E-Book, Deutsch, Band 02, 496 Seiten
Reihe: Ulldart (Die dunkle Zeit)
Heitz Der Orden der Schwerter
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-492-95050-3
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulldart. Die Dunkle Zeit 2
E-Book, Deutsch, Band 02, 496 Seiten
Reihe: Ulldart (Die dunkle Zeit)
ISBN: 978-3-492-95050-3
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Heitz, geboren 1971, studierte Germanistik und Geschichte. Mit »Ulldart« begann der Saarländer seine einzigartige Karriere. Seine Romane um »Die Zwerge« wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und standen wochenlang auf den Bestsellerlisten. Mit »Die Legenden der Albae« führte Markus Heitz alle Fans in die Welt der Dunkelelfen. Dazu kamen viele weitere erfolgreiche Werke auf den Gebieten der Fantasy und Science Fiction sowie Thriller. Er erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen.
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Ulldart, Königreich Ilfaris, Herzogtum Turandei, Königspalais, Winter 442/443 n.S.
Das Besteckgeklapper im Speisezimmer hatte aufgehört. Abgenagte Entenknochen lagen akkurat geordnet auf dem Abfallteller, die Schüsseln und Töpfe, die vor einer Stunde noch bis an den Rand gefüllt waren und den kleinen Tisch mit ihrer Last beinahe in die Knie gezwungen hatten, waren leergeräumt. Nur eine einsame Kartoffel befand sich als einzige Überlebende des Abendessens auf der Silberplatte, immer noch jungfräulich unangetastet, mit Butter, Salz und Kräutern appetitlich bestreut.
König Perdór, ein gemütlicher Mensch in bestem Mannesalter mit langen, grau gelockten Haaren, buschigen Augenbrauen und einem lockigen Vollbart, ließ die Nachricht sinken, die ihm vor wenigen Minuten überbracht worden war.
»Er wird es sehr schwer haben, der junge Kabcar.« Behutsam legte er das Papier zur Seite, die Stirn zog sich in Falten. Scheinbar gedankenverloren nahm er die Serviette ab, die seinen teuren, bunten Brokatrock vor Flecken schützen sollte.
»Man muss kein Prophet sein, um das vorherzusagen.« Der dünne Hofnarr an seiner Seite wiegte übertrieben den Kopf, und seine Schellen an der farbenfrohen Kappe klingelten in unterschiedlichsten Tönen. »Ich setze mein Monatsgehalt darauf, dass ihn der Rat der Brojaken innerhalb eines Monats absägt und sie einen ihrer Hara¢s als Platzhalter einsetzen.«
»Mein guter Fiorell, diese Wette verlierst du.« Der Herrscher von Ilfaris lächelte. »Du vergisst, dass die Bardri¢-Dynastie immer einen gewaltigen Vorteil gegenüber den Großbauern hatte, und der nennt sich ›Garnisonen‹. Das Militär war bisher stets auf der Seite der Kabcare, ebenso wie das Volk. Von daher sehe ich keine allzu große Gefahr, dass die Machthungrigen in Tarpol wirklich an die Macht gelangen.«
Fiorell, wie immer in einem farbigen, rautenverzierten Trikot gekleidet, setzte eben zu einer Erwiderung an, doch Perdór wandte sich zur Seite und zog an der Klingelschnur neben sich.
Sekunden darauf erschienen drei Bedienstete und brachten den Nachtisch.
»Ah«, sagte der König gedehnt und rieb sich die Finger. »Kirschgrießpudding mit einer Sauce aus Beerenkompott. Kandiertes Obst mit Schokoladencreme und«, sein Blick blieb an einem mit einer Haube verdeckten Teller hängen, »was ist das?«
»Ein neues Werk von unserem Pralinenkreateur, Hoheit«, antwortete einer der Diener und verbeugte sich. »Er nennt sie ›Wärmende Wintersonne‹.« Theatralisch zog er den Sichtschutz weg und gab den Blick auf einen kleinen Berg Konfekt aus dunkler Schokolade frei.
Perdór fischte sich mit leuchtenden Augen eine der Süßigkeiten aus dem Stapel, steckte sie in den Mund und schloss erwartungsvoll die Augen.
Der Hofnarr kannte die Zeremonie zur Genüge. Es würde Minuten dauern, bis der König wieder gewillt war, etwas zu sagen. Also wartete Fiorell geduldig, bis die Sinne seines Herrn wieder zurück in die Gegenwart kamen.
»Köstlich«, seufzte der König nach einer Weile und öffnete langsam die Augen. »Ganz köstlich. Halbbitterschokolade mit süßem Orangenlikör, einem Stück Orange und Marzipan. Das zergeht auf der Zunge und gibt nach und nach sein Aroma frei. Diesen Meister, nein, diesen begnadeten Künstler, diese Ausgeburt an höchster Kreativität in meine Dienste zu nehmen, war die beste Idee seit langem.« Er nahm sich eine weitere vom Tablett. »Solch ein Genuss wäre mir fast einen Krieg wert.«
»Dann sind wir ja bei der richtigen Materie angelangt«, unterbrach der Hofnarr die schwärmerischen Ausführungen, während er sich ebenfalls eine Praline griff, sie in die linke Backentasche beförderte und höchst ungenießerisch zerkaute. »Mh, wirklich nicht schlecht.«
Missmutig sah Perdór zu seinem Spaßmacher hinüber. »Du ehrst das Können des Pralinenmeisters keinesfalls angemessen, Bursche. Du zelebrierst nicht, du stopfst.«
»Eure Gäste ehren meine Künste auch eher selten, Hoheit«, gab der Hofnarr zurück. »Wie soll ich demnach das für andere aufbringen, was mir vorenthalten wird? Ich fühle mich nicht sehr geschmeichelt, wenn man mir eine Katze zuwirft, während ich jongliere, nur um zu sehen, ob ich das Tier zusammen mit den Bällen in der Luft halten kann.«
Der Herrscher schmunzelte. »Du hast es aber geschafft.«
»Vielen Dank. Die Biss- und Kratzspuren verheilen auch allmählich«, grummelte Fiorell. »Ich wollte aber auf den Krieg zurückkommen.«
Perdór entließ die Diener, stand auf und ging zu seinem massiven Arbeitspult hinüber.
Er öffnete eine Schublade mit Hilfe eines kleinen, filigranen Schlüssels, den er an einer Kette um den Hals trug, und drückte den verborgenen Knopf im Inneren.
Ächzend schwenkte ein Teil der schweren Wandvertäfelung an der langen Seite des Saales zurück. Meterhoch stapelten sich dahinter Bücher, Schriften, Ordner und andere Papiere, fein säuberlich nach Königreichen und Anfangsbuchstaben in Regalen geordnet.
Aus einer Nische zog der König eine Trittleiter und bedeutete Fiorell, nach oben zum Buchstaben ›B‹ zu klettern. »›Borasgotan‹, wenn ich bitten darf. Hopp, hopp!«
Gehorsam hüpfte der Hofnarr die Sprossen hinauf, schnappte sich den Einband und machte einen eleganten Sprung zurück auf den Boden.
»Hier, Majestät.« Er schlug das Buch auf. »Und das sind die neuesten Nachrichten aus dem Reich, heute Morgen per Eiltaube eingetroffen. Sie wäre fast erfroren bei den Temperaturen. Ein Eisvogel, sozusagen.«
Ohne auf die Bemerkung einzugehen, las Perdór den Bericht eines Spions, der unerkannt in den Reihen der borasgotanischen Verwaltung saß und immer, wenn sich etwas Wichtiges ergab, Ilfaris sofort in Kenntnis setzte.
Solche wachsamen Menschen hockten zu Hunderten in allen Ländern Ulldarts, in Verwaltungen, Gilden, lebten unerkannt als Handwerker, Bauern oder Adlige.
Es hatte Ilfaris Zeit und noch mehr Geld gekostet, um aus den vielen Fäden und Stricken ein dichtes Netzwerk zu flechten, aber die Mühe lohnte sich. Oft erreichte die Nachricht über ein wichtiges Ereignis den ilfaritischen König schneller als den Herrscher des betreffenden Reichs. Und dieses Wissen wurde gegen viel Geld an andere weiterverkauft – wenn es im Interesse Perdórs lag.
Das riesige Speisezimmer war das geheime Schatzkästlein des Königs und nur eines von vielen Archiven. Die anderen waren im übrigen Palais verstreut, wurden von vertrauenswürdigen, ausgesuchten Männern verwaltet, die jede noch so scheinbar winzige und belanglose Mitteilung sammelten. Von Wirtschaft und Zöllen über Steuern und Garnisonen, Schlagkraft von Scharmützeleinheiten bis zu Gerüchten, es fand sich alles.
Ein schwarzes Loch blieb aber auf der Landkarte: Kensustria. Dort war es Perdór und all seinen Vorgängern nicht gelungen, auch nur eine einzige Nachrichtenquelle langfristig zu verankern. Sie versiegten unvermittelt nach ihrer Entsendung, nie wieder hörte man etwas von den ausgesandten Männern und Frauen.
»Das sieht alles sehr nach einem drohenden Unheil aus«, sagte Perdór nach einer kurzen Pause, legte den linken Arm auf den Rücken und begann, im Saal auf und ab zu schreiten. Dabei überflog er immer wieder die Nachricht. »Wieso erhalte ich die Neuigkeiten erst jetzt?«
»Ihr wart mit dem Frühstück beschäftigt. Da seid Ihr zu nichts zu gebrauchen.« Fiorell zwinkerte, machte einen Handstand und erklomm kopfüber die Stufen der Trittleiter, als ob es nichts Einfacheres auf der Welt gäbe.
Oben angekommen, sprang er in die Hocke, balancierte sich auf einem Bein auf der Spitze der Leiter aus und jonglierte mit drei Pralinen. Dann warf er sie hoch in die Luft, und eine nach der anderen verschwanden sie in seinem Mund.
»Wir könnten sie doch dem jungen Kabcar zukommen lassen«, schlug er vor und schluckte geräuschvoll. »Er wäre gewarnt und könnte Borasgotans Absichten zunichte machen, indem er …«
»Ilfaris hat noch nie Wissen verschenkt, und ich gedenke nicht, eine Ausnahme zu machen«, fiel ihm der König ins Wort. »Es muss nicht ein Krieg gegen Tarpol sein, auch wenn sich die innenpolitische Lage vielleicht gerade anböte. Alle Länder haben den Tausendjährigen Friedensvertrag unterschrieben.«
»Was sollen aber dann die vielen Erzlieferungen, die verstärkte Eisenproduktion, die Rodungen und die Aushebungen von ›Freiwilligen‹ unter dem Vorwand, man würde Scharmützelkommandos heranziehen?« Der Hofnarr machte eine Pirouette, drückte sich ab und kehrte Glöckchen klingelnd auf den Marmorfußboden zurück. »Sicherlich, man könnte aus dem Material auch Zahnstocher mit Eisenspitzen herstellen.«
»Vielleicht wollen sie ihre Flotte verstärken?«, schlug Perdór wenig überzeugt vor.
»Und Agarsien und Palestan den Zahnstocherhandelskrieg erklären, Hoheit? Ich bitte Euch, ich bin von uns beiden der Narr, vergesst das nicht.« Schelmisch blitzten die dunklen Augen auf. Solche Worte durfte er sich nur erlauben, wenn die beiden Männer alleine waren. Und diese Gelegenheiten nutzte er sehr gerne.
»Wohl wahr. Und deshalb kann ich dich köpfen lassen und nicht du mich, vergiss das nicht. Hier steht etwas von...




