E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Hahn Vom Hunde verweht
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-98889-6
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Eine romantische, witzig-turbulente Liebesgeschichte um Frauen, Männer und Hunde
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-492-98889-6
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die meiste Zeit meines Lebens arbeitet Rochus Hahn als Autor für Drehbücher bei Film und Fernsehen. Seine bekannteste Arbeit ist das Drehbuch für den Film »Das Wunder von Bern«. Seit 2018 lebt er mit seiner Familie in Fulda und schreibt Romane.
Autoren/Hrsg.
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1. Das schwarze Brett
Als ich sechzehn war, küsste ich zum ersten Mal ein Mädchen richtig. Also keine Kindergartenküsse oder wie bei den Mutproben beim Flaschendrehen. Es war eine Schulfeier. Ich wusste in dem Moment nicht einmal ihren Namen. Sie war aus der Parallelklasse, sah toll aus und hatte lange glatte Haare wie Rapunzel. Wir saßen hinten an der Aulawand auf einem von den an die Wand geschobenen Tischen und hatten bisher kein Wort gewechselt.
»Hör zu, Mäx«, sagte sie und blickte mich plötzlich an. »Tust du mir einen Gefallen?« Ich staunte, dass sie meinen Namen kannte. »Äh, ja.«
»Wir knutschen, okay?«
Mir wurde schlagartig der Mund trocken, und mein jungfräuliches Glied reckte sich verstört in die Höhe. Noch irrer wäre es gewesen, wenn ihr Tonfall nicht so gewesen wäre, als hätte sie nach Wechselgeld für den Colaautomaten gefragt.
»Knutschen … äh, klar!« Ich tat, als stünde ich solchen Anfragen sehr routiniert gegenüber.
Und wir küssten uns. Ihre Lippen fühlten sich unerhört zart an. Unsere Schneidezähne tickten gegeneinander, was ich sensationell fand. Dann wurde sie frech und schob ihre Zunge in meinen Mundraum. Erneut verlor ich die Ruhe nicht und begann mit Rapunzel zu züngeln. Ich hatte es noch nie gemacht und überließ ihr die Führung. Erst war ich unsicher, doch dann hatte ich den Bogen raus. Von kopfloser Panik zu Tollkühnheit ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Ich ward zum Fisch, der bemerkt, dass Wasser sein Element ist, und fasste an ihren Busen. Zu meinem Erstaunen schob sie meine Hand weg. Also auf meine Unschuld hatte sie es schon mal nicht abgesehen.
»He, Britta! Was soll der Scheiß?«
Ich schaltete innerlich von Tollkühnheit auf kopflose Panik zurück. Vor uns stand ein hantelgestählter Zeitgenosse mit Migrationshintergrund und hatte eine Körperspannung wie Jason Statham vor seinem allerhöchsten Tritt.
Britta hingegen lächelte provokant. »Hast’n Problem, Abbas?«
»Ja, verdammt, hab ich!«
»Ja, wieso denn bloß? Ich denke, ich bin eine Hure und es ist aus!«
»Ich hab gesagt, du ziehst dich wie eine Hure an! Sonst hab ich gar nichts gesagt!«
»Ja, vielleicht. Und jetzt bin ich eben mit Mäx zusammen!« Sie nahm meinen linken Arm mit beiden Händen und kuschelte ihr Gesicht an meine Schulter.
»So ein Scheiß! Du kommst jetzt, Alte!« Abbas riss sie einfach mit sich. Sie quietschte vergnügt, da ihr Plan aufgegangen war, und winkte mir im Abgang noch einmal lachend zu. Natürlich hatte sie mich benutzt, aber trotzdem fühlte ich mich ihr verbunden, als hätten wir zusammen im Widerstand gekämpft.
Das war eigentlich das Aufregendste, was ich mit einem Mädchen erlebt hatte. Ich bin nicht das, was man einen Womanizer nennt, obwohl die Software dazu durchaus vorhanden wäre. Mädels jedoch, die ihrer Jungfräulichkeit überdrüssig waren, standen noch nie Schlange bei mir, und meine sexuellen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht konnte man an einer Comic-Enten-Hand abzählen. Es kann natürlich an meinem Äußeren liegen.
Gardemaß weise ich nicht auf. Ich messe ein Meter siebenundsiebzig, im Winter sogar nur ein Meter sechsundsiebzig, kleiner darf man wirklich nicht sein. Ich bin blond, jedoch nicht auf die Michel-von-Lönneberga-Art, nein, ich bin schlammblond und vereine gut fünfzig Ockertöne in meinem kurz geschnittenen Schopf. Das wirklich Ärgerliche an mir ist jedoch mein Milchbubigesicht. Es gibt Profifußballer, die sehen mit zweiundzwanzig Jahren bereits so charismatisch aus, dass sie bei den Karl-May-Festspielen problemlos als Stammesälteste durchgehen würden. Ich dagegen käme wohl nur als Zweitbesetzung für Peterchens Mondfahrt infrage. Andererseits, so dachte ich mir, werden untrainierte Mondgesichter mit Bauchansatz auch gern mal unterschätzt. Ich komme also grundsätzlich erst mal aus dem Windschatten, aber dann kann alles passieren.
Ich hatte in Frankfurt eine Erzieherausbildung gemacht, war mit Annäherungsversuchen bei meinen weiblichen Mitauszubildenden weitestgehend gescheitert und dann, kurz nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, in meine Heimat Fulda zurückgegangen. Als Kindergärtner trat ich eine Stelle in einer Petersberger Kita an und hatte zu den Kindern sofort einen guten Draht. Legendär das Experiment, bei dem ich alle meine kleinen Schützlinge Hundefutter probieren ließ. Das kam sogar bei den Kolleginnen prima an. Nur nicht bei meiner Chefin. Die war vom alten Schlag, konnte Kinder nicht ausstehen, hielt dafür große Stücke auf die gute alte schwarze Pädagogik. Sie hatte mich schnell auf dem Kieker. Und ich sie. Irgendwann war ich es leid, ihr dabei zuzusehen, wie sie ungehorsamen Kindern fies an den Ohren zog. Ich knallte ihr eine. Ihr verdatterter Gesichtsausdruck entschädigte mich für Monate der Unterdrückung, aber der Preis war hoch. Die alte Schreckschraube zeigte mich an und sorgte mit einer Abmahnung und einem Akteneintrag dafür, dass der »gewalttätige Psychopath« erst einmal keine weitere Gelegenheit bekam, in Kindertagesstätten »Amok zu laufen«.
Und das war nun der Stand der Dinge. Von meinen alten Freunden war mir als einziger mein Kumpel Gordon geblieben, mit Frauen lief nachhaltig nichts, dazu konnte ich gerade meinen Beruf nicht ausüben und war obendrein pleite.
Die guten Nachrichten: Viel schlimmer konnte es nicht mehr werden.
Da ich Geld brauchte, hatte ich begonnen, im Einstein zu bedienen. Das war als Übergangslösung gedacht, doch ich gewöhnte mich ziemlich schnell daran. Jan Kopetzky war ein fettleibiger Wirt Ende vierzig, der hinter seinem wortkargen Zynismus ein großes Herz versteckte. Er bezahlte fair, und wenn es gut lief, kamen noch ein paar Trinkgelder dazu.
Das Einstein war eine urige Bierkneipe, die eigentlich mal eine Sportsbar gewesen war. Aber als Kopetzky das Lokal gepachtet hatte, ließ er die großen Flachbildschirme einfach abmontieren. Der dicke Gastronom setzte auf ein jüngeres Publikum. In Uni-Nähe gab es nicht so viele Studententreffs, und genau das war das ehemalige Goooal! nach kurzer Zeit geworden. Der Wirt hatte einfach gerahmte Bilder von Wissenschaftsgrößen wie Albert Einstein, Stephen Hawking und Werner Heisenberg aufgehängt. Kopetzkys Rechnung war aufgegangen. Die jungen Leute in Fulda hatten das Konzept des Lokals angenommen. Das Einstein war jeden Tag rappelvoll.
So auch an diesem Abend. Der Laden brummte, und ich hatte mächtig zu tun. Das Bedienen lag mir im Blut. Ich neigte nicht dazu, hektisch zu werden, und knipste dabei stets mein nettestes Lächeln an. Wenn ich mit jedem Gast Blickkontakt aufnahm und mit guten Worten nicht geizte, waren die Trinkgelder am Ende reichlich.
Anja W. hingegen, meine polnische Kollegin, war ein ganz anderer Typ. Sie hatte unlängst ihren neunundzwanzigsten Geburtstag gefeiert; wie man munkelte, zum dritten Mal. Keine andere Frau, die ich kannte, vereinigte solche Gegensätze in sich wie Anja. Sie hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, die zwar operativ gerichtet worden war, aber dennoch einen Makel in ihrem sonst hübschen Gesicht darstellte. Als Ausgleich dafür war sie mit einem so prachtvollen Hinterteil gesegnet, das, wäre es größer gewesen, als Erdtrabant hätte Furore machen können. Manchmal sah ich diesem formschönen Gesäß versonnen nach, aber sobald Anja sich umdrehte, guckte ich schnell woandershin. Vorwitzige Gäste, die Anja W. in ihren aufsehenerregenden Hintern zwickten, kriegten postwendend so derbe Schellen, dass manchmal Toupets in hohem Bogen durch die Kneipe segelten. Viel Trinkgelder strich die Polin nicht ein, sie war jedoch effektiv. Sie betreute drei Tische mehr als ich und war trotzdem viel schneller.
Ich hatte gerade eine Gruppe Studenten abkassiert, als etwas passierte, was mich abrupt aus der Dauertristesse meines Daseins hinauskatapultierte. Die Tür öffnete sich und zwei späte Gäste traten ein, zwei junge Frauen. Ich sah hin, und es traf mich wie ein Blitz! Biggi kannte ich. Sie war eine wuchtige Frohnatur und lachte gern unvermittelt laut auf. Leute, die mit dem Rücken zu ihr saßen, fuhren oft in der Erwartung eines Möwenangriffs erschrocken zusammen. Meine Aufmerksamkeit galt jedoch nicht Biggi, sondern der dunkelhaarigen Schönheit neben ihr. Es war die atemberaubendste Person, die ich jemals gesehen hatte! Sie musste wie ich Mitte zwanzig sein, und sie war die ...




