E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Abenteuer in Übersee
Hoffmann Hasardeure der Wildnis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-4515-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Abenteuer in Übersee
ISBN: 978-3-7693-4515-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Hoffmann. Geboren 1950 in Berlin. Als Seeoffizier der Bundesmarine, Freelancer in der außenpolitischen Redaktion des ZDF, weltweit eingesetzter Rechtsanwalt und Troubleshooter für einen Industriekonzern sowie fast dreißig Jahre in offizieller Mission für die deutsche Außenwirtschaftsförderung an wechselnden Orten in Lateinamerika und Asien stationiert, steht er für die Nomaden unserer Zeit. Seine Aufgaben, Reisen und Recherchen führten ihn an ungewöhnliche Plätze und ließen ihn zahllose, ausgefallene Schicksale miterleben. Inspiriert von seinen Begegnungen und Erlebnissen widmet er sich nunmehr fiktiven Geschichten, die in jenen Weltgegenden spielen, in denen er so viele Jahre verbracht hat. Er lebt heute in Berlin und Spanien, ist verheiratet und hat zwei Söhne.
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Schrecken
Rüttelnd und schwankend folgt der Geländewagen der endlosen Piste durch die einsame tropische Wildnis. Geschickt lenkt ihn Alfonso über Bodenwellen, an Löchern, Termitenhügeln und anderen Hindernissen vorbei. Konzentriert. Schweigend. Paul kämpft auf dem Beifahrersitz vergeblich mit der Müdigkeit. Das monotone Motorgeräusch hat ihn gerade fest einschlafen lassen, als Alfonso ganz plötzlich stoppt. Paul schreckt wieder hoch. Als er die Augen öffnet, glaubt er immer noch zu träumen. Ein Mann mit wirrem Bart und einer langen Narbe im Gesicht blickt ihn durch die Scheibe des Autofensters finster an. Mehrere bewaffnete junge Männer umringen das Fahrzeug. „Ein Retén, eine Straßenkontrolle. Mal sehen, was die von uns wollen.“ Alfonso sieht sich entnervt um. Die Männer tragen zerschlissene Uniformen. Höchst unmilitärisch haben manche Gummistiefel, andere uralte Sportschuhe an. Auch die Kopfbedeckungen variieren offenbar nach persönlichem Geschmack jedes einzelnen von olivfarbigem Tarnhut bis zur Baseballkappe. Ihre Gesichter wirken hart und verschlossen. „Die sind wohl eher von der Guerilla als vom Militär“, murmelt Alfonso nun deutlich besorgter. „In jedem Fall ist mit denen nicht zu spaßen.“ Paul weiß nicht, ob Alfonso Selbstgespräche führt, oder ihn leise warnen will.
Der harsche Ton einer schneidenden Stimme macht jedoch jede Warnung, die Männer ernst zu nehmen, überflüssig. „Stell den Motor ab und steig aus.“ Gehorsam tut Alfonso, wie ihm befohlen. Totenblass stellt sich Paul zu ihm. Drei der Uniformierten überprüfen die Ausweise und durchsuchen das Gepäck. Der Mann mit der Narbe spielt gelangweilt mit seiner Waffe. Beklommen verfolgt Paul, wie ihr Lauf dabei immer wieder genau in seine Richtung zeigt. „Wohin fahrt Ihr?“ „Aufeine Finca1 “, lautet Alfonsos knappe, trockene Antwort. „Welche? Wo?“ Die Miene des Fragers verhärtet sich sichtbar. Während Alfonso beschreibt, wo die Finca liegt, kommt einer der Männer auf Paul zu. „Trägst du eine Waffe, Gringo2?“ „Nein, ich habe keine. “Umdrehen! Beide Hände auf das Auto!“ Nervös befolgt Paul seinen Befehl. Er wird sorgfältig abgetastet. „Euch kann man nicht trauen. Was tust du hier?“ „Ich bin zu Gast.“ Spöttisches Gelächter. „Gast, hier draußen in der Wildnis? Du solltest dir was Besseres einfallen lassen.“ „Ich habe ihn eingeladen, mich zu begleiten, damit er etwas von Kolumbien kennenlernt“, kommt Alfonso Paul zu Hilfe. Doch brutal schneidet der Mann ihm das Wort ab. „Ich rede mit dem Gringo, nicht mit dir! Nach zwei, drei Nachfragen lässt er Paul stehen und schließt sich wieder seinen Kumpanen an. Auch die haben offenbar ihr Interesse an Alfonso und ihm verloren. „Wartet hier, bis wir wissen, was mit euch geschehen soll!“ Die Männer wenden sich anderen Dingen zu und lassen sie unbeachtet zurück.
Paul und Alfonso setzen sich in den Schatten eines Baumes. Selbst dort empfindet Paul die Hitze als unerträglich. Vielleicht ist es aber auch der Angstschweiß, der ihm auf der Stirn steht. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als geduldig auszuharren. Wer immer diese Leute sind, sie sind ihnen schutzlos ausgeliefert. An eine Flucht ist nicht zu denken. Wohin sollten sie sich wenden? Wer sollte ihnen hier helfen? Weit und breit gibt es keine Siedlung. Schon in den letzten zwei, drei Stunden auf dem Weg hierher sind sie an keiner Finca mehr vorbeigekommen. Nicht einmal eine einsame Hütte war zu sehen. Weit und breit nur endlose Wildnis.
„Das sind bestimmt keine Soldaten, auch wenn mir das einer von denen weismachen wollte. Das Militär würde sich anders verhalten und uns nicht ohne Grund hier festhalten“, flüstert Alfonso. Seine Wut ist unüberhörbar. „Wenn das keine Soldaten sind, was dann?“ „Vermutlich Guerilla.“ „Und was können die von uns wollen?“ „Keine Ahnung. Mich macht stutzig, warum die mich so intensiv nach meiner Finca befragt haben, obwohl ich selbstverständlich mit keinem Wort erwähnt habe, dass ich der Eigentümer bin. Vielleicht wollen sie dennoch Geld erpressen.“ „Wie denn?“ „Ganz einfach, sie setzen mich hier irgendwo fest, bis ich bezahlt habe, was sie verlangen. In diesem Falle hoffe ich nur, dass die wenigstens Sie laufen lassen.“ Alfonso zündet sich eine Zigarette an. „Tut mir leid, dass ich Sie in diese Lage gebracht habe.“ „Unsinn. Ich habe doch selber entschieden mitzufahren.“
Die Zeit vergeht und es geschieht nichts. Schweigend sitzen sie da und warten. Alfonso starrt vor sich hin und schlägt immer wieder nach den Mücken, die ihn als besonders begehrtes Opfer auserkoren haben. Ein leichter Windstoß wirbelt den Sand auf und spielt mit einem vertrockneten Zweig. Doch die erhoffte Abkühlung bleibt aus, denn er schläft gleich wieder ein. Paul wird von Minute zu Minute nervöser. In seiner Fantasie malt er sich bereits verschiedene Horrorszenarien aus. Gefangener der Guerilla in der wilden Einöde irgendwo in Kolumbien! Je länger er Zeit zum Nachdenken hat, desto mehr wächst seine Furcht nicht nur vor den Männern, die sie hier festhalten, sondern auch vor der ihm fremden und feindlich wirkenden Umgebung. Doch es gibt kein Entkommen mehr. Er kann jetzt nur noch auf sein Glück vertrauen und hoffen, dass er einigermaßen ungeschoren davonkommt.
Er muss auf einmal an seine Frau denken. „Kolumbien? Das ist doch ein schreckliches Land!“ Bleich und mit weit aufgerissenen Augen hatte Anne ihren Mann angeblickt als er ihr erklärte, dass er für sein Unternehmen ein paar Tage geschäftlich nach Bogotá reisen soll. „Drogenhandel, Guerilla, Kriminalität, Gewalt! Musst du wirklich dorthin?“ Tränen flossen über ihr Gesicht. „Das kann man von dir nicht verlangen. Du kannst dein Leben doch nicht für die Firma aufs Spiel setzen.“ Aufgelöst verließ sie den Raum. Er folgte ihr in die Küche. „Rege dich nicht auf, es wird schon nicht so schlimm werden. Ich bin doch nur ein paar wenige Tage dort“, versuchte er sie zu trösten. Verzweifelt begann sie, ein paar Gläser abzuwaschen. Wie gewohnt hielt sie dabei jedes Glas gegen das Licht, um zu prüfen, ob die letzten Schlieren wirklich verschwunden sind. Noch gründlicher als sonst putzte und wischte sie alles bis in die letzte Ecke blitzblank. Doch was sie auch tat, es gelang ihr nicht, sich abzulenken. Auch als sie zu Bett ging, hörte Paul sie im Bad noch schluchzen. Bis zu seiner Rückkehr wird sie schlaflose Nächte haben.
Schon wenn er ab und zu kurz in Deutschland oder einem Nachbarland unterwegs war, war sie jedes Mal nervös und atmete tief auf, wenn er zurückgekehrt war. Dabei wurde sie nicht nur von der Sorge um das Wohl und Weh ihres Mannes getrieben. Es war auch die Furcht vor allem Ungewohnten, Ungewissen, vor jedem Risiko. Eine Furcht, die schon ihr Elternhaus nachhaltig geprägt und sich daher auch tief in ihr Inneres eingegraben hat. Von klein auf hatte man ihr beigebracht, sich stets eng an die vorgegebene Ordnung oder die gewohnten Regeln zu halten und jede Veränderung der üblichen Abläufe, falls irgend möglich, streng zu vermeiden. Immer wieder hatte man sie ermahnt, sich niemals ohne Not auf etwas Unkalkulierbares einzulassen. Die Vorstellung, dass Paul nun in ein fernes und gefährliches Land reisen sollte, verstieß gegen alle diese Regeln und war ihr daher unerträglich.
Daran gewöhnt nahm Paul das fatalistisch hin, so wie er es mit vielen anderen Geschehnissen um ihn herum auch gerne tut. Wollte man ihn beschreiben, würde es schwerfallen, etwas zu finden, was ihn besonders charakterisiert oder deutlich von anderen unterscheidet. Nicht groß, nicht klein, nicht besonders klug aber auch nicht dumm. Unscheinbar. Er liebt die Geborgenheit. Risiken versucht er zu vermeiden. Konflikten weicht er aus. Kein Held, aber ein netter Kumpel. Ein Durchschnittsmensch. Er selbst ist jedoch von seiner Einmaligkeit fest überzeugt. Sein Leben wird, wie bei so vielen, weitgehend von seiner Arbeit geprägt. Als fleißiger und gewissenhafter Buchhalter hat er es in seiner Firma zu einer anerkannten Position in der Controlling-Abteilung gebracht. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, ab und zu in einer Auslandsniederlassung des Unternehmens nach dem Rechten zu sehen. Bislang war er aber nur in Europa unterwegs. Die Reise nach Kolumbien ist seine erste Reise nach Übersee. Gespannt hatte er daher auf die Reise gewartet.
„Hast du auch wirklich nichts vergessen? Was ist mit deinen Tabletten? Meinst du nicht, dass du noch einen wärmeren Pullover mitnehmen solltest?“ „Liebling, ich fliege doch in die Tropen und nicht nach Alaska.“ „Ich habe gelesen, dass es in Bogotá auch sehr kühl werden kann, und ich möchte nicht, dass du dich auch noch erkältest.“ Wieder und wieder hatte sie besorgt den Koffer durchgesehen, ob auch wirklich nichts fehlt.
Schließlich war es soweit. Das Taxi zum Flughafen stand vor der Tür. Geduldig wartete der Fahrer im Wagen. Hätte er die...




