für die Planung sei der Zufall zuständig. Erst später begriff er, daß ihr mehr an ihm lag. Gelegen hatte; auch das war vorbei. Inzwischen war sie verheiratet, und auf die Geburtsanzeige des ersten Kinds hatte sie »ach, Mario« geschrieben.
Er bedauerte nicht, und von Reue konnte schon gar keine Rede sein. Derlei hätte Introspektion verlangt, von der er nichts hielt. Er kannte sich gut genug, um sich nicht besser kennen zu wollen. Die Monster in der Tiefe schlafen lassen ... Lesen, hin und wieder eine Kurzzeitbeziehung – drei Monate war der Längenrekord –, die nicht viel Gemüt erforderte.
Und die periodische Auffüllung des Kontos. Der neue Auftrag, so schräg er sein mochte, kam gerade recht; während er am Schreibtisch saß und das Bündel Banknoten betrachtete, ging er im Geist die Liste der Leute und Lokale durch, denen er kleinere Beträge schuldete.
Eine andere Abteilung seines Gehirns befaßte sich halbautomatisch mit den Aspekten des Falls. Er schwankte eben, ob er sich mit der Witwe ins Benehmen setzen sollte, die ihm vielleicht noch mehr Details nennen, vielleicht aber auch etwas vortrauern würde, als das Telefon klingelte.
Es war eine angenehme, kühle Altstimme. Sie sagte »Hier ist Marina Ferdinand«; dann machte sie eine Pause.
Guderian fiel nichts anderes ein als: »Ah.«
»Ich habe eben von der Versicherungsgesellschaft erfahren, daß man Sie mit den Nachforschungen beauftragt hat.«
»So ist es, gnädige Frau. Ich überlegte gerade, ob ich Sie anrufen soll.«
»Könnten Sie möglichst bald zu mir kommen, um ein paar Dinge zu besprechen?«
Durch den Salon, in dem ihn Marina Ferdinand empfing, hätte die US-Kavallerie eine Postkutsche eskortieren können. Für Indianer wäre allerdings kein Platz mehr gewesen.
Die Witwe trug eine hauchdünne schwarze Seidenbluse, einen hautfarbenen Rock aus Rohseide und elegante schwarze Sandalen mit kaum daumendicken Absätzen. Sie stand neben dem Flügel, auf dessen verschlossenem Deckel sie eben frische Blumen in drei Vasen arrangierte.
»Herr Guderian, vermute ich.«
Er nickte, und da sie keine Anstalten machte, ihm entgegenzukommen und eine ihrer zweifellos teuren Hände zu vergeben, blieb er zunächst neben der Kante des weitläufigen Seidenteppichs stehen.
»Nehmen Sie doch bitte Platz.« Sie deutete auf die Gruppe schwarzer Ledersessel. »Kaffee oder Tee?«
Das philippinische Hausmädchen, das ihn durch die Gefilde namens Diele geleitet hatte, deutete einen Knicks an, als Guderian »Kaffee, bitte« sagte.
Frau Ferdinand stand immer noch neben dem Flügel. Guderian ließ sich in einem ächzenden Pfühl aus weichem schwarzen Leder nieder und schaute zu ihr auf. Vielleicht war es das, was sie wollte – was sie haben wollte, dachte er. Jemanden, der zu ihr aufschaut.
Der Anblick war keineswegs unerfreulich. Sie war schlank, sah eher nach Anfang als nach Ende 30 aus, und die feinen Schatten unter den Augen – wie zum Zeichen der Trauer hingetupft – mochten ebenso Nachwirkungen einer mit erotischer Gymnastik statt Witwenschlummer verbrachten Nacht sein. Einen Moment lang kaute sie mit kleinen, weißen Zähnen auf der Unterlippe, ehe sie sich an den Flügel lehnte, die Arme vor der Bluse verschränkte und sagte:
»Danke, daß Sie so schnell gekommen sind.«
»Es klang ja so, als ob es Ihnen dringend wäre.« Er versuchte ein knappes, eher höfliches Lächeln. »Mir auch, da ich morgen fliege.«
»Nach Sevilla?«
»Ja.«
»Was haben Sie vor?«
»Ich will versuchen, alles zu sehen, was Ihr Mann gesehen hat. Die Strecke, die Städte, die Hotels, die Restaurants. Mit Leuten reden, die sich vielleicht an ihn oder ihn betreffende Vorgänge erinnern.«
Sie schwieg.
Nach kurzem Zögern sagte Guderian: »Vor allem will ich versuchen herauszufinden, ob er unterwegs so viel gegessen hat, daß dieses seltsame Gewicht erklärbar wird.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es mir nicht erklären. Er hat immer gern gegessen, aber sehr maßvoll. Und sich fit gehalten.« Dann schloß sie die Augen. »Acht Kilo, in acht Tagen«, murmelte sie. »Ich weiß nicht ...«
Guderian räusperte sich. »Sind Sie denn wirklich ganz sicher, daß es Ihr Mann ist?«
»Was soll ich sagen? Ja, bin ich, wegen einiger Einzelheiten – die Form der Finger und des Nabels; oder nein, bin ich nicht, weil alles unkenntlich aufgedunsen war und der Kopf fehlt.«
Guderian lauschte mehr ihrem Tonfall als den Wörtern. Sie schien gefaßt, und er sagte sich, daß die Wochen, die seit dem schrecklichen Fund, dem Transport, der Identifizierung vergangen waren, vermutlich ausreichten, um einem Fremden gegenüber gefaßt und diszipliniert zu sprechen. Vor allem, da sie, wie sie am Telefon gesagt hatte, mit ähnlichen Problemen rang wie die Versicherung. Problemen, bei deren Lösung er helfen sollte.
»Gewißheit«, sagte sie leise. »Damit das Leben weitergehen kann.«
»Ich weiß nicht so recht, wonach ich zu suchen habe.«
Guderian wartete, bis die Filipina ihm Kaffee in die Meißener Tasse (Weinlaub) gegossen hatte. Mit einer silbernen Zange nahm er Zucker aus dem silbernen Töpfchen, goß ein wenig echte Sahne aus dem Silberkännchen, rührte mit einem winzigen Silberlöffel und trank vorsichtig, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Er würde sich aber, dachte er, in diesem Salon schon den Mund verbrennen müssen, wenn er etwas Faßbares erfahren wollte.
»Die Versicherung möchte wissen, ob Ihr Mann wirklich tot ist; andernfalls wird sie nicht zahlen. Sie möchten Gewißheit haben, um weiterleben zu können, wie Sie sagen. Und ich ...« Er zögerte.
Frau Ferdinand stieß sich, beinahe mühsam und widerstrebend, vom Flügel ab und kam zur Sitzgruppe. Guderian empfand den Gang eher als ein Schweben, und sie setzte sich nicht, sondern glitt oder ergoß sich in den Sessel.
»Sie brauchen keine Rücksicht zu nehmen.« Sie strich den Rock glatt, bis er einen Teil der Knie bedeckte, und faltete die Hände im Schoß. »Das ist ja kein Kondolenzbesuch. Was wollen Sie wissen?«
»Wenn Ihr Mann tot ist, müßte es dafür Gründe geben. Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, daß jemand – Pardon – einfach so zum Spaß geköpft wird. Ein zufälliges Verbrechen ... was in den USA random shooting heißt, hm, ich meine, das läßt sich nie ausschließen, aber dann hätte man vermutlich einen kompletten Leichnam gefunden.«
Sie nickte. »Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Jemand muß einen Grund gehabt haben, meinen Mann zu ermorden. Und Sie fliegen nach Spanien, um da entweder einen lebenden Gregor Ferdinand zu finden oder jemanden, der ein Motiv gehabt hätte, ihn zu töten.«
»Was ist mit den Geschäften?«
Sie hob die Brauen. »Ich nehme an, die Versicherung hat Ihnen alles mögliche an Unterlagen zusammengestellt. Dann wissen Sie auch, daß alles so weit ... gedeiht.«
»Ein hübsches altes Wort.«
»Ja, nicht wahr?« Das flüchtige Lächeln galt nicht ihm, sondern dem Nachhall des erlesenen Verbs.
Guderian leerte seine Tasse. »Ein vorzüglicher Kaffee, nebenbei.«
»Jamaica Blue Mountain.«
Er wies auf die Silberkanne. »Darf ich?«
»Bitte.«
Sie machte keine Anstalten, ihm den Kaffee einzugießen. Er wußte, was er für sie war: Ein Teil der Gruppe namens Domestiken, von besseren Menschen zu bestimmten Zwecken abgerichtet und...




