E-Book, Deutsch, 536 Seiten
Heiland Das Mädchen aus Glas
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-801-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 536 Seiten
ISBN: 978-3-98952-801-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Julie Heiland wurde 1991 geboren. Sie hat Journalistik studiert und eine Rhetorik- und Schauspielausbildung gemacht. Die Erfolgsautorin hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, u.a. die Romanbiografie »Diana - Königin der Herzen« und die Bestseller-Dilogie »Die Freundinnen vom Strandbad«. Sie lebt in der Nähe von München. Die Website der Autorin: julie-heiland.de Die Autorin bei Facebook: facebook.com/p/Julie-Heiland Die Autorin auf Instagram: instagram.com/julieheiland Bei dotbooks veröffentlicht Julie Heiland ihren Roman »Das Mädchen aus Glas«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
MAI 1913
Elisa versuchte, die Erinnerungen an diesen Tag abzuschütteln. Es war halb zwölf, und das Weiß der leeren Tagebuchseite vor ihr strahlte ihr entgegen. Kein einziges Wort hatte sie geschrieben, obwohl sie schon eine halbe Stunde lang an ihrem Schreibtisch saß. Als ihre Füllfeder nach einer Weile doch über das Papier kratzte, spürte sie, dass sie die Worte förmlich herauszwang. Schließlich gab sie es auf und steckte den Deckel auf ihr Schreibgerät, um den einsamen Satz auf sich wirken zu lassen. Es war ein Satz, den sie schon unzählige Male geschrieben und gelesen hatte, denn der Eintrag glich exakt dem des Vortags. Und dem des Tages davor.
Nach dem Frühstück mit Mutter habe ich zwei Stunden lang gelesen.
Sie überraschte sich selbst, als sie sich von ihrem Stuhl erhob und die Seite herausriss, mit ihr noch zwei weitere, diese zusammenknüllte und in den Papierkorb warf. Elisa legte die Hände vors Gesicht, und als sie wieder etwas ruhiger atmen konnte, fuhr sie sich über ihr Haar. Sie bereute es sofort, da ihre Mutter mindestens eine halbe Stunde für die Flechtfrisur gebraucht hatte und es sofort bemerken würde, wenn auch nur eine Strähne aus der Reihe tanzte.
Durch ihre offene Zimmertür drang der Duft frisch aufgebrühten Kaffees. Sie hörte die Stimme ihres Vaters, der wütend zu sein schien oder vielleicht auch nicht, denn selbst wenn August von Treue einen guten Tag hatte, war sein Tonfall streng und gebieterisch. Mittagssonne fiel durch das Fenster, und Elisa schaute, noch immer aufgebracht, nach draußen auf die Straße. Dort zog das Geklapper von Pferdehufen auf Pflastersteinen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vor dem Haus hielt eine Droschke, aus der vorsichtig ein Mädchen stieg. Sie schien sehr darauf bedacht, dass dem feinen, lang geschnittenen Karton in ihren Armen nichts geschah. Bertha, Elisas Kammerfrau, eilte ihr entgegen, nahm den Karton und drückte ihr Geld in die Hand.
Zehn Minuten später klackerten die Absätze von Elisas Mutter die Treppenstufen herauf und kündigten an, dass sie sich zielstrebig ihrem Zimmer näherte. Tack. Tack. Tack. Tack. Wie immer verschwendete Pauline von Treue keinen Gedanken daran, dass ihre Tochter vielleicht lieber ungestört wäre, und platzte ins Zimmer. Die Haltung perfekt, das rosafarbene, mädchenhafte Kleid hochgeschlossen, die Haare zu einer aufwendigen Frisur aufgesteckt.
»Ich habe eine Überraschung für dich, Elisa. Ist das nicht schön? Du magst doch Überraschungen!«, freute sie sich mit ihrer hohen Stimme.
Für einen Moment war es so still, dass man ihr straff geschnürtes Korsett leise knistern hören konnte. Mit einer Hand umfasste sie die Lehne des Stuhls, auf dem Elisa gerade eben noch gesessen hatte.
Elisa kannte Überraschungen eigentlich nur, wenn ihre Mutter ihr ein neues Buch schenkte. Bücher halfen ihr, die Zeiger der Uhr etwas schneller wandern zu lassen, damit sich die Tage nicht gar so endlos anfühlten.
»Was ist es denn, Mutter?«, fragte sie.
Bertha schlich nun ins Zimmer, darauf bedacht, kaum aufzufallen. Noch immer trug sie den mysteriösen Karton in den Armen. Vorsichtig, als sei darin ein Säugling, legte sie ihn auf dem Bett ab.
»Sieh nach«, sagte ihre Mutter, die ihre freudige Aufregung kaum verbergen konnte.
Elisa öffnete den Karton. Eingeschlagen in dünnes Papier kam ein wunderschönes Kleid zum Vorschein. Sie streckte die Hand nach dem feinen, fliederfarbenen Stoff aus. Doch als ihr Zeigefinger ihn streifte, zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Im Vergleich dazu war das cremefarbene, locker sitzende Reformkleid, das sie trug, unauffällig. So wie sie es bevorzugte.
Früher hatte ihre Mutter ihr oft schöne Kleider geschenkt. Mehrmals hatte Elisa sie darum gebeten, damit aufzuhören, doch ihre Mutter hatte nicht hören wollen – bis zu dem Tag, an dem Elisa eines dieser Kleider mit der Schere zerschnitten hatte. Ganz still, mit ruhiger Hand, unter Tränen. Erst als ihre Mutter sie gefunden hatte und ihr Kleid und Schere wegnehmen wollte, hatte Elisa geschrien. Endlich war die Traurigkeit aus ihr herausgebrochen, die sie empfand, wenn sie diese schönen, wertvollen Seiden- und Chiffonstoffe trug. Eine junge Frau, die das Haus nie verließ, brauchte keine kostbaren Kleider. Sie würden ohnehin nur von Motten zerfressen werden und aus der Mode kommen.
»Aber es gibt doch gar keinen Anlass.« Elisa sah vom Kleid zu ihrer Mutter und wieder zurück.
»Doch, den gibt es. Aber den verrate ich dir noch nicht. Niemand wird ihn dir verraten.« Ihre Mutter warf Bertha einen strengen Blick zu, die daraufhin einen Knicks machte und sich zurückzog.
»Selbstverständlich, Frau von Treue.«
»Wie geht es dir, Kind?«, fragte ihre Mutter. Während sie Elisa musterte, schien sie im Kopf eine Strichliste durchzugehen. Kleid? Knitterfrei. Teint? Blass, jedoch leicht gerötete Wangen. Haare? Eine Strähne ist verrutscht. »Du wirkst etwas fahrig.«
»Es geht mir gut«, entgegnete Elisa. »Wirklich.«
»Bist du auch ganz ehrlich?«
»Ja. Natürlich.«
Ihre Mutter musterte sie erneut lange, als könnte sie auf diese Weise Elisas Gedanken lesen. Schließlich nickte sie. »Schön. Sehr schön. Kommst du gleich herunter? In etwa einer halben Stunde gibt es Mittagessen. Sei vorsichtig auf der Treppe.«
Nachdem ihre Mutter sie wieder allein gelassen hatte, sank Elisa auf die Bettkante neben das Kleid. Obwohl ihr Körper zierlich war, fühlte er sich heute unendlich schwer an. Heute war der 30. Mai, was bedeutete, dass Elisa in exakt zwei Monaten ihren vierundzwanzigsten Geburtstag feiern oder eben nicht wirklich feiern würde. Allein bei dem Gedanken daran graute es ihr, denn sofort waren wieder die Bilder ihres siebten Geburtstags vor ihrem inneren Auge. Sie wollte nicht daran zurückdenken, aber sie hatte nicht viel, an das sie sonst denken konnte. Normale Menschen sammelten Erinnerungen, erlebten kleinere oder größere Abenteuer. Elisa erlebte nichts, deshalb hatte sie auch keine Erinnerungen, die sie ablenken konnten.
Nach dem Unglück an ihrem Geburtstag hatte ihr Vater sofort ihren Arzt gerufen. Noch immer hörte Elisa die aufgebrachten Stimmen ihrer Eltern sowie die tiefe, ruhige Stimme von Doktor Johannes Friedmann, als diese sich lange hinter verschlossener Tür unterhalten hatten.
»Elisa ist krank«, hatte der Arzt gesagt. »Schwer krank. Ihre Knochen brechen sehr leicht. In etwa so leicht wie Glas.«
»Was soll das für eine merkwürdige Krankheit sein?«, hatte ihr Vater entgegnet. »Ich habe noch nie etwas von ihr gehört!«
Osteogenesis imperfecta, erklärte Doktor Friedmann. Bisher sei Osteogenesis imperfecta noch kaum erforscht. Er selbst kenne die Krankheit nur aus Büchern. Er werde sich erkundigen.
Elisa hatte ihre Hände, ihre Arme, ihre Beine betrachtet – da war doch nichts Außergewöhnliches an ihr? Sie hatte sich immer für ein normales Mädchen gehalten, das sie allem Anschein nach nicht war.
Nachdem Doktor Friedmann gegangen war, hatte sie sich im Garten unter den Apfelbaum gesetzt. Ein Marienkäfer war über ihren rosafarbenen Schuh gekrabbelt, die weißen Socken hinauf, bis zu ihrem Knie. Tief, so tief wie möglich hatte sie den Duft der noch jungen Äpfel eingeatmet. Sie hatte geahnt, dass der Sommer bald für sie vorbei sein würde.
Elisa ist krank. Schwer krank ...
Ihre Gefangenschaft hatte langsam begonnen. Zunächst hatte ihre Mutter Elisa verboten, ihre Freundinnen zu besuchen. Ein paar Wochen später war Spielen im Freien oder ein Spaziergang durch den Garten nur noch unter strenger Beobachtung erlaubt gewesen. Ihre Mutter hatte eine elektrische Klingel neben Elisas Bett installieren lassen, die – wenn das Mädchen den kleinen Elfenbeinknopf drückte – sowohl in der Schlafkammer der Angestellten als auch in Frau von Treues Schlafzimmer läutete.
Das alles hatte seine Ursache in den Bildern, die Doktor Friedmann ihrer Mutter ein paar Tage nach dem Unfall gezeigt hatte. Pauline von Treue hatte nach Luft geschnappt und sich von dem Buch abgewandt, weil sie den Anblick nicht ertragen konnte. »Diese Krankheit hat sie? Das hat Elisa? Tun Sie es weg. Schnell! Das ist ... das ist widerwärtig.«
Das ist widerwärtig.
Elisa hatte sich damals unter dem Schreibtisch versteckt, um zu lauschen. Noch lange nachdem der Arzt wieder mit dem Buch verschwunden war, hatte sie dort gekauert, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen. Sie hatte sich an sich selbst festgehalten.
Eine Woche später hatte Johannes Friedmanns Sohn Wilhelm das Buch mit den Lithografien auf Elisas Bitte zu ihr nach Hause geschmuggelt, damit sie mit ihren eigenen Augen sehen konnte, was ihre Mutter so entsetzt hatte. Wilhelm war schon immer ihrbester Freund gewesen. Egal um was sie ihn gebeten hatte, er hatte ihr jeden Wunsch erfüllt.
Die beiden hatten sich in die Bibliothek zurückgezogen, verborgen von den hohen Regalen, und das Buch aufgeschlagen. Es war das Buch eines holländischen Professors der Anatomie gewesen, Willem Vrolik. Darin waren Lithografien von Patienten gewesen, die an Osteogenesis imperfecta litten. Offenbar gab es die Krankheit in unterschiedlichen Ausprägungen....




