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Harrison Die Centauri-Maschine

Roman - Mit einem Vorwort von Adam Roberts
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-26002-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman - Mit einem Vorwort von Adam Roberts

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ISBN: 978-3-641-26002-6
Verlag: Heyne
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Seit Jahrzehnten unter den Top Ten der besten SF-Bücher aller Zeiten: M. John Harrisons legendärer Roman „Das Centauri-Spiel“, mit dem der Autor des Bestsellers „Licht“ das Genre der Space-Opera revolutionierte. Ohne ihn hätte es Autoren wie Peter F. Hamilton, Alastair Reynolds oder Charles Stross nie gegeben. In erstmals ungekürzter und vollständig überarbeiteter Neuausgabe.


Der Engländer M. Hohn Harrison, 1945 geboren, zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Autoren auf dem Gebiet der Science Fiction und Fantasy. Etliche seiner Romane und Erzählungen wurden preisgekrönt, seine zuletzt erschienenen Bücher „Licht“ und „Die Centauri-Maschine“ wurden von Publikum und Kritik einhellig gefeiert. Harrison lebt und arbeitet in London.
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1


Truck, Tiny und Angina Seng


Es war St.-Crispins-Abend auf Sad al Bari IV, als Käpten John Truck sich, angetrieben durch etwas, das er nicht umhin konnte, als ›Gefühl‹ zu beschreiben, zu einem Besuch des Spacer’s Rave, Ecke Proton Alley und Circuit, entschloss (jener frostigen Kreuzung, wo die besseren Hafenladies ihre Kundschaft suchen).

»Nimm ja keine Fracht an«, schärfte er seinem Bootsmann ein, als er sich anschickte, My Ella Speed zu verlassen, »für mindestens zwei Wochen. Und schon gar kein Saatgut. Ich will nie wieder Kürbisse transportieren, egal wie sie aussehen.«

»Was ist ein Kürbis?«, fragte der Bootsmann, ein chromianischer Zwerg namens Fix, der nach eigenen Angaben ziemlich schwer von Begriff war, aber gut zupacken konnte.

»Wo andere einen Kopf haben, hast du zum Beispiel einen Kürbis«, erklärte John Truck selbstgefällig. »Kinder tragen sie aus dem gleichen Grund, aus dem du dir deine Zähne hast abschleifen lassen. Nicht vergessen: kein Saatgut.«

Und ging mit einem lässigen Wink von Bord.

Über Bread Street und East Thing erreichte er die Alley, ein feuchter Wind verwirbelte ihm das lange Haar. Er trug einen großen Lederhut und eine enge Kampfjacke aus Schlangenleder, beides Relikte einer fragwürdigen Vergangenheit. Er ging mit gekrümmten Schultern und gesenktem Kopf, als sei er fertig mit der Milchstraße (was er war, aber nicht fertiger als jeder andere).

Überall zwischen Raumhafen und Servicebereichen lauerten die Schwindler und Artisten mit ihren sonderbaren, schimmernden Utensilien, sie sprachen ihn im grünen Schein der Straßenlaternen an, doch er blickte nicht auf. Er wusste, wie sie aussahen, die vor Kälte Zitternden, vor Kälte und Angst, Angst vor einer langen, dunklen Zukunft im Nachtwind von hundert Planeten – er kannte sie, die ihr Leben fristeten im Hinterland von tausend Häfen. Später würden sie heimgehen, heim in die gleichen schmierigen Eingänge, auf die gleichen Parkbänke und in die gleichen trostlosen Asyle, oder bis zum Morgengrauen in den pneumatischen Systemen gondeln: fadenscheinige Verlierer, die ihm nicht Leid taten, weil sie ihm so ähnlich waren. Ihre ziellosen, spleenigen Herzen, der Geruch von Hoffnungslosigkeit verlangten eine Antwort, die zu geben er noch nicht bereit war – weil sie ein Eingeständnis von Verwandtschaft bedeutet hätte.

Nicht dass sie ihn traurig stimmten – oder dass er kein Mitgefühl gekannt hätte; er war einfach hohl, leer, nichts hatte ihn jemals erfüllt.

Seit seiner Entlassung aus der FLOTTE, ein Jahr nachdem von der ganzen Hysterie um den Zwischenfall im Sternbild Canes Venatici nichts als die abgedroschene Diplomatie geblieben war, mit der er begonnen hatte, hatte er sich auf einer trägen, dreidimensionalen archimedischen Spirale von Venatici aus über die Crow- und Heavy-Stars durch den ganzen Himmel gejobbt. Auf Gloam und Parrot hatte er Halbkettenfahrzeuge gefahren und auf Jacqueline Kennedy Terminal Straßen gebaut; auf Morpheus hatte er Kampflieder gesungen und Metaamphetamine an die Nachtarbeiter verkauft – nicht weil er irgendwie an der Revolte beteiligt war, die den Planeten schließlich in Stücke riss, sondern weil er dort festsaß und abgebrannt war.

Nach fünf Jahren war er auf der Erde gelandet, wo sie alle landen, und hatte schwere Maschinenanlagen für die Israelische Weltregierung bewacht und stattliche Summen kassiert für jeden Araber, den er erschoss, doch die Summen waren nicht stattlich genug gewesen – nicht für schmutzige Arbeit. Er hatte sich jedes Mal in die Hose gemacht, wenn jemand eine Waffe abfeuerte (auch wenn das mit der Zeit nachgelassen hatte, stellte er es immer noch so dar, zu seinem Leidwesen mit Händen und Füßen und kauzigen Stimmen – vor allem für Hafenladies), und hatte eine Grausamkeit an den Tag gelegt, die er nie in sich vermutet hätte. Ein Halbkrieg war so dämlich wie der andere. Schließlich hatte er die psychischen Klimmzüge nicht mehr ertragen, die erforderlich waren, um ohne Engagement so weiterzumachen. Er machte Schluss damit, und zwar wie üblich: Er machte sich einfach davon.

Hätte er das Kopfgeld nicht gespart gehabt und damit My Ella Speed gekauft (damals noch Liberal Power, wegen des Namens hatte er sich am Kopf gekratzt), dann hätten die sieben Jahre von seiner Entlassung aus der FLOTTE bis Sad al Bari IV durchaus an der Peripherie des Hafens enden können; dank seines verhornten Daumens, eines billigen Musikinstruments und seines Hutes, der am Boden stand, um den Zaster aufzufangen. Anstatt auf seinem Kopf zu sitzen, wo er hingehörte.

Selbst der Kauf des Bootes wirkte damals wie ein glücklicher Zufall. Nicht an Äthylalkohol gewöhnt – nach wie vor die einzige legale Droge auf der Erde –, war er irgendwo in den gemäßigten Zonen sturzbesoffen und lachend auf einen Schrottplatz gestolpert; um dann, als er begriff, wofür er sein Geld ausgegeben hatte, bewusstlos zusammenzubrechen. John Truck war ein Verlierer, und Verlierer überleben paradoxerweise, weil sie im entscheidenden Moment Glück haben. Nicht dass er es damals als Glück empfunden hätte, rücklings dazuliegen, während rostige und unförmige Haufen von Wracks durch seinen Kopf kreiselten (und zu denken: Mein Gott, was soll ich bloß damit anfangen?).

Es war sein persönliches Unheil, dass er es nie gelernt hatte, dem Fluss der Ereignisse zu widerstehen; er hatte es nie gelernt, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

Proton Alley ist so kalt wie all die anderen Straßen; jede Wärme, die man dort zu entdecken meint, entpuppt sich bald als ein trügerisches Nebenprodukt der bunten Metalldampfschilder. Alle Anwohner haben ihre Lebenserfahrung so gut verdaut, dass ihnen nichts mehr davon bleibt. Frisch und naiv beginnen sie den Tag, betrachten dich aber mit leeren Augen. Keine Wärme: Doch John Truck genoss die Vertrautheit, die vielleicht ein akzeptabler Ersatz ist an Abenden, die einem Heiligen gewidmet sind.

Draußen vor dem Spacer’s Rave stand ein uralter Deneber der vierten Generation mit tiefschwarzer, schrundiger Haut, die Augenlider dauerhaft vor dem aktinischen Gleißen eines Sterns gesenkt, den er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, und rezitierte Verse aus dem zweiten Gesang von The Fight At Finnsburg. Der Hut stand an den Füßen. In den Stiefeln klafften Risse, aber die Stimme war passabel und dröhnte über die Köpfe vorbeikommender Huren und zugedröhnter FLOTTENleute hinweg.

Die Marty Lingham fand einen trostlosen Orbit,
eingefangen von einem Grauen Zwerg,
das Perihel wie üblich eine Hand voll Millionen
weit draußen: nach Art der Kometen,
nach Art eines Friedhofs.

Er zeigte Käpten Truck die hässlichen alten Zähne, ein Verlierer erkannte den anderen, auch wenn letzterer gut verkleidet war. Er verzog das grässliche Gesicht, zwinkerte.

»Ein Intellektueller, hab ich Recht, Bootsmann …?«, begann er seine Masche abzuziehen und vertrat Truck geschickt den Weg.

»Wenn er das nicht getan hätte«, schwor Truck später, »hätte er bestimmt was gekriegt.«

Drinnen im Rave war alles ganz anders: Drinnen, da spielte sich Tiny Skeffern, der letzte große Musiker der Milchstraße, die Seele aus dem Leib, als gelte es, den Inhalt eines seltenen Eies möglichst unbeschadet durch das Instrument zu schleusen.

John Truck kannte ihn seit alters. Tiny Skeffern stand mit seinen zierlichen eins dreiundfünfzig mitten im Durcheinander aus Scheinwerfern, Strobolampen und Kaleidomaten und klopfte mit dem rechten Fuß den Takt. Sein Haar war spärlich, kraus und blond – mit zweiundzwanzig hatte er schon eine Tonsur gehabt. Wenn er nicht spielte, titschte er ständig herum, er war ein Tänzler; wenn er spielte, stand er unglaubliche Minuten lang auf ein und demselben Fleck und schenkte den Ladies ein reserviertes aber freches Lächeln. Tiny war ein enthusiastischer Verlierer alter Schule und nickte, als Truck eintrat.

Über Luthos-Verstärker mit je einem halben Kilowatt Ausgangsleistung spielte er seine vierhundert Jahre alte Fender Stratocaster, alle Regler voll aufgedreht, in eine Batterie von dreißig Zoll Hydrogen-Line-Lautsprechern. Am Bass stand eine schlaksige Deneber-Queen mit lauter pinkrosa Hosenschlägen und Schlitzärmeln; der Schlagzeuger war von hier und sah wie alle guten Drummer mal elend, mal aggressiv aus.

Sein Sound war weitläufig und pelzig; langsam und mahlend, voller rätselhafter kleiner Läufe und Kompliziertheiten. Er scheuchte den Bass durch die Harmonien; machte Geräusche wie von berstendem Glas und explodierenden Quasaren, wie von toten Schiffen und orbitalen Konfrontationen und Epochen geologischer Verwerfungen; er machte Geräusche wie ein Gott.

»I’m a highway child«, sang der Mann, »so don’t deny my name.«

Alles war so, wie es sein sollte.

John Truck leckte sich die Lippen und kaufte sich einen Knickerbocker-Glory, bestreut mit kleinen Tetrahydrocannabinolkristallen: Er besah sich das Publikum. Es bestand hauptsächlich aus Musikern anderer Bands und ein paar Raumfahrern, die wie John Truck begriffen, dass die Musik im Jahr 2000 verendet und die Neue Musik die alte war. Nur die Gewinner überleben, dachte Truck, während die alte Gitarre wimmerte (um vier...


Harrison, M. John
Der Engländer M. Hohn Harrison, 1945 geboren, zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Autoren auf dem Gebiet der Science Fiction und Fantasy. Etliche seiner Romane und Erzählungen wurden preisgekrönt, seine zuletzt erschienenen Bücher „Licht“ und „Die Centauri-Maschine“ wurden von Publikum und Kritik einhellig gefeiert. Harrison lebt und arbeitet in London.



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