E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: John Sinclair Romane
Hohlbein Oculus - Im Auge des Sturms
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-4026-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein John Sinclair Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: John Sinclair Romane
ISBN: 978-3-7325-4026-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
John Sinclair, der berühmte Geisterjäger von Scotland Yard, erwacht nahe einer zerstörten Kleinstadt. Er kann sich nicht daran erinnern, wer er ist oder wie er dorthin kam. Als er die Stadt erkundet, findet er sich plötzlich von alptraumhaften Monstern umringt. In letzter Sekunde wird er von einem fremden Einsatztrupp gerettet. Sie gehören einer geheimen Organisation an, die John Sinclair aus seiner Zeit in die Zukunft geholt hat, damit er ihnen im fast verlorenen Krieg gegen die Monster hilft ...
Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, lebt mit seiner Frau Heike und seinen Kindern am Niederrhein, umgeben von einer Schar Katzen und Hunde. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart. Seine Werke wurden in 47 Sprachen übersetzt und mit über zwanzig nationalen und ungezählten internationalen Preise ausgezeichnet.
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Weymouth, Britannien. Irgendwann
Einstmals musste es eine wunderschöne Stadt gewesen sein, gelegen in einer malerischen Bucht, deren Topografie ihr selbst vor dem schlimmsten Wüten des Meeres Schutz bot, und auf der anderen Seite von einer ebenso sanften wie dicht bewaldeten Hügelkette vor den Unwettern des Landes geschützt. Man hätte nur die Augen schließen müssen, um das fröhliche Lachen von Kindern zu hören, die in den von Bäumen und schmucken Häusern gesäumten Straßen spielten, die Rufe der Erwachsenen, die über sie wachten, und das Knarren der Schiffsrümpfe, die sich in der Dünung wiegten. Fast meinte man, den Duft von frisch gebackenem Brot und Sommerblumen und Kuchen wahrzunehmen und das Streicheln der warmen Meeresbrise auf dem Gesicht zu spüren. Eine Stadt, in der sich die Menschen beschützt und sicher fühlten und ein glückliches Leben lebten.
Aber das war vorbei. Diese glückliche Stadt gab es nicht mehr.
Die schmucken Häuschen mit den liebevoll gepflegten Vorgärten waren verbrannt und ihre Ruinen niedergewalzt. Die ehedem so sauberen Straßen waren mit schwarzem Schlamm bedeckt, zu dem der letzte Regen die Asche der Gebäude und möglicherweise auch ihrer Bewohner gemacht hatte. Aus dem ölig schimmernden Wasser des Hafens ragten die verkohlten Überreste eines Schiffes wie das Skelett eines gestrandeten Tiefseeungetüms. Das Kinderlachen war verstummt und würde nie wieder die Straßen erfüllen, und die eisige Brise, die das Meer gegen das Land spie, stank nach faulendem Tang und verwesenden Tierkadavern – und nach noch etwas Anderem, für das die menschliche Sprache kein Wort hatte. Die einzigen Spuren einst menschlichen Lebens, die von der Höhe des Hügels aus noch zu sehen waren, bestanden aus einer Anzahl verkohlter und in Stücke gerissener Skelette, die halb im schwarzen Morast versunken waren.
Unter meinen Schuhsohlen knirschte zerbrochenes Glas, als ich den Hügel hinabging; Trümmer, die wie von einer gewaltigen Kraft bis hier heraufgeschleudert worden waren. Obwohl ich sicherlich noch eine halbe Meile von den ersten Häusern entfernt war und über eine Wiese voller saftigem Gras und bunten Wildblumen ging, dünstete der Boden einen Gestank aus, als liefe ich am Rande einer überlaufenden Jauchegrube.
Mein Herz klopfte, und tief in meiner Kehle war der bittere Geschmack der Furcht, der mit jedem Schritt, zu dem ich meine zitternden Knie zwang, noch schlimmer wurde. Instinktiv hatte ich die Hände längst zu Fäusten geballt.
Ich hatte Schlimmeres gesehen, Verheerung, der ganze Kontinente zum Opfer gefallen waren, Monster, die Welten verschlingen konnten, und Mächte, die sich am Leid der Menschen und den Qualen Unschuldiger labten. Und Dinge, die nicht nur zu schlimm waren, um davon zu berichten, sondern sogar zu schlimm, um sie auch nur zu denken.
Und doch hatte mich selten etwas so erschüttert wie der Anblick dieser verbrannten Stadt.
Allerdings erinnerte ich mich weder daran, wie diese Stadt hieß noch wie ich hierhergekommen war.
Ich erinnerte mich nicht einmal an meinen Namen.
Oder wer ich war.
Diese Erkenntnis hätte mich erschrecken sollen, aber sie hatte allenfalls etwas vage Irritierendes. Vielleicht war der Anblick der verbrannten Stadt einfach zu entsetzlich, um irgendeinen anderen Gedanken zuzulassen; wofür ich in diesem Augenblick allerdings fast dankbar war.
Außerdem – auch wenn es nicht den geringsten Grund für diese Hoffnung gab, aber nichts anderes war es – spürte ich, dass meine Erinnerungen zurückkehren würden. Sie waren da, nicht vergessen, sondern nur verschüttet, vielleicht nur blockiert durch den Schock dessen, was mich hierher gebracht hatte.
Ich war nur nicht sicher, ob ich mich tatsächlich erinnern wollte.
Ein seltsames Geräusch drang an mein Ohr, nicht besonders laut, aber so fremd und unheimlich, dass mir der Gedanke entglitt und ich mich wieder umso mehr auf meine Umgebung konzentrierte, obwohl sie mich zugleich so sehr erschreckte, dass es mich immer mehr Kraft kostete, nicht einfach auf dem Absatz herumzufahren und schreiend davonzulaufen.
Der Laut kam irgendwo aus der Richtung des Durcheinanders aus brandgeschwärzten Trümmern und schwarzem Schlamm, das einmal der Hafen dieser geschändeten Stadt gewesen war. Aber es war seltsam: Je mehr ich mich auf seinen Ursprung zu konzentrieren versuchte, desto weniger wollte es mir gelingen, ihn wirklich zu lokalisieren. Mal schien er vom Hafen zu kommen, mal über das ölige Meer heranzuwehen, dann wieder aus dem verkohlten Herz der Stadt mit den Windböen heranzuschleichen, um mich zu umkreisen und zu verspotten.
Während ich mich mit solcherlei Überlegungen beschäftigte, hatte ich den ehemaligen Stadtrand erreicht, eine nicht ganz klar definierte Linie aus nasser Asche, hinter der aus lebendigem Grün und atmender Erde etwas … Anderes wurde, ein klebriger schwarzer Morast aus verbrannter Erde und verderbtem Leben, das nicht einfach nur ausgelöscht, sondern zu etwas Anderem gemacht worden war, dessen bloßes Dasein etwas tief in mir aufschreien und sich wie einen getretenen Wurm krümmen ließ.
Der Laut wiederholte sich, um eine Nuance erweitert, die mir noch mehr Angst gemacht hätte, hätte ich mir gestattet, ihn wirklich zu hören, aber nun glaubte ich immerhin die Richtung zu erkennen, aus der er kam: Vom Meer und dem, was einmal ein kleiner Hafen gewesen war. Um dorthin zu kommen, würde ich die Stadt durchqueren müssen. Aber sie war nicht sehr groß, und ich hatte ohnehin vorgehabt, sie zu erkunden. Und etwas sagte mir, dass es wichtig war, den Ursprung dieses unheimlichen Geräuschs herauszufinden.
Mein Herz klopfte immer stärker, während ich zwischen den zerstörten Häusern entlangmarschierte. Der grässliche Gestank, den ich schon aus der Entfernung wahrgenommen hatte, hüllte mich mittlerweile zur Gänze ein, tränkte meine Kleider und mein Haar, legte sich als unsichtbarer schmieriger Film auf mein Gesicht und drang in meine Nase, meinen Rachen und die Lungen, wo er mir das Atmen schwer machte. Er war unbeschreiblich ekelhaft. Anfangs hatte ich gedacht, er wäre mit der launischen Brise über das Meer herangeweht, und das stimmte auch, doch je tiefer ich in die verheerte Stadt eindrang, desto klarer wurde mir, dass es auch die Ruinen selbst waren, die diesen fauligen Odem verströmten: jeder zerbrochene Stein, jeder verkohlte Balken und jede geborstene Dachschindel; als hätte sich das – was immer diese Stadt auch heimgesucht hatte – nicht damit zufriedengegeben, sie einfach nur zu zerstören, sondern sie auch mit diesem höllischen Miasma geschändet, um sie für alle Zeiten als nicht mehr zu dieser Welt gehörig zu brandmarken.
Ich zwang mich, meine gesamte Konzentration auf meine Umgebung zu richten. Es konnte nicht schaden, meine momentane Lage mit den Augen eines solchen zu betrachten.
Womit ich auch unverzüglich begann.
Von der Höhe des Hügels aus betrachtet, hatte es ausgesehen, als wäre die Stadt Opfer einer verheerenden Brandkatastrophe geworden, und im Großen und Ganzen stimmte das wohl auch. Aber das war nicht alles. Obwohl mich der Anblick mit einem immer stärker werdenden Unbehagen erfüllte, zwang ich mich, eine der Ruinen genauer in Augenschein zu nehmen, wobei ich es allerdings nicht wagte, die imaginäre Grenze dessen zu überschreiten, was einmal ein liebevoll gepflegter Vorgarten gewesen sein musste, jetzt aber zu einem eitrigen schwarzen Sumpf geworden war, aus dem verbrannte spitze Trümmerstücke ragten wie archaische Kavalleriesperren. Einige von ihnen hatten unangenehme Ähnlichkeit mit zersplitterten menschlichen Knochen. Es war, als warne mich eine lautlose innere Stimme, diese unsichtbare Grenze nicht zu überschreiten, um nicht etwas unsagbar Böses und Gewalttätiges zu wecken, das dahinter lauerte.
Es war nicht meine eigene Fantasie, die Amok lief und alles in ihrer Macht Stehende tat, um mich fertigzumachen. Etwas war hier, das spürte ich ganz deutlich. Etwas, das nicht hier sein sollte, nicht in dieser Stadt, und nicht einmal in dieser Welt.
Nur mit Mühe gelang es mir, mich auf die Ruine zu konzentrieren.
Es war nicht einmal mehr zu erahnen, wie das Gebäude früher einmal ausgesehen hatte – allerdings sah es nicht so aus, als wäre das Feuer allein für diese Verwüstung verantwortlich. Das Wenige, was von den Mauern noch stand, war wie das Dachgebälk nach außen gedrückt worden und zerborsten, als wäre es von den Faustschlägen eines Riesen getroffen worden, der in dem Haus eingesperrt gewesen war und sich in einem Anfall von Raserei befreit hatte. Das Feuer konnte erst danach ausgebrochen sein – und es war alles gewesen, nur kein normales Feuer. Selbst manche der Steine, die ich sah, waren geschmolzen, und hier und da schien selbst die Asche noch einmal zusätzlich verbrannt zu sein.
Erneut konnte ich mich eines eisigen Fröstelns nicht erwehren. Diese Ruine war nicht die einzige ihrer Art. Einmal darauf aufmerksam geworden, entdeckte ich dieselbe unheimliche Zerstörung auch an zahlreichen weiteren Gebäuden, eine Verheerung unbeschreiblicher Dimension. Hätte es einen entsprechenden Krater gegeben und wäre ich nicht vor wenigen Minuten noch über saftiges Gras geschritten, ich hätte geschworen, mich am Ground Zero einer Nuklearexplosion zu befinden.
Der sonderbare Laut war inzwischen verstummt, doch ich setzte meine Erkundung fort und ging weiter in Richtung Hafen.
Unter dem klebrigen Schlamm, durch den ich waten musste, knirschten und zerbrachen Dinge, die sich jetzt nicht mehr nach zerborstenem Glas anhörten und von denen ich gar nicht so genau...




