E-Book, Deutsch, 255 Seiten
Holt DIE WOLFSKLAUE
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7554-0140-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 255 Seiten
ISBN: 978-3-7554-0140-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Tür zu Teresas Zimmer im Hotel des Fleurs war verschlossen. Bec ließ sich den Schlüssel geben und trat mit Larry Gale ein. Ein paar Augenblicke lang stand der Detektiv still, um einen Gesamtüberblick über den Raum zu gewinnen. Es war ein typisches französisches Hotelzimmer, in dem nur eine Blumenvase und die Frisiergarnitur auf einen weiblichen Bewohner hindeuteten. An der Wand stand ein Koffer. Auch ein Reisenecessaire war vorhanden. Bec öffnete den Kleiderschrank, schloss ihn aber schon nach einem kurzen Blick über die darin hängenden Kleider wieder und entnahm seiner Tasche einen kleinen Schlüsselbund, der sich in der Handtasche der Toten befunden hatte... Der Roman Die Wolfsklaue des britischen Schriftstellers Henry Holt (* 1881; ? 1955) erschien erstmals im Jahr 1933; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1958. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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ZWEITER TEIL
Zwölftes Kapitel Als Andy Collinson zum Frühstück herunterkam, händigte ihm der Wirt des hübschen kleinen Landgasthofs Zum grünen Mann von Woollacombe ein Telegramm aus. Es lautete: Strengste Verschwiegenheit über Geheimbotschaft bewahren. Gale Er faltete das Papier wieder zusammen, steckte es in die Tasche und betrat das Frühstückszimmer. Dort nahm er seinem Kollegen, Mr. Ibbetson von der Times, gegenüber Platz. Ein paar Tage lang hatten die beiden Berichterstatter in friedlichem Wettbewerb ihre Meldungen über das Verbrechen in Woollacombe hinausgehen lassen, das ursprünglich beinahe den Charakter eines Sensationsfalles zu haben schien. Jetzt waren sie im Begriff, wieder nach London zurückzukehren. »Morgen«, sprach Andy seinen Kollegen an, der durch seine Hagerkeit überall Aufsehen erregte. »Was gibt es Neues?« Ibbetsons Kopf erschien über dem Rand einer aufgeschlagenen Times. »Diesseits von Chicago nichts Neues«, bemerkte er, indem er die Frühstückswurst auf die Gabel spießte. »Es ist alles seicht wie ein Straßengraben. Wenn die Engländer bloß einmal lernen wollten, einen Mord interessant zu gestalten – lebendiger und farbiger...« Andy bediente sich mit Eiern und Speck und hörte seinem Gegenüber nur mit halbem Ohr zu. Es war nicht das erste Mal, dass er Ibbetsons Ansichten über die jämmerliche Unzulänglichkeit der Verbrecher in England, vom journalistischen Standpunkt aus, mit anhören musste. Andys Gedanken waren in der Hauptsache mit dem Telegramm in seiner Tasche beschäftigt. Worauf wollte Larry eigentlich hinaus? Was war da im Gang? Wozu diese ausdrückliche Mahnung zur Verschwiegenheit? Das bedeutete doch gewiss, dass diesem hellen Jungen etwas ganz Besonderes in die Quere gekommen war! Mit einem Ruck entfaltete Andy sein Daily Budget. Eine riesige Schlagzeile auf der ersten Seite schrie ihm mit Riesenbuchstaben entgegen – und da stand es, quer über zwei Spalten hinweg, zu lesen: Von unserem Sonderkorrespondenten Larry Gale. Mit der Geschwindigkeit des erfahrenen Journalisten glitt Andys geübter Blick über die Seite hin. Dann erst schenkte er sich eine Tasse Kaffee ein. Ein Satz, der allerdings nicht unter der sensationellen Schlagzeile zu finden war, erschien wie in feurigen Buchstaben vor seinen Augen: Der Wolf ist hier! Welches Licht warf diese aufregende Geschichte im Budget auf die rätselhafte Anfrage Larry Gales wegen der Geheimbotschaft! »Ich wünschte, Sie würden beim Frühstück nicht singen«, brummte Ibbetson. »Das macht einen ja seekrank!« »Ich bemühe mich nur krampfhaft, bei guter Stimmung zu bleiben«, sagte Andy und reichte seinem Kollegen das Budget hinüber. »Wenn Sie das gelesen haben, werden Sie sicher auch schlechte Laune kriegen! Denken Sie nur – wir sitzen hier seit Sonnabend unter einer Menge Bauernvolk wegen eines Verbrechens, bei dem schließlich nicht die leiseste Spur einer wirklichen Sensation herauskommt, und dieser junge Dachs macht eine Spritztour nach Monte Carlo und erwischt dabei den besten Fang der Saison! Das hat er gut gemacht – das muss man ihm lassen!« Ibbetson hatte den Artikel gelesen und starrte über den Tisch hinweg. »Warum die Leute bloß nicht in London bleiben können, um dort ihre Schandtaten auszuführen«, schnaubte er und vergrub sich wieder hinter seinem Blatt. Auf dem Weg zum Bahnhof sandte Andy ein Telegramm an Larry: Bombensache! Collinson In Paddington nahm er sofort ein Taxi nach Scotland Yard und saß dort bald seinem alten Freund, Inspektor Silver, gegenüber. »Nun, Andy, Sie sehen ja so ausnehmend fröhlich aus«, sagte der Inspektor. »Was gibt es denn, das Sie in so gute Laune versetzt?« »Ich bin mir noch nicht ganz sicher«, entgegnete der Reporter, »aber ich glaube, ich habe einen fetten Brocken erwischt.« »Nur heraus damit!« »Wie steht es eigentlich offiziell mit unserem unternehmungslustigen Freund, dem Wolf?« »Wir hoffen, ihn in absehbarer Zeit verhaften zu können«, erwiderte Silver ohne Stocken. »Und inoffiziell?« »Wir wissen nicht die Bohne von ihm – er bringt uns noch alle um den Verstand! Wie kommen Sie eigentlich darauf?« Andy spürte so etwas wie eine leise Befangenheit in dem Verhalten des Kommissars. Die beiden Männer hatten schon in einer ganzen Anzahl großer Kriminalfälle mit vereinten Kräften gearbeitet, oft auch mit Erfolg, und es bestand ein ausgezeichnetes Einvernehmen zwischen ihnen. Der Journalist zog seine Pfeife hervor und begann sie zu stopfen. »Das Budget heute früh schon gelesen?«, fragte er und schielte zu dem Kommissar hinüber. Bei diesen Worten war ein Ausdruck gelinder Überraschung auf Silvers Zügen erschienen. Aber eine Antwort hielt er offenbar nicht für nötig. »So also das hat die Uhr geschlagen!«, ließ sich Andy vernehmen, indem er ein brennendes Streichholz an die Pfeife hielt. »Nur zu, alter Freund – heraus mit der Sprache!« »Was wissen Sie denn davon?«, fragte Silver. Seine Miene war jetzt wieder vollkommen unbewegt. »Offen gestanden, herzlich wenig. Und dabei ist das meiste auch nur Vermutung. Aber Larry Gale hat offenbar etwas in die Finger bekommen, was der Mühe wert ist.« »Aber... hoffentlich steht nichts davon in der Zeitung?« Einen Augenblick lang zog Andy nachdenklich an seiner Pfeife. »Nichts... Aber hinter alledem scheint jedenfalls eine große Sache zu stecken.« Silver schnupperte mit der Nase, als ob er irgendeine Gefahr witterte. »Der Haken ist dabei nur, dass ich sozusagen glatt erledigt bin, wenn ich nicht das Maul halte«, sagte er dann. »Unser Oberbonze hier in Scotland Yard lässt da nicht mit sich spaßen.« »Gut, dann will ich also zuerst meine Karten aufdecken«, erwiderte Collinson und zog die beiden Telegramme von Larry aus der Tasche. Silver zog die Augenbrauen hoch, als er den Inhalt zur Kenntnis genommen hatte. »Na, dann können Sie’s ja ruhig wissen«, sagte er, »haben Sie schon mal was von Antoine Bec gehört?« »Natürlich!« »Wie ich erfahren habe, hat er heute Morgen von Monte Carlo aus angerufen. Er erbat sich die Akten und sonstiges Material über den Wolf.« »Ja, ja, schon recht«, meinte Andy etwas ungeduldig, »aber was, in aller Welt, hat nun die Geheimbotschaft eigentlich mit alledem zu tun?« »Bec gab an, er habe sie auf einem Telegrammformular in Teresas Zimmer gefunden. Das ist alles, was wir wissen.« Andy Collinson stieß einen leisen Pfiff aus. »Wissen Sie etwas von dieser Teresa Gray?« »Nicht ein Jota. Ihr Name ist uns bisher noch niemals untergekommen. Wir haben die Personalakten durchsucht, aber er ist nirgends zu finden.« »Und wie denkt nun Ihr Großmogul über die Geschichte?« »Man sagt, er sei ganz aus dem Häuschen und sehe schon den Himmel voller Geigen.« Der Rauch aus Andys Pfeife ringelte sich zur Decke. Dann fragte er: »Was sind eigentlich für Personalakten über Sir Kenneth Mallerford vorhanden?« Wieder schnupperte Inspektor Silver, als ob er sich erst vergewissern müsste, dass die Luft rein wäre. Dann erklärte er: »Ja – das ist eine merkwürdige Geschichte! Es liegt nichts gegen ihn vor. Wenn Sir Kenneth wirklich irgendwie mit der Verbrecherwelt zu tun gehabt hat, so ist uns jedenfalls nichts davon bekannt. Er stammt aus einer alten Familie und hat von seinem Vater ein Vermögen geerbt, das nicht von Pappe ist und sogar einem Henry Ford imponieren würde. Wenn alles, was man von ihm sagt, wahr ist, so ist er drüben seiner Engelsharfe und des Heiligenscheins schon jetzt sicher, wenn er auch für ein paar hübsche Beine mal ein Auge riskiert hat.« »Denken Sie dabei an Teresa Gray?«, fuhr Andy auf. »Gedanken sind zollfrei!«, erwiderte Silver. »Ich glaube allerdings, mein Kollege Bec sieht die Sache nicht ganz so einfach an.« »Und ich glaube, trotz aller Hoffnungsfreudigkeit Ihres hohen Chefs erscheint Ihnen selbst die Geschichte auch nicht allzu rosig.« Silver schüttelte den Kopf. »Aber wenn je einer mal den Wolf zu fassen kriegt, so soll das auch für meines Vaters Sohn ein Freudentag sein. Zweimal hat er mich meines Wissens bereits zum Narren gehalten, und Gott mag wissen, wie oft noch außerdem.« »Allerdings – damals hat er Sie hübsch an der Nase herumgeführt, als die ganze Bande, außer Spike Ross, entwischte. Aber an den anderen Fall kann ich mich nicht erinnern«, sagte Andy. »Ich habe auch nie viel darüber gesprochen. Die Sache passierte im Peacock-Nachtclub, kurz nach Weihnachten. Es macht mich noch ganz wild, wenn ich bloß daran denke. Eine Frau namens Dolly Macguine zog über mich her, weil ich ihren Mann aus diesem oder jenem Grund verhaftet hätte, während sie mich, wie sie behauptete, vor ein paar Tagen selbst neben dem Wolf hätte sitzen sehen. Ich habe allen Grund zu glauben, dass dies der Wahrheit entsprach – denn gleich, nachdem sie das mit wuterfüllter Stimme gesagt hatte, so dass eine ganze Menge Leute im Peacock aufhorchten, wurde sie totenblass. Es sah aus, als hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen, wenn sie damit diese Bemerkung hätte rückgängig machen können. Immerhin war ich erst noch...




