Heuchert | Das Gewicht des Ganzen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Heuchert Das Gewicht des Ganzen

Roman | Trauerroman, Freundschaftsroman, Naturroman
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8437-2905-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Trauerroman, Freundschaftsroman, Naturroman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2905-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Im späten Licht rückte die Wildnis näher an sie heran. Die Grenzen von Leib und Erde verwischten. Etwas Altes wuchs zusammen.'??  Jeder hat sein Bündel zu tragen, doch das Gewicht des Ganzen trägt allein die Mutter. Milla hat sich nach dem Freitod ihres Sohnes nach Kanada zurückgezogen. Sie hat ihre Spedition aufgegeben und den Mann, mit dem sie ein halbes Leben zusammen war. In einem alten Haus mitten im Nirgendwo versucht sie weiterzumachen. Sie lernt Russ kennen, einen Antiquitätenhändler, als sie einen Revolver versetzen will, den sie unter einer Treppendiele gefunden hat. Zwischen beiden entsteht etwas, das man eine Freundschaft nennen könnte, das aber zugleich mehr und weniger ist als das. Bis sich ihre Wege wieder trennen.  In glasklarer Prosa erzählt Sven Heuchert die universelle Geschichte von Verlust, Trauer und Neuanfang. In einer Welt, die kein Heilsversprechen mehr bereithält, dafür aber die echte Chance, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. 

Sven Heuchert wurde 1977 im Rheinland geboren und lebt heute bei Köln. Seine beiden Noir-Romane Dunkels Gesetz und Alte Erde wurden von der deutschen Presse begeistert aufgenommen. Das Gewicht des Ganzen ist sein literarisches Debüt.
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4


Russ

Ich wurde vor 200 Jahren im glasklaren Wasser des Roblin Lake geboren und bin von allein ans Ufer gekrochen. Meine Mutter erzählte jedem, der es hören wollte, dass meine Haare bei meiner Geburt blau gewesen waren.

Mein Großvater hieß Paul, ein Nachkomme englischer Kolonisten. Er wurde in einer kleinen Stadt an der Mündung des Trent River geboren, der im Ontariosee aufgeht und den die Mississauga als kannten, was so viel wie schnelles Fließen bedeutet. Nach der Schule begann er bei Adanac zu arbeiten, Kanadas erstem offiziellen Filmstudio, wo er die fertig entwickelten Rollen beschriftete und aus dem Archiv ins ganze Land verschickte.

Ein paar Jahre später nahm er eine gut bezahlte Tätigkeit in der nahe gelegenen Munitionsfertigung der an. Dort stand er am Ende einer langen Tischreihe und verpackte Munition. Immer fünf Patronen in einen Ladestreifen, drei dieser Streifen in ein Päckchen. An Thanksgiving des Jahres 1918 explodierte die Fabrik. Eine fehlerhafte chemische Reaktion war der Grund. Von offizieller Seite wurde zwar verlautbart, dass es keine Todesopfer zu beklagen gebe, doch zwanzig Arbeiter holten ihren ausstehenden Lohn niemals ab.

Nach diesem Thanksgiving ging Paul keiner geregelten Arbeit mehr nach. In manchen Sommern zog es ihn bis nach Neuengland, wo er bei Krabbenfischern anheuerte, dann in den hohen Norden, in einsame, von der Zivilisation abgeschnittene Camps, wo er mächtige Bäume von Hand fällte. Nach allem, was ich gehört habe, war er ein ziemlicher Trinker und hatte Schlag bei den Frauen. In seinen frühen Dreißigern wurden die Magengeschwüre chronisch. Nach einer Operation am Zwölffingerdarm spuckte er Unmengen Blut und starb drei Wochen später an Sepsis, schwängerte vorher jedoch noch eine gerade volljährig gewordene Krankenschwester namens Lita. Sie taten es in der Abstellkammer neben dem Krankenbett, nicht im Bett! – die Geschichte seiner Zeugung erwähnte Lita meinem Vater gegenüber mehrfach, als sei das auf eine seltsame Art bedeutsam.

Mein Vater erzählte viel, aber nur selten über seine Kindheit. Wenn es gar nicht anders ging, erfand er Lügen, die er mir gegenüber nannte und die einen nicht gleich in die Hölle brächten. Es seien keine Lügen im herkömmlichen Sinne, sondern einfach verschiedene Wahrheiten, manche davon eben wahrer als andere. Sie schaden keinem, weder dem, der sie erzählt, noch dem, der sie erzählt bekommt. Die Leute interessiere sowieso nie, was wirklich passiert ist, sie seien einfach nur neugierig, und Neugier wäre neben Stolz die größte Sünde. Ein Mann spricht nicht über erlittene Demütigungen.

Meine Großmutter habe ich nie kennengelernt. Sie starb mit Anfang vierzig an einer seltenen Nervenerkrankung. Ich kenne sie nur von einer Fotografie, einem vergilbten Handabzug, den mein Vater in seiner Ledermappe mit sich führte. In diese Mappe notierte er Adressen und Telefonnummern seiner Kunden und Geschäftspartner. Das Foto klebte unter dem Pergament des Einschlags, man sah es nicht aus Zufall. Auf dem Foto war sie Mitte zwanzig. Sie mag jung an Jahren gewesen sein, doch ihrem Gesicht fehlte jede Jugendlichkeit. Es war das Gesicht einer alten Person, müde und erschöpft. Die Scham, einen Bastard großzuziehen, hat sie erledigt, sagte mein Vater, milde und redselig geworden, weil er wusste, wie lange er mit dem Tumor an seiner Bauchspeicheldrüse noch zu leben hatte.

Meine Mutter wuchs in einem Vorort von Calgary auf, einer Gegend, die vor allem für den bekannt ist – ein starker, trockener und warmer Wind, der die Temperaturen in wenigen Stunden drastisch verändern, mitten im Winter einen Sommertag entstehen lassen kann. Sie hatte sechs Geschwister. Die Mutter schuftete in einer Fabrik für Teppiche. Der Vater war ein Trinker, der manchmal Arbeit auf den Ölfeldern fand. Meine Mutter riss von zu Hause aus, als sie dreizehn Jahre alt war. Ein nichtsnutziger Vater, hungernde Geschwister und die Ohnmacht in den Augen der Mutter. Manchmal wünsche ich mir, dass sie gegangen ist, um es allen anderen leichter zu machen. Ein Maul weniger zu stopfen. Die Wahrheit ist eine andere. Manchmal will man die Wahrheit einfach nicht hören.

Es gibt nicht viel, was meine Mutter nicht gemacht hat, um zu überleben. Sie hat auf Weizenfarmen und in Kaffeeröstereien gearbeitet, am Fließband gestanden und Werkteile im Akkord zusammengeschweißt. Sie hat in jedem Roadhouse entlang der Grenze serviert, geputzt und gekocht. Ich kann sehen, wie sie im Halblicht einer nach Sprit und Schweiß stinkenden Küche steht, ihr Haar im Nacken hochgebunden, Spiegeleier in der Pfanne wendet und darüber nachdenkt, ob es das schon gewesen ist, während alte Männer am Tresen sitzen, in ihren dünnen Orangensaft starren und sich diese Frage längst beantwortet haben.

Sie hat meinen Vater das erste Mal in einem Diner getroffen, der an einer der vielen Ausfallstraßen lag, die von Toronto ins Herz Ontarios führen. Er hatte während der Erntesaison als Tagelöhner auf den Kartoffelfeldern gearbeitet und befand sich auf dem Weg nach Muskoka mit der vagen Idee, sein Geld mit dem Anstreichen von Cottages zu verdienen. Heute steht an der Stelle des Diners ein umgebauter Eisenbahnwagen, in dem sie Hamburger servieren. Damals war es nur ein Schuppen am Straßenrand, wo die Fahrgäste des während einer der Pausen Instantkaffee und vertrocknete apple fritter kaufen konnten. war eine der Weisheiten meiner Mutter. Sie heirateten ein paar Monate nachdem sie sich kennengelernt hatten.

Meine früheste Erinnerung von dieser Welt ist das kühle Wasser des Roblin Lake, wie mein Vater mich mit Fingerspitzen trägt, ich auf der Oberfläche schwebe. Der Geruch des Grases, das am Ufer wächst, üppig und grün. Der Anblick der Schildkröten, die mit dunklen Augen in der Sonne liegen, so unbeweglich wie Steine. Kurz nach der Hochzeit ließen sich meine Eltern in Ameliasburgh nieder, einer abgelegenen Gemeinde im Prince Edward County, das fast gänzlich vom Ontariosee umgeben wird. Flaches Land mit fruchtbarer Erde, das bis heute von kleinteiliger Landwirtschaft geprägt ist. Sie kauften eine günstige Parzelle am See, im Schatten zwischen Schwarznuss und Chinquapin, das Wasser und die Weite des Himmels im Blick. Ich wurde lange vor Einführung des Farbfernsehens geboren.

Mein Vater baute aus Holz, das er manchmal legal erwarb und manchmal von nahe gelegenen Baustellen klaute, ein Haus in der klassischen Form eines großen A – das Dach mit langen, bis auf den Boden reichenden Schenkeln. Er verstand nicht viel vom Hausbau, deswegen wurde es rasch zu einer andauernden Unternehmung. Undichte Stellen im Boden. Schimmelbildung. Mangelnde Isolierung. Es gab immer etwas zu reparieren. Ich sehe meinen Vater bis heute vor mir, wie er auf einer Leiter steht, Pinsel oder Hammer in der Hand, dabei diesen bestimmten Ausdruck im Gesicht, eine Mischung aus Angst und Ahnungslosigkeit. Vielleicht war er nicht imstande, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen, dafür besaß er die Gabe, aus den einfachsten Zutaten ein Festmahl zuzubereiten. Er legte rohe PEI-Kartoffeln auf den Grill, schnitt Zwiebeln in hauchdünne Scheiben und glasierte sie in einer Pfanne mit Butter, gab gehackten Thymian und einen Löffel Ahornsirup dazu, ließ alles auf kleiner Flamme köcheln, bis die Sauce karamellisierte, und goss sie anschließend über die Kartoffeln. Währenddessen summte er Songs von Wilf Carter und nippte an einem starken Drink. Die erdige Würze der gegrillten Kartoffeln, die Süße der Zwiebeln, dazu die milde Schärfe des Thymians. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann habe ich diesen Geschmack im Mund.

Bald nach dem Umzug fand er Arbeit im Camp Picton, einer Militärbasis der RCAF, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Trainingszentrum für Piloten umfunktioniert worden war. Dort übernahm er Hausmeistertätigkeiten und half in der Kantine aus. Irgendwann stieß er in einer Lagerhalle auf eine Pappschachtel voller fabrikneuer Abzeichen der Hasty P’s und brachte eine Handvoll davon mit nach Hause. Jahre später erzählte er mir, dass er schon damals gewusst habe, dass diese Abzeichen irgendwann jemandem eine Menge Geld wert sein würden.

Er war kein schöner Mann. Klein, untersetzt, mit einem runden Kopf, Knopfaugen und feinen Haaren. Er trug einen Schnäuzer, der nie dicht wurde, egal wie sehr er ihn auch pflegte. Eine fast haarlose Linie über der Lippe blieb immer. Seine Haut war empfindlich gegenüber Sonnenlicht und so dünn, dass man zu jeder Tageszeit die Äderchen sehen konnte; verästelte, rote Netze auf beiden Wangen. Er schwitzte leicht. Seine Finger waren kurz und dick. Mein Vater wirkte stets wie jemand, der nur rein zufällig anwesend ist.

Da war etwas in den Blicken anderer Menschen, wenn sie ihn mit meiner Mutter auf der Straße oder in einem Geschäft sahen, das ich schon als kleines Kind verstand. Erstaunen, Missgunst, auch Mitleid. Ein Mann wie mein Vater, eine Frau wie meine Mutter. Sie verstanden es nicht. Meine Mutter hatte etwas, das alle begehrten, Männer wie Frauen. Sie hatte ein Geheimnis. Wenn sie vor dem Spiegel stand und sich die Haare kämmte, mit langsamen, langen...



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