E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Harkness Bird Therapy
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96860-515-9
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Buch gelesen habe, von dem ich überzeugt war, dass es Leben retten kann. Dieses hier kann es." Chris Packham
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-96860-515-9
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach jahrelangem Kampf mit schweren Depressionen und Zwangsstörungen erleidet Joe Harkness 2013 einen völligen Zusammenbruch. Mithilfe von Medikamenten, Psychotherapie und Achtsamkeit kommt er langsam wieder auf die Beine. Doch keine Therapie berührt ihn so sehr wie das intensive Erleben der Natur, vor allem beim Beobachten der Vögel. Als er anfängt, sich mit Birding zu beschäftigen, begreift er erstmals die Schönheit und Einzigartigkeit dieser Tiere. Sie inspiriert ihn, erdet ihn und führt ihn zu echter Selbstakzeptanz und Heilung. Sein Buch ist ein fesselnder Erfahrungsbericht und zugleich praktischer Leitfaden für die Anwendung von Bird Therapy bei Lebenskrisen und psychischen Problemen.
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2013. Das Bettlaken war so fest zusammengedreht, wie es meine Kräfte erlaubten, und an einem der Deckenbalken verknotet. In Ermangelung eines Stricks oder jedweder Vernunft musste das reichen. Die Füße zu beiden Seiten der geöffneten Luke des Dachspeichers eingespreizt, blickte ich durch das kleine dunkle Loch in den darunter befindlichen Korridor hinunter, konnte aber kaum etwas erkennen. Das Leben bot sich meinen Augen, die von den Tränen brannten, in Silhouetten, in formlosen Konturen dar. Ich wollte nicht mehr hier oben sein. Ich wollte nirgendwo mehr sein. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich an diesen Ort begeben hatte, doch jedes Mal wünschte ich mir, es möge das letzte Mal sein.
Ich ruckelte an der Behelfsschlinge, um zu prüfen, wie fest sie war, und legte sie um meinen Hals; sie fühlte sich an der Stelle, an der ich sie zusammengedreht hatte, weich und warm an, im Gegensatz zu der eisigen Kälte in meinem Kopf. Die Stille, die etwas Abgeklärtes hatte, wurde von einer Tür, die sich öffnete, angstvollem Geschrei und Schritten unterbrochen, die in Windeseile die Treppe hinaufkamen. Eine Störung – im unpassendsten Augenblick –, ernste und liebevolle Worte, die mich von meinem Vorhaben abzubringen suchten. Man redete auf mich ein wie auf ein Kind, flehte mich an zu bedenken, was ich anderen Menschen damit antun würde – aber dazu war ich nicht imstande. Es lag auf der Hand, dass ich professionelle Hilfe benötigte, aber ich tat auch weiterhin alles, was in meiner Macht stand, um dieser Option zu entgehen.
Bitte denken Sie jetzt nicht, dass Sie eine zutiefst deprimierende Lektüre vor sich haben, wenn Sie diese Anfangszeilen lesen. Ich verspreche Ihnen, dass dieses Buch einen positiven Ausgang hat. Es dokumentiert, wie sich mein Leben durch die Entdeckung eines neuen, heißgeliebten Hobbys, »Birding« oder »Vogelbeobachtung« genannt, zum Besseren verändert hat. Dieser Augenblick erwies sich als Wendepunkt in meinem Leben und als Katalysator für dieses Buch. Meine mentale Gesundheit ist das erste der beiden Elemente, auf denen die Geschichte der Bird-Therapie basiert, und damit sie ihre metaphorischen Schwingen ausbreiten kann, müssen wir am Ausgangspunkt beginnen.
Vier Monate nach diesem emotionalen Tief war ich in meiner Heimatstadt Norwich, einer kleinstädtisch anmutenden Universitätsstadt im Osten Englands unterwegs und hatte Hunger. Entlang den Kopfsteinpflasterstraßen des mittelalterlichen Stadtkerns gibt es viele Lokale, in denen man ein üppiges englisches Frühstück zu sich nehmen kann, genauer gesagt, so viele, dass wir einen eigenen Hygienekontrolleur haben. In einem dieser Lokale saß ich also mit zwei Freunden und aß geräucherten, ausgelassenen Speck, eine solide Grundlage, um den Magen für das alljährliche Bierfest in Norwich zu wappnen. In diesem stylischen Café mit seinen Mahagoni-Sitzmöbeln und Speisekarten auf Kreidetafeln gestand ich zum ersten Mal in meinem Leben »Außenstehenden«, dass mit meiner mentalen Gesundheit etwas nicht stimmte. Es war ein berauschender Moment und ich hatte das Gefühl, als würde mir die sprichwörtliche Last von den Schultern genommen. Das finstere Geheimnis, das ich so lange mit mir herumgeschleppt und tunlichst verborgen hatte, war endlich ans Tageslicht gekommen.
Ich stürzte mich mit neuem Optimismus in das Kampfgetümmel des Bierfestes, kaschierte meine Zerbrechlichkeit mit Ale in rauen Mengen, wie ich es mir schon seit langem angewöhnt hatte. Als sich das nachmittägliche Gelage dem Ende zuneigte, beschlossen wir, in einen nahegelegenen Pub überzuwechseln, um dort weiterzutrinken, aber ich näherte mich einem Punkt, den ich nur zu gut kannte – dem Punkt, an dem ich sämtliche Hemmungen, jede Selbstkontrolle und Achtsamkeit verlor. Nach kurzer Zeit und ein paar weiteren Bierchen gesellte sich ein Herr zu mir an die Bar. Er erkundigte sich, ob ich zufälligerweise mit X verwandt sei – das war mein Vater –, erklärte, dass er ihn in jungen Jahren kennengelernt hatte, dass ich ihm unheimlich ähnlich sähe und was für ein »wunderbarer Mann« er gewesen sei. Mein alkoholisiertes Selbst erwiderte fauchend, dass ich nichts von ihm hören wolle und keinerlei Ähnlichkeit mit ihm hätte.
25 Jahre Verletzung, emotionales Chaos und Niedergeschlagenheit, die sich aufgestaut hatten, kochten an die Oberfläche hoch und hatten zur Folge, dass ich explodierte. Ich konnte nicht mit Leuten umgehen, die mich mit der Herausforderung konfrontierten, meine lebenslange Negativität bezüglich meines Vaters in Frage zu stellen, die ich in meinem Kopf fabriziert hatte. Ein wildfremder Barbesucher wollte mir einreden, dass mein Dad, den ich für ein Monster hielt, in Wirklichkeit ein anständiger Mensch sei. Niemand hatte das Recht, meine Überzeugungen zu untergraben, absolut niemand, und damit geriet ich in einen Gefühlssog. Ich musste schleunigst raus aus dem Schlamassel. »Ich geh mal eine rauchen«, log ich, verließ den Pub und begab mich auf den Heimweg, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Damit setzte ich eine Spirale in meinem Innern in Gang, die sich immer weiter abwärts schraubte.
Es war mir damals nicht bewusst, doch das war der Beginn eines Nervenzusammenbruchs, und es sollte noch schlimmer werden, bevor sich mein Zustand zu bessern begann. An diesem Abend wurde ich ins Bett gesteckt, zugedeckt wie ein Kleinkind und bewacht, bis ich einschlief. Sobald ich aufwachte, gingen mir jedoch wieder tausend Dinge durch den Kopf und meine Gedanken gerieten völlig aus der Bahn – der unkontrollierbare Kulminationspunkt meiner jahrelangen, negativen Perspektive. Ich war außerstande, mein irrationales Verhalten vernünftig zu begründen oder zu steuern, ich zitterte am ganzen Körper, schluchzte und presste meine Fäuste gegen die Schläfen, als würde das helfen, die Gedanken zu vertreiben.
Ich erhielt einen Termin bei einem psychiatrischen Notdienst, und dort begann mein Weg zur Genesung.
Die erste Amtshandlung der Ärztin bestand darin, mich für unbestimmte Zeit krankzuschreiben – und meinen Namen auf die ständig wachsende Liste für eine der psychiatrischen Versorgungseinrichtungen in der britischen Grafschaft Norfolk zu setzen. Ich erinnere mich, dass ich in einem hellen Raum der Klinik saß und die Probleme und Gefühle zu erklären versuchte, die mich den größten Teil meines Erwachsenenlebens belastet hatten. Ich kam mir töricht vor und verspürte sogar einen leisen Anflug von Angst, als ich mich bemühte, meine Denkvorgänge zu beschreiben. Es war, als würde es sie irgendwie realer machen, wenn ich sie verbal zum Ausdruck brachte. Ich gestand, dass ich mich etwa seit dem fünfzehnten Lebensjahr in eigener Regie »behandelte«, zuerst mit täglichem Cannabis-Konsum und danach, gegen Ende der Teenagerzeit bis Mitte zwanzig, mit einem täglichen Cocktail aus anderen illegalen Drogen und Alkohol. Ich erzählte der Ärztin von meiner Überzeugung, dass mein Verstand schon vorher fragil gewesen sei, aber dass ich hier saß und meine Seele vor ihr entblößte, war ein Anzeichen dafür, dass ich einen vollständigen Zusammenbruch hatte – ich musste schlussendlich akzeptieren, dass ich professionelle Hilfe brauchte.
Sie diagnostizierte bei mir eine Zwangserkrankung (OCD = obsessive-compulsive disorder) und eine Generalisierte Angststörung (GAS), auf der Beschreibung meiner Gedanken und Gefühle basierend. Doch das sind nur Worte, medizinische Zuordnungen, denn jeder erlebt mentale Gesundheitsprobleme auf seine eigene Weise. Manchmal fühle ich mich absolut spitze, als könnte ich alles erreichen, was ich mir vornehme, doch zu anderen Zeiten hasse ich alles und jeden, möchte nur in Ruhe gelassen werden und alleine sein. Jeder macht andere Erfahrungen, und deshalb ist es so wichtig zu erkennen, wenn Menschen mit psychischen Problemen kämpfen, so wie es bei mir der Fall war.
Angesichts dessen kann man jemandem, der nicht selbst auf irgendeine Weise davon betroffen ist, nur schwer erklären, wie es ist, mit chronischen Angstzuständen zu leben. Der springende Punkt ist, dass sich meine persönliche Erfahrung der Angst vermutlich nicht verallgemeinern lässt. Sie mag ähnlich sein wie die anderer Betroffener, vielleicht die gleichen Charaktermerkmale und Symptome zeigen, aber wir sind alle »unterschiedlich gepolt«, wie es oft heißt. Ich werde es trotzdem versuchen.
Meine eigenen Ängste manifestieren sich in dem unablässigen nagenden Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht habe oder im Begriff bin, einen Fehler zu begehen. Für mich ist der Gedanke, etwas nicht einwandfrei oder falsch zu machen, eine Katastrophe; bei mir muss alles hundertprozentig und unter Kontrolle sein. Ich mache mir Sorgen über jede Aktivität, jede Entscheidung, jedes Wort oder jede Verhaltensweise, sodass ich das Bedürfnis habe, im Rahmen des Möglichen alles zu planen und zu organisieren – bis ins kleinste Detail.
Danach beginne ich unausweichlich, über dieses Gefühl und seine Ursachen zu grübeln, und damit wird der Kreislauf negativer Gedanken in Gang gesetzt. Ich zerbreche mir den Kopf, was andere Leute über mich denken können. Ich leide fortwährend unter paranoiden Vorstellungen und lasse Ereignisse und Gespräche immer wieder Revue passieren, überzeugt, dass ich etwas Falsches gesagt oder getan habe. Auf diese Weise stehe ich kontinuierlich unter Hochspannung und verfolge hyperwachsam jede Interaktion mit anderen, was einen K.O.-Effekt auf meine Konzentrationsfähigkeit und meine allgemeine Lebensfreude hatte – und schon ist jeder Anflug einer positiven Grundeinstellung dahin!
Ich schwitze, zittere, quäle mich und leide, doch die Zeit hat mich gelehrt, die Warnsignale zu erkennen und mich so weit...




