E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Heuck Das Leuchten der Muskatblüten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-230-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
ISBN: 978-3-96148-230-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sigrid Heuck (1932-2014) war eine deutsche Illustratorin und Autorin. Sie schrieb Romane und Reiseerzählungen und wurde besonders durch ihre gefeierten Kinder- und Jugendbücher bekannt, für die sie unter anderem mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis und dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet wurde. Sigrid Heuck liebte es, zu reisen und dabei Land und Leute unabhängig von touristischen Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Ihre Romane und Erzählungen beschreiben auf authentische Weise die Orte, die sie bereiste. Von Sigrid Heuck erscheinen bei dotbooks die Romane: »Im Land der Kapokbäume« »Das Leuchten der Muskatblüten«
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Theresa wollte die Tage, die ihr bis zu ihrer Abreise blieben, dazu benützen, um noch einige Besorgungen zu machen. An erster Stelle stand ein Gang auf den Friedhof. Später musste sie im Reisebüro ihre Flugtickets abholen und dann wollte sie noch einmal zur Bücherei, ihrer alten Arbeitsstätte.
Sie nahm nicht viel Gepäck mit auf die Reise. Die leichte Luftmatratze, der Schlafsack und ein Moskitonetz nahmen den meisten Platz ein, dazu die Taschenlampe mit ein paar Ersatzbatterien, ein Esbitkocher samt Teekessel und Plastikbecher, ein Päckchen Tee und Süßstoff, die Reiseapotheke und einmal Wäsche zum Wechseln. Pass, Impfpass und ein wenig Geld für unterwegs wollte sie zusammen mit den Tickets in einem leichten Brustbeutel unterbringen. Das einzige unnütze Ding war eine Spieldose in einem apfelgroßen runden Behälter aus Wurzelholz. Wenn man das Spielwerk aufzog, erklang die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen. Von dieser Dose wollte sie sich nicht trennen. Die Musik erinnerte sie an einen Aufenthalt in Venedig. Wenn die Walze sich zu drehen begann und die kleinen Nägel über den Kamm streiften, sah sie die in der Abendsonne glänzenden Gondeln, die Piazzetta, den Uhrturm und den Campanile vor sich. Unweigerlich fiel ihr dann die kleine halb verhungerte Katze ein, die sie von dort mitgebracht hatte. Rani. Wenn Theresa an sie dachte, dann war das niemals so, als ob Rani ihr Eigentum gewesen sei. Katzen gehören niemandem, nur sich selbst. Der Entschluss, sie mit heim zu nehmen, hatte kaum eine Sekunde gedauert. Danach hatten sie viele Jahre lang die Wohnung miteinander geteilt. Theresa hatte sie gefüttert und die Katze hatte es ihr mit ihrer Treue und Zuwendung gedankt. Rani hatte oft den Tönen gelauscht, die aus der kleinen Spieldose drangen. Sie hatte den Kopf schief gelegt und ihre Pupillen, sonst nur schmale Schlitze, waren groß und rund geworden. Theresa hatte gespürt, dass ihr die Klänge Freude bereiteten. Die Spieldose würde sie an Rani erinnern und an ihr altes Leben, das sie gerade aufgab, um sich auf die Suche nach einer namenlosen Insel in der Molukkensee zu machen, von der sie nur eine sehr ungenaue Vorstellung hatte.
Ihr Weg führte sie am Bahnhof vorbei. Während der Nacht war ein heftiger Regenguss niedergegangen. Die Straßen glänzten vor Nässe. Es würde weiter regnen, hatte der Wetterbericht gemeldet. Theresa stellte den Mantelkragen auf. Sie freute sich auf die Wärme, die sie in den Tropen erwartete und die sie nur aus ihren Büchern kannte.
Die Bücher. Damals, als die Regierung die große Mauer, die Todesstreifen und die Wachttürme errichten ließ und Theresa mit ihrer Mutter in den westlichen Teil Deutschlands zog, hatte sie alle Bücher zurücklassen müssen. Dodo lebte schon lange mit ihrem Mann in einer süddeutschen Großstadt. Beide hatten Theresa und ihre Mutter dazu überredet, zuerst einmal zu ihnen zu ziehen.
Zwei Jahre nach Kriegsende hatte der Vater die Schmerzen in seinem Beinstumpf nicht mehr ausgehalten. In einer eiskalten Winternacht hatte er seiner Familie erklärt, er wolle sich rasch eine Schachtel Zigaretten aus dem Automaten holen. Doch er hatte sich stattdessen eine Schachtel Schlaftabletten besorgt, diese in einer halb vollen Flasche Wodka aufgelöst, sich im Park auf eine Bank gesetzt und die Flasche in einem Zug ausgetrunken. Als ihn am anderen Morgen ein Straßenkehrer fand, war er längst tot und steif gefroren.
Der Schmerz der Mutter hielt sich in Grenzen. Ihr war sein Gejammer schon lange auf die Nerven gefallen. Auch Dodo tröstete sich schnell. Nur für Theresa war der Tod des Vaters ein schwerer Verlust. Er hatte eine Lücke hinterlassen, die sich lange nicht schloss. Sie konnte nicht begreifen, dass sie nie mehr mit ihm auf eine ihrer Traumreisen gehen könnte, nie mehr seine stoppelhaarige Backe spüren würde, wenn sie ihn umarmte, während ihr der unverwechselbare Duft seines Rasierwassers vermischt mit dem Rauch billiger Zigaretten in die Nase stieg.
Als die Mutter seine Flaschenschiffe weggeben wollte und ein Mann in ihrer Wohnung auftauchte, der sich für sie interessierte, widersetzte sich Theresa wütend dem Verkauf. Sie schrie und tobte, rannte schließlich heulend aus dem Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu. Um sie zu besänftigen, schickte die Mutter den Käufer wieder fort und stellte die Schiffe in das Zimmer, das Theresa mit Dodo teilte. Das war der Schwester nicht recht. Sie standen ihr im Weg, nicht nur im Regal, sondern auch auf dem Tisch, an dem die Mädchen ihre Hausaufgaben machten. Es gab Streit.
»Die Staubfänger gehören in den Müll!«, schimpfte Dodo.
»Kommt nicht infrage!«, verteidigte Theresa mit wildem Eifer die Hinterlassenschaft ihres Vaters. »Rühr sie nicht an!«
Die Kluft, die die Schwestern trennte, vertiefte sich. Sie sprachen ein paar Tage nicht miteinander und danach nur das Notwendigste. Es dauerte lange, bis sich ihr Verhältnis wieder einigermaßen normalisierte.
Theresa tröstete sich mit den Büchern, die sie von ihrem Vater übernommen hatte. Es war wie ein lustvoller Zwang, fast wie eine Sucht, die von ihr Besitz nahm und der sie sich hingab. In jeder freien Minute tauchte sie in die Geschichten ein und empfand es schmerzvoll, wenn sie gestört wurde, während sie las.
Als sie im Deutschunterricht ein Gedicht von Bert Brecht interpretieren sollten, erinnerte sie sich wieder an den trüben Novemberabend, an dem ihr Vater ihr aus Doktor Doolittles schwimmender Insel vorgelesen hatte.
Fremde Fischer sagten aus: sie sahen
Etwas nahen, das verschwamm beim Nahen.
Eine Insel? Ein verkommnes Floß?
Etwas fuhr, schimmernd von Möwenkoten
Voll von Alge, Wasser, Mond und Totem
Stumm und dick auf den erbleichten Himmel los.{iv}
Sie hatte wie Stubbins mit geschlossenen Augen den großen Atlas aufgeklappt und ihre Bleistiftspitze war auf einem kleinen Punkt im Atlantik gelandet, unweit der Westküste Irlands.
Fremde Fischer sagten aus, sie sahen
Etwas nahen, das verschwamm beim Nahen.
Eine Insel? Ein verkommnes Floß?
Es war ein Geheimnis, das sie damals nicht lösen konnte! Vielleicht befand sich an dem Punkt, den ihre Bleistiftspitze getroffen hatte, doch eine Insel? Die Zweifel ließen sie nicht ruhen. Sie suchte nach Büchern über Irland und über die ersten Seefahrer, die den Atlantik befahren hatten. Doch sie kam nicht weit, weil das außer ihr niemanden interessierte.
Dann ließen ihr die Vorbereitungen für ihre Abschlussprüfung keine Zeit mehr dazu. Dodo hatte längst die Schule verlassen. Ihr Traumberuf war ein eigener Modesalon, doch sie bekam nur eine Stelle in einem Kaufhaus und arbeitete dort in der Abteilung für Unterwäsche.
Theresa und Dodo waren sehr verschieden. Niemand, der sie zusammen sah, hätte sie für Schwestern gehalten. Dodo war schon bald von einem Schwarm von Verehrern umgeben. Von dem Rest ihres Lohns – die Mutter verlangte einen Anteil für Essen und Miete – kaufte sie sich hübsche Kleider oder hochhackige Schuhe. Bücher interessierten sie nicht, dafür ging sie gern ins Kino. Wenn Theresa später wissen wollte, was für einen Film sie gesehen habe, wusste sie kaum etwas über seinen Inhalt zu berichten.
Für Dodo war die ältere Schwester eine von der Mutter eingesetzte Autorität, solange diese noch arbeiten ging. Sie musste ihr die Hausaufgaben vorlegen, beim Reinigen der Wohnung helfen und Auskunft geben, wohin sie ging und wann sie wieder zurückkam, wenn sie das Haus verließ. Von der Witwenrente konnten die drei nur schlecht leben. Dass Theresa das Gymnasium besuchen durfte, hatte sie einer Lehrerin zu verdanken, die ihrer Mutter erklärte, sie habe eine außerordentlich begabte Tochter, für die es schade sei, wenn sie nicht studieren könne. Nach dem Abitur bewarb sich Theresa um einen Studienplatz in Anglistik, eine in ihrem Land und zur damaligen Zeit ungewöhnliche Fachrichtung. Aus irgendeinem Grund, den sie nie erfuhr, war kein Platz für sie frei. So entschloss sie sich ihre Liebe zu Büchern auch beruflich auszuwerten und begann mit einer Buchhandelslehre. Sie merkte schon bald, dass es ihr weniger Spaß machte Bücher zu verkaufen, als sie zu lesen und zu betreuen. Nach Beendigung der Lehre verschaffte ihr eine alte Freundin ihres Vaters eine Stelle in der Stadtbibliothek. Die neue Arbeitsstelle war für sie wie ein Paradies, das aus Büchern bestand. In fast jedem der tausend und abertausend Bände wurden Menschen beschrieben, Tiere, Blumen, Abenteuer, fremde Länder und Geschichten über die Liebe, das Leben und den Tod. Jedes Buch beinhaltete einen Schatz aus Worten, der sorgsam behandelt werden musste. Als Erstes stellte sich Theresa selbst eine Benutzerkarte aus, mit der sie sich auch Bücher von anderen Bibliotheken des Landes ausleihen konnte. Oft kam sie abends schwer beladen mit einem Stoß Bücher heim, die sie an einem Wochenende las, ohne aufhören zu können.
Dann kam der Umschwung. Theresa und ihre Mutter entschlossen sich zu Dodo und Bernd in den Westen zu ziehen. Es fiel ihr nicht leicht, ihre Geburtsstadt zu verlassen. Sie hatte hier Wurzeln geschlagen, doch verschiedene Umstände zwangen sie zu einem raschen Entschluss.
Dodos Wohnung war eng. Mit der Flucht verfiel die Witwenrente der Mutter, doch Theresa fand schon bald eine Stelle in einer Leihbücherei. Ihr Gehalt erlaubte ihr, eine kleine Wohnung zu mieten, die sie mit ihrer Mutter bezog. Die Mutter, die die Verpflanzung in eine Welt, die sie nie kennen gelernt hatte, eine Welt des Konsums und der Medien, der vielen Autos und der lauten Musik, schlecht vertrug, kränkelte dahin, ohne dass der Arzt den eigentlichen Grund für ihre Krankheit fand. Theresa pflegte sie, so gut es ihr möglich war. Sie saß neben...




