Henisch | Der verirrte Messias | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Henisch Der verirrte Messias

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-552-06340-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-552-06340-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dass ein junger Mann, der nach Israel fliegt, die Bibel liest, ist vielleicht nicht ungewöhnlich, doch dass er bei dieser Lektüre lacht, findet Barbara, die im Flugzeug neben diesem seltsamen Menschen sitzt, befremdlich. Da beginnt er, ihr die Passage, die er gerade gelesen hat, auf seine Weise zu erzählen, so, als wäre er dabei gewesen. Barbara hält das vorerst für eine schräge Art von Humor, doch seine Ernsthaftigkeit wird ihr schließlich unheimlich. Wieso sie sich nach einer außerplanmäßigen Zwischenlandung in Rom von Myschkin - so nennt er sich - zum Essen einladen lässt, bleibt ihr selbst ein Rätsel. Am nächsten Tag, auf dem Flughafen von Tel Aviv, ist sie froh, ihn loszuwerden. Doch nach ihrer Rückkehr erwartet sie zu Hause der erste einer Serie von Briefen aus Israel, in denen ein Mann, der sich mit Jesus identifiziert, herauszufinden versucht, warum die Erlösung nicht stattgefunden hat - bis heute.

Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly und zuletzt Suchbild mit Katze (2016), das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand. Im Herbst 2018 folgt sein neues Roman Siebeneinhalb Leben.
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2


Ehrlich gesagt hatte sie ihre Flugangst nie ganz abgelegt. Sie hatte sie nur hinter einer gewissen Routine versteckt. Schon als Kind, denn es war nicht bei jenem ersten Flug mit ihrem Vater geblieben. Ein Jahr nach dem Urlaub in Griechenland hatten sie Ferien in Tunesien gemacht und dann, zwei Jahre danach, bereits in Israel.

Da war sie schon neun und gab sich ziemlich erwachsen. Was blieb ihr auch übrig. Altklug schaute sie durch ihre Brille. Erstens würden sie schon nicht abstürzen, so etwas kam relativ selten vor, und warum sollte es gerade sie treffen. Und zweitens würde es, falls es doch geschehen würde, rasch gehen, sie würden wahrscheinlich kaum was davon merken.

Aber was ist, wenn es einen Terroranschlag gibt? fragte sie ihren Vater. Dieses Gespenst hatte ihre Mutter in den Wochen vor dem Abflug an die Wand gemalt. Absolut unverantwortlich, mit dem Kind ausgerechnet nach Israel zu fliegen! Unsinn, hatte ihr Vater gesagt, es gebe Friedensverhandlungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, die Verantwortlichen auf beiden Seiten seien jetzt wirklich guten Willens.

Das war nun dreißig Jahre her. Ihr Vater war ein unverbesserlicher Optimist gewesen. Oder einer, der die Probleme nicht wirklich wahrhaben wollte. Einer, der etwas zu leicht darüber hinwegredete. Die einzige, die hier noch Terror macht, ist deine Mama!

Aber auch das wird sich geben, hatte er gesagt. Du wirst sehen, hatte er gesagt, in ein, zwei Jahren ist das alles ausgestanden. Deine Mama wird sich beruhigen und vielleicht auch jemanden finden, den sie so gern hat, wie ich Judith. Und dann werden sich alle vertragen, wir sind doch vernünftige Menschen.

Natürlich war diese Prognose naiv gewesen. Zwar — soviel traf zu — war Barbaras Mutter nicht lang ohne Freund geblieben, kein Wunder, sie war damals noch jung und sah gut aus, aber daß sie das Verhältnis ihres Exmanns zu Judith und daß sie vor allem Judith selbst akzeptierte, davon konnte keine Rede sein. Diese Judith war und blieb für sie eine hinterhältige Person. Noch als sie bereits regelmäßig mit Barbaras Vater ins Bett gegangen sei, habe sie ihr, seiner Frau, kühl lächelnd eine Korallenkette verkauft in ihrem Schmuckladen, nein, ihrem Ramschladen in der Leopoldstraße, und außerdem seien die Geschäfte, die sie treibe, sei dieses Pendeln zwischen Israel und Deutschland höchst dubios.

So redete Barbaras Mutter mit ihren Freudinnen. Und auch mit den Freunden, die sie jeweils hatte. Als es dann, ein paar Jahre später, einen Brandanschlag auf Judiths Geschäft gab, da hielt sich, so ihre Rede, ihr Mitleid in Grenzen. Es war ohnehin nur Sachschaden zu beklagen, die Versicherung würde zahlen, und daß Judith dann aufhörte zu pendeln und in Israel blieb, sodaß sie ihr in München nicht mehr über den Weg laufen konnte, fand sie ganz in Ordnung.

Ein paar weitere Äußerungen, zu denen sich ihre Mutter in diesem Zusammenhang hinreißen ließ, beunruhigten Barbara tief. Wenn sie sich in ihr Zimmer einschloß und auf der Couch lag, mit großen, weit offenen Augen zur Decke starrend, statt Mathe oder Französisch zu lernen, kam sie sogar auf die Idee, daß womöglich ihre Mutter oder ihr Freund etwas mit dem Anschlag zu tun hatten. Das war, so sagte sie sich mit der ernüchterten Vernunft ihrer zwölf Jahre, natürlich jenseits aller realistischen Wahrscheinlichkeit. Aber in den Projektionen ihrer Phantasie, die sie nicht ohne weiteres abschalten konnte, sah sie diesen Freund, Nummer drei oder vier nach der Trennung von ihrem Vater, mit einem Palästinensertuch auf dem Kopf und einer Flasche in der Hand, in der ein wahrscheinlich benzingetränkter Fetzen steckte.

Die Liebe zum Vater und die Wut auf die Mutter! Das hatte ihr damals sehr zu schaffen gemacht. Sicher, anfangs hatte sie es auch fragwürdig gefunden, daß sich ihr Vater einer anderen Frau zuwandte. Aber auf die Dauer war es ihr einfach unmöglich gewesen, Judith, die an den Wochenenden, die sie mit ihrem Vater verbrachte, immer häufiger auftauchte und mit der Zeit ganz selbstverständlich dabei war, so häßlich und unsympathisch zu finden, wie ihre Mutter sie gern darstellte.

Sie war eben die Andere. Schon ihre Stimme war anders. Dunkler. Und voller. Das paßte zu ihrem Teint und ihrer Figur. Die Stimme von Barbaras Mutter klang hell, in guten Stunden wie die einer nur unwesentlich älteren Freundin ihrer Tochter, aber gelegentlich spitz. In der Aufregung konnte sie unangenehm schrill klingen.

Ja, so war es. Diese Unterschiede bemerkte Barbara. Von Anfang an. Diese Judith hatte etwas, das ihre Mutter nicht hatte. Etwas angenehm und unaufgeregt in sich Ruhendes. Das Aufatmen in ihrer Nähe konnte Barbara ihrem Vater nachfühlen.

Aber durfte sie denn das? Wenn es ihr bewußt wurde, erschrak sie. Irgend etwas würde zur Strafe passieren. Zum Beispiel, wenn sie gemeinsam nach Israel flogen. Ihr Vater und sie. In manchen Alpträumen fiel Barbara ins Bodenlose.

Darf ich fragen, was Sie in Israel vorhaben?

Barbara war jetzt fast dankbar, daß der Mann neben ihr das Gespräch wieder anknüpfte. Zwar hatten die Turbulenzen draußen etwas nachgelassen. Aber die Turbulenzen in ihrem Inneren drohten überhandzunehmen.

Und die Angst, die sie für gewöhnlich ganz gut im Griff hatte. Schließlich lebte sie in einer Welt, in der sich Flüge kaum vermeiden ließen. Diese Angst, die zuerst im Bauch saß, diese Angst war im Begriff gewesen, aufzusteigen. Viel hätte nicht mehr gefehlt, und sie hätte auch den Kopf erfaßt.

Die Frage also unterbrach das Aufsteigen der Angst. Deswegen antwortete Barbara geradezu bereitwillig. Daß sie in Israel ihre Schwester besuche. Und daß diese Schwester in Tel Aviv lebe.

Eine Halbschwester, ja, wie zuvor schon erwähnt. Esther. Ganze zwölf Jahre jünger als sie. Daß sie einander jahrelang gar nicht gekannt hatten. Woran das lag, das zu erklären hätte etwas zu weit geführt, daß und wie ihre Mutter die Vater-Tochter-Flüge nach Israel schließlich doch unterbunden habe, erzählte sie nicht, aber daß Esther, die als Musikstudentin für zwei Semester nach Salzburg gekommen sei, dann eines Tages bei ihr in München angerufen habe, eine sympathische Stimme am Telefon, ob sie einander nicht kennenlernen könnten, das erzählte sie, und das war ohnehin der schönere Teil der Geschichte.

Der Nachmittag im Englischen Garten und der Abend in Schwabing. Und dann, weil sie sich nicht gleich wieder trennen wollten, die gemeinsame Fahrt nach Salzburg. Und die Ferienwochen, die Esther bei ihrer großen Schwester verbracht hatte. Trotz des Altersunterschieds hatten sie sich gefühlt wie zwei Freundinnen.

Im Jahr darauf war sie wieder nach Israel geflogen. Sie war damals 30. Ihre Mutter konnte ihr nichts mehr dreinreden. Und dann noch ein weiteres Mal. Das lag jetzt auch schon wieder fünf Jahre zurück. Drei davon hatte sie an Max verschwendet.

Nein, das erzählte sie jetzt natürlich auch nicht. Nur, daß sie aus Frankfurt angerufen und Esther gefragt habe, ob es ihr etwas ausmache, wenn sie schon zwei Tage früher komme. Ach was, ich freu mich, hatte Esther gesagt. Nimm die nächste Maschine, in der ein Platz frei ist, und flieg.

Und? fragte der Mann. Was werden Sie nun miteinander unternehmen?

Falls Esther Zeit hat, sagte Barbara, würde ich gern noch ein wenig Sonne tanken. Vielleicht in Ashqelon. Oder gleich in Elat. Wenn es nach mir geht, setzen wir uns in ihr Auto und fahren nach Süden.

Schade, sagte der Typ. Verzeihung, aber das finde ich schade.

Wieso? fragte Barbara.

Weil ich vorerst nach Norden muß.

Ja und? sagte Barbara. Worauf wollte er jetzt hinaus?

Ich wollte Sie fragen, sagte er, ob Sie mich begleiten.

Na großartig! dachte sie. Aber das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Da war sie schon wieder zu unvorsichtig gewesen. Reich ihm den kleinen Finger, und er will die ganze Hand! Der Mensch war unglaublich in seiner Distanzlosigkeit.

Er schien das nicht so zu empfinden. Wissen Sie, sagte er, ich muß gewisse Orte besuchen. Gewisse Wege, sagte er, muß ich nachgehen. Er zog einen Plan aus der Brusttasche und entfaltete ihn. Auf dieser Karte habe ich alles eingezeichnet. Hier ist Nazareth, hier ist Kana, hier ist Kafarnaum. Diese Orte und noch einige andere hatte er mit grünem Filzstift verbunden. Jerusalem hatte er mit einem roten Kreis umgeben. Aber dorthin, sagte er, komme ich erst später.

Die Schlechtwetterzone über den Alpen habe man nun hinter sich, sagte die Stimme des Flugkapitäns. Über der Poebene werde man noch etwas Nebel haben, aber danach werde der Himmel strahlend blau sein. Na sehen Sie, sagte der Mann...


Henisch, Peter
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly, 2016 Suchbild mit Katze, das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand, und Siebeneinhalb Leben (2018).



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