Hardinghaus | Die verratene Generation | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Hardinghaus Die verratene Generation

Gespräche mit den letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95890-333-3
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gespräche mit den letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-95890-333-3
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



14 Millionen Deutsche wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben, über 2 Millionen von ihnen ermordet, mindestens 2 Millionen Frauen und Mädchen unter ihnen vergewaltigt. Die Thematisierung der Vertreibungsverbrechen gilt gesellschaftlich als Tabuthema - ebenso wie die Diskussion darüber, ob die alliierten Flächenbombardements mit 600000 Todesopfern Kriegsverbrechen waren. Der Großteil der zivilen Opfer war weiblich. Vergleichsweise wenig ist in der Wissenschaft über die Rolle der Frau im Nationalsozialismus geschrieben worden, so gut wie gar nichts über ihren Einsatz im Krieg. Dabei zwangen die Nazis, obwohl dies im Widerspruch zu ihrer eigenen Ideologie stand, beinahe jede deutsche Frau in den Kriegsdienst. Viele Millionen etwa schufteten als Rüstungsarbeiterinnen, 1,5 Millionen standen als Wehrmachtshelferin, Kriegshilfsdienstmaid oder Lazarettschwester mitten im Kriegsgeschehen. Frauen zitterten Nacht für Nacht in Luftschutzkellern um ihr Leben, wurden ausgebombt und verletzt, trauerten um ihre gefallenen Ehemänner. Sie waren auch die ersten Opfer der einrückenden Sowjetarmee, die keine Gnade mit ihnen kannte. Wenn sie das alles überlebt hatten, krochen sie am Ende auf Trümmern und räumten auf. Bis heute leiden diese Frauen an unverarbeiteten Kriegstraumata, für die sich zu wenige ihrer Nachkommen interessierten. Nach dem Erfolg seines Buches Die verdammte Generation über die Stigmata, denen die letzten Soldaten des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt waren, lässt Historiker Christian Hardinghaus nun 13 der letzten Zeitzeuginnen einer verratenen Generation sprechen, die erst von den Nazis, dann von alliierten Soldaten missbraucht worden sind und bis heute gesellschaftlich als vermeintliche Mittäterinnen eines Verbrecherregimes gebrandmarkt werden. In historisch umfassenden und mutigen Einleitungen widerlegt er Vorurteile und appelliert an ein Überdenken unserer Erinnerungskultur.

Dr. phil. Christian Hardinghaus, geb. 1978 in Osnabrück, promovierte nach seinem Magisterstudium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung und schloss danach ein Studium des gymnasialen Lehramtes mit dem Master of Education in der Fachkombination Geschichte/ Deutsch ab. Seine historischen Schwerpunkte liegen in der Erforschung des NS-Systems und des Zweiten Weltkriegs. Er ist außerdem schulisch ausgebildeter Fachjournalist und arbeitet als Lektor, Autor und beratender Historiker. Seine Artikel erscheinen in zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen. Er veröffentlicht sowohl Sachbücher als auch Romane.
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STIGMA MITTÄTERIN – LÜCKEN IN DER HISTORISIERUNG, FEHLER IN DER FRAUENFORSCHUNG


Zigtausende Sachbücher und Romane, Kinofilme und Dokumentationen sowie andere Medienbeiträge sind in den letzten 75 Jahren über den Zweiten Weltkrieg erschienen. Auffällig daran ist nicht nur, dass der überwältigende Teil dieser Produktionen von männlichen Autoren erstellt worden ist, sondern auch, dass die vermittelte Sicht des Krieges im Wesentlichen eine maskuline ist. In unseren Köpfen waren und sind bewaffnete Kampfhandlungen Männersache. Dabei haben kaum weniger Frauen als Männer den Zweiten Weltkrieg erlebt, in ihm gewirkt und ihn durchlitten. Über die grausamen Erfahrungen deutscher Frauen während Flucht und Vertreibung einerseits und in den Bombennächten andererseits lernen wir größtenteils aus Frauenbiografien, von denen viele sehr erfolgreich waren und sind und es durchaus schaffen, neben der eigenen Geschichte die generelle Lebenswelt von Frauen im Zweiten Weltkrieg oder im Dritten Reich darzustellen. Beeindruckende Beispiele stammen hier von Melita Maschmann12, Margarete Hannsmann13 oder ganz besonders von Eva-Sternheim Peters14. Diese autobiografischen Werke werden aber in der Regel von keinem Wissenschaftler bewertet und einsortiert, und somit besteht hier thematisch eine Forschungslücke.

Statistisch gesehen und sowohl soziologisch als auch biologisch erklärbar, sind Frauen ungleich häufiger Opfer von modernen Kriegen als Männer. Das können wir mit Sicherheit für den Zweiten Weltkrieg annehmen. Bis Ende der 1960er-Jahre blieb die große Pauschalisierung der Männergeneration als Täter aus. Die deutsche Zivilgesellschaft wusste zu unterscheiden zwischen NS-Funktionären oder freiwilligen KZ-Wächtern einerseits und den einfachen Soldaten andererseits, die in der absoluten Mehrheit weder Kriegsverbrechen begangen noch sich am Holocaust beteiligt haben. Die durch radikale Vertreter der 68er-Bewegung entstandene Kollektivtäterthese deutscher Männer des Zweiten Weltkriegs gipfelte Mitte der 1990er-Jahre in einer manipulativen und unwissenschaftlichen Wehrmachtsausstellung, die genau diese untermauern wollte und so prägend war, dass bei vielen das Bild des bösen deutschen Soldaten heute noch Gültigkeit hat.

Die deutschen Frauen des Zweiten Weltkriegs hingegen waren sogar von Anfang an einer Pauschalisierung unterworfen, man konnte sie nie korrekt einordnen. Nur hat sich bei der Bewertung ihrer Rolle das Bild einmal um 180 Grad gedreht – vom Opfer zur Täterin. Umso bedauerlicher ist es, dass sich dabei wieder der unbefriedigende Forschungsstand bemerkbar macht. Während es Dutzende Arbeiten über Männer gibt, muss die Militärgeschichte, die sich mit weiblichen Lebensläufen befasst, bis heute mit einem einzigen Standardwerk auskommen. In ihrem 1969 erschienenen Buch stellt Ursula von Gersdorff wertfrei und umfassend die Situation von Wehrmachtshelferinnen und Frauen im Kriegshilfsdienst dar. Ein weiteres umfangreiches Buch, das sich explizit mit der weiblichen Gefolgschaft im Dienst der Wehrmacht beschäftigt, erschien von Franz Seidler 1979 unter dem Titel Die übrige, ebenfalls überschaubare wissenschaftliche Literatur thematisiert fast ausschließlich die Rolle der Frau innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie.

Die Forschung über die Frau im NS-System begann erst spät und kam weitestgehend ohne Beteiligung männlicher Historiker aus. Geführt wurden die Debatten zur Rolle der Frau im Dritten Reich seit Ende der 1970er-Jahre von der feministischen Frauenforschung, die von der neuen Frauenbewegung ausgegangen ist. Bis Mitte der 1980er-Jahre wurde die Frau im Nationalsozialismus fast nur in einer Opferrolle beschrieben. Das ist im Wesentlichen der Frauenbewegung geschuldet, die gegen die männlich dominierte Wissenschaft rebellierte. Allerdings betrachteten die Autorinnen ihre Müttergeneration darin nicht etwa als Opfer des Bombenkrieges oder als Vertreibungsopfer durch die einrückende Sowjetarmee, sondern schlicht als Geschädigte eines patriarchalen NS-Systems. Vorgelegt hatte die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich in ihrem Buch . Darin diskutiert sie Antisemitismus vornehmlich als eine »Männerkrankheit«, die Frauen der NS-Zeit als Opfer ihrer eigenen Männer und als Folge ihrer Angst vor Liebesverlust angenommen hätten:

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Mitscherlich beschreibt die Frau im Dritten Reich psychoanalytisch als schwaches Wesen ohne eigenen durchsetzbaren Willen. Sie habe einfach alles akzeptiert, was ihr der von Männern gemachte Nationalsozialismus diktiert habe, sei dadurch Opfer und nicht Täterin geworden und könne sich selbst antisemitische Vorurteile höchstens über den Mann gebildet haben:

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Während selbstverständlich heute die These, eine Frau könne nicht selbst antisemitisch sein, gänzlich absurd erscheint, begann die Frauenforschung erst Mitte der 1980er-Jahre, sich für die Rolle der Frau als Unterstützerin von NS-Verbrechen zu interessieren. Zunächst in abgeschwächter Form. Christina Thürmer-Rohr entwarf das Mittäterinnenkonzept, nach dem die Frau im Nationalsozialismus ihre Rolle selbst gewählt und gewollt und somit das Patriarchat unterstützt habe.20 Die amerikanische Historikerin Claudia Koonz pflichtete ihr 1986 bei und bezichtigte Frauen im Dritten Reich, die nationalsozialistische Ideologie selbst überzeugt vorangetrieben zu haben, nicht unbedingt inhaltlich, sondern weil sie sich dadurch einen gewissen Freiraum in der Entfaltung einer eigenständigen Weiblichkeit in einem von Männern dominierten NS-Staat erhofft hätten.21

Die sozialwissenschaftliche Frauenforschung radikalisierte sich in den 1990er-Jahren fortlaufend. Man thematisierte nun gar nicht weiter Frauen als Opfer und zunehmend auch nicht mehr als Mittäterinnen, sondern forderte die Anerkennung der Frau als »gleichberechtigte Täterin«. Auf dem Symposium , das mit etwa 60 Diskutantinnen vom 5. bis 7. Januar 1990 in Würzburg stattfand, versicherte die Soziologin Lerke Gravenhorst, der Kampf gegen das Patriarchat werde selbstverständlich im Interesse aller weitergeführt, allerdings stehe die Anerkennung der Mittäterschaft der Frauen im Dritten Reich ab sofort über jedem Streit des patriarchal organisierten Schuldunterschiedes.22 Die Soziologin Dagmar Reese erinnerte an die helle Begeisterung, mit der so viele Mädchen dem BDM beigetreten waren23, die Psychotherapeutin Ruth Waldeck erkannte in bedeutender Frauenliteratur der Kriegszeit ein kollektives Muster deutscher Schuldbewältigung auf Kosten »realer Opfer« der NS-Zeit24, und die Sozialwissenschaftlerin Karin Windhaus-Walser verlangte abschließend eine Radikalisierung der Begrifflichkeit von der Mittäterin hin zur Täterin. Die Verbrechen des Nationalsozialismus seien Ergebnis eines gemeinsamen Interaktionsprozesses beider Geschlechter gewesen, und historisch gesehen habe es keine Situation gegeben, in der Männer unbeeinflusst von Frauen hätten agieren können.25

Nach der tendenziösen Wehrmachtsausstellung und den wirren, von Historikern zu Recht heftig kritisierten Tätervolk- und Zustimmungsthesen des amerikanischen Erfolgsautors Daniel Goldhagen26 () schwappte die Lust an der kollektiven Verurteilung auch auf die Frauenforschung über. Kathrin Kompisch beklagt sich 2008 in ihrem Buch , dass zu wenig Frauen – und wenn überhaupt, dann nur Extremtäterinnen – verurteilt worden sind. Man habe vergessen, die vielen Wehrmachtshelferinnen und Behördenmitarbeiterinnen unter die Lupe zu nehmen. Die Historikerzunft habe die weibliche Schuld bedauerlicherweise einfach nicht beachtet.28 Kompisch bedauert, dass es für die Anwendung von echten juristischen Urteilen eben zu spät sei, aber an Ideen für eine moralische Verurteilung in der »Rückschau« mangelt es ihr dennoch nicht. So nennt sie als weitverbreitete Straftatbestände der deutschen Frauen im Dritten Reich etwa durch das Wegsehen und nicht Einschreiten bei der Deportation von Juden und wegen des Scheidenlassens von jüdischen Ehepartnern.29 Als »Totschlagargument« wirft sie dann dem Leser doch...


Hardinghaus, Christian
Dr. phil. Christian Hardinghaus, geb. 1978 in Osnabrück, promovierte nach seinem Magisterstudium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung und schloss danach ein Studium des gymnasialen Lehramtes mit dem Master of Education in der Fachkombination Geschichte/ Deutsch ab. Seine historischen Schwerpunkte liegen in der Erforschung des NS-Systems und des Zweiten Weltkriegs. Er ist außerdem schulisch ausgebildeter Fachjournalist und arbeitet als Lektor, Autor und beratender Historiker. Seine Artikel erscheinen in zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen. Er veröffentlicht sowohl Sachbücher als auch Romane.



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