Healey | Unser letzter Sommer am Fluss | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Healey Unser letzter Sommer am Fluss

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-446-27710-6
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

ISBN: 978-3-446-27710-6
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Ein sattes, verführerisches Porträt von Begehren.' Publishers Weekly
Eine geheime Vergangenheit. Eine verbotene Leidenschaft. Ein Sommer, der alles verändert.
Juli 1973: Ruth und ihre Freundinnen nennen sich die Ophelia-Girls. Am Fluss stellen sie präraffaelitische Gemälde nach - bis etwas Tragisches passiert. Vierundzwanzig Jahre später zieht Ruth mit der siebzehnjährigen Tochter Maeve und ihrem Mann Alex in ihr einst prachtvolles Elternhaus zurück. Als Stuart, ein Jugendfreund von Ruth, für ein paar Wochen zu Besuch kommt, entflammen eine alte und eine neue Leidenschaft. Wie die viktorianische Villa beginnt die Familienfassade zu bröckeln - und es kommen Dinge ans Licht, die Ruth seit jenem verhängnisvollen Sommer zu vergessen versucht hat.
Eine fesselnde Strandlektüre: Jane Healey erzählt verführerisch und spannungsgeladen von Verlangen mit fatalen Konsequenzen.

Jane Healey wuchs in einem viktorianischen Bauernhaus auf, in dem es Gerüchten zufolge spukte. Sie studierte Kreatives Schreiben in New York und lebt in London.
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1


Maeve liegt am Boden ihres Zimmers und erinnert sich daran, wie es war, zu sterben. Sie hat sich so hingelegt, als wäre sie ohnmächtig zusammengesackt, und lauscht nun den dumpfen Geräuschen der anderen — ihrer Mutter, die ihre beiden jüngeren Geschwister bändigt, die sechs Jahre alten Zwillinge, die lauthals von ihrem Tag im Streichelzoo berichten, und ihres Vaters, der heute früher von der Arbeit gekommen ist. Sie fragt sich, wie lange es wohl dauern wird, bis jemand an ihrem Zimmer vorbeigeht und sie entdeckt, ob sie aufschreien und zu ihr stürzen werden, um sie zu schütteln, oder ob sie sofort wissen, dass sie nur so tut. Lieber wäre ihr die erste Variante, wofür sie gleich ein schlechtes Gewissen bekommt, stark genug, um sich aufzusetzen. Ihre Hüfte schmerzt, weil der Teppich so dünn ist, ihre Augen gewöhnen sich nur langsam an die Helligkeit des späten Sommertags, ganz so, als wäre sie tatsächlich begraben gewesen.

Dies ist ihr erster krankenhausfreier Sommer seit vielen Jahren, ihr erster Sommer, in dem es ihr gut geht nach all den Infekten und Komplikationen durch die Knochenmarktransplantation vor zwei Jahren. Sie ist jetzt eine ganz gewöhnliche Siebzehnjährige, nicht länger eine kränkliche Kreatur, die ans Bett gefesselt ist, nicht länger durchlöchert von Nadeln und Ports, nicht länger unter ständiger Beobachtung, nicht länger Studienobjekt.

Es ist ein bisschen abartig, dass sie sie manchmal vermisst, ihre Krankheit, die Aufmerksamkeit, die Liebe, die Zuwendung, die Fürsorge. Vielleicht ist sie falsch zurückgekommen, als sie an jenem Tag von der Schwelle geholt wurde, vielleicht ist sie in ihrem Kern verdorben wie ein Buch, das ins Badewasser gefallen ist, dessen Seiten nun aufgequollen und verklebt sind.

Der Tod lässt einen froh sein, noch zu leben, lässt einen Bilanz ziehen unter allem, was man hat, erkennen, wie gesegnet man ist, hat ihr Vater vor ein paar Monaten nach der Beerdigung ihres Großvaters gesagt, nachdem er drei Gläser Wein am Küchentisch der winzigen Londoner Wohnung geleert hatte, in der Maeve und ihre Familie gelebt hatten, damit es nicht so weit zum Krankenhaus war. Der winzigen Wohnung, die sie zurückgelassen hatten, um in das Haus ihres Großvaters auf dem Land zu ziehen mit seinen siebenundzwanzig Zimmern und dem weitläufigen Garten. Aber der Tod hatte auf Maeve eine ganz andere Wirkung, für sie machte er das Leben nur noch anfälliger, gebrechlicher. Jede Sterbeszene in jedem Film und jeder Vorstellung, die sie gesehen, und jedem Buch, das sie gelesen hat, in der die Sterbenden ihren Part sagten, in der sie sich durch die Anwesenheit ihrer Lieben geborgen fühlten und gegen die sich aufdrängende Dunkelheit kämpften, war einem Strudel aus Lärm und Schmerz und Verwirrung gewichen, der in einem anonymen Nichts mündete, einer einladenden Schwärze. Es machte ihr Angst, wie leicht das Sterben war, und sie wollte zu diesem Tag im Krankenhausbett zurückkehren, zu diesem vom Krebs geschwächten Körper, die Lunge durch die Entzündung mit Wasser gefüllt, und es anders machen, etwas anderes fühlen, mehr als nur Müdigkeit, mehr als nur ein Körper zu sein, der sein natürliches Ende erreicht. Wie sollte sie jetzt der Welt gegenübertreten oder sich auf ihre Zukunft freuen, wo sie doch wusste, wie eines Tages alles enden würde?

Ein Sommer hier wird dir guttun, hat ihr Vater gesagt, während er ihr half, ihre Sachen in das Zimmer mit dem Erkerfenster im hinteren Teil des Hauses zu räumen, von dem aus man den eingezäunten Garten, die daran anschließenden Wiesen und die Wälder weit unten im Tal überblicken konnte. Du wirst Farbe bekommen — und dann wird dir schnell wieder einfallen, wie es ist, lebendig und wild und frei zu sein, so wie eine Jugendliche sein sollte, hat er mit einem Zwinkern hinzugefügt, bevor er zum Telefon eilte, um ein Arbeitsgespräch anzunehmen.

Eine Woche des besagten Sommers später, und Maeve ist nicht überzeugt, als sie sich im Spiegel ihres Schminktischs finster anstarrt: Vielmehr ist es der alte, bestoßene Schminktisch ihrer Mutter im alten Zimmer ihrer Mutter, die Sechzigerjahretapete mit dem verblassten Rosenmuster hinter ihr. Sie zwingt sich zu lächeln, schiebt die Massen roter Locken über ihre Schultern und sieht im gleißenden Sonnenlicht alle Mängel ihrer Haut, ihres Gesichts. Einerseits sieht sie aus, wie sie sich fühlt, kränklich, wie eine der schwächlichen viktorianischen Figuren aus ihren Lieblingskinderbüchern, andererseits — die Röte auf ihren Wangen, ihren Lippen — sieht sie gesund aus, und manchmal hasst sie das, so auszusehen, als wäre alles gut. Sie tippt mit den runtergekauten Nägeln auf die Tischplatte und neigt den Kopf so wie ein gelangweiltes Model aus der Vogue oder Elle, müde und mürrisch in all ihrer Schönheit. Ein plötzlicher Schrei lässt sie erstarren, ihre Augen groß im Spiegel, und sie steht auf und eilt auf wackligen Beinen zur Quelle des Schreis.

»Verhätschel ihn nicht, Maeve«, sagt ihre Mutter vom Herd aus, während Maeve im kleinen Verschlag an der Küche ihren zappelnden Bruder auf dem Schoß hält. »Ihm geht’s gut, er hat nicht mal ’ne Beule.«

»Er hat geweint«, sagt Maeve, und ihre Mutter seufzt.

Maeve kann es nicht ertragen, wenn Kinder weinen, wenn sie jammern, selbst wenn der Grund etwas so Triviales ist wie ein zerbrochener Keks oder eine weglaufende Katze. Sie weiß so gut, wie es sich anfühlt, unglücklich zu sein, untröstlich, wie grell und schmerzvoll die Welt sein kann. Sie kennt das Bedürfnis, verwöhnt und gestreichelt zu werden. Und von all dem abgesehen war es ihr Bruder, der ihr mit seiner Knochenmarkspende das Leben gerettet hat, wenn sie also jemanden verhätschelte, dann ja wohl ihn.

Michael — nicht Mike, niemals Mike, berichtigt er Erwachsene, die er neu kennenlernt, mit ernster Miene — schaut glückselig zu ihr herauf, während sie ihm über den heißen Kopf streichelt.

»Bin ich tapfer?«, fragt er mit seiner Kinderstimme.

»Der Tapferste«, verkündet Maeve. »Du bist so tapfer, dass Mum dir nach dem Essen eine Extraportion Mousse au Chocolat geben wird.«

»Maeve«, sagt ihre Mutter.

»Du hast doch gesagt, sie könnten ein paar Pfund mehr vertragen«, erwidert sie, und Michael zappelt sich los und rennt über die Bodenfliesen zu seiner Schwester, Iza — niemals Isabella —, um seine neueste Kriegsverletzung zu zeigen. »Wieso gibt es überhaupt Mousse au Chocolat?«, fragt sie und nickt Richtung Kühlschrank. Zum Nachtisch gibt es sonst Eis oder Plätzchen aus der Dose; ihre Mutter verbringt nicht gern viel Zeit in der Küche.

»Wir bekommen Besuch, hat dein Vater nichts erzählt?«, fragt ihre Mutter mit einem leichten Stirnrunzeln, und dann zuckt sie zusammen, weil sie sich an dem Blech verbrennt, das sie aus dem alten Aga-Herd zieht. Diesem verdammten Aga, wie sie ihn schon getauft hat.

»Nein.«

Ihre Mutter hält den Finger unter kaltes Wasser, starrt dabei mit leerem Blick in den Garten. Sie ist in der letzten Zeit sehr oft so in Gedanken verloren.

»Besuch?«

»Judy und ihr Mann, die Shaws, Mrs Quinn vom Ende der Straße und Stuart.«

»Wer ist Stuart?«, fragt sie und fürchtet sofort, dass jemand von ihnen einen fürchterlichen Teeniesohn mitbringt, den Maeve dann unterhalten muss. Sie würde lieber auf das Essen verzichten und sich in ihrem Zimmer verkriechen.

»Stuart ist ein alter Freund«, sagt ihre Mutter und stellt das Wasser ab. »Er hat mit deinem Vater und mir während des Studiums zusammengewohnt, und ich kenne ihn sogar noch länger. Sein Vater war Gärtner hier, als zum alten Abbey-Gut noch alle Häuser gehörten außer unserem. Damals wurden sie vermietet. Der Stall, der Trockenschuppen und die Cottages. Stuart hat die Sommer hier verbracht.«

»Hier? In Opas Haus?«

»Nein«, ihre Mutter wirkt verwirrt, »in der Kate, in dem sein Vater lebte. Obwohl er fast nie dort war — er hat die meiste Zeit draußen verbracht, wir alle eigentlich.«

Maeve vergisst immer, dass ihre Mutter schon ein Leben hatte, bevor sie nach London zog, bevor sie Mutter wurde. Und die Vorstellung, dass sie, Maeve und ihre Mutter, ihre Jugend am selben Ort verbringen, dass diese Lebensabschnitte hochgehalten und miteinander...


Brauns, Ulrike
Ulrike Brauns studierte Germanistik, Skandinavistik, Englische Literatur und Gender Studies in Bonn, Stockholm und Melbourne. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Healey, Jane
Jane Healey wuchs in einem viktorianischen Bauernhaus auf, in dem es Gerüchten zufolge spukte. Sie studierte Kreatives Schreiben in New York und lebt in London.



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