E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Hallmann Das Projekt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-6448-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich hätte. Ich könnte. Ich wollte. - Ich habe!
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7519-6448-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. rer. nat. Matthias Hallmann (Jahrgang 1959) hat Informatik und BWL studiert und 1988 in Informatik promoviert. Er hat in vielen Führungspositionen in der Softwareindustrie gearbeitet. Die Arbeit in den Branchen der Telekommunikation und der Automobilindustrie hat ihn in den letzten 25 Jahren geprägt. Neben der Softwaretechnik interessierte ihn immer auch der soziologische Hintergrund der Zusammenarbeit im Projektteam. Viele internationale Vorhaben und Projekte hat er in diversen Rollen begleitet und diverse Fachartikel und Fachbücher geschrieben. DAS PROJEKT ist sein Debutroman. Er wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2. Das Programm – 2 Jahre zuvor
Dr. Albert Gratz rauchte genüsslich einen abendlichen Zigarillo und legte seine schwarze Hornbrille ab. Er versuchte einen zweiten Rauchring durch den ersten zu hauchen, was misslang. Er nahm ein Nosingglas und genehmigte sich zum Zigarillo einen Whisky. , sinnierte er und schaute aus dem fünften Stock des gläsernen Hochhauses auf Rödermark herunter, einer Kleinstadt am Rande des Odenwaldes im Süden von Frankfurt. Hier im ländlich geprägten Speckgürtel, genau am fünfzigsten Breitengrad, ließ es sich gut leben. Die örtliche Politik war mal schwarz grün, dann wieder grün schwarz und spielte sich geschickt die Bälle zu. Alle Politiker versicherten ihm allerdings immer wieder, dass man sehr wohl wüsste, was man an Curafox, dem größten hiesigen Arbeitgeber, habe. Durch die ansässige Berufsakademie hatte Curafox auch immer wieder pfiffige duale Studenten rekrutieren und später einstellen können.
In letzter Zeit favorisierte er mehr die Highlands Single Malt, nachdem er früher eher den rauchigen Geschmack der Whiskys von der Isle of Skye bevorzugt hatte. Mit einer kleinen Pipette tropfte er Wasser in das Nosingglas, um die Fassstärke von achtundvierzig Prozent etwas zu reduzieren und geschmacklich zu verändern. Er hielt das Glas gegen das hereinfallende Abendlicht, nippte und umspülte mit dem bernsteinfarbigen Whisky genussvoll den Gaumen.
Mit seinen zweiundsechzig Jahren wollte er sich langsam zur Ruhe setzen und anscheinend änderte sich mit dem Alter auch der Geschmack. Sein Arzt riet ihm sowieso von seiner ganzen Lebensweise ab. Nicht rauchen, mehr Sport, weniger Stress, kein Alkohol. Als CEO und Gründer der Curafox AG hatte er so einiges erlebt. Seit dreißig Jahren arbeitete er für die Automobilindustrie. Er hatte mit den diversen Kunden, den Herstellern, den Zulieferern und auch den Logistikern immer gut zusammengearbeitet. Die Curafox AG hatte sich einen Namen mit ihren hervorragenden Experten und der adaptierbaren Software gemacht. Er hatte sich damals den Namen ausgedacht, der „ bedeutete. Fürsorge für den Kunden, für die Umwelt und für die Mitarbeiter. Besonders stark waren sie in den Bereichen SAP, Produktion und Logistik, deren Software überall gebraucht wurden.
Die Software für den KFZ-Werkstattbereich hatte er Gottsei-Dank vor drei Jahren sehr gut verkauft. Mit dem Geld konnte er in das Thema künstliche Intelligenz und Software aus der Cloud einsteigen. Und die Börse hatte dies auch honoriert, seit Curafox im SDAX1 notiert war. Curafox lag nun bei 360 Millionen Euro Umsatz und hatte fast dreitausendzweihundert Mitarbeiter.
Er zog die buschigen Augenbrauen hoch und kräuselte die Stirn.
So ein Unternehmen konnte man nach über hundert Kennzahlen führen. Heutige Controlling-Systeme analysierten alles. Mal schraubte man etwas an der Produktion, dann wieder im Vertrieb. Mal konzentrierte man sich auf Expansion, dann wieder auf die Kosten. Zentrale Entscheidungen wurden wieder durch dezentrale Organisationen abgelöst. Er hatte gelernt, dass sehr gute Manager auch sehr gute Mitarbeiter anziehen. Gute Manager locken nur mittelmäßige Mitarbeiter an. Dieses Gesetz galt nicht nur für Manager, sondern auch für gesamte Firmen in der Softewarebranche.
Er schob den Gedanken beiseite und richtete sein Augenmerk auf die vor ihm liegenden Papiere. Die Diagramme und Zahlenreihen zeigten die letzten vorliegenden Kennzahlen des Monatsabschlusses. Und die sahen gerade nicht so umwerfend aus. Im ganzen Jahr verfolgte sie eine Seuche. Kosten, Umsatz, offene Rechnungen, Sales Pipeline: alle Kennzahlen waren nicht im Lot. Wie sollte er darauf reagieren? Es musste nun etwas passieren, ehe es ganz eng wurde. Gratz runzelte die Stirn und atmete schwer ein, als es an der schweren Bürotür kurz klopfte und sein Sohn Benjamin den Kopf hineinstreckte.
„Du bist ja auch noch da?“, stellt Benjamin fest, der meist nur Ben genannt wurde. „Hättest dir ja mal einen halben Tag freinehmen können“, witzelte er.
„Ja, das wäre schön, aber wir haben doch diese Pressekonferenz und den anstehenden Quartalsbericht. Ich muss da selber nochmal Hand anlegen. Irgendwie gefällt mir das nicht. Komm, setz dich mal dazu.“ Gratz nahm den Papierstapel und sein Whiskyglas und ging zum Konferenztisch hinüber. Dort breitete er die wichtigen Papiere vor seinem Sohn aus.
„Warum ist bei gleichem Umsatz der EBIT2 so viel geringer? Die Kosten sind einfach immer noch zu hoch. Die Verwaltungskosten fressen unseren Profit auf. Und dann die immer noch so hohen Investitionen in Indien. Hier, sieh mal! Die müssen jetzt mal ihr Produkt ROSE-Co liefern. Der Logistikmarkt sucht dringend Innovationen im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz. Und wir könnten diese automatische Bildanalyse für Lagerhallen liefern.“
Sein Sohn Ben nickte. Der Kauf der kleinen indischen Firma war ein genialer Schachzug gewesen. Das Produkt ROSE-Co konnte auch in Gabelstaplern oder anderen Robotern verbaut werden und stand für „“, ein lernendes neuronales Netz. Das für Collect sollte später noch für andere weitergehende Einsatzgebiete zum autonomen Fahren oder im Gesundheitswesen ausgetauscht werden. Allerdings war die Softwarequalität zurzeit noch verbesserungswürdig. Aber die kleine indische Firma hielt schon beachtliche achthundertundfünf Patente in diesem Bereich der künstlichen Intelligenz.
, stellte Ben für sich fest. Mit der Software hatten sie Alleinstellungsmerkmale gegenüber der Konkurrenz, insbesondere in Deutschland. Über eine Virtual Reality Brille konnte ein Mensch steuernd eingreifen. Um die Aufgabe zu meistern, würden die Robotersysteme mit Stereo-Kameras ausgestattet, deren Aufnahmen in Bildanalyse-Applikationen fließen. Im Gegensatz zu autonomen Autos, die im Straßenverkehr bestehen sollen, war es hier nicht notwendig, noch andere Sensoren hinzuzuziehen. Denn in den Lagerhallen herrschte stets eine recht gleichbleibende Beleuchtungssituation, so dass zusätzliche Radar- und Laser-Systeme unnötig wären. Diese Erweiterungen sollten später in einem neuen Release des Produktes ROSE-Co dazukommen.
Benjamin Gratz war als Sohn des CEO für alle operativen Prozesse in der Firma Curafox verantwortlich. Er sollte in naher Zukunft seinen Vater beerben. So war es vorgesehen. Aber dafür mussten die achtunddreißig Prozent der Aktienbesitzer, die bei der Groß-Familie lagen, zustimmen. Diese Konstruktion kam noch aus der Zeit, als Curafox noch nicht börsennotiert war und dringend Geld brauchte. Onkel, Tanten, Vettern und andere gaben Geld gegen Anteile. Eigentlich mussten sie das rückblickend nie bereut haben.
„Da habe ich gute Nachrichten für dich, Papa“ sagte Ben und goss sich auch einen Whisky ein. „Wir haben die Ausschreibung von InfoLogis bearbeitet. War ein ziemlich harter Brocken und wir haben nur noch eine Woche Zeit. Fachlich passt das und wir können fast fünfundsiebzig Prozent der Anforderungen direkt erfüllen. Der Rest muss nachprogrammiert werden und ROSE-Co muss natürlich in die IT-Umgebung von InfoLogis eingepasst werden. Mit der Kalkulation liegen wir inklusive den Gabelstaplerzukäufen bei 19,8 Millionen Euro und einer Marge von achtzehn Prozent,“ erzählte Ben selbstbewusst. „Wir können noch etwas runterkommen, wenn wir unsere Inder mit ins Boot nehmen. Die kommen für drei Monate hierhin und programmieren dann zu Hause. Damit gehen die Durchschnittskosten bei den Stunden auf achtundsiebzig Euro runter. Bei den Zulieferern könnten wir noch etwas rausquetschen. Reisekosten sind allerdings immer noch zu hoch. Ich stell dir das mal zusammen und sende dir auch das Risk-Sheet zu. Bei der Risikoeinschätzung liegen wir bei B2, also im mittleren Bereich. Aber alles machbar.“
Albert Gratz hatte aufmerksam zugehört und war stolz auf seinen Sohn. Bei jedem großen Angebot wurde eine Risikoabwägung durch die Beantwortung von vierzig ausgewählten Fragen durchgeführt. B2 signalisierte auf der Skala A1 bis D4 zwar ein erhöhtes Risiko, aber das könnte man managen. Intern stellte sich ein Team dann immer Fragen wie:
Haben wir so ein Projekt schonmal erfolgreich gemacht?
Brauchen wir externe Zulieferer?
Haben wir das Know-how?
Kennen wir den Kunden?
Ist er solvent?
Gibt es Währungsrisiken? Und so weiter.
„Sehr gut. Wenn wir das gewinnen, dann machen wir ein Fass auf. Ich freue mich jetzt schon auf die Ad-hoc und Pressemeldung. Dann könnte ich mich auch von einigen Aktien trennen.“...




