E-Book, Deutsch, Band 4, 318 Seiten
Herzberg Stürmisches Sylt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96714-071-2
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Küstenkrimi - Nordseekrimi
E-Book, Deutsch, Band 4, 318 Seiten
Reihe: Hannah Lambert ermittelt - Friesenkrimi-Reihe
ISBN: 978-3-96714-071-2
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
"Stürmisches Sylt" ist Teil 4 der Reihe "Hannah Lambert ermittelt". Jeder Fall ist in sich abgeschlossen. Es kann allerdings nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ;)
Bisher erschienen:
"Ausgerechnet Sylt"
"Eiskaltes Sylt"
"Mörderisches Sylt"
"Stürmisches Sylt"
"Schneeweißes Sylt"
"Gieriges Sylt"
"Turbulentes Sylt"
"Düsteres Sylt"
"Funkelndes Sylt"
"Brennendes Sylt"
"Vergangenes Sylt"
"Trügerisches Sylt"
"Vergessenes Sylt" - JETZT BRANDNEU!
"Hannah Lambert ermittelt" ist mit über 1 Mio. verkauften Exemplaren eine der erfolgreichsten Krimi-Serien der letzten Jahre. Alle Teile sind als eBook, Taschenbuch und Hörbuch verfügbar (der neueste Teil als Hörbuch folgt in Kürze).
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Sonntagabend, im Festsaal der Musikschule Tinnum »Bravo … Bravissimo!« Kaum war der letzte Ton von Franz Liszts ›Duo-Sonate für Violine und Klavier‹ verklungen, da stand Albert Flemming auch schon neben dem offiziellen Prachtstück seiner Musikschule: einem Steinway-Flügel. Als würde er jeden Moment vor Stolz platzen, zeigte er auf seine Musterschülerin Caroline Schumann und forderte sie gestenreich auf sich zu erheben. »Bravissimo!«, ging es jubelnd gegen den aufbrausenden Applaus der etwa hundertfünfzig Gäste weiter. »Bravissimo!« Weiter hinten waren zwei Zuschauer, die ihre Sitzplätze bereits verlassen hatten und auf den Ausgang zustrebten, offensichtlich anderer Meinung. »Der Flemming hat sie doch nicht mehr alle. Allein wie der da vorne rumstolziert und sich aufplustert – als wären wir hier bei ’ner Kaiserkrönung im Mittelalter gelandet.« »Noch ein ›Bravissimo‹, dann geh ich nach vorne und dreh ihm die Gurgel um. Es ist langsam nicht mehr zum Aushalten: Er feiert seine Caro Schumann, als wäre sie der Nabel der Welt. Schau dir mal den armen Tropf mit der Geige an. Der kriegt gar keine Aufmerksamkeit ab … und dabei hat er so schön gespielt!« Damit war Pavel Novacek gemeint, ein Tscheche von Mitte zwanzig, der in der Tat aussah, als käme er sich zwischen Flügel und seiner Duett-Partnerin ein wenig verloren vor. Und das, obwohl Liszts Sonate insbesondere die Violine in Szene setzt. »Bravissimo!«, ging es vorne von Neuem los. »Mir reicht’s, lass uns gehen!«, beschloss man weiter hinten. Derweil verneigten sich Caroline und Pavel so tief, als müssten sie etwas Verlorenes aufheben. In der vorletzten Reihe kam man ebenfalls zu einem Ergebnis: »Ich weiß gar nicht, warum wir hergekommen sind. Das Gedudel hätten wir uns auch im Internet anhören können und müssten keine Angst haben, draußen wegzufliegen.« Gemeint war ein Orkantief, das Sylt aktuell mit bis zu 12 Windstärken traktierte. Dieses Tief namens ›Sabine‹ hatte sich über dem Atlantik zusammengebraut und gleich auf den Weg nach Mitteleuropa gemacht. Erstes Resultat war eine Schneise der Verwüstung in Frankreich und auf den Britischen Inseln, bevor es in Richtung Deutschland weiterging. Selbst Sylter Urgesteine fragten sich bereits, ob die meterhohen Wellen überhaupt noch etwas vom Weststrand übrigließen. Passend dazu setzte Albert Flemming gerade zum nächsten Jubelsturm an, doch Caroline Schumann fiel ihm ins Wort: »Pavel war einmalig«, schwärmte sie und zeigte auf den jungen Tschechen, der das Kompliment seiner Duett-Partnerin verhältnismäßig gelassen hinnahm. »Wenn hier einer der Star ist, dann er!« Das sahen viele Zuschauer offensichtlich genauso, denn der Applaus nahm an Lautstärke zu. Albert Flemming hingegen tat die Bemerkung seiner Vorzeigeschülerin mit einer flüchtigen Handbewegung ab und widmete sich wieder den Zuschauern. Die meisten hatten sich mittlerweile erhoben und bildeten einen immer engeren Ring um die Hauptdarsteller der Veranstaltung. Anlässlich dieses klassischen Abends, der jeden Monat stattfand, hatte man sich entsprechend in Schale geworfen. Die Männer trugen Anzüge, deren Jacken sich um Wohlstandsbäuche spannten, die Frauen schicke Abendkleider. Manch eine führte auch ihr komplettes Geschmeide spazieren und glitzerte dadurch wie ein Weihnachtsbaum – obwohl die Festtage lange vorbei waren. Während sich Caroline und Pavel ein weiteres Mal verneigten, brandete neuer Applaus auf. Einige Zuschauer waren schon auf dem Weg in Richtung Ausgang und mussten sich von Albert Flemming entrüstete Blicke gefallen lassen. Caroline versuchte, ihn mit einer Erklärung zu besänftigen: »Die wollen doch nur so schnell wie möglich nach Hause und nachschauen, ob davon überhaupt noch was übrig ist.« Sie kicherte kurz. »Mein Vater hat unserem Nachbarn heute sogar geholfen, die Fenster zu vernageln. Es wird immer verrückter.« Albert Flemming lächelte aufgesetzt und zog seine Musterschülerin vielleicht ein wenig zu grob beiseite, um ungestört mit ihr reden zu können. »Doktor Haferbeek aus Hamburg ist auch da.« Es folgte ein Fingerzeig auf einen Mittfünfziger, dessen beinahe weiße, wallende Haarpracht bis auf die Schultern einer giftgrünen Smoking-Jacke reichte. Ein beinahe irrwitziger Anblick. »Sei nett zu ihm«, zischte Flemming. »Ich habe für nächste Woche ein Vorspielen bei ihm arrangiert. Das wird dein großer Durchbruch!« »Vor dem Abi lassen mich meine Eltern bestimmt nicht nach Hamburg fahren«, gab Caro zu bedenken. Das sorgte für kurze Verunsicherung im Gesicht ihres Klavierlehrers, doch dann fuhr der fort, als wäre gar nichts geschehen: »Wenn später alle weg sind, trinken wir dann noch ein Glas zusammen? Du hast mir hoch und heilig versprochen, dass wir heute über alles andere reden. Vergiss das nicht!« Caro wollte gerade antworten, als neben dem Flügel plötzlich eine hitzige Diskussion entbrannte. »Du hältst dich wohl für was Besseres!« Dieser wütende Kommentar stammte von Maximilian Schrader, einem von Caros Mitschülern, neben dem sie schon seit der Sexta, ihrem ersten Jahr auf dem Gymnasium, saß. Der stürzte sich gerade mit neuen Beschimpfungen auf Pavel: »Glaubst du ernsthaft, dass du sie mit deiner blöden Fiedel beeindrucken kannst? Du bist ein Nichts, ein Niemand … sie hat was Besseres als dich verdient!« »Da geh ich wohl lieber mal dazwischen«, entschuldigte sich Caro bei ihrem Klavierlehrer. Das war gar nicht nötig, denn der war ohnehin damit beschäftigt, die Zuschauer zu besänftigen, die offensichtlich noch Wert auf ein Autogramm legten. Obwohl die meisten aussahen, als wollten sie nur hören, worum es bei der lautstarken Auseinandersetzung ging. »Könnt ihr das bitte woanders klären!«, zischte Caro, als sie bei den zwei Streithähnen ankam. Und diese klare Ansage galt auch beiden. Dann gehörte einem davon ihre volle Aufmerksamkeit. »Ausgerechnet hier, Max? An meinem wichtigsten Abend im Monat – hast du sie noch alle?« »Du gehst nicht an dein Handy, reagierst nicht auf meine WhatsApp-Nachrichten … was soll ich denn machen?« Maximilian Schrader sah aufrichtig verzweifelt aus. Bevor er weitersprach, bekam Pavel einen giftigen Blick ab. »Hast du mich für den dämlichen Möchtegern-Casanova da verlassen?« »Was heißt denn hier ›verlassen‹? Wir waren doch nie richtig zusammen!« Diese Zurechtweisung zeigte Wirkung. Max fand allerdings keine Zeit mehr für eine Antwort, denn hinter ihm war Albert Flemming immer lauter darum bemüht, neugierige Augenzeugen dieser Streiterei zu vertreiben. »Das sind die jungen Leute von heute«, erklärte der Klavierlehrer in seltsamem Singsang und mit gequältem Lächeln. »Am besten lassen wir sie in Ruhe – solche Dinge klären sich meiner Erfahrung nach von ganz allein.« Caro nutzte derweil die Gelegenheit für eine Fortsetzung. Dabei zischte sie wie eine Schlange in Max’ Richtung: »Wenn du jetzt gehst und die Klappe hältst, dann können wir noch mal über alles reden, was war oder ist. Aber wenn du das hier bis zum Ende durchziehen willst, dann …« Pavel hielt sie am Arm fest und sorgte für eine Unterbrechung. »Klärt das lieber unter euch – ich gehe.« »Aber du hast mir doch versprochen, dass wir nachher noch …« Zu spät. Der junge Tscheche hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ein Stück abseits verstaute er sein Instrument im Geigenkasten und war im nächsten Moment verschwunden. »Das hast du ja toll hinbekommen!«, schimpfte Caro weiter. »Ist dir mal aufgefallen, dass du nur noch Probleme machst?« Auch von dieser Frage ließ sich Max nicht abschrecken. »Liebst du ihn?« »Wieso denkst du überhaupt, dass wir …?« »Ach, tu doch nicht so! Glaubst du, ich weiß nicht, was da zwischen euch beiden läuft?« »Was wo läuft?«, erkundigte sich Albert Flemming, der von hinten herbeigeeilt kam. Auch seine Wut richtete sich gegen Max. »Ich kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben, junger Mann. Wenn du nicht freiwillig gehst, lass ich dich entfernen.« Während Caro sich noch fragte, wer wohl für dieses ›Entfernen‹ zuständig wäre, legte ihr Schulfreund bereits den Rückwärtsgang ein. Aber so wollte sie ihn nicht davonkommen lassen, also brüllte sie: »Warte!« Max blieb wie angewurzelt stehen. Caro hingegen setzte sich in Bewegung, umrundete unter Albert Flemmings skeptischen Blicken den Flügel zur Hälfte und schnappte nach ihren Habseligkeiten, die sie dahinter deponiert hatte. Als sie zurückkehrte und wieder vor den beiden Männern stand, hielt sie ein Schlüsseletui in der Hand. Sie holte weit aus und warf es Max vor die Füße. »Hier … kannst du behalten! Ich komm auch gut ohne dich klar.« Max bückte sich, wollte noch etwas sagen, doch allein Caros wütende Miene reichte, um ihn von dieser Idee abzubringen. Wutentbrannt machte er dann auf dem Absatz kehrt, schob sich am letzten halben Dutzend hartnäckiger Zuschauer vorbei und war kurz darauf verschwunden. »Es ist vielleicht besser, wenn Sie auch gehen«, entschuldigte sich Albert Flemming viel zu unterwürfig bei Doktor Haferbeek. Der stand zusammen mit seinem Lebensgefährten – einem jungen Mann von höchstens dreißig, dessen Gesicht grell geschminkt war – ein Stück abseits. Die Aufforderung zu gehen hinterließ zwar zwei enttäuschte Gesichter, dennoch entsprach man der Bitte des Klavierlehrers. Der fühlte sich auch Caro gegenüber zu tröstenden Worten berufen, als man kurze Zeit später endlich unter sich war: »Liebe entsteht, Liebe vergeht – daran musst auch du dich gewöhnen. Die meisten...




