Hessel | Pariser Romanze | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 69 Seiten

Hessel Pariser Romanze

Glücksgeschichte aus unheilvoller Zeit (Historischer Liebesroman)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-7765-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Glücksgeschichte aus unheilvoller Zeit (Historischer Liebesroman)

E-Book, Deutsch, 69 Seiten

ISBN: 978-80-268-7765-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Pariser Romanze' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Franz Hessel (1880-1941) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor. Von 1906 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebte Hessel in Paris, wo er in den Künstlerkreisen von Montparnasse verkehrte, vor allem in dem berühmten Café du Dôme, in dem sich die ausländischen Künstler trafen. Aus dieser Zeit stammt seine Bekanntschaft mit dem französischen Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché und der jungen Malerin Helen Grund, die er 1913 heiratete. Der Ehe entstammte der spätere Diplomat und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel. Nach dem Krieg ließ sich die Familie in der Villa Heimat am Ortsrand von Schäftlarn südlich von München nieder. Im Jahr 1920, als seine Ehe bereits zerrüttet war, veröffentlichte er den Roman Pariser Romanze, in dem er seine Zeit in Paris und die Bekanntschaft mit seiner Frau literarisch verarbeitete. Aus dem Buch: 'Mein lieber Claude. Gestern habe ich mir im Dorf ein paar Schulhefte gekauft. Dahinein will ich für Dich Briefe schreiben, wenn ich Muße habe und an Paris denke. Ob Du sie je lesen wirst und wann und wo? Jetzt bin ich mit dreiunddreißig Jahren ein deutscher Rekrut. Auf dem leeren Feld zwischen Kanal und Fort mache ich in Reih und Glied Freiübungen. Nachts liege ich mit zwanzig Kameraden zusammen in Stube Nr. 107. Die ersten Nächte konnte ich nicht recht einschlafen in meinem hohen, heißen Oberbett. Das viele fremde Leben, das mit Atmen, Seufzen und Schnarchen auf mich eindrang, verschob, durchschnitt, übertrieb meine Gedanken. Die wenigen Minuten Schlaf begannen und endeten in heftigen Träumen, die mich beim Erwachen kaum verlassen wollten.'

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II


Inhaltsverzeichnis

Januar 1916

Meine Schulhefte habe ich im Tornister mitgenommen und fast ein Jahr lang vergessen. Wir sind damals noch nicht in Feld gekommen. Man behielt uns den ganzen Sommer und Herbst in der Festung Thorn. Und als die Kriegstüchtigen ausgesucht wurden, war ich nicht darunter. In dieser Zeit konnte ich nichts für Dich aufschreiben, ich versank in den verzweifelten Stumpfsinn des Garnisonlebens; das gräßliche Hustem machte mich subaltern. Es war, als dürfte ich nicht mehr denken. Kam dann bisweilen im Halbschlafe geballte Fülle verdrängter Gedanken, so konnte ich sie nicht mehr verwalten und hatte nur zu leiden.

Nun sind wir hier in dem polnischen Grenzstädtchen und halten Bahn-, Straßen- und Lazarettwache. Es gibt keinen anderen Dienst mehr. So stehe ich im blassen Wintertageslicht und unter hellem Sternenhimmel bald vor der Baracke mit den kranken Russen, bald am Hofeingang bei der Wäscherei, oder ich gehe auf dem toten Gleise auf und ab, fünfhundert Meter immer hin und zurück vom Lazarettenausgange bis zur Rampe Nr. 2 und gebe acht, daß kein Unbefugter hinüber von der Dorfstraße und herüber von Bahn und Lazarett durchkommt.

Vor lauter Stundeneinteilung fühle ich die Zeit selbst nicht mehr, nicht mehr den Tag, der aus Morgen und Abend wird. Nur um die Vesperstunde wird hier die Zeit manchmal etwas Wirkliches: da richten sich die kranken Russen in ihren Betten auf und wenden ihre wildhaarigen, sanftäugigen Häupter zu dem großen goldglänzenden Christusbild in der Saalecke. Und im selben Augenblicke bleiben die Leichtkranken, die im Hof und in der Wäscherei arbeitenden, still stehen und singen ein Gebet. Dann gehen sie wieder an ihre Arbeit, tragen mit wiegendem Gange Lasten, rollen wie Kinder, die miteinander spielen, die große Wäschemangel über das Leinen.

Später, nach Feierabend hört man aus ihren Schlafkammern schwermütige Ziehharmonika- und Balalaikatöne. Es sind gutmütige Gesellen. Für ein bißchen Brot und Tabak helfen sie uns, unsere Wachtstube säubern, holen uns Kohlen und Wasser. — Und diese Menschen haben vor ein paar Monaten auf unsere Kameraden geschossen. Und ich werde vielleicht bald auch auf die ihren schießen; das wird dann wahrscheinlich ebenso Dienst sein, wie jetzt das Wachestehen. Mir graust …

Aber nun will ich endlich versuchen, das Versprochene zu erzählen, denn ich hoffe nicht mehr, daß mir uns wiedersehen, Claude.

Die Geschichte beginnt am Karnevals-Dienstag und hört bald nach Ostern auf. Es fängt damit an, daß ich in der Nationalbibliothek saß und auf das große Kompendium der dorischen Bauten wartete, aus dessen Worten und Tafeln ich mir langsam und glücklich die Steine der alten Tempel aufbaute als Vorbereitung für unsere Reise durch Süditalien, Sizilien und Griechenland, die wir so schön ausgedacht hatten und aus der nun nichts geworden ist. Aber ich mußte vergeblich warten. Ich war verdrossen, es fehlte etwas an meinem Tage. Ich sehnte mich nach den wunderbar genauen Zeichnungen der Säulen und Quadern und nach den altertümlichen Nachworten für jedes Teilchen des Baues. Und nun kam der Diener und brachte den Zettel zurück. Das Buch war schon in anderen Händen. Ich ging an die Regale und griff eine Stadtgeschichte von Paris heraus, in der ich stehend blätterte. Da waren Pläne und Zeichnungen der alten Viertel am linken Ufer. Und in meiner Erinnerung stieg jener seltsame „Vierzehnte Juli“ auf, den mir vor der Cidre-Wirtschaft in der schmalen uralten verbrachten, an einer Tonne sitzend und dem Tanz der bunten Mädchen aus dem benachbarten „Hotel“ zuschauend. Und ich sah wieder zwischen ihnen den rothaarigen Jungen, der auf dem unbekannten flötenähnlichen Instrument spielte. Der Tanz wurde aber lärmender und überdeckte seine dünne Musik. Er hustete schwindsüchtig, und seine Töne wurden schriller und versagten. Da warf er das Instrument zu Boden, zerstampfte es, rief: „Ich will singen,“ und fiel um.

Über diesen Erinnerungen verlor ich meinen Text und sah von den Seiten hinauf zu den Eisenträgern des dämmerhohen Raumes. Da fiel mir ein, daß ich heute früh Kinder gesehen hatte mit Fähnchen und kleinen Trompeten und daß Karnevals-Dienstag war. Und schnell mußte ich das Buch in seine Reihe stellen und den Saal verlassen.

Draußen trieb ich in einem Menschenstrome mit zu den großen Boulevards, fühlte, wie ich Menge wurde, die über Menge hinschaut, und sah über unsichtbar wandernden Wagen die kleinen rotfrierenden Volksköniginnen als Allegorien der Winzer- und Bauernprovinzen Frankreichs lächeln. Auch dies war Lektüre, auch dies blätterte sich wie Chronik. Die Menge, die sich hinter dem Zug der Wagen zusammenballte, drängte mich mit, bis ich in eine nach Norden aufsteigende Seitensstraße geriet. Als wieder Spielraum um mich war, ruhte mein Auge auf der kahlen runden Mauerfläche der Kirche Notre Dame de Lorette, und ich blieb stehen. Die Mauer war voll Atem wie ein Gewand über einem Leibe. Mich drängte es, mich kindlich unter dies Madonnengewand zu bergen und in der freundlichen Pracht drinnen zwischen süßen seidenen Büßerinnen aus der Nachbarschaft dieser Mutter Gottes zu knien. Aber wieder genügte das Gedankenbild, und ich wollte schon umkehren nach Haus aufs linke Ufer zu anderer Lektüre. Da fiel mir ein, daß ich einen dieser Tage den Maler Bilbao in seinem Atelier oben am Montmartreabhang besuchen und seine neuen strengen Bilder sehen wollte, deren Linienschärfe und unmittelbare Farbe mich immer quälend mahnten an etwas Gegenwärtiges, was eigentlich auch ich tun mußte, an etwas, dem ich noch auswich ...

Ich landete in einer kleinen Crèmerie der Place Blanche. Am anderen Tisch saß noch morgenblaß am Nachmittag eine üppige Frau und fütterte ihren weißen Spitz von ihrem Teller. Während ich eine Omelette aß, fühlte ich mich mitgefüttert von den fetten milchweißen Händen. Es war warm im Raum; aber die Frau und der Hund schüttelten sich von Zeit zu Zeit wie vor Kälte.

„Nachher gehe ich die Kinder sehen,“ sagte die Frau zur Wirtin.

„Die Kinder? Ihre?“

„Ach nein, die süßen Kinder im Tabarin. Da ist doch Kinderball heut Nachmittag. Ach, sie sind so putzig und hold. Und wenn man dort Abend für Abend in der Quadrille arbeiten muß wie ich ...“

Kinderball! … Mir fielen die erregenden Verkleidungsspiele der eigenen Kindheit ein, die Mädchen in abstehendem Flitter vorm Spiegel sich drehend, das eigene Gesicht mit der schwarzen Maske aus dem Glase fremd auftauchend. Und dann Réunion im Seebad; und Angst und Luft des ersten Walzers. Und als die Quadrillendame wegging, folgte ich ihrem Wege.

In der Garderobe hingen die Mäntelchen und Mützchen angeschmiegt an die großen und leeren Hüllen der Erwachsenen, und auf den Gängen trippelten helle Füßchen zwischen dunklen Gewändern. Aus dem Saale klang das alte Mondscheinlied des Pierrot in breiten Geigentönen. Und dazu drehte sich's flimmerig und wiegend vor meinen Blicken. Beim Näherzusehen unterschied ich viele Gestalten Altfrankreichs in Miniatur wie aus Porzellan oder aus Puppenstoff. Da war der kleine Chevalier mit Federhut und Degen und schaute seiner Marquise auf das zu große Schönheitspflästerchen ihrer Wange. Da waren Soldatlein der alten Garde mit Bäuerinnen aus Lothringen, der Bretagne und Touraine, eine kleine Griechin mit spärlichem Haarschopfe, kaiserlicher als alles Erwachsene, was je auf Kostümfesten in Empire auftrat, Hirtenknabe und Bergère und viele viele weiße Pierrots mit Spitzengeriesel über Kinderfingern und schwarzen Pompons am Rocke, bunt karrierte Harlekine und huschende gazige Colombinen. In der Mitte aber drehten sich zwei winzige Amoretten mit Zitterflügelchen an den Schultern umeinander behutsam und ernsthaft.

Die Musik hörte auf. Da streckten sich überall den an die Logen und Gänge strömenden Kindern Arme entgegen. Ich hätte auch gern so ein Trippelndes, Hüpfendes empfangen und fühlte ein spitzes Weh im Herzen. Hier war etwas anderes als Lektüre.

Aber die beiden guten, großen Gesellen in Schellenkappe und Heroldskleid ordneten und leiteten die Kinder zu einer Quadrille, in der zwei lange Ketten einander entgegenrückten mit zierlicher Haltung und durchbrechendem Mutwillen, sich in Bewegungen und Komplimente einzelner Gruppen auflösten und dann wieder mit der lauter einsetzenden Hauptmelodie des Orchesters in langer Reihe würdig vor- und rückwärts schritten. Aus dem Finale dieser Quadrille entwickelte sich in drolligem Staccato ein Schottisch, in dem die Kinder eilig durcheinander hüpften und stelzten und die Schar der Erwachsenen zurückdrängten in die Gänge. Da wurde auch ich von Ärmchen und Rücken in Knie und Kniekehlen gestoßen, und rückwärts stapfend kam ich mit einmal in Augenlinie zu der hohen Gestalt der Frau Hertha, deren silbergraue Haare, starr dunkle Augen und zittrig schmaler Mund über der Menge auftauchten.

Neben ihr stand ein schlanker Knabe.

„Also zu den Kindern muß man gehen, um Sie einmal wiederzufinden,“ begrüßte mich Frau Hertha. Sie hatte, wie Du weißt, keinen Grund, mir Vorwürfe zu machen. Ich fühlte aber doch ein wenig schlechtes Gewissen, denn das Erlebnis hatte ich gründlich abgetan und dachte nur noch zuweilen an die Erscheinung.

Und ich sah von ihr fort auf ihren Begleiter, den Knaben. In seinem gelben Tropenkastüm und unter dem breitrandigen Schlapphute sah er gar nicht verkleidet aus. Nur das bunte Tuch um seine Hüften war Karneval. Die weitoffenen hellen Augen blickten den Fremden böse und ruhevoll an. „Mein junger Freund Gaston,“ stellte Frau Hertha vor. Der Knabe machte einen kurzen steifen Diener und lief fort zum Tanze.

...



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