E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Holt DAS HALSBAND DES TODES
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-8799-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7487-8799-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Strahl der aufgehenden Sonne fiel an jenem Junimorgen durch das Fenster und streifte über die Kanten des Teppichs. Die Schatten der Rosen, die sich ums Fenster rankten und im lauen Wind schwankten, huschten hin und her. Langsam schob sich der Sonnenstrahl über den Teppich, traf auf einen Tabaksbeutel, der auf dem Boden lag, und wanderte weiter, bis er auf die Spitze eines Männerschuhs fiel. Dann glitt er über den Fuß, dann über ein Bein, das in seiner Reglosigkeit unheimlich wirkte... Der Roman Das Halsband des Todes des britischen Schriftstellers Henry Holt (* 1881; ? 1955) erschien erstmals im Jahr 1931; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1964. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Zwölftes Kapitel Ein paar ganz Kluge behaupteten, Bill Verrinder hätte sein Urteilsvermögen verloren, andere - nachsichtiger - sprachen nur von dem großen Pech, das ihn verfolgte. Aber alle waren sich darüber einig, dass man ebenso gut sein Geld zum Fenster hinauswerfen könnte, als es in eines von Verrinders Theaterunternehmungen zu stecken. Es war direkt unheimlich, wie katastrophal seit achtzehn Monaten alle seine Unternehmungen endeten. Früher wurde alles zu Geld, was er anfasste, und auf einmal war es wie abgeschnitten. Eine Operette musste wegen einer juristischen Streitfrage vom Spielplan abgesetzt werden. Das kostete Verrinder ein kleines Vermögen. Alles oder gar nichts! war sein Motto, und so steckte er eine ungeheure Summe in eine Revue, die nach der Meinung von Leuten, die es wissen mussten, unbedingt ziehen würde. Aber das Publikum war anderer Meinung. Und doch gab es Menschen, die noch immer an sein Glück glaubten. Nächte in Monte Carlo, die Revue, die am nächsten Montag Premiere hatte, war der größte Einsatz seiner Karriere. Diesmal steckte nicht sein Geld darin - aus dem einfachen Grund, weil er keins mehr besaß. Fiel auch diese Revue durch, dann war Bill Verrinder endgültig erledigt. Die klugen Leute, die so weise den Kopf geschüttelt hatten, waren doch wieder schwankend geworden. Nächte in Monte Carlo schien es in sich zu haben. Die Besetzung war hervorragend, die Musik gleichfalls, und die Revue musste ein Bombenerfolg werden, wenn Verrinders Pech nicht dazwischenkam. So standen die Dinge, als Archie Brasher in Verrinders Büro auf der Schreibtischkante saß. Er legte seine Zigarre weg, nahm die Brille ab, putzte sie sorgfältig und sah dann auf seinen Freund, der mit einem an seiner Uhrkette befestigten goldenen Bleistift ein paar Zeilen schrieb. »Du hast also meinen Rat doch befolgt! Mit dem Aberglauben ist das so eine Sache.« »Was meinst du eigentlich?« Verrinder blickte von seiner Arbeit auf. »Hast du mir nicht einmal erzählt, dass der grüne Affe an deiner Uhrkette ein Talisman war? Dann brach dem Ding ein Bein ab. Das war vor vielleicht achtzehn Monaten. Als es repariert war, habe ich dich gewarnt, es wieder zu tragen, aber du wolltest ja nicht auf mich hören. Und was für ein Pech hast du dann gehabt! Ich glaube wirklich, das verdammte Ding hat dir seitdem nichts wie Unglück gebracht.« Als Archie ein paar Stunden später die Abendzeitung las, fuhr er plötzlich mit einem entsetzten Schrei auf. Er las gerade den Bericht über die Ermordung Oberst Clinton-Wares. ...Besonderes Interesse zeigt Scotland Yard für die Pailletten, die im Zimmer des Ermordeten gefunden wurden. Diese Pailletten, die von der Garnierung eines Abendkleides stammen könnten, sind von umso größerer Wichtigkeit, als eine davon auf dem Ärmel des Toten lag. Die logische Folgerung ist, dass eine Frau zugegen gewesen sein muss, als das Verbrechen begangen wurde, oder sich vielleicht später über den Ermordeten gebeugt hat. Ein anderer, möglicherweise noch wichtigerer Fund ist ein kleiner grüner Affe, der neben dem Getöteten auf dem Fußboden gefunden wurde. Dieser kleine Talisman ist aus Jade, und er hat ein besonderes Kennzeichen: Eines der Beine war abgebrochen und ist wieder angesetzt worden. Die Reparatur wurde mit großer Sorgfalt ausgeführt. Es wird nun bei allen Juwelieren nachgeforscht, und man hofft, so die Spur des Mannes oder der Frau zu finden, die den Talisman reparieren ließ... Archie Brasher legte kopfschüttelnd die Zeitung beiseite. Die enge Freundschaft zwischen ihm und Bill Verrinder war mehr als ein Dutzend Jahre alt. Bill war nach Archies Meinung der ehrlichste und anständigste Mann der Welt und ein Genie in seiner Art. Vielleicht ein bisschen zu temperamentvoll, wenn man an verschiedene seiner Unternehmungen dachte, in die er sich gestürzt hatte. Aber er konnte auch kühl und beherrscht bleiben, selbst wenn ein Unglück nach dem anderen ihn zu verfolgen schien. Nur ein- oder zweimal hatte Archie erlebt, dass Verrinder seine Selbstbeherrschung verlor, und er erinnerte sich nicht gern daran. Archie Brasher fühlte, wie ihm etwas die Kehle zuschnürte, als er daran dachte, dass Oberst Clinton-Ware, der Ermordete, zu denen gehörte, die Geld in Bills neue Revue gesteckt hatten. Und gerade mit Clinton-Ware hatte Verrinder in der letzten Zeit peinliche Auseinandersetzungen gehabt. Es war nicht zu leugnen, dass der Oberst einige tausend Pfund verlieren würde, wenn auch Nächte in Monte Carlo einen Durchfall erlebte, und zweifellos hatten Pessimisten den Oberst unruhig gemacht. Archie erinnerte sich an die eine besonders unangenehme Szene im Büro Verrinders, als der Oberst mit feuerrotem Kopf Bill beschuldigte, ihn mit dieser neuen Revue hineingelegt zu haben. Nur das kalkweiße Gesicht Bill Verrinders sprach von seiner ungeheuren inneren Erregung, aber seine Antworten waren ruhig - wenn er auch den wütenden alten Oberst vielleicht am liebsten umgebracht hätte. Archie Brasher versuchte in Ruhe über die Lage nachzudenken. Sollte Bill tatsächlich den Kopf verloren haben, als er mit Clinton-Ware zusammen war? Plötzlich sprang Archie auf, und bald war er in der Regent Street, wo er den Laden eines Juweliers betrat. Aber er musste noch eine ganze Anzahl anderer Geschäfte aufsuchen, bevor er das fand, was er wünschte. Dann brachte ihn ein Taxi in die Shaftesbury Avenue zu Bill Verrinder. Als sein Freund ins Büro kam, warf Bill hastig eine Zeitung in den Papierkorb. Sein Gesicht erschien blass und hager, und die Lippen waren fest zusammengepresst. Archie kannte seinen Freund zu gut: Bill war kein Mann, der sich kampflos ergab - und der Kampf würde ein verzweifelter sein. Archie griff in die Tasche und legte etwas vor seinen Freund auf den Schreibtisch. Es war ein kleiner grüner Affe aus Jade, der dem verschwundenen sehr ähnlich sah. »Ich hab’ dir was mitgebracht, Bill«, sagte er kurz. »Häng’s an deine Uhrkette.« Die Spannung in Verrinders Gesicht ließ etwas nach. Er nahm den Anhänger und betrachtete ihn genau. »Sehr nett von dir, Archie!« Die Worte klangen etwas scharf. »Tu, was ich dir sage«, drängte Archie, »und häng’s gleich an deine Uhrkette.« Ein verwunderter Ausdruck lag auf Bills Gesicht, als er, den kleinen Affen in der Hand, seinen Freund anblickte. Dann griff er, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Taschenmesser, weitete den King des Anhängers ein wenig und befestigte ihn an seiner Uhrkette. »Irgendetwas scheint dich aus der Fassung gebracht zu haben, Archie«, sagte er schließlich. »Was ist denn los?« »Mein Gott, Bill«, fuhr der andere auf, »bist du denn wahnsinnig? Hältst du mich für einen Idioten? Du hast doch gerade die Zeitung gelesen, als ich hereinkam...« »Vollkommen richtig.« Nie zuvor war Verrinder beherrschter gewesen. Archie stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch. »Wie kannst du so mit mir sprechen«, rief er. »In einer solchen Lage! Siehst du denn nicht, was das bedeutet?« Ein sanfter Ausdruck erschien einen Augenblick in Verrinders Augen, aber sein Gesicht blieb hart wie Granit. »Du bist ein guter Kerl, Archie. Du musst nicht annehmen, dass ich das nicht sehe, aber ich weiß wirklich nicht, was du eigentlich willst.« Drückende Stille herrschte eine Zeitlang im Raum. Archie hatte noch nie so schnell gedacht wie in diesem Augenblick. Wer würde denn zugeben, einen Mord begangen zu haben? Vielleicht irgendein armer Teufel, den man gejagt und gehetzt hatte, bis ihm nichts anderes übrigblieb, aber nicht Bill Verrinder... Archie beugte sich vor. »Hör mal zu, alter Junge, es hat doch keinen Sinn, wie die Katze um den heißen Brei herumzugehen. Der grüne Affe, den Scotland Yard hat, ist deiner, und das weißt du ebenso gut wie ich. Wer hat ihn denn repariert?« »Ein Juwelier am Piccadilly.« »Hast du deinen Namen angegeben?« »Wie soll ich das wissen? Es liegt ja achtzehn Monate zurück.« Archie zog missmutig die Brauen zusammen. »Es ist also gar. nicht ausgeschlossen, dass die Polizei nie herausbekommt, wem der Affe gehört. Nun hör zu, mein Junge. Clinton-Ware hat sich mehr als niederträchtig verhalten, als du im Druck warst. Was in seiner Wohnung vorgegangen ist, weiß ich nicht, will ich auch nicht wissen. Es ist mir gleichgültig. Verstehst du, Bill? Es ist mir gleichgültig! Ich denke jetzt nur an dich. Sehr heftige Auseinandersetzungen mit Clinton-Ware haben in diesem Büro stattgefunden. Wenn Scotland Yard das erfährt, wird man auf allerhand Gedanken kommen. Wenn es außerdem noch herauskommt, dass der Anhänger, den man neben dem Leichnam fand, von deiner Uhrkette stammt, sieht die Sache für dich verdammt unangenehm aus. Der Mord würde am Dienstagabend begangen. Bill, was für ein Alibi kannst du Vorbringen?« »Wenn ich der Polizei erzähle, dass ich um diese Zeit allein hier im Büro gewesen bin und gearbeitet habe, wird mir das wenig helfen.« »Stimmt«, gab Archie zu. »Und du warst ja übrigens nicht hier! Da gibt es nur einen einzigen Ausweg: Du warst am Dienstagabend mit mir zusammen! Hämmere dir das in deinen Schädel ein! Wir waren beide von neun bis gegen ein Uhr hier in diesem Büro. Ich habe mir alles genau überlegt, und kein Mensch kann beweisen, dass das nicht stimmt.« Verrinder schüttelte...




