Henisch | Nichts als Himmel | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Henisch Nichts als Himmel


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7017-4705-4
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4705-4
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In 'Nichts als Himmel' verbindet Peter Henisch souverän südliche Idylle mit politischer Aktualität und erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Mit 'Nichts als Himmel' kehrt Peter Henisch an seinen Sehnsuchtsort San Vito zurück, in die versteckte Wohnung unter den Dächern der italienischen Kleinstadt. Für den Musiker Paul Spielmann, der vor Pandemie und Lebenskrise aus Wien flüchtet, wird sie zum Refugium. Abends auf seiner Terrasse kommt Paul zur Ruhe, er beginnt Wolkenmetamorphosen und Vogelschwarmflüge zu fotografieren, bis plötzlich ein Mann über die Dächer kommt, einer der Clandestini, der Flüchtlinge aus Afrika, gegen die die rechte Hetze in Italien immer lauter wird. 'Gimme shelter', fleht der Mann, und Paul nimmt ihn auf und hilft ihm. Und schon wird er hineingezogen in einen Strudel aus zwiespältigen Gefühlen, politischer Stimmungsmache - und in die wachsende Freundschaft mit Abdallah ...

Peter Henisch, geboren 1943 in Wien. Nachkriegskindheit, Wiederaufbaupubertät. Studium der Philosophie und Psychologie. 1969 gemeinsam mit Helmut Zenker Begründung der Zeitschrift 'Wespennest'. Seit den 1970erJahren freischwebender Schriftsteller. 1975 erschien Henischs erster Roman 'Die kleine Figur meines Vaters', seitdem zahlreiche Romane, u. a. 'Die schwangere Madonna' (2005), 'Eine sehr kleine Frau' (2007), 'Mortimer und Miss Molly' (2013), 'Suchbild mit Katze' (2016). Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österr. Kunstpreis. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: 'Der Jahrhundertroman' (2021) und 'Nichts als Himmel' (2023).
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2


AM NÄCHSTEN Morgen, im Halbschlaf, Amselgesang. Aber dann ein erschütternder Donnerschlag. Da bebte das Haus. Ein Donnerschlag, auf den kein Blitz folgte. Nein, das war kein Donner, das waren Flugzeuge.

Kampfflugzeuge, die die Schallmauer durchbrachen. Ich sprang vom Bett auf und lief auf die Terrasse. Ein Dachziegel war hinuntergerutscht und auf den Fliesen zerbrochen. Der wilde Oleander war erschrocken und hatte Blüten abgeworfen.

Aber der falsche Donner war schon viel weiter. Nur mehr ein in die Ferne rollendes Grollen. Also dem Anschein nach war das nur eine Übung! Zögerlich begannen die Amseln, die auf den Antennen saßen, wieder zu singen.

Eine gab ein Motiv vor, eine andere antwortete mit Variationen. Dann mischte sich eine dritte ein, mit einem Vorschlag für ein neues Motiv. Dieses Motiv wurde aufgegriffen und erprobt. Die Donnervögel wurden darüber vergessen.

Ich schaute über den Park, die Beete da unten lagen jetzt noch im Schatten. Aber die Stadtmauer und das schmale Haus, das in die Mauer eingefügt war, lagen im schönsten Frühlicht. Die alten Ziegel in einem zarten Rosa, als ob sie von innen her leuchteten. Der Himmel hellblau mit weißen Streifen, wie ausgekehrt.

Und da waren auch schon wieder die Tauben.

Woher kommst / denn DU / DU?!, fragten sie. Wohin willst denn DU?

Wer bist / denn DU / DU?!, fragten sie. Was suchst / DU? Was willst / DU?

Ich schaute durch den Feldstecher, den ich im Regal neben Julias Schreibtisch gefunden hatte.

Unten im Park war das Gras offenbar noch feucht. Behutsam setzte eine dreifarbige Katze eine Pfote vor die andere. Einmal hielt sie mitten in der Bewegung inne und lauschte. Dann duckte sie sich unter eine der Buchsbaumhecken und lauerte.

Ich überblickte den Garten oder genaugenommen: die Gärten. Wie hatte Guido sie genannt? Die Horti Leonini. Hier der untere Garten, dort der obere. Dazwischen die Stufen einer Treppe, grün überwuchert, nur vage zu erkennen. Am Fuß dieser Treppe eine Skulptur, vielleicht ein Kopf. Links und rechts davon standen zwei Bänke. Und dahinter die Steineichen, deren Gebärden mich schon gestern Nachmittag fasziniert hatten. Die Äste, die Zweige in anmutiger Bewegung, obwohl der Wind so früh am Morgen nur sanft wehte. Und wie die Vögel zwitscherten! Diese Bäume mussten voll von Vögeln sein. Meisen, Finken, Rotkehlchen, Stieglitze. Aber das waren bloß Vermutungen. Tatsächlich kann ich nur wenige Vogelstimmen voneinander unterscheiden.

Trotzdem genoss ich dieses Konzert – aber da kehrten die Donnervögel zurück. Das klang nach Krieg – er war noch nicht ganz da, aber es würde schon noch werden. Dieses Gefühl, dass daran gearbeitet würde. Wer den Frieden will, muss den Krieg vorbereiten – oder wie war das?

Gestern Abend war ich fast sicher gewesen, dass ich keine Lust haben würde, Guido heute Morgen schon wieder zu begegnen. Nun aber landete ich exakt dort, wo er, wie er gesagt hatte, jeden Sonntagvormittag anzutreffen war. Und genauso war es. Er saß trotz oder wegen des Sonnenscheins im Inneren des schlauchartig schmalen Lokals. Gegenüber der Theke, die Gazetta dello Sport lesend, und ich konnte nicht an ihm vorbei.

Schön, dich wiederzusehen, sagte er, komm, setz dich zu mir … Was darf ich dir bestellen … einen Cappuccino? Wie war die erste Nacht im Nest deiner Freunde? Hoffentlich hast du etwas Schönes geträumt.

Ich kann mich an nichts erinnern, sagte ich. Der Flugzeuglärm in der Früh hat alles gelöscht.

Questi aeroplani maledetti!, sagte er. Man hat den Eindruck, sie fliegen jetzt immer häufiger …

Seine Frau weckten sie letzthin auch immer wieder aus dem Schlaf. Dann habe sie Herzrasen, Laura, und schnappe nach Luft. Doch da nehme er sie in den Arm und streichle sie. Ist wieder Krieg?, frage sie. Aber nein, Liebling, sage er … Das sind ja die unseren, die da trainieren … Für unsere Sicherheit … Unser Schutz und Schirm.

Und das glaubst du?, mischte sich ein Mann ein, der am Nebentisch saß.

Nein, sagte Guido. Aber ich muss sie doch beruhigen.

Du bist ein guter Mensch, sagte der Mann am Nebentisch. Aber wir sollten das nicht einfach so hinnehmen. Wir dürfen uns das nicht einfach gefallen lassen! Er erhob sich, wobei er sich mit beiden Händen am Tischrand aufstützen musste, aber er schaffte es.

Wir sollten klagen, sagte er. Ein hagerer, blasser, kahler, älterer Herr. Laut sprach er, das ganze Lokal sollte ihn hören. Ja, klagen sollten wir, alle gemeinsam, wir, die Gemeinde von San Vito! Erstens wegen unzumutbarer gesundheitsschädigender Lärmbelästigung, und zweitens wegen brutaler Zerstörung der Atmosphäre.

Ist das Val di San Vito nicht Weltkulturerbe – aufgrund einer weisen Entscheidung der Unesco besonders erhaltens- und schützenswert? … Und der Himmel da über uns – sein Zeigefinger stach senkrecht nach oben – gehört der nicht dazu? … Und darüber hinaus … der Himmel über Italien … Ist das nicht unser Himmel? … Il cielo nostrano?!! … Il cielo italiano?!

Natürlich gab es Reaktionen auf diese Rede. Die Männer und Frauen, die an der Theke standen, redeten wild durcheinander. Immer schneller und lauter. Und je schneller und lauter gesprochen wurde, desto weniger verstand ich. Nur ein paar Wörter wie vergogna – Schande, orgoglio – Stolz, stupidagine – Blödsinn, coraggio – Mut, incalcolabile – unberechenbar, incredibile – unglaublich, impossibile – unmöglich, und die Phrase con testa alta – erhobenen Hauptes.

Erhobenen Hauptes. Der Mann, der diese Aufwallung ausgelöst hatte, stand allerdings etwas bucklig im Raum. Den langen Hals in einem deutlichen Winkel zum Oberkörper ungewöhnlich weit vorgeneigt. Morbus Bechterew, dachte ich, fortschreitende Verknöcherung der Wirbelsäule. Genau, in der Schule, in der ich unterrichtet hatte, gab es einen Kollegen, der an dieser Krankheit litt.

Der hier schien meinen Blick zu spüren – schon kam er mit steifen, aber zielstrebigen Schritten auf unseren Tisch zu.

Und was meinen Sie?

Non lo so, sagte ich, ich weiß nicht – ich bin kein Italiener.

Aber Sie werden doch eine Meinung haben!, sagte er.

Und rückte sich einen Sessel zurecht und saß schon neben mir.

Und schaute mich scharf an und wartete auf Antwort. Sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an eine Skulptur, die ich vor Jahren in einem Wiener Museum gesehen hatte. Eine Skulptur aus einer Reihe sogenannter Charakterköpfe – wie hieß diese Skulptur bloß? – Ein etwas Verstecktes Witternder oder Ein auf etwas Leises Lauschender?

Mi mancano le parole, sagte ich. Mir fehlen die Worte.

Ich glaube, Sie reden sich aus, sagte der Charakterkopf. Sie sind vielleicht ein Heuchler oder ein Feigling.

Ma no!, unterbrach ihn Guido. Was fällt dir ein?

Entschuldige vielmals, sagte er zu mir – diesem Signore brennen manchmal die Sicherungen durch. Er ist einer der gescheitesten Menschen von San Vito, vielleicht der Gescheiteste. Aber es empfiehlt sich, nicht alles ernst zu nehmen, was er sagt.

Da wollte der Mann neben mir schon wieder aufbrausen. Aber Guido berührte ihn beschwichtigend am Ärmel.

Prima la cortesìa, sagte er. Höflichkeit zuerst. Scusate, verzeiht, dass ich euch noch nicht miteinander bekannt gemacht habe. Also das da ist mein alter Freund Achille, vormals Professore für Latein und Griechisch am Liceo in Montepulciano … Und das hier ist mein neuer Freund Paolo, so viel ich mitbekommen habe, auch ein Lehrer.

Achille. Achill. Vorerst glaubte ich noch, das sei ein Spitzname. Ein etwas zynisch erfundener Spitzname für diesen schmalen Mann mit der kranken Wirbelsäule. Aber nein, sagte Guido, der Professore heißt wirklich so. Weiß Gott, was seinen Eltern eingefallen ist, als sie ihm diesen Vornamen verpasst haben.

Aber das war erst zwei oder drei Tage später. Als wir einander vor dem Supermarkt trafen. Dort durfte man nach wie vor nur mit Maske eintreten. Ich hatte meine Maske schon wieder vergessen, Guido bot mir seine Ersatzmaske an, sie sei noch garantiert vergine, sagte er.

Doch jetzt war noch Sonntag. Der zweite Tag meines Aufenthalts in San Vito. Wir saßen im Café Tartaruga, Guido mir gegenüber. Und dieser Mensch, der mich so provokant angesprochen hatte, rechts neben mir.

Er sah mich misstrauisch an. Insegnante? Lehrer? … Davvero? Tatsächlich? – Da wären Sie also ein Kollege.

Gewesen, sagte ich. Ich unterrichte nicht mehr.

Hat man Sie hinausgeschmissen?, fragte er. Haben Sie sich etwas zu Schulden kommen lassen?

Jetzt fiel mir ein, wie die Charakterkopffigur, an die er mich erinnerte, tatsächlich hieß: Ein etwas Scharfes Riechender.

Nein, sagte ich. Ich bin freiwillig gegangen...


Peter Henisch, geboren 1943 in Wien. Nachkriegskindheit, Wiederaufbaupubertät. Studium der Philosophie und Psychologie. 1969 gemeinsam mit Helmut Zenker Begründung der Zeitschrift "Wespennest". Seit den 1970erJahren freischwebender Schriftsteller. 1975 erschien Henischs erster Roman "Die kleine Figur meines Vaters", seitdem zahlreiche Romane, u. a. "Die schwangere Madonna" (2005), "Eine sehr kleine Frau" (2007), "Mortimer und Miss Molly" (2013), "Suchbild mit Katze" (2016). Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österr. Kunstpreis. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: "Der Jahrhundertroman" (2021) und "Nichts als Himmel" (2023).



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