E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Hell Tote Götter
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-944729-89-3
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Horrorroman
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-944729-89-3
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wer sich ins Licht stellen will, der sollte seinen Schatten kennen. Seit ihrer frühesten Kindheit ist Faye vom Bösen fasziniert. Im Alter von elf Jahren schreibt sie ihre erste Horrorgeschichte. Eltern und Lehrer sind sich sicher: Das ist nur eine Phase, das vergeht. Doch es ist alles andere als eine Phase und vergeht erst recht nicht, viel eher verfeinert sich ihr Hang zum Diabolischen und nimmt professionelle Züge an. Seit 2007 ist sie Redakteurin des VIRUS Magazins (unter dem Namen Lili Marlene), dort verfasst sie vorrangig Rezensionen zu Horrorfilmen abseits des Mainstreams. In ihrer schriftstellerischen Arbeit verbindet sie subtiles Grauen mit expliziter Gewalt und Obszönität. Ein Leben ohne Horror, das ist für Faye undenkbar. Warum das Pseudonym Faye Hell? Weil nicht nur das fiktive Leben die Hölle sein kein. Aber auch, weil selbst der schwärzesten Nacht stets etwas Helles innewohnt. Und sogar der Teufel ein Lichtbringer ist
Autoren/Hrsg.
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I
Das Diner ist mehr als verlassen.
Es ist ausgestorben.
.
Nur meine einsame Seele stört die gestaltlose Ruhe, mein kalter Atem haucht dem längst Vergangenen vorübergehend Leben ein. Staubig von Monaten, matt von Jahren, verschlissen von Jahrzehnten, abgelebt von Generationen dämmert es vor sich hin. Eine stumme, eine traumlose Dämmerung. Kein Schlaf, vielmehr ein Nichtwachsein. Es hat mit meiner Gegenwart ebenso wenig gerechnet, wie ich damit, hier zu sein.
Monoton reiht sich Tisch an Tisch, nutzlos geworden wie alles andere. Bartresen, Hocker, Bänke, Stühle. Selbst die beschlagenen Messinglampen an der drückend niedrigen Decke und die verschmierten, großflächigen Fenster an der straßenseitigen Fassade. Selbst der lang gestreckte Raum an sich.
Nicht mehr gebraucht.
Einst haben sich hier glückliche Familien wagenradgroße Pizzen geteilt, zittrig graue Rentner fette braune Soße über ihre gestampften Kartoffeln gegossen und pickelige Teenager gelangweilt, aber lautstark ihre Erdbeershakes geschlürft. Tagtäglich.
Montag bis Sonntag. Von acht bis dreiundzwanzig Uhr. Ganztägig warme Küche. Fragen Sie uns nach unseren Frühstücksangeboten und nach unseren hausgemachten Kuchen.
.
Aber das Diner hat sie alle vergessen.
Ich sitze mitten im Raum, an einem der quadratischen Tische, direkt unter einer der schweigenden Messinglampen, den Blick Richtung Straße. Ich frage mich, ob es die Fenster sind, die der Schmutz der Jahre grau gefärbt hat, oder ob es das Grau selbst ist, das von außen gegen die Fenster drückt. Es ist nicht hell in diesem Diner, aber auch nicht dunkel. Das Licht und die Schatten sind gegangen wie die Menschen. Das rote Kunstleder meines Stuhls knirscht wehmütig seiner Glanzzeit hinterher, einer Zeit, die wahrhaftig Zeit gewesen ist. Es knirscht bei jeder noch so kleinen Bewegung. Selbst dann, wenn ich mich nicht bewege. Dann weint es still, aber es weint.
Mein Platz ist gut gewählt, obwohl ich es nicht gewesen bin, die ihn gewählt hat. Ich ziehe den freistehenden Tisch eindeutig den Sitznischen zu meiner Rechten vor. Die Bänke stehen eng beieinander, die Tische sind schmal. Zu eng und zu schmal. Allein der Gedanke an die Sitznischen bedrängt mich. Und selbst der Bartresen zu meiner Linken missfällt mir. Ich müsste dem Raum den Rücken zukehren. Da ist zwar ein Spiegel an der Wand hinter dem Tresen, aber der ist milchig wie der Schleier vor meinem linken Auge. An meinem Tisch hingegen kann ich alles sehen, auch wenn es nichts zu sehen gibt, bis auf die Abenddämmerung des Einstigen. Doch kann ich genau davon nicht genug bekommen. Es ist, als möchte ich jedes zerschlagene Trinkglas, jede zerfetzte Speisekarte, jeden ausgepackten Zahnstocher und jedes einzelne, raumgewinnende Staubkorn beobachten. Ansehen, absehen, bis noch die letzten Zeitzeugen weggesehen sind. Ich bin ein gierig lebender Organismus inmitten dieser allgegenwärtigen Vergänglichkeit, dieser vollkommenen Vergangenheit. Und ich will mehr.
Ich drehe meinen Kopf über meine rechte Schulter, bis ich die Wand in meinem Rücken überblicken kann. Eine dunkelbraune Holzverkleidung, zerrissene Werbeplakate, verblichene Drucke hinter zerbrochenem Glas. Stockenten und Rotwild. Mein überspanntes Genick knackt. Ein seltsam lautes Geräusch in dieser allumfassenden Stille. Aber es knackt nur, es schmerzt nicht. Eine der Kunstdruck-Stockenten ist tot. Sie liegt auf dem Rücken, auch ihr Hals ist verdreht, grausam verdreht. Ich kann ihre leeren Augen erkennen. Die leeren Augen einer toten Stockente.
Und sie erkennen mich.
Unangenehm berührt senke ich den Blick, vielleicht zu spät. Ein eben noch unbenanntes Gefühl nennt sich nun Angst und ergreift von mir Besitz. , denke ich. Rasch wende ich mich von der Wand ab und blicke wieder geradeaus.
Direkt in das Gesicht eines Mannes.
»Hallo. Schön, dass du es einrichten konntest«, sagt er laut und lächelt leise.
Er ist mittleren Alters, hat kurz geschnittenes, blondes Haar und blaue Augen. Er trägt ein kurzärmliges, perfekt gebügeltes, blaues Hemd und eine hellgraue, ärmellose Strickweste. Sein Lächeln ist aufrichtig und durchaus wohlwollend. Er scheint mir sehr zugetan. Freundschaftlich würde ich meinen. Offensichtlich ist er erfreut, mich hier und heute zu treffen.
Nur, ich kenne ihn nicht.
Mir ist sein Gesicht fremd, wie mir dieser Ort hier fremd ist.
Völlig unbekannt.
»Ja, sehr schön«, antworte ich, wobei meine Antwort weit mehr eine Frage ist. Ich habe viele Fragen. Das habe ich mir angewöhnt. Es ist meine Art – meine neue Art –, mit meiner Angst umzugehen: Ich frage. Der Blick auf die Dinge des Lebens, Wirklichkeit wie Unwirklichkeit, verändert sich, wenn der Tod plötzlich nicht mehr eine vage formulierte Unbekannte, sondern eine klar definierte Konstante darstellt. Ich werde sterben wie jeder andere auch, allerdings bin ich mir dessen schmerzhaft bewusst. Mir hat man es deutlich gesagt.
»Ich habe mir dich anders vorgestellt. Größer, älter«, fährt der Mann fort. Seine Stimme ist angenehm klar, wird aber von einer schmeichelnden Dunkelheit getragen.
»Anders? Ich habe gar keine Vorstellung von dir gehabt. Ich habe nicht mal gewusst, dass du überhaupt existierst, geschweige denn, dass ich dich treffen würde«, entgegne ich selbstsicher, nur um zaghaft nachzusetzen: »Das tu ich doch gerade, dich treffen?«
»Genau, wir treffen einander. Und das viel früher als erwartet.«
»Viel früher ... du hast mich erwartet?«
»Selbstverständlich habe ich das. Wie verläuft deine Reise bisher?«
»Reise?«
»Deine Reise, ja.«
Es dauert einen Augenblick, bis die Gedanken, die sich in meinem Kopf überschlagen, an die richtigen Stellen fallen und ich weitersprechen kann.
»Die Reise ... Sie verläuft ganz ausgezeichnet. Ehrlich, ich liebe es. Ich habe bisher viel Außergewöhnliches erlebt ... Und sie ist noch nicht einmal zu Ende. Morgen werde ich ...«
Ich halte inne. Ist sie das wirklich? Nicht zu Ende? Gibt es dieses Morgen überhaupt für mich? Oder ist mein Leben schlussendlich ohne Vorwarnung vergangen, wie ein Wimpernschlag und innerhalb desselben?
»Das ist meine Reise nicht, oder? Zu Ende ...«, frage ich vorsichtig nach.
»Oh nein, nein. Für wen hältst du mich? Entschuldige, wenn ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Deine Reise ist natürlich nicht zu Ende. Du wirst viel mehr erleben und viel mehr sehen. Das ist es nämlich, was du tust. Das ist es, was du kannst. .«
»Ja genau, sehen ... sehr komisch.«
Er lächelt mich wissend an, aber er schweigt. Das Schweigen stört mich nicht, auch nicht das Verweilen des eigentümlichen Moments. Es ist sein Lächeln, das mich verunsichert.
Es ist absolut unverändert.
Und das kann einfach nicht sein. Nichts Lebendiges ist so gleichbleibend, noch nicht einmal über die kurze Dauer eines beiläufigen Gesprächs hinweg. Was lebt, das vergeht, und was vergeht, das verändert sich.
Plötzlich lehnt er sich in meine Richtung, kommt mit seinem fortwährend lächelnden Gesicht immer näher und streckt seine Hand nach mir aus. Instinktiv zucke ich zusammen und rücke vom Tisch ab.
»Nicht doch. Komm her. Alles ist in Ordnung«, versichert er mir und seine sonore Stimme schnurrt und brummt. »Du kannst mir vertrauen. Es ist nur ... das ist eine wunderschöne Kette, die du da trägst. Diese Biosphäre ... darf ich sie anfassen?«
»Lieber nicht ...«, erwidere ich und lege schützend beide Hände über den tropfenförmigen Anhänger, der, an einer dünnen goldenen Kette befestigt, direkt über meinem Herzen ruht. »Wirklich lieber nicht.«
Ein Schatten huscht über seine strahlend blauen Augen, huscht über sein Lächeln und er zieht seine Hand zurück, als habe er sich an der bloßen Vorstellung der Berührung verbrannt.
»Du hast recht ... lieber nicht ... Was habe ich mir nur dabei gedacht? Welch anmaßende Torheit.«
Betreten senkt er seinen Blick, wie ich zuvor ängstlich den meinen, und stammelt Unverständliches. Leise, verdammt leise. Womöglich eine Entschuldigung. Ich sollte nachfragen, nicht weil ich höflich bin, sondern weil ich ihn tatsächlich verstehen will. Mehr noch, ihn verstehen muss. Auf einmal erscheint es mir unendlich wichtig, zu wissen, was er gesagt hat. Vielleicht sogar zu mir.
Aber es ist zu spät.
Seine Aufmerksamkeit gilt schon nicht mehr meiner Person, auch die hingebungsvoll bewunderte Kette hat er anscheinend längst vergessen. Mit einer überraschten Euphorie, als habe er sie nie zuvor in seinem Leben gesehen, bestaunt er seine eben erst beschämt zurückgezogene Hand. Spreizt die Finger, als wolle er der Herrlichkeit und Beweglichkeit jedes einzelnen huldigen. Ekstatisch dreht er die Hand vor seinen manisch weit aufgerissenen Augen hin und her, hin und her.
Handfläche, Handrücken.
Handfläche, Handrücken.
»Sie ist perfekt. Sie ist perfekt ...«, stammelt er, außer sich vor Begeisterung. Immer und immer wieder.
Andächtig führt er die Hand zum Mund, riecht erst verzückt daran und leckt gleich darauf darüber. Gierig fährt seine Zunge über jeden einzelnen Finger, liebkost und erkundet die Zwischenräume. Vor allem die wie die Schwimmhäute eines Frosches aufgespannte Haut zwischen den Fingern hat es ihm angetan. Beharrlich stößt und schlägt er seine Zunge dagegen, bis er seine bebenden Lippen über eine Fingerkuppe legt und genüsslich daran zu saugen beginnt. Die schmatzenden Geräusche dringen unwirklich laut an mein Ohr. Gebannt verfolge ich die surreale Darbietung.
Dieses Lecken, Stoßen und...




