Hohlbein Die Rückkehr der Templerin
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19815-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Templerin 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 528 Seiten
Reihe: Templerin-Serie
ISBN: 978-3-641-19815-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frühjahr 1179 im Heiligen Land: Um ihr eigenes Leben zu retten, sieht sich Robin noch einmal gezwungen, das Schwert zu ergreifen und für die Sache der Templer zu kämpfen. Während das Heer der Kreuzfahrer in Auflösung begriffen ist, rettet sie Balduin, dem König von Jerusalem, das Leben und wird Zeugin eines heimtückischen Mordanschlags. Und plötzlich steht sie selbst im Mittelpunkt einer todbringenden Intrige.
Wolfgang Hohlbein wurde 1953 in Weimar geboren. Seit er 1982 gemeinsam mit seiner Frau Heike den Roman »Märchenmond« veröffentlichte, arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller. Mit seinen Romanen aus den verschiedensten Genres – Thriller, Horror, Science-Fiction und historischer Roman – hat er mittlerweile eine große Fangemeinde erobert und ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren überhaupt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Düsseldorf.
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1. KAPITEL
Robins Welt war wieder kleiner geworden. Auch wenn sie im Grunde ungleich größer war als das kleine friesische Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war, ja, selbst größer als die Welt, die ihr Salim, Bruder Abbé und all die anderen gezeigt hatten, die während der zweiten Hälfte ihres Lebens zu ihren Wegbegleitern und Freunden geworden waren, so war sie im Augenblick doch zu einem Kreis von gerade einmal acht Schritten Durchmesser geschrumpft, den man in den Sand gezeichnet hatte. Die Linie, die diesen Kreis markierte, war längst nicht mehr zu sehen, denn der noch vor wenigen Minuten glatte Boden war nun aufgewühlt von ihren Schritten, fehlgegangenen Schwerthieben und Paraden, und wenn sie nicht Acht gab oder Jehova, Allah oder wer auch sonst immer im Moment über diesen gottverlassenen Winkel der Erde herrschte, des Spiels überdrüssig wurde, dann würde sich der Sand möglicherweise bald rot von ihrem Blut färben. Hätte sie sich doch niemals auf diesen Kampf eingelassen!
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, täuschte ihr Gegner in diesem Moment einen geraden Schwertstich an, wartete, bis Robin dazu ansetzte, ihn zu parieren, und verwandelte seine Bewegung in einen blitzartigen, halbkreisförmig nach oben geführten Hieb. Robin wich im allerletzten Moment aus, aber die Schneide des Sarazenenschwertes schrammte trotzdem, so präzise und sicher geführt wie die Klinge eines Feldschers und so kraftvoll geschlagen wie der Hammer eines Schmieds, über ihr Kettenhemd, sodass sie den Hieb nicht nur bis in die letzte Faser ihres Körpers spürte, sondern der Stahl tatsächlich Funken aus ihrer Rüstung schlug. Und hätte sie nicht buchstäblich im allerletzten Moment doch noch reagiert und sich nach hinten geworfen, dann hätte sie möglicherweise nicht einmal mehr das fein gewobene Kettenhemd geschützt, das sie unter ihrem einfachen dunkelblauen Gewand trug. Robin kannte Waffen wie die, die ihr Gegner führte, zur Genüge, und sie ahnte, dass sie selbst ein Kettenhemd durchschlagen konnten, wenn der Hieb nur entschlossen genug geführt wurde.
Robin zog sich zurück, wenn auch nicht so weit, wie es nötig gewesen wäre, und nicht einmal so weit, wie sie eigentlich wollte. Trotz allem waren ihr die Regeln in diesem Kampf klar. Wenn sie mit dem Fuß auch nur einen Zoll weit aus dem Kreis heraustrat, hatte sie verloren – und Robin hatte noch nie den Gedanken akzeptiert, einen Kampf zu verlieren. Ganz besonders nicht diesen.
Ohne ihren Gegner, der sie mit der Leichtigkeit einer Gazelle umkreiste, auch nur einen Herzschlag lang aus den Augen zu lassen, versuchte sie aus den Augenwinkeln heraus die Reaktionen der Zuschauer dieses unwürdigen Kampfes zu erkennen. Sie wirkten angespannt; braun gebrannte Gesichter, vom Wind und vom Salz des Meeres gegerbt, von der Härte eines Lebens gezeichnet, das Robin nur zu gut nachempfinden konnte, denn das Schicksal dieser Männer wäre um ein Haar auch das ihre geworden. Sie warteten darauf, dass sie fiel, begriff sie.
Der Gedanke machte sie nicht nur zornig, er verletzte sie auch. Unter dem guten Dutzend Männer war nicht einer, dem sie nicht schon einmal geholfen hätte, dem sie nicht schon einmal ein Stück Brot oder die eine oder andere kleine Münze zugesteckt hätte, mit dessen Kindern sie nicht schon gespielt oder dessen Frau sie nicht beigestanden hätte, wenn es um die Pflege eines kranken Kindes, das Einfangen einer fortgelaufenen Ziege oder den Verlust eines Familienmitglieds ging. Es war ungefähr ein Dutzend Männer, und sie hätte zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählen können, die fast ausnahmslos darauf hinausgelaufen wäre, dass er auf die eine oder andere Art in ihrer Schuld stand. Und doch warteten sie jetzt auf ihre Niederlage.
Robin konnte es ihnen noch nicht einmal wirklich verdenken. Es hatte nichts mit ihr – Robin – zu tun. Es hatte mit der Frau zu tun, die nicht nur ein Schwert führte, sondern damit auch noch besser umzugehen vermochte als die allermeisten Männer, die sie je getroffen hatte, und das war etwas, was einfach nicht in die Ordnung ihrer Welt passte.
Was nichts daran änderte, dass Robin sich maßlos über das ärgerte, was sie in den Gesichtern der Zuschauer sah. Sowie dieser Kampf vorüber war, würde sie sich mit dem einen oder anderen von ihnen eingehend unterhalten, und sie war ziemlich sicher, dass ihm das Gespräch nicht gefallen würde.
Vorausgesetzt, sie überlebte den Irrsinn, auf den sie sich eingelassen hatte – was ihr im Moment gar nicht so sicher schien. Ihr Gegner stürmte erneut vor und täuschte zwei, drei blitzartige Hiebe in ihre Richtung an. Keiner davon kam auch nur in Robins Nähe, aber sie reagierte jedes Mal mit einer – viel zu hastigen – Bewegung mit ihrem eigenen Schwert, was sie wertvolle Kraft kostete. Es kam ihr so vor, als habe ihr Gegner ihr Schwert verzaubert, denn es schien jedes Mal schwerer geworden zu sein, wenn sie es für eine Parade oder einen Angriff hob.
»Willst du nicht endlich aufgeben?« Der verschleierte Krieger auf der anderen Seite des in den Sand getrampelten Kreises hatte seine Waffe sinken lassen und stand in fast lässiger Haltung da. Sein Gesicht war fast zur Gänze hinter einem Tuch verborgen, das je nachdem, wie die Sonne darauf fiel, dunkelblau oder in einem matten Schwarz schimmerte, sodass sie wenig mehr als seine Augen erkennen konnte. Aber das war auch nicht nötig. Sie hätte das spöttische Funkeln in seinem Blick selbst dann wahrgenommen, wenn sie ihn nicht direkt angesehen hätte.
Statt zu antworten, griff Robin an.
Sie konnte nicht sagen, ob ihr Gegner sein überhebliches Spiel nur auf die Spitze trieb oder ihn das Ungestüm ihres plötzlichen Angriffes tatsächlich überrascht hatte – so oder so, es gelang Robin, ihn mit drei, vier wuchtigen Schwertschlägen vor sich her und fast bis zur gegenüberliegenden Grenze des Kreises zu treiben, bis er in seinen gewohnten Rhythmus zurückfand. Robin deckte ihn mit einem Hagel von Hieben ein, die er nur mit Mühe parieren konnte, doch dann machte er eine plötzliche, blitzschnelle Bewegung, die Robin um ein Haar das Schwert aus der Hand geprellt hätte, und nun war sie es, die haltlos Schritt für Schritt vor ihrem in dunkelblaues Tuch gekleideten Gegner zurückwich und sich dem Rand des Kreises bedrohlich näherte.
Die Schwerthiebe ihres Gegners wurden nun härter. Er versuchte nicht mehr, ihre Deckung zu durchbrechen oder sie mit irgendeiner heimtückischen Bewegung zu treffen, sondern hatte sich offensichtlich entschlossen, seine überlegenen Körperkräfte zum Einsatz zu bringen und das zu tun, was Robin schon während ihrer Zeit in der Komturei bei mehr als einem Mann beobachtet und was sie stets aus tiefstem Herzen verachtet hatte: Ihr Gegenüber kämpfte plötzlich nicht mehr wie ein Ritter, der sein Schwert mit Kunstfertigkeit und Geschick führte, sondern drosch einfach auf sie ein, versuchte ganz gezielt nichts anderes als ihr Schwert zu treffen und mit jedem Hieb, den sie mühsam abwehrte, ihre Kräfte weiter zu erschöpfen.
Diese barbarische Art des Zweikampfes, der zweifellos die tiefste Verachtung jedes Ritters verdiente, war unglückseligerweise aber auch sehr effektiv, wenn sich das Kräfteverhältnis so ungleich darstellte wie jetzt. Robin war für eine Frau erstaunlich stark, aber der andere war einen guten Kopf größer als sie und wog mindestens dreißig oder vierzig Pfund mehr. Und dazu kam, dass Robin allmählich begriff, dass ihr Gegner ihre beste Waffe – den unbedingten Willen zu siegen – in diesem Kampf mindestens genauso gut einzusetzen verstand wie sie selbst.
Robin blieb keine Zeit, hinter sich zu sehen, um sich davon zu überzeugen, wie nahe sie dem Rand des Kampfplatzes bereits war. Aber es konnten höchstens noch ein paar Schritte sein; ein letzter, wuchtig geführter Schwerthieb ihres Gegners, dessen furchtbare Kraft sie einfach über die in den Sand gezeichnete Linie hinwegstolpern ließ und den Kampf beenden würde, und plötzlich spürte sie, wie die Anspannung der Zuschauer eine neue Qualität erlangte. Sie hatte nicht einmal mehr diesen einen Schritt.
Als das Schwert des Angreifers das nächste Mal herabsauste, fing sie es zwar mit ihrer eigenen Klinge ab, versuchte aber gar nicht erst, sich der Kraft des Schlages zu widersetzen, sondern ließ sich nach hinten und gleichzeitig zur Seite kippen und nutzte im allerletzten Moment den Schwung ihrer eigenen Bewegung, um sich herumzuwerfen und mit einer komplizierten seitlichen Rolle wieder in den Kreis zurückzukehren.
Die Zuschauer johlten begeistert, und noch während Robin herumrollte und dabei zugleich wieder auf die Füße zu kommen versuchte, registrierte sie eine schattenhafte Bewegung aus den Augenwinkeln und warf sich instinktiv abermals herum. Das Schwert des Angreifers ließ den Sand aufspritzen wie Wasser, in das jemand einen Stein geworfen hatte, genau dort, wo sie einen Herzschlag zuvor noch gewesen war, was die Zuschauer mit begeistertem Johlen und Händeklatschen kommentierten. Robin versuchte verzweifelt, sich abermals herumzuwerfen, doch diesmal geriet die Bewegung zu nichts anderem als einem hilflosen Stolpern, an dessen Ende sie ausgestreckt zu Boden fiel.
Hätte ihr Gegner in diesem Moment nachgesetzt, der Kampf wäre vorüber gewesen, denn Robin hatte nicht nur Mund und Nase voller Sand, der sie nahezu blind machte und darüber hinaus sein Möglichstes tat, sie zu ersticken, sie hatte auch plötzlich das Gefühl, jedes bisschen Kraft wäre aus ihren Gliedern gewichen. Das Kettenhemd, das sie trug, schien Zentner zu wiegen, und...




