Hilton | Ultima | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten

Reihe: Maestra

Hilton Ultima

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-97503-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten

Reihe: Maestra

ISBN: 978-3-492-97503-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Inspektor Romero da Silva ist der einzige noch lebende Mensch, der von Judith Rashleighs Taten weiß. Die Ermittlungen um ihr erstes Opfer, Cameron Fitzpatrick, sind im Sande verlaufen - doch da Silva hat sich geschworen, Judith irgendwann zu überführen. Und tatsächlich gelingt es ihm, sie aufzuspüren. Zwar kann er seine Anschuldigungen nicht beweisen, aber er hat dennoch die Macht, Judith zu zerstören. Und das wird er tun - es sei denn, Judith lässt sich auf einen gefährlichen und verruchten Deal ein ...

L.S. Hilton wuchs in Nordengland auf, studierte Englische Literatur in Oxford und anschließend Kunstgeschichte in Paris und Florenz. Danach zog es sie nach Key West, New York, Paris und Mailand, wo sie als Journalistin, Kunstkritikerin und Rundfunksprecherin arbeitete. Vor Kurzem ist sie nach England zurückgekehrt. Sie lebt mit ihrer Tochter in London.
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1. Kapitel


Sechs Monate zuvor

Ich war noch nie in Süditalien gewesen, und wie es aussah, sollte mein Besuch nicht nur ein kurzer sein, sondern auch mein letzter. In erster Linie deswegen, weil Inspektor Romero da Silva von der Guardia di Finanza mit seiner Waffe auf mein Herz zielte. Wir standen an einem Strand irgendwo in Kalabrien, genauer gesagt auf einer Betonplattform, die in die aufgewühlte, schweflige See hinausragte. Ein rostiges Containerschiff ankerte ungefähr hundert Meter entfernt und war über einen dicken Gummischlauch mit dem niedrigen Betonbau einer Kläranlage neben uns verbunden. Ich hatte kurz überlegt, zum Schiff hinauszuschwimmen, aber da Silva hatte mir bereits erklärt, dass mich die Strömung drankriegen würde, wenn ich ihm entkam. Und ich glaubte ihm, obwohl ich in den letzten paar Stunden dahintergekommen war, dass da Silvas Fähigkeit, ein Doppelleben zu führen, mich dastehen ließ wie eine Amateurin.

Andererseits kann mich Risiko schon ganz schön reizen. Und ich sah etwas, was da Silva nicht sehen konnte. Über seiner Schulter bewegte sich ein Mann langsam und zielstrebig über den Strand auf uns zu. Ich bezweifelte, dass er ein zufälliger Passant war, denn er hatte ein Sturmgewehr in der Hand.

»Entweder machen wir hier ein Ende – oder Sie kommen mit mir zurück in die Stadt, und wir schauen, ob wir nicht eine Weile zusammenarbeiten könnten.«

Da Silvas Stimme war so ruhig wie seine Hand an der Waffe.

»Zusammenarbeiten?«, zischte ich.

In dem Moment hätte ich an alles denken können, was ich getan hatte, alles, was passiert war, was mich letztlich hierher geführt hatte, an alles, was ich gewesen, und alles, was aus mir geworden war. Tat ich aber nicht.

»Na, dann los«, sagte ich. »Tun Sie’s. Machen Sie’s einfach.«

Als der Schuss kam, sah da Silva noch überraschter aus als ich, aber es war ja auch schon das zweite Mal diese Woche, dass jemand versuchte, mich umzubringen. Allerdings kam die Kugel nicht aus da Silvas Caracal, die er immer noch auf meine Brust gerichtet hatte, sondern von hinten, vom Strand. Ohne seine Position zu verändern, wandte da Silva den Kopf, bis er die Gestalt am Fuß der Klippe sah. Der Mann hatte einen Warnschuss in die Luft abgegeben. Ich war in Versuchung, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass es zumindest einer hier ernst meinte, aber es war wohl nicht der rechte Augenblick. Ich konnte ganz schwach das Schießpulver riechen, das in den stahlgrauen Dezemberhimmel stieg.

»Das Mädchen! Lassen Sie das Mädchen!«, rief der Mann.

»Können Sie schwimmen?«, zischte ich da Silva zu.

»Aber die Strömung«, antwortete er langsam. »Das mit der Strömung war kein Witz.«

»Packen Sie mich«, sagte ich. »Und stellen Sie mich vor sich. Und im Wasser halten Sie sich am Schlauch fest.«

»Und wenn er Sie erschießt?«

»Sie wollten mich doch eben auch erschießen.«

»Das Mädchen!« Die Waffe war jetzt direkt auf uns gerichtet. Da Silva machte einen Satz nach vorn, packte mich an der Schulter und riss mich an sich, während er herumwirbelte, als würden wir tanzen. Am Ende hatten wir die Plätze getauscht, und er stand mit dem Rücken zu den heranbrandenden Wellen. Das Gewehr zielte jetzt definitiv auf mich. Immerhin eine kleine Abwechslung.

»Ich hab Ihnen gesagt, Sie sollen sie loslassen!« Der Mann mit der Waffe kam jetzt über den müllübersäten groben Kies auf uns zu. Da Silva ging hinter meinem Körper in Deckung und schlang seinen Arm um meinen Hals. Er trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Nach einem weiteren merkte ich, wie sich sein Griff lockerte. Ein zweiter Schuss krachte über meinen Kopf hinweg, und ich warf mich flach auf den Beton. Ein Platschen, dann Stille. Ich wandte den Kopf. Da Silva hatte mir eben noch erzählt, dass die Strömung mich binnen Minuten erledigen würde, wenn ich einen Fluchtversuch unternahm, aber er hatte es bis zum Schlauch geschafft. Ich konnte in der Brandung gerade noch seine Arme sehen, die den Schlauch umklammerten, während er sich daran entlanghangelte. Der Mann am Strand hatte jetzt angefangen zu rennen. Ich hatte vielleicht zwanzig Sekunden, bis er bei mir war, was für eine wohlüberlegte Entscheidung nicht ausreichte. Der Schlauch war links, und ich konnte ihn mit wenigen Schwimmzügen erreichen. Also rollte ich über die Plattform, hielt die Luft an und ließ mich ins Wasser fallen.

Da Silva hatte nicht gelogen. Die Unterströmung war so stark, dass ich sie hören konnte, ein massives, aufdringliches Glucksen in der Dünung, das sich unter die Pumpgeräusche des unter Druck stehenden Schlauchs mischte. Schon die Kälte hätte mir normalerweise den Atem verschlagen, aber die Strömung kam ihr zuvor. Meine schwere Daunenjacke, bereits zu einem durchgeweichten Leichentuch mutiert, verfing sich über meinem Kopf. Ich schlug um mich und griff ins Leere, geblendet von Meersalz und meinem panischen Zittern. Gerade noch rechtzeitig schoss ich durch die Wasseroberfläche nach oben, als die nächste Kugel angeflogen kam. Verzweifelt versuchte ich, die Biegung des Schlauchs zu fassen zu bekommen, und schaffte es, mein Bein halb darüberzuschwingen. Schleimiges Gummi presste sich gegen mein Gesicht und pulsierte im Rhythmus des darin fließenden Wassers. Ich benutzte meine Zähne, um mir die Jacke von der Schulter zu zerren und meinen rechten Arm zu befreien. Dann griff ich wieder unter den Schlauch, um mich festzuhalten, und ließ mit der Linken los, doch da traf mich eine Welle voll ins Gesicht, und das trübe Wasser riss mir das Scheißding aus den Händen.

Ich war kleiner als da Silva, und der Schlauch war zu breit, als dass auch ich mich darunter hätte entlanghangeln und gleichzeitig auch noch Luft holen können. Also musste ich mich halb nach oben ziehen und auf der Oberseite des Schlauchs entlangrobben. Immerhin konnte ich auf die Art noch etwas erkennen, doch als ich aufblickte und sah, wie der Mann vom Strand sich rittlings auf den Schlauch setzte, wo er auf die Plattform traf, und für den nächsten Schuss anlegte, wünschte ich mir, ich hätte lieber nichts gesehen. Er feuerte noch einmal, aber er hatte nicht auf mich gezielt. Wenn er so tief zielte, bedeutete dies, dass da Silva irgendwo dort hinten auf dem Wasser sein musste. Der Mann bewegte sich zögerlich vorwärts und umklammerte den dicken Schlauch mit den Oberschenkeln wie der Komantsche sein Pferd. Vom schaukelnden Schiff war nichts mehr zu sehen. Würden wir die Sache zu dritt an Deck austragen, wenn wir es bis dorthin schafften? Ich hatte nichts dabei, womit ich mich hätte verteidigen können, außer der Haarspange in der Gesäßtasche meiner Jeans, die ich gestern Nacht in Venedig angezogen hatte, als ich noch sicher war, dass da Silva mich wegen Mordes verhaften wollte. Damals, als das Leben noch entspannt gewesen war. Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, wäre ich wehmütig geworden.

Es war eine Concorde-Spange, ungefähr zehn Zentimeter lang und leicht gebogen, damit man mit ihr einen Haarknoten feststecken konnte. Ich krümmte meine eiskalten Finger und zog sie aus der Tasche. Denk nach, Judith. Die Spange war wirklich keine Waffe, selbst wenn der Mann mit dem Sturmgewehr mich nahe genug an sich herangelassen hätte. Er hatte seinen Höflichkeitsbeitrag schon geleistet, und ich bezweifelte, dass er sich allzu viele Gedanken um Kollateralschäden machte. Ich schob mir das Ding zwischen die Zähne und robbte noch ein paar verzweifelte Meter vorwärts, dann ließ ich mich seitlich ins Wasser gleiten. Meine Beine umklammerten den Schlauch, während ich die Spange ergriff und ganz tief einatmete. Ich kniff meine vom Salz schmerzenden Augen zu, tastete mit der linken Hand nach den starren Kanten des Schlauchs, dann rammte ich die Spange in die dicke Gummiwand. Sie drang problemlos ein. Ich packte sie, so fest ich konnte, und riss sie wieder heraus.

Der Schlauch schlug heftig nach rechts aus wie der Schwanz einer riesigen Klapperschlange, als das Wasser unter Hochdruck herausschoss. Ich wurde für einen Moment an die Oberfläche geschleudert, bevor mich die nächste Welle wieder nach unten wirbelte. Ich versuchte, meine Arme um den Schlauch zu schlingen, aber er war zu dick und ich rutschte überall ab. Noch einmal peitschte er zur Seite und warf mich ganz ab. Mit ein paar Schwimmzügen arbeitete ich mich wieder an die Oberfläche, um Luft zu holen, aber ich spürte die ganze Zeit diesen hartnäckigen Sog unter mir, der mich zum tobenden Schlauch hinzog.

Der Mann mit der Waffe war nirgends zu sehen. Keuchend trat ich Wasser und hustete brennendes Salzwasser aus. Das Containerschiff war immer noch um die fünfzig Meter entfernt, aber die Strömung zog mich bereits mit besorgniserregender Geschwindigkeit in die entgegengesetzte Richtung. Ich schaukelte hilflos auf dem Wasser. Jeder Schwimmversuch war müßig, ich war so erschöpft und durch meine nasse Kleidung zusätzlich so eingeschränkt, dass ich mich nur noch treiben lassen konnte. Mich einfach eine Weile mittreiben lassen. Ich weiß noch, dass ich dachte, wie seltsam es war, dass mir gar nicht mehr kalt war, als ich meinen Kopf ins tiefe, gleichgültige Wasser sinken ließ.

»Hier! Hier drüben!«

Ich wunderte mich, warum ich den Motor des Dingis nicht gehört hatte, aber da Silvas Stimme wurde von dem rauschenden Muschelschalengesang in meinem Kopf fast verschluckt. Seine Schreie drangen durch die seltsam sanfte Stille. Warum konnte er nicht einfach aufgeben, mich einfach allein lassen? Zumindest diese Genugtuung konnte ich ihm nehmen. Ich hörte auf, meine Beine zu bewegen, und ließ mich hinabgleiten in die wiegende Umarmung der...


Kuhn, Wibke
Wibke Kuhn, geb. 1972, arbeitete nach dem Studium der Skandinavistik und Italianistik zunächst im Verlag. 2004 machte sie sich als Übersetzerin selbstständig und studierte Neogräzistik, Finnougristik und Slavistik. Sieüberträgtskandinavische, italienische und niederländische Romane und Sachbücher ins Deutsche (u.a. Stieg Larsson und Jonas Jonasson) und lebt in München.

Hilton, L.S.
L.S. Hilton wuchs in Nordengland auf, studierte Englische Literatur in Oxford und anschließend Kunstgeschichte in Paris und Florenz. Danach zog es sie nach Key West, New York, Paris und Mailand, wo sie als Journalistin, Kunstkritikerin und Rundfunksprecherin arbeitete. Vor Kurzem ist sie nach England zurückgekehrt. Sie lebt mit ihrer Tochter in London.



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