E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Hanif Rote Vögel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-455-00517-2
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-455-00517-2
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mohammed Hanif wurde 1965 in Okara, Pakistan, geboren. Nach einer Ausbildung zum Kampfpiloten bei der pakistanischen Luftwaffe wandte er sich dem Journalismus zu und zog 196 mit seiner Familie nach London. Dort war er für die BBC tätig, schrieb Artikel für die New York Times, die Washington Post und den Guardian. Sein Debütroman Eine Kiste explodierender Mangos, eine bitterböse Satire über den mysteriösen Flugzeugabsturz, der 1988 in Pakistan mehrere umstrittene Politiker das Leben kostete, wurde 2008 für den Booker Prize nominiert, 2011 erschien Alice Bhattis Himmelfahrt. 2008 kehrte Mohammed Hanif nach Pakistan zurück und arbeitet heute in Karatschi als Korrespondent der BBC.
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Kapitel 2 Momo
Hier wimmelt es von Dieben. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen: Was gibt es da schon zu stehlen? Und ich sage Ihnen: Schauen Sie genau hin, es gibt nichts zu stehlen, weil schon alles gestohlen wurde. Bestimmt können Sie sich ein Camp ohne Wasserhähne vorstellen oder auch ein Camp mit Kraftfahrzeugsteuer, ein Camp ohne Straße, ein Camp mit Strommasten oder ein Camp ohne Strom – aber ein Camp ohne Mauer drumherum? Wo also ist diese Mauer, fragen Sie. Gestohlen.
Wie kann man eine ganze Mauer stehlen, wenden Sie ein. Ich sage Ihnen: Sie kennen diese Leute nicht, meine Leute.
Wenn es ums Stehlen geht, sind sie wahre Künstler.
Sie haben die Mauer Stein für Stein geklaut. Das Fundament wurde ausgegraben, jeder Krümel Beton und Mörtel mitgenommen, Stahldraht mit bloßen Händen herausgerissen. Manche werfen mir vor, den ersten Stein herausgestemmt zu haben, aber das musste ich, um das Treiben der Entwicklungshelfertypen im Auge zu behalten, wohlriechenden Weltverbesserern, die die größten Diebe von allen waren. Aber ihren Papierkram haben sie erledigt. Sehen Sie den Krater dort? Das sollte ein Wasserreservoir werden. Und den Haufen glänzender Stahlmasten, festgezurrt mit Ketten und Schlössern? Das sollte unser Strom werden. Sehen Sie den Schuppen mit den zwei Büffeln drin? Meine ehemalige Schule. Für jedes abgezweigte Bündel Scheine, für jeden gestohlenen Sack Getreide oder Zucker ist ein Berg Papiere auszufüllen, der belegt, dass nichts gestohlen wurde. Es gab ein Beschwerderegister, um solche Sachen zu melden, daran war mit Nylonschnur ein Kugelschreiber befestigt.
Ja, richtig geraten, das wurde auch gestohlen, samt Stift.
Es gab hier einen Wasserfall, ja, genau, so einen richtigen Wasserfall, einen Meter breit und so hoch wie ein Basketballkorb. Bro Ali und ich haben darunter gebadet, als ich klein war. Was noch nicht sehr lange her ist. Einige werden fragen, wie ich das wissen kann, wenn ich damals noch ein Kind war. Und überhaupt, wie es denn mitten in der Wüste einen Wasserfall geben kann. Ich sage Ihnen: Sie wissen nichts über diesen Ort, meinen Ort.
Ein kleiner Spaziergang genügt, und Sie kommen an den Hauptattraktionen unseres Camps vorbei: Allahs Dieners Frischemarkt für Geflügel und Gemüse – der Mann ist ein Schmuggler, Hamsterer und Schwarzhändler. Wenn Sie dem Fliegenschwarm vor diesem Schlachthaus entronnen sind, kommen Sie zu ein paar wilden Haufen Altmetall, dem Königlichen Eisenwarendepot, betrieben von zwei jugendlichen Dieben, die sich früher im Hangar bedient haben und heute die Wüste nach Schrott durchwühlen, den sie auf dem freien Markt verkaufen. Im Laden an der Ecke finden Sie Doctor und seinen Stuhl, den er aus einem Krankenwagen gerettet hat. Ja, es gab Zeiten, da hatte das Camp einen eigenen Krankenwagen. Er fuhr mit kreischender, da defekter Sirene die Straßen rauf und runter und verkündete neue Todesfälle oder machte Hoffnung, dass man vielleicht nicht sterben müsse, sondern nur ein Bein oder einen Arm verlieren würde. Was aus ihm geworden ist? Ein Haufen beim Schrotthändler, zum Kilopreis verkauft. Kein Wunder, dass Doctor die medizinische Notfallversorgung aufgegeben hat. Jeder hat damals mitbekommen, wie er zum Arzt wurde, durch Ausprobieren nämlich, weil es keinen anderen Arzt gab. Aber er ist nicht glücklich in diesem Job. Manche Leute wollen im Leben wohl nicht aufsteigen. Doctors Einstellung zur Medizin lässt sich im Grunde so zusammenfassen: Vergiss deine Wunden oder deine Organe, die versagen, mach dir lieber einen Kopf um Mutter Erde, weil die stirbt wirklich.
Alle Häuser des Camps sind mit blauen Plastikplatten gedeckt, die sich berühren. Wenn Mutt gut drauf ist, schafft er es in drei Minuten über die Dächer von einer Ecke des Camps zur anderen und wieder zurück. Manchmal jagen ihn die Kinder, manchmal jagt er sie. Mittlerweile sind die Kinder aber ziemlich gelangweilt von ihm.
An diesem Ort bleibt man nicht lange Kind. Mal ist die Hitze schuld, dann wieder die Büffelmilch oder das Essen im Camp, wie auch immer, es wird erwartet, dass man schnell erwachsen wird. Mein großer Bruder Ali war zwei Jahre älter als ich, als er verkauft wurde. Jetzt nennen die Leute mich den Boss, und ich habe mir den Respekt hart verdient, aber ich weiß, dass der echte Boss Bro Ali war. Er musste nicht mal viel dafür tun. In der Schule war er der Einzige, der alle Bücher schon am ersten Schultag durchgelesen hat. Seine Hefte waren voll mit goldenen Sternchen.
Eines Morgens wachte ich auf und sah, wie er statt seiner Schuluniform einen schwarzen Overall mit einem goldenen Flügel auf der Brust anzog. Am Abend war er noch als normaler großer Bruder ins Bett gegangen – einer, der dem größeren Jungen auf der Straße eine klebt, weil er mit dem Finger auf dich zeigt, und der dir zu Hause dann auch eine verpasst, weil du an dem Mist selbst schuld bist –, und jetzt hatte er Flügel. Als ob die Nacht ihn in einen Engel verwandelt hätte. Unter dem Overall trug er sein Boss-T-Shirt. Es war der Tag, an dem Bro Ali verkauft wurde. Aber das wusste er natürlich nicht. Er dachte, im Hangar würde eine Festanstellung mit Überstundenregelung auf ihn warten. Die meisten schlauen Schulabgänger glauben, Leben bedeutet Festanstellung. Ich glaube, das Leben ist eine Geschäftsmöglichkeit.
Father Dear behauptet immer noch, dass er seinem Sohn einen Job im Hangar besorgt hat.
Mit Tränen in den Augen versuchte Mother Dear, das Feuer in Gang zu bringen, als Bro Ali das Motorrad von Father Dear bestieg und sie davonfuhren. Ich lief ihnen nach, um Bro Ali das zusammengerollte Omelett zu geben, das Mother Dear gebacken hatte. Aber sie waren schon nur noch eine kleine Staubwolke in der Ferne. Er drehte sich um und winkte, als wollte er mir sagen, dass er zurück wäre, ehe ich bis drei zählen könnte. Ich biss von dem Omelett ab. Es wurde in meinem Mund zu Sand. Ich warf es Mutt hin, der mir ganz aufgeregt gefolgt war. Sehr lange schnüffelte er daran herum, bevor er es hinunterschlang. Wahrscheinlich habe ich Mutt deshalb so gern, weil er weiß, wie man Gier beherrscht.
Wie soll man seine Integrität an einem Ort bewahren, an dem Diebstahl nicht nur akzeptiert, sondern erwartet wird? Wer kein kleiner Dieb ist, wer also keine Ziegel, Papier oder Zucker stiehlt, der ist mit Sicherheit ein umso größerer Dieb, der wahrscheinlich ganze Wagenladungen Zucker stiehlt und sämtliche Ziegel und Kupferkabel aufkauft, die die kleinen Diebe geklaut haben. Was willst du machen, wenn du in einem Sumpf aus moralischer Verkommenheit feststeckst?
, hieß es, Wir hatten Kunstunterricht. Der Kunstlehrer sagte, malt einen Krug mit Wasser und eine Krähe, die daraus trinkt. Wir hatten Physikunterricht. Newton, sagte der Physiklehrer, saß unter einem Apfelbaum. Ich malte Krüge, dachte über Newton nach. Aber die richtige Bildung holte ich mir im Fernsehen. Der Empfang klappt nicht immer, aber wenn er gut ist, kann man manchmal und sehen. Außerdem brachte Father Dear ein altes Buch mit dem Titel aus dem Hangar mit. Darin gibt es Männer, die haben ihre eigene Jacht. Diener in Uniformen servieren ihnen mitten auf dem Ozean das Essen. Verraten Sie mir mal, wie das gehen soll, dass man an so eine Jacht kommt, indem man Krüge und Krähen malt oder unter einem Apfelbaum abhängt. Wie will man denn die Diener bezahlen? Mit Physik- und Kunstunterricht bringt man es höchstens selbst zum Diener auf so einem Schiff.
Ich konzentrierte mich aufs Business und wurde Unternehmer. Nein, das heißt nicht, dass man sich mit denen verbündet, die man nicht schlagen kann, weil das würden die gar nicht zulassen. Und schon gar nicht legt man sich mit ihnen an, sonst kann man gleich einpacken.
Ich bin Geschäftsmann. Ich kaufe und verkaufe. Ich biete Dienstleistungen an und stelle sie in Rechnung. Ich mache Deals und kassiere Provision. Während andere über die Probleme des Erwachsenwerdens reden, finde ich Lösungen für die Probleme der Erwachsenen.
Für manche bin ich ein mieser Geschäftemacher, ein Nachkriegsprofiteur, ein kleiner Schwarzhändler, aber ich sage Ihnen, da spricht der pure Neid. Nur kleine Diebe können so kleinlich sein. Zeigen Sie mir einen anderen fünfzehnjährigen Geschäftsmann in diesem oder meinetwegen auch einem anderen Camp, der einen Jeep Cherokee 3600 CC besitzt. Echt Vintage. Himmelblau. Wenn wir zu einem Deal fahren, fliegt er über den Sand wie auf Engelsflügeln. Ich plane, einen Land Cruiser Vogue anzuschaffen, der für das Klima hier besser geeignet ist, aber selbst wenn ich meinen Vogue habe, werde ich meinen Cherokee nicht aufgeben. Das erste Auto ist wie die erste Liebe, man vergisst es nie. Bei Liebe weiß ich noch nicht so recht (die kommt, wenn sie kommt, wobei ich nicht vorhabe, mich zu verlieben, ehe ich die erste Million verdient habe), aber auch, wenn ich Multimillionär bin, werde ich diese Prinzessin behalten. Wie könnte ich eine Schönheit wie meinen Cherokee je weggeben? Niemals. Momo schwört.
Wie alle erfolgreichen Geschäftsleute habe ich noch andere Vermögenswerte, einige materiell, andere nicht, beide sind wichtig. Denn was ist Business? Ein Prozess, durch den Ideen zu Cash werden, man zeichnet Futures und wartet ab, welche Teile der Vergangenheit auf den Märkten gut laufen.
Manchmal ist die Vergangenheit eine sehr wertvolle Ware.
Ich...




